Oorlog en vrede

TRÄNEN UND ROSEN
Krieg und Frieden in Gedichten aus fünf Jahrtausenden
Ausgewähkt und herausgegeben von Achim Roscher, Berlin 19,90
Verlag der Nation Berlin


Ihr, die ihr überlebtet in gestorbenen Städten,
Habt doch nun endlich mit euch selbst Erbarmen!
Zieht nun in neue Kriege nicht, ihr Armen,
Als ob die alten nicht gelanget hätten:
Ich bitt euch, habet mit euch selbst Erbarmen!

Ihr Männer, greift zur Kelle, nicht zum Messer!
Ihr säßet unter Dächern schließlich jetzt,
Hättet ihr auf das Messer nicht gesetzt,
Und unter Dächern sitzt es sich doch besser.
Ich bitt euch, greift zur Kelle, nicht zum Messer!

Ihr Kinder, daß sie euch mit Krieg verschonen,
Müßt ihr um Einsicht eure Eltern bitten.
Sagt laut, ihr wollt nicht in Ruinen wohnen
Und nicht das leiden, was sie selber litten:
Ihr Kinder, daß sie euch mit Krieg verschonen!

Ihr Mütter, da es euch anheimgegeben,
Den Krieg zu dulden oder nicht zu dulden,
Ich bitt euch, lasset eure Kinder leben!
Daß sie euch die Geburt und nicht den Tod dann schulden;
Ihr Mütter, lasset eure Kinder leben!

Bertolt Brecht


An Iccius

Dich locken, Freund, die Schätze der Araber,
und ernsten Kriegszug, Iccius, rüstest du
Sabäas nie zuvor besiegten
Königen, ja, für den Meder schmiedest

du Fesseln schon? Welch schönes Barbarenkind
bedient dich künftig, dem der Verlobte fiel?
Welch schmucker Edelknabe soll dir
duftenden Haars den Pokal kredenzen,

der einst vom Vaterbogen den Sererpfeil
ins Schwarze schoß? – Nun sage mir einer noch,
es könne nie bergan der Sturzbach
oder zur Quelle der Tiber strömen,

da du den schwer erworbenen Bücherschatz,
der Stoa Schriften und der Sokratiker,
dir selber treulos, willig hingibst
für ein iberisches Panzerhemde.

Horaz • 65-8 v. u. Z. • Rom

Vertaling Emanuel Geibel


Feldzug ohne Rückkehr

Wildgänse ziehen über die Grenze nach Norden,
Dorthin wo leer ist von Menschen das Land.
Sie schlagen die Schwingen zehntausend Meilen und mehr,
Und immer geordnet in fliegender Kette.

Zum Winter fraßen im Süden sie Korn,
In des Frühlings Sonne fliegen sie wieder nach Norden.
Mitten im Felde schwanken die Kolben vom Rohr,
Bis vom Winde der Samen stiebt wirbelnd davon.

Getrennt von der heimischen Wurzel für lange –
Für ewige Zeiten davon und nie wieder zusammen.
Weh euch! auf dem Marsche – Soldaten!
Wozu euer Marsch an das Ende der Welt?

Nie wird vom Pferde der Sattel gehoben,
Nie der Panzer gelockert, die Helme gelöst.
Um Schritt und Schritt kommt näher das Alter, –
Wann je zur alten Heimat die Wiederkehr?

Feucht sind die Schluchten, der Drachen Versteck;
Steil sind die Höhen, der Bestien Pfad.
Der Fuchs dreht im Sterben den Kopf hin zum Bau,
Die alte Heimat: wer kann sie vergessen?

Tsau Tsau • 155-220 • China

vertaling Peter Olbricht


Geschrieben einundzwanzig Jahre nach der Zerstörung der Stadt Loyang

Den Bemang-Hügel stieg ich hoch
und blickte auf Loyang hinab.
In Asche die alten Paläste,
und still die Stadt wie ein Grab.
Die Mauern niedergebrochen,
aus den Trümmern Unkraut bricht.
Und immer nur neue Gesichter
und nirgends ein altes Gesicht.
Die Wege längst überwuchert,
die Felder verwüstet und leer.
Wer lange nicht hier gewesen,
findet zurecht sich nicht mehr.
Die Dörfer verlassen, kein Zeichen
von Leben das Auge erblickt.
Wie war es hier einst doch! – Der Jammer
das Wort in der Kehle erstickt.

Tsau Dschi • 192-232 • China

Vertaling Ernst Schwarz


Fluch des Krieges

Im Schnee des Tien-schan grast das dürre Roß.
Drei Heere sanken vor dem wilden Troß.

Die gelbe Wüste liegt von weißen Knochen voll.
Der Pferde Schrei wie schrille Flöte scholl.

Es schlingen Eingeweide sich von Baum zu Baum in Schnüren,
Die Raben krächzend auf die Zweige führen.

Soldaten liegen tot auf des Palastes Stufen.
Es mag der tote General die Toten rufen.

So sei verflucht der Krieg! Verflucht das Werk der Waffen!
Es hat der Weise nichts mit ihrem Wahn zu schaffen.

Er wird die Waffe nur als letzte Rettung schwingen,
Um durch den Tod der Welt das Leben zu erzwingen.

Li Tai-bai • 701-762 • China

Vertaling Klabund


Gedanken eines Grenzoffiziers

Dem Befehl des großen Kaisers folgend
verlaß ich mein Weib.
Trauer erfaßt mich,
doch: Mut sei Sache
des wahren Kriegers.
Zum Kampf gerüstet
trete ich unter die Türe.
Die Mutter küßt mich,
die Mutter und Amme;
mein Weib – Grashalm im Mai -,
es umarmt mich:
«Unverwundet bleib du,
meine Sehnsucht!
Kehre zurück aus Gefahren,
glücklich!»
Sie wischt eine Träne
mit seidenem Armel.
Sie spricht die Worte
mit schluchzendem Stocken.
Mitziehn müssen im Zug der Schwäne
ist bitter. –
Ein Mal noch, zum letzten
blick ich zurück,
doch kann ich das Heimatdorf
längst nicht mehr sehn.
Von Berg zu Berg
ziehn wir, über Pässe;
ich sehe des Yodos
schilfige Mündung
am Abend zur Flutzeit.
Noch seh ich im Nebel des Morgens
die Inseln,
noch hör ich des Reihers
warnendes Krächzen. –
Und seufzend gedenk ich
der Meinen zu Hause.
Auf meinem Rücken
klappern die Pfeile.

Nachschrift:

Auf See noch
hör ich des Reihers Krächzen.
Ich denk an die Meinen.

Weitere Nachschrift:

Ich konnte nicht schlafen.
Dacht ich ans Heimatdorf?
War es der Schrei des Reihers? –
Schwarz stand das Schilfrohr …

Yakamochi • um 700-785 • Japan

Vertaling Adler-Revon/A. Roscher


Nur dann

Dem Bogenschützen wird geboten: spanne
den Bogen straff und triff mit jedem Schuß!
Doch besser wär es, wenn er zielen muß,
daß nach dem Roß er ziele, nicht dem Manne.

Wenn ihr gegen Räuber kämpft, dann aus der Bande
fangt erst den Häuptling, daß nicht andre büßen.
Sind nicht auch Grenzen jedem Blutvergießen
gesetzt, wie sie gesetzt sind jedem Lande?

Nur wenn das Reich bedroht von Feindeshorden,
wenn mordend sie mit Krieg uns überzogen,
dann greift zum Schwert, dann spannt ihn straff, den Bogen –
nie aber, um aus bloßer Gier zu morden!

Du Fu • 712-770 • China

vertaling Ernst Schwarz


Ein Protest im sechsten Jahre des Chien Fu

Die Hügel und Bäche der Ebene
Machtet ihr zu eurem Schlachtfeld.
Wie, glaubt ihr, wird das Volk, das hier lebt
Sich versorgen mit Brennholz und Heu?
Bitte verschont mich mit eurem Gewäsch
Von Ernennungen und Titeln.
Eines einzigen Generals Reputation
Heißt: Zehntausend Leichen.

Tsao Sung • 870-920 • China

Vertaling Bertolt Brecht


Der Feldherr

Im Lager ziehn die Wachen auf
mit Trommel und Hellebarde.
Des Feldherrn Zelt ist wohlbewacht,
in Reihen steht die Garde.

Der Feldherr ist von edlem Blut,
muß nicht im Panzer schwitzen.
Nachts schickt er seine Soldaten aus,
die Pässe zu beschützen.

Der Feind, sagt er, fürcht’ ihn zu sehr,
als daß er den Angriff wage,
und fröhlich auf die Jagd zieht er
nach Wildbret fürs Gelage.

Wenn voll von Wein die Zecher im Zelt
halb schlafend nur mehr lallen,
schenkt er dem Mädchen als Entgelt
Seide, wohl hundert Ballen.

Was kümmert’s ihn, daß mancher Soldat,
im Kampf zerschlagen, zerschunden,
nicht Geld genug für den Feldscher hat,
noch Pflaster für seine Wunden.

Liu Ko-dschuang • 1187-1269 • China

Vertaling Ernst Schwarz


Die alte Hellebardenspitze

Ausgescharrt beim Pflügen hatte
eine Hellebardenspitze
kürzlich bei Tschangan ein Bauer.
Alt war sie, uralt, das sah man,
und sie trug auch noch die Spuren
einer längst zerfreßnen Inschrift.
Nutzlos lag sie da vor mir –
stumpf, verwittert, die einst blitzend
scharf im Waffenglanz zum Blutrausch
Krieger aufgestachelt hatte.
Doch mir war’s als seh ich wieder
überm abendlichen Schlachtfeld
Nebel, und die spitze, kalte
Hellebarde glimmt im düstren
Mondlicht, das wie Reiterheere
drohend Wolken überziehn.
Tausend Jahre in der Erde
lag die Hellebardenspitze,
und im schartigen Metalle
schwelt der Haß, der Blutrausch weiter
unvergessen: auf dem alten
Schlachtfeld, wo sie einst gemordet,
heulen Nacht für Nacht der Toten
Geister schaurig in den Lüften.

Damals hat das Heer von Dschau
einer, der den Krieg sehr leicht nahm,
Dschau Kuo, der General,
zu der Schlachtbank hier getrieben.
In den Hinterhalt geraten,
mußte sich sein Heer ergeben;
und der General von Tschin
ließ sie alle niedermetzeln,
alle, die er hier gefangen –
viermalhunderttausend Mann.
Viermalhunderttausend Leiber –
viermalhunderttausend Häufchen
Staub und Erde! Und wie Staub
längst verweht sind auch die Reiche,
die einst Dschau und Tschin geheißen.
Und wie einst so sinkt auch heute
rot wie Blut die Abendsonne,
schräg die Trümmerstätte streifend.

Alte Hellebardenspitze!
Meine Finger streichen sinnend
über die zerwetzten Kanten.
Traurige Gedanken weckst du;
traurig, Hellebardenspitze,
ist das Schicksal des Metalles,
das dich einst zur Waffe formte.
Was hat Menschen denn bewogen,
daß sie, statt zur scharfen Waffe,
nicht gebraucht zum Guß von Glocken
dein Metall, nicht für den Frieden
heilige Gefäße formten?
Weißt du, Hellebardenspitze,
daß du heut in andern Zeiten
wiedersiehst das Licht der Welt!
Frieden herrscht im Reich, und Waffen
schmilzt man ein und formt zur Pflugschar,
was einst Pflüger hingemordet –
Schwert und Speer und Hellebarde.
Ach, ich wünschte, daß der Kaiser,
der uns Frieden brachte, tausend,
abertausend Jahre lebe;
daß die Menschen niemals wieder
mordend deinesgleichen brauchten,
alte Hellebardenspitze!

Tau Kai • um 1375 • China

Vertaling Ernst Schwarz


Ich halte Ausschau

Ich steige auf den Stadtwall und blicke in die Ferne.
Von Wind und Staub umdunkelt, verschwimmt das weite Land.

Der Strom und die Berge umschirmen unsere Stadt.
Die Feuerzeichen flackern von allen Mauertürmen.

Wann werden denn die Ubergriffe eingestellt?
Von hundert Toten bleibt nur eine Handvoll Erde.

Bei Tau und Regen gedeihen jetzt ringsum
nur wilde Disteln auf den Hirse-Ackern.

Die fernen Schlachtfelder sind nicht zu sehen.
Und doch begreife ich die Not der Menschen.

Die Pferde scheuen im pfeifenden Westwind.
Die Trommeln dröhnen bei Sonnenuntergang

Das Wasser rauscht am Fuß der Mauer hin:
So strömt das Leid durch alle Zeiten fort.

Gau Tsching-tschiu • 1336-1374 • China

Vertaling Andreas Donath


Gebet für den Inka

O mildtätiger Viraqocha, der am Ende der Welt ist
und es gut fand und befahl, daß Herr der Inka sei,
diesen Inka, dem du das Sein gabst,
hüte in Frieden und Sicherheit,
ihn und seine Diener und Gefolgsleute!
Er möge Siege erringen über seine Feinde,
immer möge er Sieger sein!
Mindere ihm nicht der Tage Zahl,
noch seinen Söhnen und Nachkommen,
bewahr sie in Frieden, o Viraqocha!

Anonym • vor 1500 • Inka-Reich

Vertaling Juliane Bambula-Diaz


Des Todes Schergen

In dieser Zeit wird nur die Macht bewundert
Und heldenhafte Tugend, Mut genannt.
Mit Kriegen trumpfen, Völker unterwerfen,
Und Beute raffen sich aus ungeheurem
Gemetzel, hält man für den höchsten Gipfel
Menschlichen Ruhmes, und ist der erreicht,
Gilt es als Gipfel des Triumphs zu heißen
Großer Erobrer, Führer, Gottheit, göttergleich –
Was man Zerstörer, Pest der Menschheit heißen müßte.
So kommt auf Erden man zu Ruhm und Ruf,
Was aber echten Ruhm verdient, deckt Schweigen.

John Milton • 1608-1674 • England

Vertaling Anatol Marc


Der Sieger Tod

Der Ruhm des Siegers, blutig groß,
Ist Schatten nur, hat kein’ Gewalt;
Kein Panzer schützt ihn vor dem Los:
Des Todes Hand ist eisig kalt.

Zepter und Kron’
Reißt er davon
Und macht sie Axt und Sichel gleich,
Zu Rost und Staub im dunkeln Reich.

Manch einer sichelt mit dem Schwert
Und pflanzt sich Lorbeer, blutgedüngt;
Zum Schluß ist keiner, der sich wehrt,
Wenn ihn der Tod zur Ruhe bringt.
Früh oder spät,
Jeglicher geht
Und beugt sich in der letzten Not,
Schwer röchelnd, bleich, dem Sieger Tod.

Es welkt der Kranz in deinem Haar,
Drum, hoher Held, tu ab die Pracht;
Dein Sieg, dein Ruhm, so groß er war,
Was einer hab’,
Muß in sein Grab;
Nur was er Gutes tat, lebt fort,
Blüht noch im Staube unverdorrt.

James Shirley • 1596-1666 • England

Vertaling Richard Flatter


Epilog auf das XVII. Jahrhundert

In allem der einzige Sinn:
deine Jagd traf das Tier nur, das scheue;
deine Kriege sind keinem Gewinn;
deine Buhlen, die brachen die Treue;
es ist gut, daß das alte ging hin,
es ist Zeit, daß beginne das neue.

John Dryden • 1631-1700 • England

Vertaling Hans Feist


Seltsam

Ein Mann, der sich ergötzt
An einer Blume. Doch ei!
Wozu das lange Schwert?

Mukai Kyorei • 1643-1704 • Japan

Vertaling Gerhart Haug


Altes Schlachtfeld

O du Sommergras –
Farbiger Traum
Manchen Kriegers!

Bashô • 1644-1694 • Japan

Vertaling Gerhart Haug


Für wen, du gutes deutsches Volk

Für wen, du gutes deutsches Volk
Behängt man dich mit Waffen?
Für wen läßt du von Weib und Kind
Und Herd hinweg dich raffen?
Für Fürsten und für Adelsbrut,
Und fürs Geschmeiß der Pfaffen.

War’s nicht genug, ihr Sklavenjoch
Mit stillem Sinn zu tragen?
Für sie im Schweiß des Angesichts
Mit Fronen dich zu plagen?
Für ihre Geißel sollst du nun
Auch Blut und Leben wagen?

Sie nennen’s Streit fürs Vaterland,
In welchen sie dich treiben.
O Volk, wie lange wirst du blind
Beim Spiel der Gaukler bleiben?
Sie selber sind das Vaterland,
Und wollen gern bekleiben.

Was ging uns Frankreichs Wesen an,
Die wir in Deutschland wohnen?
Es mochte dort nun ein Bourbon,
Eine Ohnehose thronen ..…

Golfried August Bürger • 1747-1794 • Deutschland


Satirische Elegie auf den Tod eines berühmten Generals

Was! Euer Gnaden tot! Und ach,
sogar im Bett, da alt und schwach.
Und so ein großer Krieger fiel
so ganz unrühmlich und senil!
Jeh nun, da ihn die Erde los,
weck ihn ein laut Trompetenstoß:
Und, glaubt mir, wenn der Lärm anschwillt,
wär er zu schlafen gern gewillt.
Konnte so alt er wirklich sein,
wie alle Zeitungsbuben schrein?
Ich denke, sechzig Jahre langt;
’s war Zeit, daß nun er abgedankt.
Belastung war er für die Welt;
in trüben Wassern fischt’ der Held;
und wo er herrschte unbedingt,
dacht mancher Bürger: Pfui, es stinkt.
O seht, der Leichenzug erscheint!
Die Witwen, Waisen – keiner weint -,
die mit erbarmungswerten Mienen
in solchem Zuge sonst erschienen.
Was tut’s! Laßt seine Freunde sagen:
Die Ehr ward ihm in andern Tagen.
Wahr ist’s, daß er den Ruhm erwarb,
daß alle weinten, eh er starb.

