De terreur van de transparantie

Der Terror der Transparenz
Byung-Chul Han
In: der blaue reiter
journal für philosophie 2014 (nr. 35) p. 34-35

Transparenz schafft Vertrauen, so heißt der neue Glaubenssatz. Vergessen wird dabei, dass sich die Transparenz gerade in einer Gesellschaft, in der das Vertrauen massiv an Bedeutung verliert, so penetrant zu Wortmeldet. Transparenz erweist sich heute als Überwachung und Kontrolle.

Kein anderes Schlagwort beherrscht heute den öffentlichen Diskurs so sehr wie die Transparenz. Sie wird vor allem im Zusammenhang mit der Informationsfreiheit empathisch beschworen. Wer aber die Transparenz allein auf Korruption und Informationsfreiheit bezieht, verkennt ihre Tragweite. Die Transparenz ist ein systemischer Zwang, der alle gesellschaftlichen Vorgänge erfasst und sie einer tiefgreifenden Veränderung unterwirft. Das gesellschaftliche System setzt heute all seine Prozesse einem Transparenzzwang aus, um sie zu operationalisieren und zu beschleunigen.
Die Transparenz stabilisiert und beschleunigt das System dadurch, dass sie das Andere oder das Fremde eliminiert. Der Zwang zur Transparenz nivelliert den Menschen selbst zu einem funktionellen Element eines Systems; darin besteht die Gewalt der Transparenz.
Der Mensch ist nicht einmal sich selbst transparent. Sigmund Freud zufolge verneint das Ich gerade das, was das Unbewusste schrankenlos bejaht und begehrt. Das “Es” bleibt dem Ich weitgehend verborgen.
Durch die menschliche Psyche geht also ein Riss, der das Ich nicht mit sich übereinstimmen lässt. Dieser fundamentale Riss macht die Selbsttransparenz unmöglich. Auch zwischen Personen klafft ein Riss. Gerade die fehlende Transparenz des Anderen erhält die Beziehung lebendig. Georg Simmel schreibt: “Die fruchtbare Tiefe der Beziehungen, die hinter jedem geoffenbarten Letzten noch ein Allerletztes ahnt und ehrt, … ist nur der Lohn jener Zartheit und Selbstbeherrschung, die auch in dem engsten, den ganzen Menschen umfassenden Verhältnis noch das innere Privateigentum respektiert, die das Recht auf Frage durch das Recht auf Geheimnis begrenzen läßt.” (1) Dem Transparenzzwang fehlt gerade diese “Zartheit”, die nichts anderes bedeutet als Respekt vor der nicht vollständig zu eliminierenden Andersheit.
Angesichts des Pathos der Transparenz, das die heutige Gesellschaft erfasst, täte es not, sich im Pathos der Distanz zu üben. Distanz und Scham lassen sich nicht in die beschleunigten Kreisläufe des Kapitals, der Information und der Kommunikation integrieren. Die Transparenz ist blind gegenüber dem Außen des Systems. Sie bestätigt und optimiert nur das bereits Existierende. So werden alle diskreten Rückzugsräume im Namen der Transparenz beseitigt. Sie werden ausgeleuchtet und ausgebeutet. Die Welt wird dadurch schamloser und nackter.
Eine transparente Beziehung ist außerdem eine tote Relation, der jede Anziehung, jede Lebendigkeit fehlt. Ganz transparent ist nur das Tote. So schreibt auch Friedrich Nietzsche: “Es ist dir nöthig, zu begreifen, daß ohne diese Art Unwissenheit das Leben selber unmöglich wäre, daß sie eine Bedingung ist, unterwelcher das Lebendige allein sich erhält und gedeiht.” (2)
