Else Lasker-Schüler

Weltende

Es ist ein Weinen in der Welt,
als ob der liebe Gott gestorben wär,
und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen …
Das Leben liegt in aller Herzen
wie in Särgen.

Du, wir wollen uns tief küssen …
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
an der wir sterben müssen.

Weltflucht

Ich will in das Grenzenlose
Zu mir zurück,
Schon blüht die Herbstzeitlose
Meiner Seele,
Vielleicht – ist’s schon zu spät zurück!
O, ich sterbe unter Euch!
Da Ihr mich erstickt mit Euch.
Fäden möchte ich um mich ziehn –
Wirrwarr endend!
Beirrend,
Euch verwirrend,
Um zu entfliehn
Meinwärts!

Senna Hoy

Seit du begraben liegst auf dem Hügel
Ist die Erde süß.

Wo ich hingehe nun auf Zehen,
Wandele ich über reine Wege.

O, deines Blutes Rosen
Durchtränken sanft den Tod.

Ich habe keine Furcht mehr
Vor dem Sterben.

Auf deinem Hügel blühe ich schon
Mit den Blumen der Schlingpflanzen.

Deine Lippen haben mich immer gerufen,
Nun weiß mein Name nicht mehr zurück.

Jede Schaufel Erde, die dich barg,
Verschüttete auch mich.

Darum ist immer Nacht an mir
Und Sterne schon in der Dämmerung.

Und ich bin unbegreiflich unseren Freunden
Und ganz fremd geworden.

Aber du stehst am Tor der stillsten Stadt
Und wartest auf mich, du Großengel.

Senna Hoy

Er war schön und klug
Und gut.
Und betete wie ein Kind noch:
Lieber Gott mach mich fromm,
Daß ich in den Himmel komm.

Ein Magnolenbaum war er
Mit lauter weißen Flammen.
Die Sonne scheint –
Wir spielten um ihn fangen.

Seine Mutter weinte sehr
Nach ihrem »wilden großen Jungen«
Neun Jahre blieb sein Leben stehn,
Neun Jahre mit der Zeit gerungen
Hat er! Mit Ewigkeiten.

Da er den Nächsten liebte
Wie sich selbst,
Ja, über sich hinaus!
Verloren: Welten, Sterne,
Seiner Wälder grüne Seligkeit.

Und teilte noch in seiner Haft
Sein Herz dem Bruder dem –
Gottgeliebt, da er nicht lau ist;
Der Jude, der Christ ist
Und darum wieder gekreuzigt ward.

Voll Demut stritt er,
Reinen Herzens litt er, gewittert er!
Sein frisches Aufbrausen
Erinnerte an Quelle …..
Aller Quellen.

Doch in der Finsternis zwiefacher,
Böser Nüchternheit des Kerkers,
Schrieb er mit Ruß der Schornsteine:
Lebensernste.

Rindenherb, hindusanft
Erlöste ihn der Tod.
Hinter kläglicher Aussicht Gitterfenster
Unbiegsamen Katzenpupillen
Starb er im Frühgeläut.

Senna Hoy

Wenn du sprichst,

Wacht mein buntes Herz auf.

Alle Vögel üben sich

Auf deinen Lippen.
Immerblau streut deine Stimme
Über den Weg;

Wo du erzählst, wird Himmel.

Deine Worte sind aus Lied geformt,

Ich traure, wenn du schweigst.
Singen hängt überall an dir –
Wie du wohl träumen magst?

Lauter Diamant …

Ich hab in deinem Antlitz
Meinen Sternenhimmel ausgeträumt.
Alle meine bunten Kosenamen
Gab ich dir.
Und legte die Hand
Unter deinem Schritt,
Als ob ich dafür
Ins Jenseits käme.
Immer weint nun
Vom Himmel deine Mutter,
Da ich mich schnitzte
Aus deinem Herzfleische,
Und du so viel Liebe
Launig verstießest.
Dunkel ist es
Es flackert nur noch
Das Licht meiner Seele.

Mutter

Es singt ein weißer Stern sein Totenlied
wie Sterbegeläut in der Julinacht,
und die Wolkenhand auf dem Dach,
die streifende, feuchte Schattenhand,
sucht nach der Mutter.

Ich fühle mein nacktes Leben,
fröstelnd stieß es sich ab von Mutterland;
so nackt war nie mein Leben,
nie so in die Zeit gegeben,
als sei ich längst abgeblüht.

Hinter der Tage erloschenem Schein,
zwischen zwei Nächten,
den zwei sich belauernden Mächten,
friere ich mutterseelenallein.

Mutter

(Meiner teuren Mutter, dem heiligsten Stern über meinem Leben)

Ein weißer Stern singt ein Totenlied
In der Julinacht,
Wie Sterbegeläut in der Julinacht.
Und auf dem Dach die Wolkenhand,
Die streifende feuchte Schattenhand
Sucht nach meiner Mutter.