Herbei, ihr hohlen Dinge all,
des Königs Wort, nur leerer Schall,
die, hochgeschwemmt durch die Gezeiten,
kommt her, ihr könnt es nicht bestreiten,
daß falscher Stolz hierdurch erfährt,
wie wenig doch ein Herzog wert;
von Ehr, die er zu Unrecht nahm,
wird er zum Dreck, aus dem er kam.

Jonathan Swift • 1667-1745 • England

Vertaling Erika Geissler


Lied des jungen Reiters

Mit frühem Morgen
sei schon mein Pferd gefüttert!
Sobald’s nur taget,
mit Sonnenaufgang
muß ich von hinnen reiten.

Da steht mein Vater,
da mir zur Seite steht er,
der alte Vater,
drängt sich an meine Seite,
er steht, mit mir zu sprechen;
er spricht, mich zu ermahnen,
und mich ermahnend weint er.

Still, weine nicht, mein Vater!
Still, weine nicht, mein Alter!
So frisch ich weggetrabet,
so frisch trab ich zurücke,
um dich nur nicht zu kränken.

Ei, mein Hengstchen,
ei, mein Brauner,
wohin streichst du?
Wohin schnaubst du?
Wohin wirst mich tragen?

Ei, in Krieg hin!
Hin in fremde Lande!
Dahin streichst du,
dahin wirst du mich tragen.

Wird dir zu sauer
die weite Straße?
Wird zu schwer dir
dieser Sack mit Haber?
Oder dieser junge Reiter
in dieser Reiters-Livrei,
mit dem blanken Säbel?

Ja, zu sauer
wird der lange Weg mir
und diese Nacht, stockfinster,
und diese grüne Heide
und dieser schwarze Morast…

Volkslied • 16./17 Jahrhundert • Litauen

Vertaling Johann Gottfried Herder


Der Held und der Reitknecht

Ein Held, der sich durch manche Schlacht,
Durch manch verheertes Land des Lorbeers wert gemacht,
Floh einstens nach verlorner Schlacht
Verwundet in den Wald, den Feinden zu entkommen,
Traf einen Eremiten an
Und ward von diesem frommen Mann
Nebst seinem Reitknecht aufgenommen;
Doch beider Tod war nah.

«Ach!» fing der Reitknecht an,
«Werd ich denn auch in Himmel kommen?
Ich habe leider nichts getan,
als meines Herrn sein Vieh getreu in acht genommen.
Ich armer und unwürd’ger Mann!
Allein, mein Herr, der muß in Himmel kommen;
Denn er, ach, er hat viel getan!
Er hat drei Könige bekrieget,
In sieben Schlachten stets gesieget
Und Sachen ausgeführt, die man kaum glauben kann.»

Der Eremit sah drauf den Helden kläglich an:
«Warum habt Ihr denn alles dies getan?» –
«Warum? Zu meines Namens Ehren,
Um meine Länder zu vermehren,
Um, was ich bin, ein Held zu sein.» –
«Oh», fiel der Eremit ihm ein,
«Deswegen mußtet Ihr so vieles Blut vergießen?
Ich bitt Euch, laßt’s Euch nicht verdrießen,
Ich sag es Euch auf mein Gewissen:
Der Reitknecht als ein schlichter Mann
Hat wirklich mehr als Ihr getan.»

Christian Fürchtegott Gellert • 1715-1769 • Deutschland


Der Frühling

Ihr, denen unsklavische Völker das Heft und die Schätze der Erde
Vertrauten, ach! tötet ihr sie mit ihren eigenen Waffen?
Ihr Väter der Menschen, begehrt ihr noch mehr glückselige Kinder:
So kauft sie doch ohne das Blut der Erstgeborenen! Hört mich,
Ihr Fürsten, daß Gott euch höre! Gebt seine Sichel dem Schnitter,
Dem Pflüger die Rosse zurück. Spannt eure Segel dem Ost auf
Und erntet den Reichtum der Inseln im Meer. Pflanzt menschliche Gärten
Setzt kluge Wächter hinein. Belohnt mit Ansehn und Ehre
Die, deren nächtliche Lampe den ganzen Erdball erleuchtet.
Forscht nach in den Hütten, ob nicht, entfernt von den Schwellen der Grossen,
Ein Weiser sich selber dort lebt, und schenkt ihn dem Volke zum Richter
Erschlag im Palaste den Frevel und helfe der weinenden Unschuld

Ewald Christian von Kleist • 1715-1759 • Deutschland


Das ist die Blume

Das ist die Blume, die dem Heldenmute,
Dem großen Aufstand unsres Volks entsproß,
Das ist die Frucht von dem entströmten Blute,
Das an der Pleiße, an der Seine floß!
Wo ist das Volk, das einst des Wütrichs Sklaven,
Sein Herzblut opfernd, trieb aus diesem Land?
Wo ist dies Volk? Begann’s aufs neu zu schlafen,
Das mächtig kaum dem Schlafe sich entwand?
Wo ist die Eintracht, die wir heilig schwuren?
Wo ist des Friedens teu’r erkaufte Huld?
Das Volk ist gut auf allen deutschen Fluren;
Doch ihr, ihr Fürsten, tragt die große Schuld.
Ihr nährt der Zwietracht alte, böse Keime,
Denn ihr mißbraucht der Völker Lieb und Treu,
Die schönste Hoffnung kehrt ihr uns in Träume,
Führt uns den Fluch entströmter Zeit herbei!
Nicht unsre Unschuld wird die Nachwelt mengen
Mit euern Lastern, euerm ew’gem Streit;
Da oft so viele nur an Einem hängen,
Sinkt Deutschlands Kraft und Deutschlands Herrlichkeit.
Sonst konnten wir den Korsen noch verklagen,
Daß er die Zwietracht sende übern Rhein:
Doch schlimmer steht’s in diesen letzten Tagen,
Denn jetzt verklagen wir uns selbst allein!
Umsonst fiel mancher Held, die Hand am Schwerte,
Doch was verschlägt den deutschen Fürsten das?
Wenn sie nur streiten um ein Stücklein Erde,
Wenn sie nur nähren ihren giftgen Haß.

August von Platen 1796-1835


Beziers

Es läßt die Sanduhr Korn an Korn verrinnen,
Und fällt das letzte, ist die Stund von hinnen;
Also mit jedem Augenblicke fällt
Ein Toter in Beziers zum blutgen Grunde;
Ein Dämon hat die Leichenuhr bestellt,
Daran zu messen eine Menschenstunde.
Das wilde Kreuzesheer ist eingedrungen,
Und alles Leben wird hinabgerungen.

Simon voran, der harte Todesdegen,
Und fallen muß, wer sich ihm wagt entgegen.
Nicht rühmt das Lied den Tapfern nach Gebühren,
Weil es vom Wirbel bis zur Ferse nieder
Ihn haßt und jedes Zücken seiner Glieder
Und Schild und Speer und alles, was sie führen.

Abt Arnald ruft ins Fechten, wo es stockt:
«Haut ein! Der Ablaß und die Beute lockt!»
Den Priester reitet Simon an, zu fragen:
«Herr, sollen wir auch Katholiken schlagen?
Der Unsern viele sind in diesen Mauern,
Ist hier gestattet Mitleid und Bedauern?»

Der Abt entgegnet: «Dessen ist nicht not,
Schlagt Ketzer, Katholiken, alle tot!
Wenn sie gemengt auch durcheinanderliegen,
Gott weiß die Seinen schon herauszukriegen.»

Wenn still und lautlos ginge dies Zerstören,
Man müßte aus den Wunden hier das Blut
Gleich einem Bach im Walde rauschen hören,
Doch wie ein Meer im Sturme schreit die Wut;
Es brennt die Stadt, die Flamme hilft den Waffen;
Wenn Tiger nach Beziers herzögen lüstern,
Den Rauch des Blutes in den heißen Nüstern,
Sie würden müßig hier, bewundernd gaffen.

Dort flüchten Tausende zur Kathedrale,
Nachjauchzt der Mord mit hochgeschwungnem Stahle;
In allen Gassen, Häusern und Gemächern,
In jedem Sparrenwinkel unter Dächern,
In jedem tiefen dunklen Kellerbogen
Wird nachgesucht und wilden Mords gepflogen.

Vom Giebel wird ein Ketzer dort geschleift,
Wie sonst ins Taubennest der Marder greift;
Hier pocht der Scherge an des Fasses Dauben,
Und tönt es dumpf, so wird es aufgebrochen,
ob nicht ein Ketzer sich hineinverkrochen,
Sein Blut gilt werter als das Blut der Trauben.

«Komm, heilger Geist!» die Priester alle singen.
Kein Greuel kann wie der das Herz empören;
Der Opfer viele in die Flammen springen,
Um nur die Mörder singen nicht zu hören.
Doch Tausende sind jener auch gefallen,
Für welche süß der Lobsang würde schallen.
Die Stund ist aus, nichts gibt es mehr zu morden,
Noch brennt die Stadt, und weiter ziehn die Horden.

Nikolaus Lenau • 1802-1850 • Österreich


Ich hab erdacht im Sinn mir einen Orden

Ich hab erdacht im Sinn mir einen Orden,
Den nicht Geburt und nicht das Schwert verleiht,
Und Friedensritter soll die Schar mir heißen.
Die wähl ich aus den Besten aller Länder,
Aus Männern, die nicht dienstbar ihrem Selbst,
Nein, ihrer Brüder Not und bitterm Leiden;
Auf daß sie, weithin durch die Welt zerstreut,
Entgegentreten fernher jedem Zwist,
Den Ländergier und, was sie nennen: Ehre
Durch alle Staaten sät der Christenheit,
Ein heimliches Gericht des offnen Rechts.

Franz Grillparzer • 1791-1872 • Österreich


Genug!

Gib uns, wonach die Erde lechzt,
Sonst wird die Schale voll und voller,
Nicht nach dem Ruhm der Hohenzoller,
Der Friede ist’s, wonach sie ächzt.
Den wir allein bis heute kennen,
Laß uns, den Ruhm der Menschlichkeit;
Er wird zu Rauch, wo Städte brennen,
Zu Sünde, wo der Hunger schreit.

Und du, mein Land, gibst für den Wahn
Dahin des Ideales Kränze?
Soll dich der Völker Haß als Grenze
Umschlingen wie ein Ozean?
Verderben zeuget nur Verderben,
Den Tod ruft, wer auf Leichen tritt;
Kein Volk noch sah allein ich sterben,
Am Siege stirbt der Sieger mit.

Moritz Hartmann • 1821-1872 • Österreich


Senacherib

Wie Wölfe in die Hürde, brach Achurs Macht herein,
Und es prangten seine Scharen in Gold und Purpurschein;
Wie auf dem Meere die Sterne, war seiner Speere Glanz,
Wenn nachts die Wellen zahllos sich heben in kräuselndem Tanz.

Wie Waldeslaub im Sommer, wenn grün die Bäume stehn,
War noch mit seinen Bannern am Abend das Heer zu sehn,
Wie Waldeslaub im Herbste, wenn kalt der Wind gebeut,
Lag dieses Heer am Morgen verwelkt dahingestreut.

Denn hehr auf Sturmesschwingen der Todesengel flog
Und hauchte dem Feind ins Antlitz, als er vorüberzog.
Da wurde nachts das Auge der Schläfer stier und weit,
Und es hob sich ihr Herz noch einmal und schwieg auf Ewigkeit.

Mit weitgeöffneter Nüster lag da das Schlachtroß gut,
Doch ihm entschallet nimmer sein Schnauben in stolzem Mut.
Der Schaum seines Todeskampfes glänzt rings am Rasen umher,
Weiß, kalt, weithin wie Spritzschaum, den aufwirft das stürmische Meer:

Bleich liegt mit verzerrten Zügen der Reiter ausgestreckt,
Und es deckt der Tau die Stirne, und der Rost die Rüstung deckt.
Und rings die Zelte schweigen, das Banner einsam steht,
Unerhoben bleibt die Lanze, ungeblasen die Drommed. –

Und Achurs Witwen weinen und klagen laut zumal,
Und es stürzen alle Götter im Tempel ein des Baal.
Die gewalt’ge Macht der Heiden ist sonder kampf ud Streit
Dem Schnee gleich hingeschmolzen vor Gottes Herrlichkeit.

Lord George Gordon Byron • 1788-1824 • England

Vertaling Emil Neubürger


England im Jahre 1819

Ein König blind, verrückt, verachtet, schwammig,
Die Prinzen ahnungsloser Rest der Rasse,
Verloren sickernd durch den Hohn der Masse
Die wurde selbst, von ihrem Schlammquell, schlammig –

Und Führer, saugend, bis sie salt vom Gelde
Und Blute fallen, ohne Schlag entmachtet –
Ein Volk, auf jedem Felde abgeschlachtet
Und ausgehungert auf dem brachen Felde –

Ein Heer, durch Mord im Krieg und Freiheitsmorden
Zum Doppelschwert für jedermann geworden,
Um das Gesetz in Blut und Geld zu kehren –

Ein Volksrat ohne Volk, wo nur die taube
Zeit unabsetzbar mit sich spricht – Ein Glaube
Von Christen, die den Christ nicht mehr verehren:

Sind Gräber, berstend! Sich aus ihnen ragen
Ein Glanzgespenst, als Sonne stürmischen Tagen!

Percy Bysshe Shelley • 1792-1822 – England

Vertaling Alfred Wolfenstein


O Schreckenszeit

O Schreckenszeit, o Schreckenszeit!
Und immer mehr wächst Graun und Leid.
Wahrscheinlich hat
des Himmels Rat
bestimmt, uns zu verderben.
Mit Wunden sind wir ganz bedeckt,
die Welt hat sich das Ziel gesteckt,
daß durch das Schwert wir sterben.

Von außen bringt der Krieg uns Not;
doch Böseres im Innern droht;
Die grause Pest
gibt uns den Rest.
Hart über dich ergehen
des Schicksals Schläge, Vaterland;
an deinen Grenzen immer stand
der Tod, bereit zum Mähen.

Heißt’s sterben bis zum letzten Mann?
Und wird sich jemand finden dann,
der dieses Bild,
so schaurig wild,
der Nachwelt einst beschriebe?
Und kann auch einer all das Graun
wohl schildern, wie es wär zu schaun,
wenn er am Leben bliebe?

Erzählt er alles, wie es war
und wie es uns ward offenbar,
gibt’s einen dann,
ler’s glauben kann,
laß all dies ist geschehen?
Greift er nicht zweifelnd an die Stirn
ind meint, daß solches nur im Hirn
on Narren kann entstehen?

Sándor Petófi • 1823-1849 • Ungarn

Vertaling Lorenz Landgraf


Der Tod eines Planeten

Für Benoit Malon, Mitglied der Commune
Am tiefen Himmel, wo die Sterne schwimmen,
Auch unser Auge mit den Sternen schwimmt.
Zuweilen doch geschieht es, daß die Stimmen
Der Ewigkeit des Geistes Ohr vernimmt.
Du Himmel voll Gestirne zeigst uns wieder,
Daß du beseelt und fühlend bist. Denn seht,
Die Liebe einigt alle Flammenbrüder.
Ihr Sonnen, weint, denn ein Planet vergeht!

Er drehte sich im stolzen Gleichgewichte,
Und kein Geschöpf an Hunger je verkam.
Der Mensch, der frei war, konnte seine Früchte
Im Überfluß genießen, ohne Scham.
Doch stahl ein Diebsgeschlecht uns Frucht und Kerne
Und ließ verfaulen, was die Welt gesät.
Sein Wahnsinn aber stinkt bis an die Sterne.
Ihr Sonnen, weint, denn ein Planet vergeht!

Mit Strömen Bluts müßt ihr den Krieg bezahlen.
Mit noch mehr Blut bezahlt ihr die Idee.
Wie Menschenfleisch ernährt den Kannibalen,
So nährt vom Menschenfleisch sich der Bankier.
Das ist der Henker, der in blut’gen Händen
Die arme Erdenkugel wägt und dreht,
Um seinem finstren Gott sie zu verschwenden.
Ihr Sonnen, weint, denn ein Planet vergeht!

Und doch – die alten Träume uns erfüllen.
Wer wollte aus der Lust am Dasein fort!
Es braust aus dem Gewühl der Menschenwillen
Der Leidenschaften göttlicher Akkord.
Vergebens, arme Seele! Sie gebrauchen
Das Henkerbeil als christliches Gerät.
Prometheus darf nur noch auf Stümpfen krauchen.
Ihr Sonnen, weint, denn ein Planet vergeht!

Ein Schluchzen schallt durch alle Himmelreiche
Als letzter Schrei am Tage des Gerichts.
Die Ewigkeit zerstäubt die Riesenleiche
Und bläst die Hülse in das leere Nichts.
Leer wird das Weltall sein nach den Gewittern,
Und letzter Wirbelrauch der Welt verweht.
Plejadenhimmel, voll von Knochensplittern!
Ihr Sonnen, weint, denn ein Planet vergeht!

Eugène Pottier • 1816-1887 • Frankreich

Erich Weinert


Agnus Dei

Es sucht das Lamm die Bitterkeit der Heide,
zieht Salz dem Zucker vor auf seiner Weide,
sein Schritt wird laut im Staub, daß ich ihn nicht vom Regen unterscheide.

Will es ein Ziel, so ist nichts anzufangen,
kopfstoßend starr durchstemmt es sein Verlangen,
dann blökt es seiner Mutter zu, der bangen.

Lamm Gottes, das der Menschen Heil beginnt,
Lamm Gottes, das uns zählt und kennt und findt,
Lamm Gottes, sieh, erbarm dich dessen, was wir sind.

Gib uns den Frieden, nicht den Krieg bescher,
Lamm, schrecklich in des rechten Zornes Wehr,
o du, einziges Lamm, Gott und Gottvaters Einziger.

Paul Verlaine • 1844-1896 • Frankreich

Vertaling Rainer Maria Rilke


Die Friedenspfeife

Nach Longfellow

Doch Manitu, des Lebens Fürst, stieg wieder,
Der Mächtige, ins grüne Grasland nieder,
Ins Grasland weit und felsenberggekrönt;
Und dort am Klippenfirst des Roten Schroffen,
Dem Raum gebietend und vom Licht getroffen,
Reckt er sich auf und seine Hoheit dröhnt.