Walter Benjamin zufolge ist es für die Dinge, die im “Dienste des Kults” stehen, “wichtiger, daß sie vorhanden sind, als daß sie gesehen werden”(3). Ihr “Kultwert” hängt von ihrer Existenz und nicht von ihrer Exposition ab. Die Praxis, sie in einem unzugänglichen Raum abzuschließen, sie dadurch jeder Sichtbarkeit zu entziehen, erhöht ihren Kultwert. So bleiben gewisse Madonnenbilder fast das ganze Jahr über verhangen. Gewisse Götterstatuen in der Cella (lateinisch für kleiner Raum; ursprünglich der Hauptraum eines antiken Tempels) sind nur den Priestern zugänglich. Der Ausstellungszwang, der alles der Sichtbarkeit ausliefert, bringt die Aura als “Erscheinung einer Ferne” ganz zum Verschwinden.
Die Tranzparenzgesellschaft, die alles ausstellt, ist eine pornografische Gesellschaft. Alles ist nach außen gekehrt, enthüllt, entblößt, entkleidet und exponiert. Der Exzess der Ausstellungmacht aus allem eine Ware, die “ohne jedes Geheimnis dem unmittelbaren Verzehr ausgeliefert ist”(4). Selbst der Körper wird zu einem Ausstellungsobjekt verdinglicht, das es zu optimieren gilt. Es ist nicht möglich, in ihm zu wohnen. Es gilt, ihn auszustellen und ihn dadurch auszubeuten.
Problematisch ist nicht die Zunahme von Bildern an sich, sondern der ikonische Zwang, das heißt der Zwang, zum “Bild” zu werden: Alles muss sichtbar werden. Der Imperativ der Transparenz verdächtigt alles, was sich nicht der Sichtbarkeit unterwirft. Die visuelle Kommunikation vollzieht sich heute als Ansteckung, Abreaktion oder Reflex. Ihr fehlt jede ästhetische Reflexion. Für das Geschmacksurteil “I like” etwa ist kein verweilendes Betrachten notwendig. Die mit  dem Ausstellungswert angefüllten Bilder weisen keine Komplexität auf. Sie sind eindeutig, das heißt pornografisch. Ihnen fehlt jede Gebrochenheit, die eine Reflexion, ein Nachsehen, ein Nachdenken auslösen würde. Der Sinn ist langsam. Er ist hinderlich für die beschleunigten Kreisläufe der Information und Kommunikation. So geht die Transparenz mit einer Sinnleere einher. Die Informations- und Kommunikationsmasse entspringt einem horror vacui (lateinisch für .Abscheu vor der Leere”).
Es gibt keine Erotik der Transparenz. Gerade da, wo das Geheimnis zugunsten totaler Ausstellung und Entblößung verschwindet, beginnt die Pornografie. Die erotische Verführungskraft spielt, so Baudrillard, „mit der Ahnung dessen”, „was dem andern an sich selbst ewig Geheimnis bleiben wird, mit dem, was ich nie von ihm wissen werde und das mich dennoch unter dem Siegel des Geheimnisses anzieht”(5). Das Entdecken und Entziffern vollzieht sich als eine lustvolle Enthüllung.
Die Information ist dagegen nackt. Die Nudität des Wortes nimmt diesem jeden Reiz. Sie verflacht es. Die Hermetik des Geheimnisses ist keine Diabolik, die es auf jeden Fall zugunsten der Transparenz abzuschaffen gälte. Sie ist eine Symbolik, ja eine besondere Kulturtechnik, die eine Tiefe, wenn auch als Schein, erzeugt.
Nietasche würde sagen, dass wir Gott nicht abgeschafft haben, solange wir noch an die Transparenz glauben. Gegen den aufdringlichen Blick, gegen die allgemeine Sichtbarmachung verteidigt Nietzsche den Schein, die Maske, das Geheimnis, das Rätsel, die List und das Spiel: ,Alles, was tief ist, liebt die Maske … Jeder tiefe Geist braucht eine Maske; mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine Maske.”(6)