Ich fühle mein nacktes Leben,
Es stößt sich ab vom Mutterland,
So nackt war nie mein Leben,
So in die Zeit gegeben,
Als ob ich abgeblüht
Hinter des Tages Ende
Zwischen weiten Nächten stände,
Alleine.

Mutter

O Mutter, wenn du leben würdest,
Dann möchte ich spielen in deinem Schoß.

Mir ist bang und mein Herz schmerzt
Von der vielen Pein.
Überall sprießt Blutlaub.

Wo soll mein Kind hin?
Ich baute keinen Pfad froh,
Alle Erde ist aufgewühlt.

Liebe, liebe Mutter.

Meine Mutter

War sie der große Engel,
Der neben mir ging?

Oder liegt meine Mutter begraben
Unter dem Himmel von Rauch –
Nie blüht es blau über ihrem Tode.

Wenn meine Augen doch hell schienen
Und ihr Licht brächten.

Wäre mein Lächeln nicht versunken im Antlitz,
Ich würde es über ihr Grab hängen.

Aber ich weiß einen Stern,
Auf dem immer Tag ist;
Den will ich über ihre Erde tragen.

Ich werde jetzt immer ganz allein sein
Wie der große Engel,
Der neben mir ging.

Mein stilles Lied

Mein Herz ist eine traurige Zeit,
Die tonlos tickt.

Meine Mutter hatte goldene Flügel,
Die keine Welt fanden.

Horcht, mich sucht meine Mutter,
Lichte sind ihre Finger und ihre Füße wandernde Träume.

Und süße Wetter mit blauen Wehen
Wärmen meine Schlummer

Immer in den Nächten,
Deren Tage meiner Mutter Krone tragen.

Und ich trinke aus dem Monde stillen Wein,
Wenn die Nacht einsam kommt.

Meine Lieder trugen des Sommers Bläue
Und kehrten düster heim.

Verhöhnt habt ihr mir meine Lippe
Und redet mit ihr.

Doch ich griff nach euern Händen,
Denn meine Liebe ist ein Kind und wollte spielen.

Einen nahm ich von euch und den zweiten
Und küßte ihn,

Aber meine Blicke blieben rückwärts gerichtet
Meiner Seele zu.

Gedenktag

Das Meer steigt rauschend übers Land,
Inbrünstig fallen Wasser aus den Höhen.
Still brennt die Kerze noch in meiner Hand.

Ich möchte meine liebe Mutter wiedersehen ……
Begraben hab’ ich meinen Leib im kühlen Sand,
Doch meine Seele will von dieser Welt nicht gehen.

Und hat sich von mir abgewandt.
Ich wollte immer ihr ein Kleid aus Muscheln nähen;
In meinen rauhen Körper wurde sie verbannt.

Doch meine liebe Mutter gab sie mir zum Pfand.
Ich suche meine Seele überall auf Zehen;
Die nistete an meiner roten Felsenwand
Und noch in meinem Auge irrt ihr Spähen.

Abendzeit

Erblaßt ist meine Lebenslust ….
Ich fiel so einsam auf die Erde.
Von wo ich kam – hat nie ein Mensch gewußt –
– Nur du, da ich vereint einst mit dir werde.

Ich bin von Meeresbuchten weit umstellt;
Jedwedes Ding erlebe ich im Schaume.
Der Mensch, der feindlich mich ereilt, zerschellt,
Und ich weiß nur von ihm im Traume.

Und so erlebe ich die Schöpfung dieser Welt
Auf Erden schon entkommen ihrer Schale.
Und du der Stern, der hoch vom Himmel fällt,
Vergräbt sich tief in meines Herzens Tale.

Die Abendzeit verdüstert sehr mein Blut,
Durchädert qualvoll meine müde Seele.
Nackt steigt sie wieder aus der vorweltlichen Flut
Und bangt, daß sie verkörpert hier auf Erden fehle.

Und was der Tag, noch ehe er erwacht,
Versäumte morgenrötlich zu erleben,
Reicht ihm das träumerische Bilderspiel der Nacht,
In lauter bunterlei Geweben.

Es bringen ferne Hände mir nach Haus
Aus gelben Sicheln einen frommen Strauß.
Der Zeiger wandelt leise um das Zifferblatt
Der Sonnenuhr, die Gold von meinem Leben hat.

Sie glüht vom Pochen überwacht
Und läutet zwischen Nacht und Mitternacht ….
Da wir uns sahen in der rätselhaften Stunde –
Dein Mund blüht, tausendschön, auf meinem Munde.

All meine Lebenslust entfloh
Im dunklen Gewande mit der Abendzeit.
Ich suchte unaufhörlich einen Himmel wo ….
Nur in der Offenbarung ist der Weg zu ihm nicht weit.

Und weiß es nicht, ob meine Mutter mein ….
Es war, die mir erschien im lichten Engelskleid ….
Bald ruht mein Herz zeitlos im Immersein ….
Geweihter Talisman für alle Ewigkeit.

Else Lasker-Schüler

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