Nun rief der Stämme Unzahl er zum Thinge,
So reich an Volk, daß Gras und Sand verginge.
Mit seiner Riesenhand brach er ein Riff
Vom Fels, aus dem er eine Pfeife machte,
Zu der das Rohr er sich am Strome sachte
Aus einer mächtigen Garbe Schilfes griff.

Um sie zu stopfen nahm er Weidenrinde,
Und, der die Kraft erschuf, stand frei im Winde
Und brannte wie ein göttliches Fanal
Die Friedenspfeife an. Noch auf dem Schroffen
Sog er den Rauch und ward vom Licht getroffen.
Doch für die Völker war es das Signal.

Und langsam hebt der Rauch sich in den Lüften
Des sanften Morgens, wellig, schwer von Düften.
Zunächst scheint er ein düstrer Nebelstreif,
Dann wird der Qualm zu grauem Dampf und dichter,
Dann bleicht er, schwillt und steigt und endlich bricht er
Sich an der Himmel hartem Kronenreif.

Und ferne von des Felsgebirges Wällen,
Der Seen des Nordens lauten Wasserfällen,
Von Tawashenta, Tal, dem keines gleicht,
Bis Tuscaloosa, Wald von süßen Düften,
Sehn alle das Signal, das in den Lüften
Des Scharlachmorgens auf im Frieden steigt.

Die Deuter sprechen: «Seht ihr dieses Schwelen,
Den Qualm, der, so wie Hände im Befehlen,
Dort schwingt und dunkel vor der Sonne dräut?
’s ist Manitu, des Lebens Fürst, der nieder
Ins weite Grasland stieg und nunmehr wieder
Die Krieger all zu seinem Thinge beut.»

Da kommen auf den Strömen, auf den Wegen,
Wo immer her der Winde Atem fegen,
Die Krieger aller Stämme, allzumal
Vom Qualme, der zum Himmel stieg, betroffen,
Gehorsam zu dem Thing am Großen Schroffen,
Zu dem sie Gitsche Manitu befahl.

Die Krieger halten in der grünen Weite
In Wehr und Waffen und gestählt zum Streite,
So bunt gefärbt wie Laub zum Herbst im Wald;
Und Haß, der allen Wesen Kampf verkündet,
Der Haß, der ihrer Ahnen Aug entzündet,
Auch aus dem ihren Todesgluten strahlt.

Und es ist voll von altererbtem Hassen.
Doch Manitu, der Erde Herr, gelassen
Erbarmensblicke auf sie alle tut,
Gleich einem der Verkehrung feinden Weisen,
Der sieht wie seine Söhne sich zerbeißen!
Denn jedes Volk hält Manitu in Hut.

Er breitet über sie die starke Rechte,
Daß er ihr Herz und ihre Enge knechte,
Ihr Fieber kühl’ im Schatten seiner Hand.
Dann spricht er hoheitsvoll und mit der Stimme
Der Wasserflut im Aufruhr, die im Grimme
Des Falls ein übermenschlich Tönen fand:

«Nachkommenschaft, beklagenswert und teuer!
O Söhne mein, hört Himmelsweisheit an,
Denn Manitu, des Lebens Herr und Steuer,
Spricht nun zu euch, derselbe, der in euer
Gefild den Büffel, Bär und Elch getan.

Ich gab euch reiche Jagd und Fang hienieden;
Was ward im Jäger denn der Mörder wach?
Ich ließ euch Vögel nisten in den Rieden;
Was seid ihr Frechen denn noch nicht zufrieden?
Was stellt der Mensch denn seinem Nachbarn nach?

Ich bin gar müd des Kriegs! In eurem Munde
Wird Sünde noch Gebet und Weihewort!
Weil ihr in Zwietracht lebt, geht ihr zugrunde,
Und eure Kraft liegt doch im Bruderbunde.
Seid Brüder denn und lebt im Frieden fort!

Bald schenkt euch meine Milde den Propheten,
Der, euch zu lehren, mitzuleiden kommt.
Das Leben wird zum Fest durch des Beredten
Verkündet Wort; doch schmähet ihr sein Beten
In Fluch Verstrickte – dann im Nichts verkommt!

Wascht ab der Blutgier Farben in den Fluten!
Hier habt ihr Fels, dort Schilf, was jeder braucht
Zu seiner Pfeife. Keiner soll mehr bluten
Und morden mehr! In brüderlichen Gluten
Vereint zum Bund die Friedenspfeife raucht!»

Sie werfen jäh die Waffen auf die Brache,
Die Kriegsbemalung löschen sie im Bache,
Die stolz auf ihren wilden Stirnen gleißt.
Ein jeder höhlt den Pfeifenkopf und schneidet
Am Strand ein Rohr, das er sich zubereitet.
Und seinen Kindern lächelt zu der Geist!

Und alle ziehen heim; es sind die Geister
Beglückt und still. Doch Manitu, der Meister
Des Lebens, geht durchs offne Himmelstor.

-Durch einer Wolke glanzerhellte Dünste
Schwebt der Allmächtige, froh seiner Künste,
In Hoheit, Duft und Licht gehüllt empor.

Charles Baudelaire • 1821-1867 • Frankreich

Vertaling Karl Schmid


Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne

Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne,
Als ich es ward, hat man mich nicht gefragt;
Man riß mich fort, hinein in die Kaserne,
Gefangen ward ich, wie ein Wild gejagt;

Ja, von der Heimat, von des Liebchens Herzen
Mußt’ ich hinweg und von der Freunde Kreis,
Denk ich daran, fühl ich der Wehmut Schmerzen,
Fühl in der Brust des Zornes Glut so heiß.

Ich bin Soldat, doch nur mit Widerstreben;
Ich lieb ihn nicht, den blauen Königsrock,
Ich lieb es nicht, das blut’ge Waffenleben,
Mich zu verteid’gen wär genug ein Stock.

O sagt mir an, wozu braucht ihr Soldaten?
Ein jedes Volk liebt Ruh und Frieden nur,
Allein aus Herrschsucht und dem Volk zum Schaden,
Laßt ihr zertreten, ach, die goldne Flur!

Ich bin Soldat, muß Tag und Nacht marschieren,
Statt an der Arbeit, muß ich Posten stehn,
Statt in der Freiheit, muß ich salutieren,
Und muß den Hochmut frecher Buben sehn.

Und geht’s ins Feld, so muß ich Brüder morden,
Von denen keiner mir zuleid was tat,
Dafür als Krüppel trag ich Band und Orden,
Und hungernd ruf ich dann: «Ich war Soldat!»

Ihr Brüder all, ob Deutsche, ob Franzosen,
Ob Ungarn, Dänen, ob vom Niederland,
Ob grün, ob rot, ob blau, ob weiß die Hosen,
Gebt euch statt Blei zum Gruß die Bruderhand!

Auf, laßt zur Heimat uns zurückmarschieren,
Von den Tyrannen unser Volk befrein;
Denn nur Tyrannen müssen Kriege führen,
Soldat der Freiheit will ich gerne sein!

Volkslied • 1870/71 • Deutschland


In Erinnerung

Wilde Rosen überschlugen
Tiefer Wunden rotes Blut.
Windverwehte Klänge trugen
Siegesmarsch und Siegesflut.

Nacht. Entsetzen überspülte
Dorf und Dach in Lärm und Glut.
«Wasser!» Und die Hand zerwühlte
Gras und Staub in Dursteswut.

Morgen. Gräbergraber. Grüfte.
Manch ein letzter Atemzug.
Weither, witternd, durch die Lüfte
Braust und graust ein Geierflug.

Detlev von Liliencron • 1844-1909 • Deutschland


Der Schläfer im Tal

Ein grünes Fleckchen ist’s, dort trällert schön
Der Bach, hängt Silberfetzen irr und dicht
Den Gräsern um, der Sonne Glanz aus Felsenhöhn
Herdringt. Ein Tal ist’s, klein und schäumt im Licht.

Ein Soldat, ganz jung, mit offnem Mund und nicht bedeckt
Das Haupt, den Nacken badend kühl im Kresseblau,
Schläft da, im Gras, vorm Himmel ausgestreckt,
Blaß, im grünen Bett, im Lichtertau.

Schläft, seinen Fuß im Lilienfeld. Er lächelt leise
Im Traum nach eines kranken Kindes Weise,
Ihn friert! O wieg ihn wärmend ein, Natur!

Vom Dufthauch zittert nicht der Nase Rand,
Er schläft im Sonnenschein, auf seiner Brust die Hand,
Ganz still. Hat rechts von zwei Flecken rot die dunkle Spur.

Arthur Rimbaud • 1854-1891 • Frankreich

Vertaling Heidi Urbahn de Jauregui


Tretet ein, hoher Krieger

Tretet ein, hoher Krieger,
Der sein Herz mir ergab!
Legt den purpurnen Mantel

Und die Goldsporen ab!
Spannt das Roß in den Pflug,
Meinem Vater zum Gruß!
Die Schabrack mit dem Wappen
Gibt ‘nen Teppich meinem Fuß!

Euer Schwertgriff muß lassen
Für mich Gold und Stein,
Und die blitzende Klinge
Wird ein Schüreisen sein.

Und die schneeweiße Feder
Auf dem blutroten Hut
Ist zu ‘nem kühlenden Wedel
In der Sommerzeit gut.

Und der Marschalk muß lernen,
Wie man Weizenbrot backt,
Wie man Wurst und Gefüllsel
Um die Weihnachtszeit hackt!

Nun befehlt Eure Seele
Dem heiligen Christ!
Euer Leib ist verkauft,
Wo kein Erlösen mehr ist!

Gottfried Keller • 1819-1890 • Schweiz


Friede auf Erden

Da die Hirten ihre Herde
ließen und des Engels Worte
trugen durch die niedre Pforte
zu der Mutter und dem Kind,
fuhr das himmlische Gesind
fort im Sternenraum zu singen,
fuhr der Himmel fort zu klingen:
«Friede, Friede auf der Erde!»

Seit die Engel so geraten,
o wie viele blut’ge Taten
hat der Streit auf wildem Pferde,
der geharnischte, vollbracht,
In wie mancher heil’gen Nacht
sang der Chor der Geister zagend,
dringlich flehend, leis verklagend:
«Friede, Friede … auf der Erde!»

Doch es ist ein ew’ger Glaube,
daß der Schwache nicht zum Raube
jeder frechen Mordgebärde
werde fallen allezeit:
etwas wie Gerechtigkeit
webt und wirkt in Mord und Grauen,
und ein Reich will sich erbauen,
das den Frieden sucht – der Erde.

Mählich wird es sich gestalten,
seines heil’gen Amtes walten,
Waffen schmieden ohne Fährde,
Flammenschwerter für das Recht,
und ein königlich Geschlecht
wird erblühn mit starken Söhnen,
dessen helle Tuben dröhnen:
«Friede, Friede auf der Erde!»

Conrad Ferdinand Meyer • 1825-1898 • Schweiz


Krieg

Wenn mir ein Mund erbleichend schreit
vom Krieg, von seinen blutigen Schrecken, –
mir tut der Freund, das Weib nicht leid
und nicht die heldenhaften Recken …
Den Freund vergißt der beste Freund,
das Weib verschmerzt den toten Gatten,
doch eine Seele ewig weint
und ist des Toten treuer Schatten …

Ich sah geheuchelt manches Leid,
ich lernte falschen Kummer kennen, –
wahr sind in ihrer Heiligkeit
der Mütter leidgeborne Tränen,
die nur der tiefste Schmerz ersann.
Stets sind sie in des Toten Bann,
vergrämt und stumm in ihrem Leide,
so, wie die düstre Trauerweide
die Zweige nie erheben kann …

Nikolai Alexejewitsch Nekrassow • 1821-1878 • Rußland

Vertaling K.Roellinghoff


Der Krieg

Es rast der Sturm mit Donnerton
In wilden Schlachtenwettern,
Und Heer um Heer und Kron und Thron
Seh ich im Kampf zerschmettern.

Von Strömen Blutes wurden feucht
Des Sommers stille Blüten,
Des Geistes hohes Saatfeld beugt
Sich vor des Sturmes Wüten.

Das ist der Krieg! – O Fluch dem Krieg,
Ihm, unsrer Bildung Schande!
Wann zieht des ew’gen Friedens Sieg
Beglückend durch die Lande?

Torheit! – lief eine Stunde ab
Vom Tag der Weltgeschichte,
Dann ruft die Zeit aus Schutt und Grab
Das Alte zum Gerichte.

Dann dröhnt und gellt vom hohen Turm
Der Glockenschlag die Kunde:
Das Morsche fegt hinweg der Sturm
Und Beßres bringt die Stunde.

Michael Albert • 1836-1893 • Rumänien


Zum ewigen Frieden

«Bei dem traurigen Anblick nicht sowohl der Übel, die das menschliche Geschlecht aus Naturursachen drükken, als vielmehr derjenigen, welche die Menschen sich untereinander selbst antun, erheitert sich doch das Gemüt durch die Aussicht, es könne künftig besser werden; und zwar mit uneigennützigem Wohlwollen, wenn wir längst im Grabe sein und die Früchte, die wir zum Teil selbst gesät haben, nicht einernten werden.»

Nie las ein Blick, von Tränen übermannt,
ein Wort wie dieses von Immanuel Kant.

Bei Gott, kein Trost des Himmels übertrifft
die heilige Hoffnung dieser Grabesschrift.

Dies Grab ist ein erhabener Verzicht:
«Mir wird es finster, und es werde Licht!»

Für alles Werden, das am Menschsein krankt,
stirbt der Unsterbliche. Er glaubt und dankt.

Ihm hellt den Abschied von dem dunklen Tag,
daß dir noch einst die Sonne scheinen mag.

Durchs Höllentor des Heute und Hienieden
vertrauend träumt er hin zum ewigen Frieden.

Es sagt es, und die Welt ist wieder wahr,
und Gottes Herz erschließt sich mit «und zwar».

Urkundlich wird es; nimmt der Glaube Teil,
so widerfährt euch das verheißne Heil.

O rettet aus dem Unheil euch zum Geist,
der euch aus euch die guten Wege weist!

Welch eine Menschheit! Welch ein hehrer Hirt!
Weh dem, den der Entsager nicht beirrt!

Weh, wenn im deutschen Wahn die Welt verschlief
das letzte deutsche Wunder, das sie rief!

Bis an die Sterne reichte einst ein Zwerg.
Sein irdisch Reich war nur ein Königsberg.

Doch über jedes Königs Burg und Wahn
schritt eines Weltalls treuer Untertan.

Sein Wort gebietet über Schwert und Macht
und seine Bürgschaft löst aus Schuld und Nacht.

Und seines Herzens heiliger Morgenröte
Blutschande weicht: daß Mensch den Menschen töte.

Im Weltbrand bleibt das Wort ihr eingebrannt:
zum ewigen Frieden von Immanuel Kant!

Karl Kraus • 1874-1936 • Österreich


Der erste Verwundetentransport 1914

Leise! Kein Ausbruch jetzt! Bebt! Schweigt!
Ihr Menschen, du Volk, es ist wahr! Ja es ist wahr!
Weint nicht kurz auf, ihr Leute!
Haltet fest in eurer Kehle den Schrei!
Still! Neigt euer Haupt,
Das nun für je gebeugt ist, ihr Frauen!
Das Tuch, die Hand tut vor die Munde! Schweigt!
Menschen, du Volk, es ist wahr!
Kein Wort mehr, kein Jammer mehr!
Gebt weiter, still, den entsetzensvollen Blick
Und rührt euch, Ihr Gedrängten, rührt euch leise an!
Seht hin, dorthin, wo jetzt meine Hand hinzeigt!
Beugt euch tiefer, Schlafwandelnde, Schmerzgeborene,
Du elendes, o du jammervolles Geschlecht!

Franz Werfel • 1890-1945 • Österreich


Bruder

Brich nieder, Gott, aus den befleckten Tempeln
und neige dich in der Kasernen Stank,
wo sie dein Ebenbild zum Viehe stempeln,
und folge ihm bis auf die Metzgerbank!
Dein Todesweg, der vierzehnmal durchbrochen,
ob er dir dann nicht gnädig kurz erscheint?
Dein Leib am Kreuz, zergeißelt und gestochen,
ob er sich nicht auf linden Rosen meint?

Tritt hin zum Tor, wo sie der feiste Webel
mit dem Papier aus ihrem Leben nimmt!
Steh auf dem Feld, wo der bestirnte Säbel
sich über kleinstes Ungeschick ergrimmt!
Oh, sei bei ihnen in der Scheidestunde,
wo jeder Bahnhof Schädelstätte ist!
In Graben, Feuer, Sturm und Todeswunde,
o sei bei ihnen, Herr!
Wofern du – bist!

Franz Theodor Csokor • 1885-1969 • Österreich


Das Unabwendbare

Die Brunnen des Todes sind aufgebrochen,
der Würger hat seine Fesseln gesprengt,
die große Verwünschung ist ausgesprochen:
nun wird geplündert, gewüstet, gesengt.

Verdammnis dröhnen die Stürme, die Meere,
die Fahnen flattern, in Blut getaucht,
und hinter dem Zuge der heidnischen Heere
der Brand der geschändeten Städte raucht.

Der Himmel spiegelt die höllischen Gluten,
in die wir hilflos starren, gebannt:
bald haben die wildflammenden Fluten
den Wall auch um unser Versteck überrannt.

Ich warte und weiß doch: ich kann nicht entrinnen,
schon morgen ist mir das Letzte geraubt.
Die Hoffnung, ich dürfte noch einmal beginnen –
im Grunde hab ich sie niemals geglaubt.

………………..

Ein Lied ist erwürgt, ein Herz ist gebrochen.
In Trümmern liegt ein gastliches Haus.
Die große Verwünschung wurde gesprochen.
Das Licht geht aus.

Max Herrmann-Neiße • 1886-1941 • Deutschland


Der Krieg

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämm’rung steht er, groß und unbekannt,
und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

In den Abendlärm der Städte fällt es weit,
Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit.
Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.
Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.

In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht.
Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.
In der Ferne zittert ein Geläute dünn,
und die Bärte zittern um ihr spitzes Kinn.

Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an,
und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an!
Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,
drum von tausend Schädeln laute Kette hängt.

Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,
wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.
Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,
von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt.

In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein,
einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein.
Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt,
von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.

Und mit tausend hohen Zipfelmützen weit
sind die finstren Ebnen flackernd überstreut,
und was unten auf den Straßen wimmelnd flieht,
stößt er in die Feuerwälder, wo die Flamme brausend zieht.

Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,
gelbe Fledermäuse, zackig in das Laub gekrallt,
seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht
in die Bäume, daß das Feuer brause recht.

Eine große Stadt versank in gelbem Rauch,
warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.
Aber riesig über glühnden Trümmern steht,
der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht

über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,
in des toten Dunkels kalten Wüstenein,
daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,
Pech und Feuer träufet unten auf Gomorrh.

Georg Heym • 1887-1912 • Deutschland


Grodek

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt,
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunklen Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Georg Trakl • 1887-1914 • Deutschland


Götzendämmerung

Das ist ein Sommer von besonderer Art:
die Welt ist aus den Fugen, brennt und kracht,
und während so wie sonst die Sonne lacht,
tollt, tost und tobt des Friedens Höllenfahrt.

Wer sich daheim vorm bösen Anhauch wahrt
der grauen Saat, die aufging über Nacht,
tritt vor die Tür, zu einem Traum erwacht,
der unnatürlich mit dem Tag sich paart.

Wird diese Wende wohl die Umkehr sein?
Wird das Geschlecht, das dieser Brand verzehrt,
Durch seiner Götzen Dämmerung belehrt,

geläutert aus der Asche auferstehn,
die ewigen Sterne über sich zu sehn
und in der Seele ihren Widerschein?

Richard Schaukal • 1874-1942 • Österreich


Lothringisches Kreuz

            Herz Frankreichs
        Frankreich meines Herzens
           Turm des Leidens
           Garten der Tränen
In Lothringens Fruchtbäume kletterte ich
Ich kelterte die Oliven der Provence
Ich pflückte deinen Kerbel dein Eisenkraut
Frankreich: Obsthain der Liebe und Fülle
              Ob Linde ob Eiche
           Jeder Baum wird Kreuz
              Lothringens Kreuz
              Uberall wächst du

Heute verwandeln sich deine alten Ulmen zu Galgen
Deine Ährenfelder sind nur noch Felder der Ehre
Hinter deinen Kirchen knien deine erschoßnen Söhne
Unter den Blüten des Klees tut sich ein Massengrab auf
Kreuz Frankreichs
Frankreich am Kreuz
Eibe des Duldens
Winde des Glaubens
Lilie der Königinnen
Maiglöckchen des Volks
Weinberg des Herrn
Wein der Armen
Weiße des Schaumweins
Rot des Bordeaux
Blau der Kornblumen
Scheiterhaufen Johannas
Süßes Weihnachtsscheit
Rose von Chartres
Straßburgs Rosette
Herz Frankreichs
Frankreich meines Herzens

Iwan Goll • 1891-1950 • Deutschland

Vertaling Claire Goll


Ara Pacis

Geschrieben vom 15.-25. August 1914

De profundis clamans,
Aus der Schlucht des Hasses
Heb ich zu dir, himmlischer Friede, mein Lied.

Heergeschrei soll es mir nicht verdunkeln,
Steigt auch das blutige Meer
Und trägt Europas zerrissenen Leib,
Steigt auch der irre Wind und schüttelt die Seelen:
Blieb ich der Einzige, ich bleibe dir treu!
Unbeteiligt am schändenden Blut-Bund
Werd ich mich nicht am Menschen-Sohn vergreifen.

Bruder bin ich allen, ich liebe euch alle,
Ihr Lebenden einer Stunde,
Die ihr auch diese Stunde
Gegenseitig euch raubt.
Auf heiligem Hügel wachse, aus meinem Herzen,
Über Lorbeer des Ruhms und Eiche hinweg,
Der Ölbaum, steil in die Sonne,
Wo Grillen nisten.

Großer Friede, du herrschest
Mit erhabenem Stab
Über die Unruh der Welt,
Über die Taumel der Wasser,
Rhythmus des Meeres!

Dom, du steigst
Im ruhigen Gleichmaß über die feindlichen Kräfte:
Strahlende Fensterrose,
Draus der Sonne Blut springt,
Leuchtende Garbe, vom Künstler
Ganz in Harmonie gebunden.

Großer Vogel,
Über den Himmel gespannt,
Unter dem Flügel
Trägst du die Niederungen; –
Aber im Fluge
Erfaßt du über das Seiende hin
Gewesenes und die Zukunft.

Bruder der Freude, Bruder des Schmerzes,
Älterer, wissender Bruder,
Beide nimmst du bei der Hand:
Zwischen zwei Flüssen bist du der helle Kanal,
Der den Himmel zurückscheint
Zwischen der doppelten Fassung der weißen Pappeln.

Göttlicher Bote,
Gehst hin und her, wie die Schwalbe
Von Ufer zu Ufer,
Einst sie,
Flüsterst dem einen:
«Weine nicht, Freude kehrt wieder!»
Flüsterst dem andern:
«Eitle nicht, Glück kommt und geht!»

Wie eine Mutter, mit vollem Arm,
Küßt du zärtlich
Die feindlichen Kinder,
Lächelst, leuchtest sie an,
Wie sie in die schwellenden Brüste sie beißen.

Eine die Hände, die Herzen,
Die sich suchend einteilen;
Beuge ins Joch die ungebändigten Stiere,
Leite die Wut ihrer dampfenden Leiber,
Die sich in Kämpfen vergeuden,
In die fruchtbaren Äcker,
Wo durch Furchen tief der Samen rinnt.

Treuer Genosse
Empfängst du die Rückkehr der Streiter:
Sieger, Besiegte sind gleich deiner Liebe!
Ihres Kampfes Ertrag,
Nicht ein Fetzen von Erde,
Deineka. Nahkampf

Dem des Siegers Fett
Mit dem Sklavenblut vermischt zum Dung dient –
Nein, sie waren Werkzeug des Schicksals,
Und ihr Lohn, daß sie es getragen.

Friede, du lächelst, die guten Augen voll Tränen,
Regenbogen des Sommers, umsonnter Abend,
Goldenen Fingers
Streichelst du die feuchten Felder,
Liebst die gefallenen Früchte,
Heilst die Bäume,
Die der Wind und Hagel verwundet.

Gib uns Heilung, wiege die Schmerzen!
Sie vergehen, sie vergehen
Mit uns!
Du nur bist die Dauer!

Brüder, zum Bunde!
Stürzt ineinander,
Kämpfe des zerrissenen Herzens!
O umschlingt euch,
Tanzet, ihr Schreiter!

Wir sind nicht hastige, fiebrige
Jäger der Zeit,
Wir bändigen sie!
Aus des Jahrhunderts Geflecht
Baut der Friede sein Nest.

Wie die Zikade im Strauch –
Wolkensturm naht, Regen schon strömt und ertränkt
Felder und Lieder;
Dann, kaum rauschte das Wetter vorbei,
Klingt der trotzige Sänger wieder –
Also, wenn im rauschenden Osten
Über die zerschmetterte Erde
Die vier Reiter im rasenden Ritt
Laut sich entfernen,
Heb ich das Haupt,
Nehme die Strophe auf, singe,
Schwach, aber trotzig!

Romain Rolland • 1866-1945 • Frankreich

Vertaling Iwan und Claire Goll


Mit des Säbels Spitze

Wir, auf unseren Rossen, wir wissen nichts vom Säen.
Doch jedes Land, das man im Trabe pflügen
und im Gras durchrennen kann,
Wir haben es durchrannt.

Wir verschmähen das Bauen von Mauern und von
Tempeln, aber jede Stadt, die sich verbrennen
läßt mit Tempeln und mit Mauern,
Wir haben sie verbrannt.

Wir ehren unsere Frauen wie Kleinodien, sie alle sind
von höchstem Rang. Doch die andern, die man
überreiten, scheuchen, nehmen kann,
Wir haben sie genommen.

Unser Siegel ist ein Lanzeneisen; unser Festgewand ein
Küraß, wo der Tau kristallisiert; unsere Seide
ist gewebt von Roßhaar: Doch die andere, die
sanftere, die man verkaufen kann,
Wir haben sie verkauft.

Ohne Grenzen, manchmal ohne Namen, wir regieren
nicht, wir eilen weiter: Aber alles, was man
schneidet, spaltet, was man nagelt, was man
trennt…

Kurz alles, was man tun kann mit des Säbels Spitze,
Wir haben es getan.

Victor Ségalen • 1878-1919 • Frankreich

Vertaling Friedhelm Kemp


An einen deutschen Freund

Wo bist du, den ich kannte, den ich liebte?
Gefangen? Verwundet? Tot?
Schlugst du dich in fürchterlicher Schlacht?
Verharrtest du einsam in einer Stadt
oder Landschaft?
Was sinnst du?
Wie standest du
im schrecklichen Kampf des alten Europa?
Kamerad, wie lasten diese fahlen Tage,
auch wenn besoldete Zeitung sie
vergeblich mit Ruhm schmückt.

Wo bist du, den ich kannte, den ich liebte?
Da wir die brüderlichen Träume zusammenwanden,
Pläne wie Garben immer fügten und banden,
wirrer, stolzer Wünsche verschlungenen Rosenpark:
All unsere ehrlichen, fertigen Forderungen,
rot überm Felde des Friedens!
Fern sind solche Landschaften, fern!

Schweigsam, ergeben hatten sich unsere Hände gefunden.
Du bestauntest die Helle, die schimmernde Harmonie
der Sträuße von Ile-de France.
Ich liebte deiner Heimat Tannen, dicht, schwarz gestaut!
Du lobtest unseren Impuls, unsre Kunst,
unseren jungen, aufgeschossenen Drang,
und mir behagte das Gefühl, die Musik,
die gastliche Gemütlichkeit Deutschlands.

Blumen und Früchte jeglicher Heimat pflückten
und genossen wir um und um,
gemeinsam zertrat man die Nesseln und Disteln im Weg,
überall Nesseln und Disteln dichter,
verdunkelter Feindschaft.
Und nun, wie sind die Zweige der Hoffnung welk!
Unerbittlicher, grollender Sturm zerbrach
die gläubigen Knospen.

Wo weinst du, mein Freund?
Wo bist du, den ich kannte, den ich liebte!

Henri Guilbeaux • 1884-1980 • Frankreich

Vertaling Iwan und Claire Goll


Ablösung

Ach! Die Apfelbäume in Blüte!
Ich lege Blüten in meine Briefe.
Ich werde lesen in einer Wiese.
Ich werde beim Waschen zum Fluß gehn.

Er, der vor mir im Glied marschiert,
Flötet ein Lied, das sein Nebenmann singt;
Ein Lied, das weit entfernt ist vom Krieg:
Ich summe es mit und schmecke es nach.
Und doch: die Gefallnen von Gestern!

Aber der Mensch, der gestrauchelt ist
Zwischen den Beinen des Todes,
Der dann sich wieder erhebt und atmet,
Kann nur noch lachen und schluchzen:
Die Seele hat keinen Platz für Trauer.

Das Licht ist zu berauschend für den,
Der an diesem Morgen noch lebt;
Er ist schwach und ist voller Staunen,
Daß er ohne Hast seinen Weg geht.

Und wenn er träumt, dann wohl von dem Glück,
Die Stiefel auszuziehn, um zu schlafen,
In Neuvilly, in einem Stall.

Charles Vildrac • 1882-1971 • Frankreich

Vertaling Wollgang G.Deppe


Die erdolchte Taube und der Springbrunnen

Süße erdolchte Gestalten
Liebe blühende Lippen
MIA
MAREYE
YETTE
LORIE
ANNIE und du MARIE
wo seid ihr
o
junge Mädchen
DOCH
neben dem Springquell
der weint und der betet
gerät diese Taube in Verzückung
?

All die Erinnerung von einst
Meine Freunde fort in den Krieg
Sprudeln zum Firmament
Eure Blicke im schlafenden Wasser
Sterben in Melancholie

Wo sind sie Braque und Max Jacob
Derain grauäugig wie der Morgen
Wo sind Raynal Billy Dalize
Namen die in Schwermut verhallen
Wie Schritte in der Kirche
Wo ist Cremnitz der sich meldete
Vielleicht sind sie schon tot
Mein Herz ist der Erinnerungen voll
Der Springquell beweint mein Leid.
DIE IN DEN KRIEG ZOGEN IM NORDEN SCHLAGEN SICH JETZT
Der Abend fällt
O blutiges Meer
Gärten wo der rosige Lorbeer kriegerische Blüte verblutet.

Guillaume Apollinaire • 1880-1918 • Frankreich

Vertaling Marie Philippe


Euch!

Euch meine ich, Konsumenten gestaffelter Orgien,
Besitzer von Badezimmern und geheizten Klosetten –
die ihr die Vorgeschlagnen für den Georgs-Orden
ohne Scham herausplärrt aus den Spalten der Gazetten.

Wißt ihr denn, ihr Geistverlaßnen, Vielen,
daß euch die Bratensoße aus dem Mundwinkel troff,
als so manche gerade unter der Bombe fielen,
die die Beine glatt wegriß dem Leutnant Petrow? –

Wenn er, den man ruchlos ins Blutbad getrieben,
plötzlich erblickte, im unrettbaren Verpulsen –
wie ihr mit kotelett-bekleckerten Lippen
hinausblökt eure geilen Sewerjaninschen Schnulzen!

Euch Schürzenjägern, Freßsäcken, Saufsüchtigen,
euch zulieb sollt ich mich zum Opfergang gürten?!
Da scheint mir ein Job in der Bar schon richtiger,
um mit Ananas-Wässern die Huren zu bewirten!

Wadimir Majakowski • 1893-1930 • UdSSR

Vertaling Hugo Huppert


Der Milan

Kreis um Kreis um seine Kreise schlingend
Der Milan kreist über leerem Grasland
Auf das platte randlos fahle äugt er.
Zum Sohn die Mutter, kummerblickend, in
Der Kate, sagt: Da hast du Brot und Brust
Wachse und gehorche, trag dein Kreuz.

Jahrhundert um Jahrhundert, Krieg und Krieg
Ein Aufstand, die brennenden Hütten:
Du, mein Land, bist ja das gleiche immer
Schön aber weinend, uralt aber schön.
Wie lange noch die Kummerblicke der Mutter
Und der Aasvögel Kreise: wie lange noch?

Alexander Block • 1880-1921 • UdSSR

Karl Mickel


Für eine Nacht nur

Schickt ins Feld sie alle nur für eine Nacht,
Die von Parteien schwatzen und Helden, wenn wir halten Wacht,
Für eine Nacht nur.
Die es frech verkünden: «wir können nicht vergessen»
Und die Todesinstrumente unterdessen
Musizieren über uns, die Nebel tragen

Verkohlten Samen und Bleivögel mordlustig über uns jagen.
Schickt ins Feld sie alle nur für eine Nacht,
Die aus dem Balken einen Splitter stets gemacht,
Für eine Nacht nur:
Wenn mit Getös zu dröhnen beginnen die Granaten,
Blutige Erde weint um die geknickten Saaten,
Arglistig blitzen die Kugeln, lechzend nach Menschenblut,
Aus den Ufern tritt der Weichsel blutrote Flut.

Schickt ins Feld sie alle nur für eine Nacht,
Wucherer, Knicker und Feiglinge, elende Niedertracht,
Für eine Nacht nur.
Wenn auf dem Vulkane der Granaten früh und spal
Sich der Mann verwundet wie ein Baumblatt dreht,
Und der schöne rote Held zu Boden sinkt entleibt,
Nur ein schwarzer Leichnam von ihm übrigbleibt.

Schickt ins Feld sie alle nur für eine Nacht,
Geldverdiener und Gottlose, die uns verlacht,
Für eine Nacht nur.
Wenn der lodernde Höllenschlund sich öffnet im glühenden Raum,
Menschenblut fließt am Boden und tropft von jedem Baum,
Wenn das zerfetzte Zelt leis wimmert in Wetter und Wind
Und der sterbende Krieger seufzt: Mein Weib, mein Kind.

Schickt ins Feld sie alle nur für eine Nacht,
Die Hurra-Helden, die alles erdacht und besser gemacht,
Für eine Nacht nur.
Wenn am hellen Himmel erglänzt der Sterne schimmerndes Licht,
Möge im San ein jeder erblicken sein eigen Gesicht,
Sehen, wie die Flut das dampfende Blut wälzt ins Meer,
Auf daß sie weinend Alle jammern: Nicht weiter, o Herr!

Schickt sie ins Feld, sie alle nur für eine Nacht,
Dort denken sie dran, daß die Mutter in Schmerzen zur Welt sie gebracht.
Für eine Nacht nur.
Dort wollten sie aneinander sich schlingen und Buße tun,
Doch ließe ihr böses Gewissen keinen von ihnen ruhn,
Sie rissen die Kleider sich vom Leibe, verfluchten ihr Joch
Und heulten aus heiserer Kehle: Christus, was willst du noch?

Christus, was willst du noch? Sagt, Brüder, was soll ich euch geben,
Um mein Blut zu bezahlen, ich will ja nur weiterleben?
Wie wollten sie alle, alle schwören.
Hoffärtige, die den Glauben verhöhnten mit ödem Spott,
Wie wollten sie Christus jetzt rufen und den allmächtigen Gott!
«Gegen mein Blut nie wieder Kampf um keine Erdenmacht!»
… Schickt ins Feld sie nur für eine Nacht.

Géza Gyóni • 1884-1917 • Ungarn

Vertaling Lajos Brájjer


Mensch sein in der Unmenschlichkeit

Kolben der Gewehre zermalmen mein Herz,
Tausend Greuel zerschinden mein Auge,
Stumm hockt ein Dschinn auf der stolzen Kehle,
Und der Wahnsinn schlägt mein Gehirn.

Trotz allem, brich auf, meine Stärke,
Brich wiederum auf von der Erde!
Ob Morgenrot, ob Höllen-Mitternacht,
Gleichviel, brich auf, verwegen,
Wie du einstmals, einstmals getan.