Das 18. Jahrhundert war in gewisser Hinsicht der Gegenwart nicht ganz unähnlich. Jean-Jacques Rousseaus „Bekenntnisse” sind charakteristisch für die beginnende Epoche der Wahrheit und des Geständnisses: „Sein gleich einem Kristall durchsichtiges Herz kann nichts von dem verbergen, was in ihm vorgeht, jede Regung, die in ihm aufsteigt, teilt sich seinem Auge und seinem Gesicht mit” (7) Rousseaus Forderung nach Transparenz kündigt einen Paradigmenwechsel
an. Die Welt des 18. Jahrhunderts war noch ein Theater. Sie war voller Szenen, Masken und Figuren. Theatralisch war die Mode selbst. Auch Masken kamen in Mode. Haartrachten der Damen (pouf) wurden zu Szenen gestaltet, die entweder historische Ereignisse (pouf à la circonstance) oder Gefühle darstellten (pouf au sentiment). Frauen wie Männer bemalten Teile ihres Gesichts mit roter Schminke. Der Körper war eine Kleiderpuppe ohne Seele, die zu drapieren, zu schmücken,
mit Zeichen und Bedeutungen auszustaffieren war.
Jenem Spiel mit Masken und Rollen setzt Rousseau seinen Diskurs des Herzens und der Wahrheit entgegen. Doch Rousseaus Transparenzgesellschaft erweist sich als eine Gesellschaft totaler Kontrolle und Überwachung. Seine Forderung nach Transparenz verschärft sich zu dem kategorischen Imperativ: “Ein einziges Gebot der Sittenlehre kann aller andern Stellen vertreten, dieses nämlich: Tue und sage niemals etwas, was nicht die ganze Welt sehen und hören könnte. Ich meinerseits habe stets jenen Römer als den hochachtungswürdigsten Mann betrachtet, der wünschte, sein Haus werde so gebaut, daß man alles, dass darin vorginge, sehen könnte.”(8)
Aber Vertrauen ist nur möglich in einem Zustand zwischen Wissen und Nicht-Wissen. Vertrauen heißt trotz Nicht-Wissen gegenüber dem Anderen eine positive Beziehung zu ihm aufzubauen. Es macht Handlungenmöglichtrotz fehlenden Wissens. Weiß ich im Vorfeld alles, so erübrigt sich das Vertrauen. Transparenz ist ein Zustand, in dem jedes Nicht-Wissen eliminiert ist. Wo Transparenz herrscht, ist kein Raum für das Vertrauen vorhanden.
Die Forderung nach Transparenz wird gerade dann laut, wenn es kein Vertrauen mehr gibt. In einer auf Vertrauen beruhenden Gesellschaft entsteht keine penetrante Forderung nach Transparenz. Die Transparenzgesellschaft ist eine Gesellschaft des Misstrauens und des Verdachts, die aufgrund des schwindenden Vertrauens auf Kontrolle setzt. Wahrend die Insassen des benthamschen Panoptikums sich der permanenten Präsenz des Aufsehers bewusst sind, wähnen sich die Bewohner des digitalen Panoptikums in Freiheit. Der Insasse des digitalen Panoptikums ist Opfer und Täter zugleich.

Byung-Chul Han ist Professor für Kulturwissenschaften und Leiter Aktuelle Diskurse im Studium Generale der UdK Berlin.

Anmerkungen:
1. Simmel, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Gesamtausgabe, Band 11, Frankfurt am Main 1992, Seite 405
2. Nietzsche, Friedrich: Nachgelassene Fragmente. Frühjahr Herbst 1884. Kritische Gesamtausgabe Vll.2, Berlin 1973, Seite 226
3· Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt am Main 1963, Seite 21
4. Baudrillard, Jean: Die fatalen Strategien. Die Strategie der Täuschung.
München 1992, Seite 71
5. Baudrillard, Jean: Transparenz des Bösen. Berlin 1992, Seite 191
6. Nietzsche, Friedrich: jenseits von Gut und Böse. Kritische Gesamtausgabe.
VI.2, Berlin 1968, Seite 54
7. Rousseau, Jean-Jacques: Rousseau richtet über Jean-Jacques. Gespräche. Schriften in zwei Bänden. München 1978, Band 2, Seite 484
8. Rousseau, Jean-Jacques: Julie oder die neue Heloïse. München 1978, Seite 444