Nichts Schöneres konnten dem hehren Ungarn
Hundert Himmel und Höllen je geben:
190
Heinrich Ehmsen • Drahtverhau
Mensch sein in der Unmenschlichkeit,
Ungar im gehetzten Ungartum,
Starrköpfiger Toter, wiederum lebendig.

Endre Ady • 1877-1919 • Ungarn

Vertaling F. Klee-Pály


Lied der Gefallenen

Es dorrt die Haut von unsrer Stirn.
Es nagt der Wurm in unserm Hirn.
Das Fleisch verwest zu Ackergrund
Stein stopft und Erde unsern Mund.
Wir warten.

Das Fleisch verwest, es dorrt das Bein.
Doch eine Frage schläft nicht ein.
Doch eine Frage wird nicht stumm
Und wird nicht satt: Warum? Warum?
Wir wartenl.

Staub stopft und Erde uns den Mund.
Doch unsre Frage sprengt den Grund
Und sprengt die Scholle, die uns deckt,
Und ruht nicht, bis sie Antwort weckt.
Wir warten.

Wir warten, denn wir sind nur Saat.
Die Ernte reift. Die Antwort naht.
Weh, wen sie trifft! Heil, wem sie frommt!
Die Antwort zögert, doch sie kommt.
Wir warten.

Lion Feuchtwanger • 1884-1958 • Deutschland


Ihr liebt uns

Ihr liebt uns, wenn wir Helden auf Urlaub sind,
oder verletzt an einem erwähnbaren Ort.
Ihr verehrt Orden; denn euer Credo beginnt:
Kühnheit wischt die Schande des Krieges fort.

Granaten dreht ihr für uns, ihr lauscht entzückt
gruselnd Geschichten von Gefahr und Kot.
Von euch wird unser ferner Kampf geschmückt,
und euer Lorbeer feiert unsern Tod.

Ihr könnt nicht glauben, daß britische Truppen «weichen»:
zermürbt von Höllen rennen sie davon
und zertrampeln blind vom Blut die gräßlichen Leichen.

O deutsche Mutter, du träumst im Feuerschein?
während du Socken strickst für deinen Sohn,
tritt man ihn tiefer in den Schlamm hinein.

Siegfried Sassoon • 1886-1967 • England

Vertaling Erich Fried


Tagesanbruch im Schützengraben

Die Dunkelheit krümelt hinweg –
Es ist dieselbe alte druidische Zeit wie immer.
Nur ein lebendig Ding springt über meine Hand –
Eine irrwitzig hämische Ratte –
Als ich Mohn aus der Brustwehr reiße
Ihn hinters Ohr zu stecken.
Komische Ratte, erschießen würden sie dich wenn sie
Von deinen kosmopolitischen Anwandlungen wüßten.
Eben hast du berührt diese englische Hand
Du wirst das gleiche tun mit einer deutschen –
Bald, zweifellos, wenn es dir Spaß macht

Wirst du das schlafende Grün durchqueren dazwischen.
Es scheint, du grinst inwendig wenn du läufst
Vorbei an starren Augen, feinen Gliedern, stolzen Athleten
Weniger begünstigt fürs Leben als du,
Leibeigne der Launen des Mordes,
Ausgestreckt in das Gedärm der Erde,
Die zerfetzten Felder von Frankreich.
Was siehst du in unseren Augen
Beim Eisengekreisch und der Flamme
Geschleudert durch stille Himmel?
Welches Zittern – welches Herz entsetzt?
Mohnblumen, die in Menschen Adern wurzeln
Tropfen und werden immer tropfen;
Doch die in meinem Ohr ist unversehrt,
Nur bleich ein wenig von dem Staub.

Isaac Rosenberg • 1890-1918 • England

Vertaling Walther Petri


Sommer an der Somme

Zerstampft stirbt Korn: im Regen zu verwesen;
aus braunen Wasserlöchern schielt der Tag,
mit jedem Wind, der breit im Duftgrund lag;
lahmt schmal das fröstelnde Skelett: Gewesen!
In jeder Kreatur ist nur ein Trauern,
um jedes Herz, um jeder Kehle Laut
ist ein Gebirge bittrer Klagemauern,
düster und unentrinnbar auferbaut.

Wohin, wohin, Soldat, ist das entschwunden,
was dich an Dorf und Kindgemeinschaft band?
Wohin die runden, abendblauen Stunden,
Gefühle einer Frau im Sternenschwur der Hand?
Wohin der Gruß, der dir im fremdesten Begegnen
noch auf der Zunge schmolz wie Pfirsichfrucht?
Wohin der Hund, der noch in Wind und Regen
schwarzer Gewitter Wege wußte aus der Schlucht?

Nicht eine Stunde kommt mehr: uns zu lieben!
Nicht eine Welle fließt, daß sie uns trägt!
Auf unsern Stirnen steht ein Mal geschrieben,
das noch den letzten Mörder blitzerschlägt …
Wir aber tragen das wie bunte Steine,
die aus den Kronen blühn auf hohem Thron,
und schänden ein Jahrhundert, daß es weine
durch aller Götter eingebornen Sohn.

Paul Zech • 1881-1946 • Deutschland


Die Frau des Urlaubers

Wohl über drei Nächte, wohl über drei Tag
Muß er wieder von mir;
Der dumme, eilige Uhrenschlag
Schlägt nirgends so schnell wie hier.

Wohl über drei Nächte, wohl über drei Tag
Bin ich wieder allein
Mit unseren Kindern und der Frag’:
Muß dieses Elend sein?

Wohl über drei Nächte, wohl über drei Tag –
Mein Herz ist dunkel und weint,
Da steht er wieder in arger Plag
Und zielt auf einen Feind.

Wohl über drei Nächte, wohl über drei Tag
Reißen sich los vier Händ’.
Du lieber Herrgott im Himmel sag,
Wann hat der Krieg ein End’?

Alfons Petzold • 1882-1923 • Österreich


Den Müttern

Mütter,
Eure Hoffnung, Eure frohe Bürde
Liegt in aufgewühlter Erde,
Röchelt zwischen Drahtverhauen,
Irret blind durch gelbes Korn.
Die auf Feldern jubelnd stürmten,
Torkeln eingekerkert, wahnsinnschwärend,
Blinde Tiere durch die Welt.
Mütter!
Eure Söhne taten das einander.

Grabt Euch tief in den Schmerz,
Laßt ihn zerren, ätzen, wühlen,
Recket gramverkrampfte Arme,
Seid Vulkane, glutend Meer:
Schmerz gebäre Tat!

Euer Leid, Millionen Mütter,
Dien’ als Saat durchpflügter Erde,
Lasse keimen
Menschlichkeit.

Ernst Toller • 1893-1939 • Deutschland


Die Gattin im Kriege

Heim kehret mein Lieber. Stern meiner Jugendzeit,
goldstrahlend leuchte wieder ins Weltenall!
Wer mich nennt Witwe, schwarz gekleidet,
Schlangen sollen im Munde ihm nisten!

Welch’ Glück, daß er heimkehrt! Liebedürstend wie einstmals,
sein sonnig Auge, gierig verschlingt es mich.
Dein Heldenarm soll mich erdrücken,
reiche Lippen mir zur Erquickung!

Was? Ist es ein Grabstein, der mich belastet hat?
Wie kalt seine Lippen! – War’s eines Kindes Kuß?
Hin zog es mich zu ihm so mächtig,
daß es wie Flammenglut mich verzehrte.

Wie? Du kannst weinen, du, der sonst tränenlos?
Hat eine Schlange der schmerzlich Lachenden
ihr bißchen Leben abgeschnüret?
Wehe! Ich ward eines Lebenden Witwe.

Nikolaos Poriotis • 1886-1971 • Griechenland

Vertaling Karl Dieterich


Wache

Eine ganze Nacht lang
hingeworfen
neben einen hingemetzelten
Kameraden
mit seinem gefletschten
Mund
dem Vollmond zugewandt
mit dem Blutandrang
seiner Hände
der in mein Schweigen
einbrach
habe ich Briefe geschrieben
voll von Liebe

Nie bin ich so sehr
am Leben
gehangen

Giuseppe Ungaretti • 1888-1970 • Italien

Vertaling Ingeborg Bachmann


Krieg

Ich betrachte das Tier während es sich leckt
Um besser sich zu vermischen mit allem was es umgibt
Seine Augen haben die Farbe der wogenden See
Und sind unversehens die sumpfige Lache welche die schmutzige
Wäsche den Abfall hin zu sich zieht
Und den Menschen immer anhält
Die Lache mit ihrer kleinen Place de l’Opéra im Bauch
Denn die Phosphoreszenz ist der Schlüssel der Augen des Tiers
Das sich leckt
Und seine Zunge
Die hinausschnellt man weiß zum voraus nie wohin
Ist eine Kreuzung von Schmelzöfen
Von unten beschaue ich seinen Gaumen
Aus Lampen in Säcken besteht er
Und unter dem königsblauen Gewölbe
Entgoldeter Bögen einer im andern im Durchblick
Während der Atem keucht der besteht aus der Verallgemeinerung
ins Unendliche des Atems jener Elenden die sich mit nacktem
Oberkörper auf dem öffentlichen Platz zur Schau stellen und
unter einem herben Münzenregen Petrolfackeln schlucken
Die Pusteln des Tieres glänzen von Hekatomben junger Menschen
mit denen sich vollstopft die Zahl
Die Flanken geschützt durch schimmernde Schuppen die Armeen
Die gewölbten deren jede sich perfekt in ihrem Scharnier dreht
Obwohl sie voneinander abhangen nicht weniger als die Hähne
die sich im Morgengrauen von Miststock zu Miststock beschimpfen
Man rührt an den Gewissensfehler doch manche versteifen sich
auf die Behauptung der Tag breche an

André Breton • 1896-1966 • Frankreich

Vertaling Manfred Gsteiger


Lazarus, schläfst du?

Nerven-Krieg
Erden-
Stände-
Rassen-
Ruinen-
Eisen-
Bedienten-
Kokarden-
Wind-
Wind-
Wind-Krieg
Luft-Spuren-, Meer-Spuren-, Sensen-Spuren-Krieg
Fronten-Krieg und Jammer-Krieg die sich verwickeln
die uns verwickeln
unter dem Krach, unter der Verachtung
unter Gestern, unter den Scherben des gefallenen Standbilds
unter ungeheuren Veto-Tafeln
Gefangene im Misthaufen
unter Morgen gebrochenes Kreuz, unter Morgen
unter Morgen
während Millionen und Millionen Menschen
fortgehn, in den Tod eintreten
sogar ohne einen eigenen Schrei
Millionen und Millionen
das Thermometer friert wie ein Bein
aber eine Stimme gellt aufs äußerste…
und Millionen und Millionen kommandiert vom Norden bis zum Süden
gehen fort und treten ein in den Tod.

Lazarus, du schläfst? wie?.

Sie sterben, Lazarus
sie sterben
und kein Leichentuch
weder Martha noch Maria
oft kaum mehr der Kadaver
Wie ein Narr, der eine Auster schält, lacht
schreie ich
schrei ich
schreie ich stumpfsinnig zu dir
wenn du irgend etwas verstanden hast
an dir ist jetzt die Reihe
an dir ist die Reihe, Lazarus!

Henri Michaux • 1899-1984 • Belgien

Vertaling Max Hölzer


Polyphem
1917

DREI Jahre schon leben wir
In deiner Höhle,
Höhle des Dunkels, des Grauens und böser Erwartung,
Polyphem,
Du ewig hungriger, menschenfressender Riese,
Dessen Auge
Starr, stählern und wimpernlos
Die selige Träne nicht kennt.

Tag für Tag
Greift deine harte haarige Hand
In unsere Reihen,
Fühlt, betastet und wägt unsre schauernden Glieder,
Reißt
Freunde von Freunden,
Bruder von Brüdern,
Schlägt
Schädel und Hirne, gefüllt mit Liebe und warmen Gedanken,
Körper und Stirnen, durchglüht von Samen und Süße des Lebens,
Gegen die Felsen des Schicksals,
Und gierig schlürft
Dein breites, wulstiges tierisches Maul
Das heilige Fleisch
Göttlicher Menschen.
Wie Tiere gedrängt
Schauernd im Dunkel
Der blutigen Höhle
Sitzen wir nachts und fragen uns an mit sklavischen Augen:
Wann du? Wann ich? Wann der letzte
Göttlicher Menschen
In den Wanst,
Den ewig sich weitenden,
Dieses aufgeblähten sinnlosen Tiers?
Unsere Wangen
Sind mürb
Von vergossenen Tränen,
Unsere Augen
Verdunkelt vom täglichen Anblick der Schmach,
Ein eiserner Ring
Erdrückt unsere Kehle,
Die einstens lobsang die Schönheit der Welt.
Wir können nicht reden,
Wir können nur stöhnen.
Wie die Vögel im Sturm
Gesträubten Gefieders
Niedergeduckt
Wärmen wir uns
Einer am andern,
Aber wir ballen die Fäuste,
Daß das Blut uns rot aus den Nägeln springt.

Er aber,
Trunken von Blut,
Frech von der Mast
Heiliger Menschen,
Räkelt sich breit
Auf der ewigen Erde,
Von Morgen bis Mittag
Liegt er hingestreckt,
Zermalmend die Äcker,
Zerberstend die Wälder,
Zerdrückend die Städte,
Der Menschenschlinger,
Und lacht
Mit dem kalten Auge, dem tränenlosen,
In die Himmel,
Wo die Götter, die schläfrigen, schlafen und schlafen.

Aber hüte dich, Polyphem!
Es brennen heimlich
Die Feuer der Rache
In unseren Seelen.
Der Atem der Toten facht sie zur Glut.
Schon schmieden
Wir nächtlich den Pfahl,
Den Pfahl für dein Auge,
Das harte, das kalte, das tränenlose!
Hüte dich, hüte dich, Polyphem,
Schon schärfen wir
Die Spitze im Feuer!
Friß nur, saufe, mäste dich an,
Polyphem,
Doch wenn du dann träumst vom ewigen Fraße,
Stoßen wir dir die Nacht in die Stirn,
Und aus der Höhle des Bluts und des Grauens
Schreiten
Wir, Brüder der Völker, Brüder der Zeiten,
Über deine stinkende Leiche
In die ewigen Himmel der Welt.

Stefan Zweig • 1881-1942 • Österreich


Hannibal

Selbst an den allerverlorensten Schlachten,
selbst an Plänen, die wieder und wieder
scheiterten, scheitern mußten, berauschen sich
Knabentränen und Heldenlieder.

Robert Frost • 1874-1963 • USA

Vertaling Robert R.Schnorr


Mörder

Ich singe euch zu,
Sanft wie ein Mensch zu einem toten Kinde spricht,
Hart, wie ein Mann in Handschellen,
In denen er sich nicht rühren kann.

Unter der Sonne sind sechzehn Millionen Menschen
Ausgewählt für ihre glänzenden Zähne,
Scharfen Augen, starken Schenkeln
Und warmem, jungem Blut in den Adern.

Und roter Saft rinnt über Gras,
Und roten Saft trinkt die dunkle Erde,
Und die sechzehn Millionen morden … und morden … und morden.

Ich vergesse sie weder am Tag noch zur Nacht.
sie hämmern Erinnerung an meine die Stirn;
sie drücken mein Herz, und ich schreie ihnen zu,
Ihren Heimen und Frauen, Träumen und Spielen.
Nachtwachend, riech ich die Schützengräben,
Hör das leise Geräusch der Linienschläfer –
Sechzehn Millionen Schläfer und Wacher im Dunkel,
Einige unter ihnen Schläfer auf immer.

Andere stürzen in den morgigen Todesschlaf.
Gekettet an den Rechen dieser herzbrechenden Welt,
Essend und und trinkend, sich abmühend …
An der Akkordarbeit des Mords.

Sechzehn Millionen.

Carl August Sandburg • 1878-1967 • USA

Vertaling Claire Goll


Kriegslied

Sengen, brennen, schießen, stechen,
schädel spalten, Rippen brechen,
spionieren, requirieren,
patrouillieren, exerzieren,
fluchen, bluten, hungern, frieren …
So lebt der edle Kriegerstand,
die Flinte in der linken Hand,
das Messer in der rechten Hand –
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Aus dem Bett von Lehm und Jauche
zur Attacke auf dem Bauche!
Trommelfeuer – Handgranaten –
Wunden – Leichen – Heldentaten –
bravo, tapfere Soldaten!
So lebt der edle Kriegerstand,
das Eisenkreuz am Preußenband,
die Tapferkeit am Bayernband,
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Stillgestanden! Hoch die Beine!
Augen gradeaus, ihr Schweine!
Visitiert und schlecht befunden.
Keinen Urlaub. Angebunden.
Strafdienst extra sieben Stunden.
So lebt der edle Kriegerstand.
Jawohl, Herr Oberleutenant.
Und zu Befehl, Herr Leutenant!
Mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Vorwärts mit Tabak und Kümmel!
Bajonette. Schlachtgetümmel.
Vorwärts! Sterben oder Siegen!
Deutscher kennt kein Unterliegen.
Knochen splittern, Fetzen fliegen.
So lebt der edle Kriegerstand.
Der Schweiß tropft in den Grabenrand,
das Blut tropft in den Straßenrand,
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Angeschossen – hochgeschmissen –
Bauch und Darme aufgerissen.
Rote Häuser – blauer Ather –
Teufel! Alle heiligen Väter! …
Mutter! Mutter!! Sanitäter!!!
So stirbt der edle Kriegerstand,
in Stiefel, Maul und Ohren Sand
und auf das Grab drei Schippen Sand –
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Erich Mühsam • 1878-1934 • Deutschland


Marville

Granatensturm tagaus, tagein,
Mörser brüllen, Haubitzen schrein,
In Gas, in Feuer Tal und Hang,
der Mensch in Loch und Minengang –
Wann werden deine Zähne ruhn,
Bluthund Verdun?

Sie gruben Massengräber aus,
sie trugen Schädel in Gottes Haus,
sie schufen geisterhaftes Werk,
um Christi Kreuz den Knochenberg –
Sie zählten schweigend, zählten grausend:
Vierzigtausend.

vierzigtausend nördlich Verdun!
Zu Marville in der Kapelle nun;
Freund und Feind – auf ewig stumm,
keiner wusste, wofür, warum?
Vierzigtausend zerschossen, zerschellt,
Ums Leben geprellt.

Weiter un weiter die endlose Schlacht,
Mörser halten die Totenwacht,
Mörser sprechen das Totengebet –
Manchmal stummes Entsetzen geht
durch Bunker und Graben – Wir flüstern grausend:
Vierzigtausend.

Edwin Hoernle • 1883-1952 • DDR


Lied gegen den Krieg

Muschiklied 1917

Der Prolet wird in den Krieg verladen
Daß er tapfer und selbstlos ficht.
Warum und für wen wird ihm nicht verraten
Für ihn selber ist es nicht.
Dreck euer Krieg! So macht ihn doch allein!
Wir drehen die Gewehre um
Und machen einen andern Krieg
Das wird der richtige sein.

Der Prolet muß in den vordersten Graben
Die Generäle bleiben dahint.
Und wenn die Herren gegessen haben
Kann sein, daß er auch noch etwas find’t.
Dreck euer Krieg! So macht ihn doch allein!
Wir drehen die Gewehre um
Und machen einen andern Krieg
Das wird der richtige sein.

Der Prolet baut ihnen die Kriegsmaschinen
Für einen schlechten Lohn
Damit sie ums Leben bringen mit ihnen
Mancher Proletenmutter Sohn.
Dreck euer Krieg! So macht ihn doch allein!
Wir drehen die Gewehre um
Und machen einen andern Krieg
Das wird der richtige sein.

Der Prolet bezahlt die Niederlage
Der Prolet bezahlt den Sieg.
Drum planen sie bis zum Jüngsten Tage
Mit ihm noch manchen blutigen Krieg.
Dreck euer Krieg! So macht ihn doch allein!
Wir drehen die Gewehre um
Und machen einen andern Krieg
Das wird der richtige sein.

Der Prolet steht Jahr und Tag im Kriege
In der großen Klassenschlacht
Und der blutet und zahlt bis zu seinem Siege
Der ihn für immer zum Herren macht.
Dreck euer Krieg! So macht ihn doch allein!
Wir drehen die Gewehre um
Und machen einen andern Krieg
Das wird der richtige sein.

Bertolt Brecht • 1898-1956 • DDR


Die Mörder sitzen in der Oper

Der Zug entgleist. Zwanzig Kinder krepieren.
Die Fliegerbomben töten Menschen und Tier.
Darüber ist kein Wort zu verlieren.
Die Mörder sitzen im «Rosenkavalier».

Die Soldaten verachtet durch die Straßen ziehen.
Generale prangen im Ordensstern,
Deserteure, die vor dem Angriff fliehen,
Erschießt man im Namen des obersten Herrn.

Auf, Dirigent, von deinem Orchesterstuhle!
Du hast Menschen getötet. Wie war dir zumut?
Waren es viel? Die Mörder machen Schule.
Was dachtest du beim ersten spritzenden Blut?

Der Mensch ist billig und das Brot wird teuer.
Die Offiziere schreiten auf und ab.
Zwei große Städte sind verkohlt im Feuer.
Ich werde langsam wach im Massengrab …

Ein gelber Leutnant brüllt an meiner Seite:
«Sei still, du Schwein!» Ich gehe stramm vorbei,
Im Schein der ungeheuren Todesweite
Vor Kälte grau in alter Leichen Brei.

Das Feld der Ehre hat mich ausgespien;
Ich trete in die Königsloge ein.
Schreiende Schwäne nackter Vögel ziehen
Durch goldene Tore ins Foyer hinein.

Sie halten blutige Därme in den Krallen,
Entrissen einem armen Grenadier.
Zweitausend sind in dieser Nacht gefallen!
Die Mörder sitzen im «Rosenkavalier».

Verlauste Krüppel sehen aus den Fenstern.
Der Mob schreit: «Sieg!» Die Betten sind verwaist.
Stabsärzte halten Musterung bei Gespenstern;
Der dicke König ist zur Front gereist.

«Hier, Majestät, fand statt das große Ringen!»
Es naht der Feldmarschall mit Eichenlaub.
Die Tafel klirrt, Champagnergläser klingen.
Ein silbernes Tablett ist Kirchenraub.

Noch strafen Kriegsgerichte das Verbrechen
Und hängen den Gerechten in der Welt.
Geh hin, mein Freund, du kannst dich an mir rächen!
Ich bin der Feind. Wer mich verrät, kriegt Geld.

Der Unteroffizier mit Herrscherfratze
Steigt aus geschundenem Fleisch ins Morgenrot.
Noch immer ruft Karl Liebknecht auf dem Platze:
«Nieder der Krieg!» Sie hungern ihn zu Tod.

Wir alle hungern hinter Zuchthaussteinen,
Indes die Oper tönt im Kriegsgewinn.
Mißhandelte Gefangene stehn und weinen
Am Gittertor der ewigen Knechtschaft hin.

Die Länder sind verteilt. Die Knochen bleichen.
Der Geist spinnt Hanf und leistet Zwangsarbeit.
Ein Denkmal steht im Meilenfeld der Leichen
Und macht Reklame für die Ewigkeit.

Man rührt die Trommel. Sie zerspringt im Klange.
Brot wird Ersatz und Blut wird Bier.
Mein Vaterland, mir ist nicht bange!
Die Mörder sitzen im «Rosenkavalier».

Walter Hasenclever • 1890-1940 • Deutschland


Europas Sturz

Komm, Bruder, komm heute abend
mit deiner Schwester zu beten, die keinen Sohn,
keine Mutter noch der Ihren Gegenwart hat.
Es ist bitter zu beten und das Echo zu hören,
das eine taube Luft und eine Mauer dir werfen.
Komm, Bruder, du, oder Schwester durch die Lichtung
des Maisfelds, ehe der Tag irre
und blind dahinsinkt, ohne zu ahnen,
daß sie, die niemals gelitten, leidet,
von Feuern durchlöchert und raucherstickt brennt,
die Alte Mutter, die uns in ihrem
Olivenhain und ihrem Weinberg geborgen.

Die amerikanische Gäa allein
lebt ihre Nacht mit Duft
von Klee, Thymian und Majoran,
Biber- und Marderlaut lauschend
und dem blauen Lauf der Chinchilla.
Ich spüre Scham ob meines ermüdeten Ave,
das mir kaum die Schultern umstreicht
oder wie eine erjagte Möwe aufsteigt und abstürzt,
indes die Mutter in Trauer verharrt,
zu einem pechschwarzen Himmel starrend,
der ihre Hoffnung höhnend beschneidet
und der Alten Nacht zuschreit: «Du bist es nicht.»
Wir sind die Kinder, die ihrer Mutter Namen rufen,
ohne in diesen Stunden zu wissen, ob sie die nämliche ist,
ob sie uns mit dem gleichen Namen erwidert,
oder ob, von Metall und Feuer entzündet,
die Glieder ihr brennen, die da Sizilien,
Flandern, Normandie und Kampanien heißen.

Für die Traurigkeit und das Gebet
genügen zwei Spannen Gras und Luft.
Brot und Wein und Frucht schaffe man
nicht herbei bis zum Tag des Frohlockens,
des Tanzes und toller Arme, die Zweige schaukeln.
In dieser Nacht weder ein Tisch,
mit Falerner glückhaft bestellt noch mit Blüten von Mohn.
Auch kein Schluchzen. Und auch kein Schlaf.

Gabriela Mistral • 1889-1957 • Chile

Vertaling Albert Theile


Gestorben – für wen?

Wenn heute an meine vier Neffen ich denk,
von meinen drei Schwestern die Söhne,
Und wenn ich ins Los mich der Meinen versenk,
So frag ich mich, sind es die drei, sind’s die vier,
Für die ich ein größeres Mitleid verspür!
Um wen fließt mir heißer die Träne?
Der deine gefallen bei Krasnik! Fortab
Hast Ruhe dem Schmerz du geboten.
Der Junge der zweiten ist nahe dem Grab,
Er siecht an den Wunden des Kriegs im Spital.
Die dritte, die sucht ihre beiden voll Qual
Schon lang in den Listen der Toten.

Die Armen! Ich sehe sie spielen im Sand …
Wie rasch sie der Kindheit entgleiten!
Wie blühn die Gesichter, so sonnenverbrannt!
Wie jauchzen zum Hause sie hin von den Höhn!
Und vor meinem geistigen Auge erstehn
Die Bilder vergangener Zeiten.

Ich seh im Getümmel des Krieges sie jetzt,
Im feuerumbrandeten Raume!
Sie stehen, krümmen sich, fallen zuletzt,
Die Schauer des Todes verziehn ihr Gesicht,
Doch glänzt auf den bleichenden Wangen ein Licht,
Wie manchmal dem Schläfer im Traume.

Ich fühle kein Leid mehr um sie. Mein Gemüt
Ist ruhig, gestillt ist das Bluten.
Und wie seine Lieben im Traume man sieht,
So stehn sie vor mir, und mich schmerzt nicht ihr Los.
Mir ist es, als trüge im Schlaf mich ein Floß
Dahin über spiegelnde Fluten.

Mag sein, daß die Toten Gespräche geführt
Und daß sie geraunt mir die Kunde;
Mag sein, daß ein Zweifel den Geist mir berührt:
Rumänen seh ich! … Ein gespenstiges Heer!
Sie greifen, und haben doch Hände nicht mehr,
Sie schrein mit zerschmettertem Munde!

Sie fallen! Ich schaudre! Auf wessen Gebot?
Wer fordert von ihnen das Leben?
Für uns ist ja traurig und sinnlos ihr Tod!
Ich stell mir mit Schrecken die Frage: Für wen?
Ich suche und forsche und kann’s nicht verstehn,
Und keiner kann Antwort mir geben!

George Coşbuc • 1866-1918 • Rumänien

Vertaling Rudolf Lichtendorf


Mein Kopf

Mein Kopf –
blutige Laterne mit zertrümmerten Gläsern,
ausgesetzt, vergessen
in Regen, Nebel, Kälte
auf mitternächtlichem Felde.
Ich – gefallen an Höhe 506,
auferstanden zu Paris und Berlin.
Es zählen nicht Jahrhunderte,
es zählen nicht Stunden –
es zählt allein das Jetzt!
Über dem letzten Frühling pfeifst du gierig und kühn:
o Degen, der du die Netze
aus blutigen Tropfen zerfetztest
inmitten finsterer Nacht –
doch blinde göttliche Macht
sammelt Stück für Stück sie
flickt sie
fügt sie
führt sie schweigend an das gewesene Gespenst …
O Sphinx, erbarmungslos gelassen
erstarrt in der kalten Grimasse
des Spötters –
dumpf in die Höhe ragend
stumm für des Ödipus Fragen,
des ewig geblendeten Bettlers,
des geprellten
gefällten
Helden –
ausgesetzt, vergessen
in Regen, Nebel, Kälte.

Geo Milew • 1895-1925 • Bulgarien

Vertaling Wolfgang Köppe


Die Städte, die da blühn

Die Städte, die da blühn, sie mögen weiter
Bedeutsam tun mit Namen und mit Schall.
Nicht Rom, die Stadt, lebt fort durch Zeit und Zeiten,
Es lebt des Menschen Ort – ein Ort im All.

Ihn zu erobern, ziehn der Fürsten Heere,
Heißen die Priester all die Kriege gut.
Und ohne ihn – die Häuser, die Altäre:
Verachtungswürdig, elend Schutt.

Ossip Mandelstam • 1891-1938 • UdSSR

Vertaling Paul Celan


Kanonen
1
Vernichten wollen sie, nicht nur verwunden.
Was gibt es Böseres, als sich zu freun,
hat man ein neues Instrument erfunden,
die Macht der Mörder weiter auszustreun!

Der Himmel gab dem Menschen, daß ihm teuer
das Leben sei, ein Herz. In ihrer Gier
nach Mord sind das noch Menschen? – Ungeheuer,
Bestien, tierischer noch als das Tier!

2
Wenn das nicht endet, wird die Welt vernichtet.
Soll das des Himmels letzter Ratschluß sein?
Käm doch ein Held, der die Vernichter richtet,
um statt Vernichtung Güte auszustreun!

Rju Rin Sok • 1842-1915 • Korea

Vertaling Ernst Schwarz


Stimmen

Als die Männer zurückkehrten aus dem Krieg,
dessen Schlachtfelder brüllende Leerheit
gewesen waren, da fanden sie daheim genau
dasselbe, kanonengleich brüllend die Leere
der Technik, und wie auf den Schlachtfeldern
hatte das Menschenleid sich in die Winkel der
Vakuumräume zu verkriechen, umwittert von
deren Schreckensheiserkeit, mitleidlos umwitter
rohen Nichts.
Da war es den Männern, als hätten sie nicht
zu sterben aufgehört,
und sie fragten, was alle Sterbenden
fragen: wohin, ach, wohin haben wir
unser Leben vertan? Was hat uns in
solche Leerheit hineingestellt und
dem Nichts anheimgegeben? Ist das
wirklich des Menschen Bestimmung und
sein Los? Soll unser Leben wirklich
keinen anderen Sinn als diesen Nicht-Sinn
gehabt haben?
Indes, die Antworten auf die Fragen waren
selbsterteilte, und demzufolge waren sie
wieder nur leere Meinungen, wieder nur das
leere Nichts,
eingebettet im Nichts, geformt vom Nichts
und daher vorbestimmt, wiederum abzugleiten
zur Wirrnis der Überzeugungen, die den
Menschen zwingen, aufs neue sich aufzuopfern,
aufs neue wie im Kriege,
aufs neue in unheilig-hohler Heldischkeit,
aufs neue in einem Tod ohne Märtyrertum,
aufs neue im leeren Opfer, das nimmermehr
über sich hinauswächst.
Wehe über eine Zeit der hohlen Überzeugungen
und hohlen Opfer!

Hermann Broch • 1886-1951 • Österreich


Der Budjonnyreiter

Hinterm Dorfe, in blauer Sommerglut,
Wogte golden, fast schon reif, das Korn.
Ein Budjonnyreiter, junges Blut,
Stand, den Schatz im Arm, am Feldrain vorn.
Keck saß ihm der Schopf. Am Kinn
Sproß ihm erster Flaum. Vom Dorf her scholl
Hornsignal … Ach, ihm ist doch so wohl,
Auch das Mädchen hat nur ihn im Sinn!
Heut hat er zum erstenmal geküßt.
Ähren rings und blaues Himmelszelt …
Er ging fort. Und schon nach kurzer Frist
Sprengte er mit der Schwadron durchs Feld.
Sie stand da, das Kopftuch, taugenäßt,
An die tränenschwere Brust gepreßt.
Doch ihn warf die Kugel hin – dort vorn,
Wo, fast reif schon, golden wogt das Korn.
Lang ist’s her…
Mein lieber fremder Freund,
Weißt du auch, was diese Zeile meint?
Du bist heut vielleicht, mit siebzehn Jahr,
Glücklich, wie noch niemand vor dir war.
Sterne flimmern. Friedlich liegt das Land.
Und du liebst – du weißt nichts andres mehr …
Doch bist du wohl glücklich nur, weil er
In der Liebe nicht Erfüllung fand!

Stepan Stschipatschow • 1898-1980 • UdSSR

Vertaling Alfred Kurella


Drei Minuten Gehör!

Drei Minuten Gehör will ich von euch, die ihr arbeitet!
Von euch, die ihr den Hammer schwingt,
von euch, die ihr auf Krücken hinkt,
von euch, die ihr die Feder führt,
von euch, die ihr die Kessel schürt,
von euch, die mit den treuen Händen
dem Manne ihre Liebe spenden –
von euch, den Jungen und den Alten:
Ihr sollt drei Minuten innehalten.
Wir sind ja nicht unter Kriegsgewinnern.
Wir wollen uns einmal erinnern.

Die erste Minute gehöre dem Mann.
Wer trat vor Jahren in Feldgrau an?
Zu Hause die Kinder – zu Hause weint Mutter …
Ihr: feldgraues Kanonenfutter!
Ihr zogt in den lehmigen Ackergraben.
Da saht ihr keinen Fürstenknaben:
der soff sich einen in der Etappe.
und ging mit den Damen in die Klappe.
Ihr wurdet geschliffen. Ihr wurdet gedrillt.
Wart ihr noch Gottes Ebenbild?

In der Kaserne – im Schilderhaus
wart ihr niedriger als die schmutzigste Laus.
Der Offizier war eine Perle,
aber ihr wart nur «Kerle»!
Ein elender Schieß- und Grüßautomat.
«Sie Schwein! Hände an die Hosennaht!»
Verwundete mochten sich krümmen und biegen:
kam ein Prinz, dann hattet ihr strammzuliegen.
Und noch im Massengrab wart ihr Schweine:
Die Offiziere lagen alleine!
Ihr wart des Todes billige Ware …
So ging das vier lange blutige Jahre.
Erinnert ihr euch?

Die zweite Minute gehöre der Frau.
Wem wurden zu Haus die Haare grau?
Wer schreckte, wenn der Tag vorbei,
in den Nächten auf mit einem Schrei?
Wer ist es vier Jahre hindurch gewesen,
der anstand in langen Polonäsen,
indessen Prinzessinnen und ihre Gatten
alles, alles, alles hatten?
Wem schrieben sie einen kurzen Brief,
daß wieder einer in Flandern schlief?
Dazu ein Formular mit zwei Zetteln …
wer mußte hier um die Renten betteln?
Tränen und Krämpfe und wildes Schrein.
Er hatte Ruhe. Ihr wart allein.
Oder sie schickten ihn, hinkend am Knüppel,
euch in die Arme zurück als Krüppel.
So sah sie aus, die wunderbare
große Zeit – vier lange Jahre …
Erinnert ihr euch?

Die dritte Minute gehört den Jungen!
Euch haben sie nicht in die Jacken gezwungen!
Ihr wart noch frei! Ihr seid heute frei!
Sorgt dafür, daß es immer so sei!
An euch hängt die Hoffnung. An euch das Vertraun
von Millionen deutschen Männern und Fraun.
Ihr sollt nicht strammstehn. Ihr sollt nicht dienen!
Ihr sollt frei sein! Zeigt es ihnen!
Und wenn sie euch kommen und drohn mit Pistolen:
Geht nicht! Sie sollen euch erst mal holen!
Keine Wehrpflicht! Keine Soldaten!
Keine Monokel-Potentaten!
Keine Orden! Keine Spaliere!
eine Reserveoffiziere!
ihr seid die Zukunft!
Euer das Land!
schüttelt es ab, das Knechtschaftsband!
wenn ihr nur wollt, seid ihr alle frei!
Euer Wille geschehe! Seid nicht mehr dabei!
Wenn ihr nur wollt: bei euch steht der Sieg!
Nie wieder Krieg!

Kurt Tucholsky • 1800-1935 • Deutschland


Ballade des Vergessens

In den Lüften schreien die Geier schon,
Ach Lüstern nneuem Aase.
Es hebt so mancher die Leier schon
Eim freibiergefüllten Glase,
Zu schlagen siegreich den alt bösen Feind,
Tät er den Humpen pressen …
Habt ihr die Tränen, die ihr geweint,
Vergessen, vergessen, vergessen?

Habt ihr vergessen, was man euch tat,
Des Mordens Dengeln und Mähen?
Es lässt sich bei Gott der Geschichte Rad
Beim Teufel nicht rückwärts drehen.
Der Feldherr, der Krieg und Nerven verlor,
Er trägt noch immer die Tressen.
Seine Niederlage erstrahlt in Glor
Und ?Glanz: ihr habt sie vergessen.

Vergaßt ihr die gute alte Zeit,
Die schlechteste je im Lande?
Euer Herrscher hieß Narr, seine Tochter Leid,
Die Hofherren Feigheit und Schande.
Er führte euch in den Untergang
Mit heiteren Mienen, mit kessen,
Längst habt ihr’s bei Wein, Weib und Gesang
Vergessen, vergessen, vergessen.

Wir haben Gott und Vaterland
Mit geifernden Mäulern geschändet.
Wir haben mit unsrer dreckigen Hand
Hemd und Meinung gewendet.
Es galt kein Wort mehr ehrlich und klar,
Nur Lügen unermessen …
Wir hatten die Wahrheit so ganz und gar
Vergessen, vergessen, vergessen.

Millionen krepierten in diesem Krieg,
Den nur ein paar Dutzend gewannen.
Sie schlichen nach ihrem teuflischen Sieg
Mit vollen Säcken von dannen.
Im Hauptquartier bei Wein und Sekt
Tat mancher sein Liebchen pressen.
An der Front lag der Kerl, verlaust und verdreckt
Und vergessen, vergessen, vergessen.

Es blühte noch nach dem Kriege der Mord,
Es war eine Lust, zu knallen.
Es zeigte in diesem traurigen Sport
Sich Deutschland über allen.
Ein jeder Schurke hielt Gericht,
Die Erde mit Blut zu nässen.
Deutschland, du sollst die Ermordeten nicht
Und nicht die Mörder vergessen!

O Mutter, du opferst deinen Sohn
Armeebefehlen und Ordern.
Er wird dich einst an Gottes Thron
Stürmisch zur Rechenschaft fordern.
Dein Sohn, der im Graben, im Grabe schrie
Nach dir, von Würmern zerfressen …
Mutter, Mutter, du solltest es nie
Vergessen, vergessen, vergessen!

Ihr heult von Kriegs- und Friedensschluß – hei:
Der andern – ihr wollt euch rächen:
Habt ihr den frechen Mut, euch frei
Von Schuld und Sühne zu sprechen?
Sieh deine Fratze im Spiegel hier
von Haß und Raffgier besessen:
Du hast, war je eine Seele in dir,
Sie vergessen, vergessen, vergessen.

Einst war der Krieg noch ritterlich,
Als Friedrich die Seinen führte,
In der Faust die Fahne – nach Schweden nicht schlich
Und nicht nach Holland ‘chappierte.
Einst galt noch im Kampfe Kopf gegen Kopf
Und Mann gegen Mann – indessen
Heut drückt der Chemiker auf den Knopf,
Und der Held ist vergessen, vergessen.

Der neue Krieg kommt anders daher,
Als ihr ihn euch geträumt noch.
Er kommt nicht mit Säbel und Gewehr,
Zu heldischer Geste gebäumt noch:
Er kommt mit Gift und Gasen geballt,
Gebraut in des Teufels Essen.
Ihr werdet, ihr werdet ihn nicht so bald
Vergessen, vergessen, vergessen.

Ihr Trommler, trommelt, Trompeter blast:
Keine Parteien gibt’s mehr, nur noch Leichen!
Berlin, Paris und München vergast,
Darüber die Geier streichen.
Und wer die Lanze zum Himmel streckt,
Sich mit wehenden Winden zu messen –
Der ist in einer Stunde verreckt
Und vergessen, vergessen, vergessen.

Es fiel kein Schuß. Steif sitzen und tot
Kanoniere auf der Lafette.
Es liegen die Weiber im Morgenrot,
Die Kinder krepiert im Bette.
Am Potsdamer Platz Gesang und Applaus:
Freiwillige Bayern und Hessen …
Ein gelber Wind – das Lied ist aus
Und auf ewige Zeiten vergessen.

Ihr kämpft mit Dämonen, die keiner sieht,
Vor Bazillen gelten nicht Helden,
Es wird kein Nibelungenlied
Von eurem Untergang melden.
Zu spät ist’s dann, von der Erde zu fliehn
Mit etwa himmlischen Pässen.
Gott hat euch aus seinem Munde gespien
Und vergessen, vergessen, vergessen.

Ihr hetzt zum Krieg, zum frischfröhlichen Krieg.
Und treibt die Toren zu Paaren.
Ihr werdet nur einen einzigen Sieg:
Den Sieg des Todes gewahren.
Die euch gerufen zur Vernunft,
Sie schmachten in den Verlässen:
Christ wird sie bei seiner Wiederkunft
Nicht vergessen, vergessen, vergessen.

Klabund


Vogesenballade

Ein Sommer führte uns durch die Vogesen.
Dort war der letzte Krieg noch nicht begraben.
Um einen Wald verkohlter Rutenbesen
zog sich ein Zaun aus Kreuzen toter Knaben.

Oft sahn wir Mütter, die die Erde küßten,
sie streichelten, ihr schmeichelnd Namen gaben,
als ob die Gräber, die die Toten haben,
besänftigt werden und sich öffnen müßten.

Der mit mir ging, der blieb vor jeder stehn
und fragte sie: Wie ließest du’s geschehn?
Und als sie schwiegen, fragte er: Für wen? …
Mit Hungerschrei nach Beute auszuspähn,
krächzten vom Hartmannsweilerkopf die Raben …
Für wen? Für wen?

Louis Fürnberg • 1909-1957 • DDR


Der große Verbrecher

Das ist das Große am großen Krieg:
Er kennt kein Oben und Unten.
Das Universalmittel «Heil und Sieg!»
hilft für alle sozialen Wunden.

Hat einer fünf oder zehn Jahre «Ehrverlust»
für einen Griff in gefüllte Taschen –
der Zuchthausstempel auf seiner Brust
wird vorm Feind mit Blut abgewaschen.

Das Vaterland ruft und gibt Pardon
für große und kleine Sünder.
Der Kleine kommt mit dem Pappkarton,
der Große im Achtzylinder.

Entsprechend sieht auch die Belohnung aus
für das gesetzlich geschützte Morden:
Der Kleine bringt ein Holzbein nach Haus,
der Große viel Geld und Orden.

Bis dann alles wieder das Alte ist:
Ihr hungert und kommt ins Gefängnis,
und der Räuber und Mörder Kapitalist
rüstet zum nächsten Verhängnis.

Nur eine Macht hemmt seinen Lauf:
Die Faust der proletarischen Rächer.
Dann stehen die Unterdrückten auf
und erschlagen den großen Verbrecher!

Slang • 1895-1932 • Deutschland


Verdun, viele Jahre später

Auf den Schlachtfeldern von Verdun
finden die Toten keine Ruhe.
Täglich dringen dort aus der Erde
Helme und Schädel, Schenkel und Schuhe.

Über die Schlachtfelder von Verdun.
laufen mit Schaufeln bewaffnete Christen,
kehren Rippen und Köpfe zusammen
und verfrachten die Helden in Kisten.

Oben am Denkmal von Douaumont
liegen zwölftausend Tote im Berge.
Und in den Kisten warten achttausend
Männer vergeblich auf passende Särge.

Und die Bauern packt das Grauen.
Gegen die Toten ist nichts zu erreichen.
Auf den gestern gesäuberten Feldern.
liegen morgen zehn neue Leichen.

Diese Gegend ist kein Garten,
und erst recht kein Garten Eden.
Auf den Schlachtfeldern von Verdun
stehn die Toten auf und reden.

Zwischen Ähren und gelben Blumen,
zwischen Unterholz und Farnen
greifen Hände aus dem Boden,
um die Lebenden zu warnen.

Auf den Schlachtfeldern von Verdun
wachsen Leichen als Vermächtnis.
Täglich sagt der Chor der Toten:
«Habt ein besseres Gedächtnis!»

Erich Kästner • 1899-1974 • BRD


Tommy

Den feldgrauen Gemeinen zur Erinnerung

In eine Kneipe ging ich ‘rein und wollt’ ‘nen Schoppen Bier;
Der Ober reißt die Schnauze auf: «Bedient wer Mannschaft hier?»
Die Mädels hinterm Bartisch grien’n und kichern sich ‘nen Ast:
Ich mach aufs Pflaster ‘raus zurück und red’ mir zu verbaast:
Ja, «Tommy hin» und «Tommy her» und: «Tommy, mach beiseit!»
Doch «Dank dir, wackrer Tommy», wenn die Kriegserklärung schreit,
Die Kriegserklärung schreit, ihr Jungs, die Kriegserklärung schreit,
Oh, «Dank dann, wackrer Tommy», wenn die Kriegserklärung schreit.

Ich wollt’ da ins Theater ‘rein, so nüchtern wie nur kaum,
Für’n angetrunknen Bürger ja, für mich war da kein Raum;
Sie stukten mich zur Galerie in Varietégestank;
Doch heißt’s: «In’n Graben!» – Großer Gott, so blüht mir Erster Rang.
Denn «Tommy hin» und «Tommy her» und: «Tommy, wart im Schnee -»
Doch «Extrazug für Atkins», wenn ’s Transportschiff heult am Kai.
Der Dampfer heult am Kai, ihr Jungs, der Dampfer heult am Kai,
Dann «Extrazug für Atkins», wenn der Dampfer heult am Kai!

Ja, Grinsen übern grauen Rock, der euch im Schlaf bewacht,
Ist billiger als der Graurock, der’s für fünf Mark dreißig macht,
Und uns dem Spieß verpetzen, wenn wir bißken Schnaps gesehn
Ist fünfmal beßre Sache als: «Mit Sturmzeug – stillestehn!»
Denn «Tommy hin» und «Tommy her» und: «Tommy, schämst dir nischt?»
Doch «Graue Heldenmauer», wenn die Sturmrakete zischt!
Die Sturmrakete zischt, ihr Jungs, die Sturmrakete zischt!
Dann «Graue Heldenmauer!», wenn die Sturmrakete zischt.

Wir sind nicht graue Helden, doch auch Lümmels sind wir nicht,
Nur einz’lne Leut im Unterstand, höchst gleich dir von Gesicht.
Und wenn dir unsre Führung auch nicht immer schön gefällt,
Na, einz’Ine Leut im Unterstand sind nicht wie feine Welt.
Denn «Tommy hin» und «Tommy her» und: «Schmeißt ihn ‘raus, den
Schuft!»
Doch «vorwärts schnell, in Front, ihr», ja, am Tag voll dicker Luft –
’s gibt höllisch dicke Luft heut, Jungs, s gibt höllisch dicke Luft,
Dann: «Vorwärts, schnell in Front, ihr», denn’s gibt höllisch dicke Luft

Ihr quatscht von beßrem Fraß für uns, von Unterricht, Kluft und Feuer –
Behandelt uns als Menschen erst, das kommt euch halb so teuer.
Bohrt nicht im Küchenabfall ‘rum, doch zeigt uns ins Gesicht,
Des Britenvolkes Waffenrock bringt keine Schande nicht:
Denn «Tommy hin» und «Tommy her» und: «Kerl, er ist verlaust!»
Doch «Retter du der Heimat!», wenn das Bombenflugzeug braust.
Und Tommy dies und Tommy jen’s und alles, was euch paßt –
Nur zeigt, daß ihr, was Mannschaft war, nicht immerzu vergaßt!

Rudyard Kipling • 1865-1936 • England

Vertaling Arnold Zweig


Die Augen der Toten

Hier seh ich noch
das Schlachtfeld bei Reims, zerwühlt bis auf den Kalk.
Der zerstörte Panzer sondert Rost ab,
das Eisen blutet.
Aus der Ferne, von der Luft hergetragen,
starren mich die verdrehten Augäpfel der Erde an.
Es ist so still,
als schriebe ich mit der ersten, zarten Grasfeder.

Jene tote Weite
schloß die Augen.
Nur die Ferne starrt
durchdringend.
Und hier auf dem Feld hat man
einen frischen Hügel aufgeschüttet.
Über ihm erhob der Raum, von der Schlacht unversehrt,
in Verzweiflung
aus der unverschlossenen Erde
seinen einzigen weißen Arm: Die Birke.

Julian Przyboś • 1901-1970 • Polen

Vertaling Henryk Bereska


Nieder!

1929

Die Sirupschmierer
und Idealisierer des Alten
wußten den Krieg
mit Scharm zu gestalten.
Hei, Feldzug!
Hei, Schlachtfeld!
Mit Blasorchestern!
Aufs Uniformgold
starren Bräute und Schwestern.
Durch lächelnder Lippen und Augen Spalier
stampft mancher
Husarenschnurrbart-Offizier.
Befunkle den Feind –
und für deine Verdienste
nimm Dienstgrade,
Orden
und andre Gewinste.
Oder geh hin
und stirb im Granatenhagel, –
ein Denkstein
besiegelt
dein glorreich Debakel.
Noch heut kann sich’s mancher
nicht abgewöhnen
und lügt wie gedruckt,
wie ein Tischchenklopfer:
«In schönen Gewändern
brachten die Schönen
stolz ihre Leiber zum Opfer …»
Ist’s wirklich so schön?
Ich bedank mich ergebenst
für diese Verschönung
und Krönung des Lebens!
Die Kriegslust trachten uns einzutrichtern
Poeten.
Sie seien entlarvt von Dichtern!
Krieg – ist ein Stankwind,
von Leichen gesäugt.
Krieg – die Fabrik,
die Bettler erzeugt.
Ein gräßliches Massengrab ohne Maß,
Hunger, Schmutz, Läuse,
Typhus und Aas.
Krieg – für die Reichen
Gewinn und Glück.
Für uns – Verkrüppelung.
Krieg heißt Krück.
Krieg heißt Befehl,
heißt Manifest:
«daß ihr eure Bräute
in Holzarme preßt!»
Genossen Leute,
dem ganzen Planeten
erklärt:
den Krieg haben wir uns verbeten!
Und wär’s,
daß des Weltfriedens Wohl
von euch forderte:
«Vernichtet
die regierenden Häuflein,
ihr Proleten!» –
so betrachtet euch
als heilig Beorderte:
Herolde der Zukunft,
befriedet den Planeten!

Wladimir Majakowski

Vertaling Hugo Huppert


An die Heimat

Nicht hab ich selbst gewählt: In dir geboren
ward ich im Juni, der voll Glutstaub ist,
und lieb dich nicht um deines Reichtums willen,
nein, einzig, weil du meine Heimat bist.

Bulgare bin ich nicht ob deinem Ruhme,
ob deiner Kraft und deinem Heldensinn,
nein, weil die Krieger Samuils je zu vergessen,
ach, die geblendeten, zu schwach ich bin.

Mag doch in dir nach leichter Ehre streben,
nach Glanz und Macht, wem dies das Höchste scheint.
Das Leiden ist’s, was mich mit dir verbindet
und was im Schicksal unsre Liebe eint.

Atanas Daltschew • 1904-1978 . Bulgarien

Vertaling Uwe Grüning


Romanze von der spanischen Guardia Civil

Schwarze Pferde. Schwarze Eisen.
Auf den Capas glänzen Flecken,
die von Tinte sind und Wachs.
Ihre Schädel sind aus Blei,
Darum weinen sie auch niemals.
Ihre Seelen sind aus Lack –
damit kommen auf der Straße
über Land sie hergeritten.
Bucklig sind sie, nächt’ge Mahre,
ordnen, wo sie auch erscheinen,
Schweigen an aus dunklem Gummi
Ängste ganz aus feinem Sand.
Ziehn vorüber, wenn sie wollen,
und verbergen tief im Kopf
eine vage Sternenkunde
unersichtlicher Pistolen.

Stadt, o Stadt du der Zigeuner!
Fahnen an den Straßenecken.
Mond am Himmel, Kalabasse
mit den eingemachten Kirschen.
Stadt, o Stadt du der Zigeuner!
Schmerzgetränkte, moschusvolle
Stadt mit deinen zimtnen Türmen.

Pfeile schmiedeten und Sonnen
die Zigeuner in den Schmieden,
als die Nacht sich niedersenkte,
diese Nacht, die Nacht der Nächte.
Und ein Pferd, zu Tod verwundet,
klopfte laut an alle Türen.
Ob Jerez de la Frontera
krähten Hähne, die aus Glas.
Um der Überraschung Ecke
huscht der nackte Wind herum
In der Nacht, der Silbernacht,
In der Nacht, der Nacht der Nächte.

Heilge Jungfrau und Sankt Josef
haben ihre Kastagnetten
in des Zugs Gedräng verloren
Und sie gehn zu den Zigeunern
Um zu sehn, ob sie sich finden.
Einer Bürgermeistrin Festkleid
-Schokoladeglanzpapier –
trägt die Jungfrau; und am Hals
hängen Kettchen ihr aus Mandeln.
San José bewegt die Arme
unter einer seidnen Capa.
Mit drei Perserfürsten geht
hinterher Pedro Domecq.
Und von einer Storchekstase
träumte es dem halben Mond.
Flattrnde Standarten, Lämpchen
überfluten die Altane.
In den hohen Spiegeln schluchzen
Tänzerinnen ohne Hüften.
Wasser, schatten, Schatten, Wasser
Durch Jerez de la Frontera.

Stadt, o Stadt der Zigeuner!
Fahnen an den Strassenecken.
Lösche deine grünen Lichter,
denn die Guardia civil kommt.
Stadt, o Stadt du der Zigeuner!
Wer wohl deine nicht gedächte,
der dich je gesehen hat.
Laßt weit fort sie nur vom Meer,
kämmt nicht ihr gescheitelt Haar.

Nacheinander und zu zweit
rücken sie zur Feststadt vor.
Die Patronentaschen füllt
ein Geraun von Immortellen.
Und sie rücken vor zu zweit.
Zweifaches Gespinstnotturno.
Himmel ist für sie nur eine
Schauvitrine voller Sporen.

Doch die Stadt war ohne Furcht
und vervielfacht ihre Tore.
Vierzig Guardias Civiles
dringen durch sie ein und plündern.
Stehen blieben da die Uhren,
und, um nicht Verdacht zu wecken,
hat der Cognac in den Flaschen
rasch maskiert sich als November.
Hufe stampfen Brisen nieder,
die durchschnitten sind von Säbeln.
Durch der Straßen halbes Dunkel
fliehen die Zigeunerinnen,
die ganz alten, mit den Pferden
-müd und schläfrig – und mit ihren
Einmachtöpfen voller Münzen.
Durch die steilen, engen Straßen
flattern auf die Unheilcapas;
hinter ihrem Rücken lassen
flücht’ge Wirbel sie von Scheren.

Unterm Tor von Bethlehem
sammeln sich nun die Zigeuner.
San José, bedeckt mit Wunden,
hüllt sein totes Mägdlein ein.
Störrische Gewehre gellen
hart die ganze Nacht hindurch.
Und mit feinem Sternenspeichel
heilt die Heil’ge Jungfrau Kinder.
Aber die Gardisten rücken
vor und säen Scheiterhaufen,
drauf die Imagination,
jung und nackend, bald verbrannt wird.
Rosa, die von den Camborios,
hockt in ihrer Tür und ächzt –
beide Brüste, abgeschnitten,
hingelegt auf eine Schale.
Andre Mädchen wieder rannten
-und verfolgt von ihren Zöpfen –
hin in eine Luft, wo Rosen
auf aus schwarzem Pulver bersten.
Als dann aller Häuser Dächer
Furchen in der Erde waren,
wiegt’ das Morgengraun in langem
steinernem Profil die Schultern.

Stadt, o Stadt du der Zigeuner!
Die Zivilgardisten reiten
Fort durch einen Schweigetunnel,
während Flammen dich umzüngeln.

Stadt, o Stadt du der Zigeuner!
Wer wohl deiner nicht gedächte,
Der dich je gesehen hat?
Suchet sie auf meiner Stirn.
Spiel des Mondes und des Sands.

Federico García Lorca • 1899-1936 • Spanien

Vertaling Enrique Beck


Erklärung einiger Dinge

Du wirst fragen: Und wo ist der Flieder?
Und die Metaphysik von Mohn zugedeckt?
Und der Regen, der oft die Trommel
seiner Worte schlägt und sie füllt
Mit Leere und Vögeln?
Ich will dir jetzt alles sagen, was mir geschieht.
Ich pflegte in einem Viertel
von Madrid zu leben mit Glocken,
mit Uhren, mit Bäumen.
Von da konnte man
das trockene Antlitz Kastiliens sehen
wie einen Ozean aus Leder.

Man nannte mein Haus
das Haus der Blumen, denn überall
brachen Geranien hervor: es war
ein schönes Haus
mit Hunden und kleinen Kindern.
Raúl, entsinnst du dich?
Erinnerst du dich, Rafael?
Federico, erinnerst du dich
dort unter dem Rasen,

entsinnst du dich meines Hauses der Balkone, wo
das Junilicht Blumen in deinem Mund ertränkte?
Bruder, Bruder!
Alles
war laute Stimmen, Salz der Bewegung,
Anhäufung herzschlagenden Brotes,
Märkte meines Arguelles-Viertels mit seiner Statue
wie ein Tintenfaß zwischen Stockfischen,
das Öl erreichte die Löffel
dunkles Getöse
von Füßen und Händen erfüllte die Straßen,
Masse, Liter, scharfe Essenz
des Lebens,
gestapelter Fisch,
Geweb von Dächern mit kalter Sonne, in der
der Pfeil ermüdet,
wahnsinniges zartes Elfenbein von Kartoffeln,
Tomaten immer wieder bis hinab zur See.

Und eines Morgens brachen Flammen aus allem,
und eines Morgens stiegen Feuer
aus der Erde,
verschlangen Leben,
und seither Feuer,
Pulver seither,
und seither Blut.

Banditen mit Flugzeugen und Marokkanern,
Banditen mit Ringen und Herzoginnen,
Banditen mit segnenden schwarzen Mönchen
kamen vom Himmel, um Kinder zu töten,
um durch die Straßen das Blut von Kindern
floss einfach, wie das Blut von Kindern.
Schakale, widerwärtig für einen Schakal,
Steine, auf die die trockene Distel gespien hätte,
Vipern, die Vipern verachten würden!
Vor euch habe ich das Blut
Spaniens aufwallen gesehn,
euch zu ersäufen in einer einzigen Woge
von Stolz und Messern.

Generäle
Verräter:
Seht mein totes Haus,
seht mein zerbrochenes Spanien:
doch aus jedem toten Haus schießt brennendes Metall
an Stelle von Blumen,
aus jedem Loch in Spanien
springt Spanien empor,
aus jedem ermordeten Kind wächst ein Gewehr mit Augen,
aus jedem Verbrechen werden Kugeln geboren,
die eines Tages den Sitz
eines Herzens finden werden.

Ihr fragt, warum seine Dichtung
uns nichts vom Traum erzählt, von den Blättern,
den großen Vulkanen seines Heimatlandes?

Kommt, seht das Blut in den Straßen,
kommt, seht
das Blut in den Straßen
kommt, seht doch das Blut
in den Straßen!

Pablo Neruda • 1904-1973 • Chile

Vertaling Stephan Hermlin


An die Jugend

1936

Umringt von Feinden, geh
hinein in deine Zeit!
Unter blutigem Sturm –
stell dich zum Streit!

Fragst du voll Angst
wehrlos und offen:
Womit soll ich kämpfen,
welche Waffe läßt hoffen?

Hier ist die Waffe gegen Gewalt,
hier ist dein Schwert:
Glaub an das Leben,
an des Menschen Wert.

für all unsre Zukunft
bergt es und hört es,
sterbt, wenn es sein muß – doch:
stärkt es und mehrt es!

Still geht der Granaten
gleitendes Band.
wehrt ihrem Todeszug,
wehrt mit Verstand!

Krieg achtet kein Leben.
Friede nur schafft.
Der Tod muß verlieren:
deine Kraft!

Allem grossen, das war,
gib Liebe und Traumhort!
Geh Neuhem entgegen,
entreisst ihm die Antwort.

Schaffe das Kraftwerk,
schöpfe Gestirne,
erschaff sie Verschonter,
kühn mit dem Hirne!

Die Erde ist reich,
der Mensch ist gut!
Not herrscht nur und Hunger,
weil Trug noch nicht ruht.

Brich ihn! Fürs Leben
muß Unrecht hier fallen.
Sonnenschein, Brot und Geist
gehören uns allen.

Dann sinken die Waffen
machtlos hienieden!
Schaffen wir Menschenwert,
schaffen wir Frieden.

Wer eine Bürde trägt
in seinen Händen,
unwiederbringlich,
kann mordend nicht enden.

Stimmt Bruder zu Bruder
zum Schwure mit ein:
Der Erde der Menschen
laßt gut uns stets sein.

Wir wollen bewahren
was schön ist; so warm,
als trügen ein Kind wir
behutsam im Arm!

Nordahl Grieg • 1902-1943 • Norwegen

Vertaling Horst Bien und Helmut Stelzig


Gruß an den toten Dichter García Lorca

Mit Kalk bespritzt liegt in der Heimaterde
García Lorca, Kämpfer einst und Dichter;
Er liegt verkrümmt im Unterstand des Grabes,
Der Laute ledig, ledig des Gewehrs.
Aus Blut gewebt der Teppich dieser Tage,
Auf dem die Mauren tanzen ihren Tanz.
Über die Alpengletscher, Pyrenäengipfel
Spricht mit dem toten Dichter einer, der noch lebt,
Schickt mit der Faust zum Grab hin einen Kuß –
So küssen sich bisweilen Dichter unsrer Tage.
Ach, nicht fürs Morden,
Nein, für Friedenstage
Ist unser Liebeslied bestimmt.
Das stille Spiel,
Das Spiel von Worten, Reimen,
Das wir gesucht an der Geliebten Herz,
das wir gesucht unter den Apfelbäumen,
Es sollt zu Versen werden
So voll und rein wie Glockenton,
wie alte Spruchweisheit des Volks.
Doch als die Feder wurde zum Gewehr,
floh uns das Licht?
Nein, auch mit Bajonetten kann man schreiben,
Man schreibt auf Menschenhaut,
Und schrecklich brennt die Schrift,
Rot wie das dürre Laub, durch das ich streife
In diesem Herbst, der schwer und blutig ist.
Doch eines weiß ich, toter Freund und Dichter,
Es kommt die Zeit,
Da ziehen durch Madrid
Die Arbeiter und singen Deine Lieder auf den Straßen,
Wenn sie die Flinten,
Die sie Heute halten,
Dankbar und siegreich an die Wände hängen,
Wie es geheilte Lahme mit den Krücken tun in Lourdes.

Jaroslav Seifert • 1901-1986 • Tschechoslowakei

Vertaling F.c. Weiskopf


Meditation an diesem Tage

Angesichts der Feuerpalme,
Die schwindend die sonnen löscht
Im schweigenden Abend
Und in diesem Garten des Friedens,
Während das blühende Valencia
sich satt trinkt am Guadalaviar
-Valencia der schlanken Türme
im lyrischen Himmel Ausias Marchs,
der seine Flut in Rosen verwandelt
ehe sie das Meer berührt –
denke ich an den Krieg. Der Krieg
kommt wie ein Hurrikan
über die Steppen des oberen Duero,
über die korntragenden Ebenen
der fruchtbaren Estremadura,
in diese Limonengärten,
vom grauen Himmel Asturiens
in die Maremmen aus Licht und Salz.
Ich denke an das ganze, verratene Spanien,
von Fluß zu Fluß, von Gebirg zu Gebirg, von Meer zu Meer.

Antonio Machado

Vertaling Karl Krolow


Spanischer Spruch

Während der Gärtner seinen Saum Erde betreute
Und in der Nachbarschaft die Granate streute,
Lernten die spanischen Kinder lesen.
Bomben sind ihre Rufzeichen gewesen.
Die heranwuchsen, bald konnten sie buchstabieren
Den alten Satz: «Der Antichrist wird uns regieren,
Wie schon immer in Christi Namen –
Aber gewiß nicht in Ewigkeit. Amen.»

Berthold Viertel • 1885-1953 • Österreich 256


März 1937

Wenn der laue Regen den jungen
Flaum des Korns beschlägt
Und nach dem ersten Storch sitzt
Krumm der Winter versteckt,
Begleiten grüne Explosionen
Den Weg des Frühlings grell.
Die Budike, zur Sonne weit offen,
Riecht nach Hoffnung und Sägemehl.

Spanien, steht in der Zeitung,
wird von Söldnern verheert und verbrannt,
In China raubt ein Idiot von
General den Armen ihr Land.
Woran man die Stiefel sich abwischt,
Das wäscht in Blut man rein.
Überall hüllen große Worte
Das Elend der Armen ein.

Wie ein Kind bin ich glücklich.
Flora liebt mich. Nackte, schöne Liebe du …
Auf uns alle, auf uns beide
Treibt der Krieg seinen Abschaum zu.
Mit dem Panzerwagen wetteifert
Schrecklich das Seitengewehr.
In uns beiden find ich die Kraft, die
ich brauch, denn ich fürchte mich sehr.

Mann oder Frau, alle sind käuflich,
Verschlossen, wenn sie eins haben, ihr Herz.
Herzen van Hass befleckte,
Um euch fühl diesen Schmerz.
Ich wach über mein Leben auf Erden,
Denn in ihm gewinnt jedes Leben Gestalt.
Solang unsre Liebe uns Licht gibt,
Flora, wird es in der Welt nicht kalt.

Es sei klug und schön unser Mädchen,
Lebhaft und kühn unser Sohn,
Mögen beide etwas bewahren
Von unsrer Konstellation.
Sollte die Sonne verbleichen,
Wird das Geschlecht unsrer Welt
Das Unermeßne erobern,
Neuen Sphären gesellt.

Attila József – 1905-1937 • Ungarn

Vertaling Stephan Hermlin


Letzter Gesang

Bemalt, nicht leer
bemalt ist mein Haus:
Farbe der großen
Leidenschaften und Mißgeschicke.

Wiederkehren wird es aus dem Jammer,
in den es verschlagen,
mit verwüstetem Tisch,
zerfallenem Bett.

Die Küsse werden aufblühn
auf den Kissen.
Und um die Leiber
das Laken wird
seine nächtlichen Ranken schlagen,
duftend und dicht.

Vor dem Fenster
vergeht der Haß.

Sanft wird die Kralle.

Laßt mir die Hoffnung.

Miguel Hernández • 1910-1942 • Spanien

Vertaling Erich Arendt


Mein Gedicht für die im spanischen Krieg ermordeten Kinder

Als ob alle Sterne verfault abfallen würden,
als ob abscheuliche Insekten alle Blumen entblätterten,
als ob zottige Hände die Kehlen aller Vögel erwürgten,
als ob alle Ameisen zermalmt wären
und die Augen allen Puppen herausgerissen.

Als ob alle Bienen ohne Flügel blieben,
als ob alle Fische vertilgt wären,
als ob alle Schnecken in Stücke zertreten,
als ob wilde Holzfäller alle Bäume niederschlügen
und alle Lieder verlöschten
und die Welt bliebe stumm.

Als ob in absurden Almanachen die Weihnachtsfeste ausradiert waren,
als ob man alle Weihnachtsbäumchen verbrennen sollte
und Sankt Nikolaus verlorenginge
und alle Kinderschuhchen allein blieben,
jammervoll allein unter leeren Wiegen.

Oh, zwischen Erdklumpen und Aschen und stinkendem Rauch,
da liegen sie!
ohne Milchflaschen, ohne Honig, ohne Zuckerwerk.
Kein Bilderbuch, kein Würfelspiel, weder Bälle noch blaue Ballons,
kein unzusammenhängendes Wörtchen – wie sie dennoch
zusammenhingen!
ohne Geigen zum Weinen und Lachen:
aber zwischen Pferdchen mit zerrissenen Bäuchen,
verstümmelten Puppen und verzweifelten Müttern,
die ihren Schmerzensschrei dem erschrockenen Winde ausschütten.
Ein Stück Nacht soll in unseren Augen gerinnen,
schwere Vorhänge unseren Blick verhüllen,
bleierne Riesentüren hinter uns zuschlagen,
Watte des Todes unser Gehör verstopfen,
um nicht zu sehen, nicht zu hören dieses Zerbrechen
unerhörter Flügel,
diesen Fall von Engeln
unter bestürzten Himmeln und schmerzgekrümmten
entsetzten Monden.

Nein, mein Gott! Laß uns nicht die Gesichter schaun,
von Skorpionen und Fledermäusen gezeichnet,
Gesichter der Knochenzermalmer,
die mit krummen, wilden Nägeln
die dürre Erde aufreißen, die in ihre blutunterlaufenen
Augen springt,
die mit verzweifelten Kinnbacken knirschen
und mit vollen Backen Eiseskälte über die Erde blasen.

O nein, mein Gott! Laß uns weit, weit von ihnen bleiben
mit diesem eisigen Wind auf der Brust
und diesem Stein in unserer Kehle,
um zu weinen über die verlorene Milde der Sprachen,
zu weinen über die ausgerissenen Veilchen,
zu weinen über so viele zerrissene Saiten,
um zu weinen über alles Zerbrochene, unwiderbringlich Zerbrochene!
Laß uns in der Tiefe bleiben der Pinienwälder,
um ihnen unsere Hymnen zu sagen
unter bescheidenen Sternen.

José Ramon Heredia • geb. 1900 • Venezuela

Vertaling Erich Arendt


Wagt zu denken!

Drei Mütter an ihre Söhne in Francos Diensten
Ich habe dich unter den Palmen Marokkos getragen …
Ich habe dich in Hamburg zur Schule geschickt …
Ich habe dich, mein Kind, in Rom ans Herz gedrückt …
Und jetzt?
Ihr sprecht fremde Zungen
Könnt einander nicht fragen,
Wozu man euch gedungen,
Auf wen man euch hetzt.
So laßt uns Mütter es euch sagen:
Wir grämen uns um euch, ihr Jungen.
Nein, wir haben euch nicht zu Mördern erzogen.
Ihr laßt euch mißbrauchen. Ihr seid betrogen!
Die Feinde, gegen die man euch schickt,
Sind Feinde der Not, die auch uns bedrückt,
Sind Feinde des Kriegs, der die Welt bedroht.
Man heißt euch, die Freiheit in Spanien erschlagen,
Auf daß wir weiter die Knechtschaft ertragen.
Ihr wagt euer Leben. Wagt mehr! Wagt zu denken!
Weigert euch, eure Brüder zu henken!
Fluch euerm Gehorsam, euerm falschen Mut!
Wißt ihr denn nicht, was ihr tut?!
An euern Waffen klebt unser Blut …

Wieland Herzfelde • 1896-1988 • DDR


Lied von Frankreich

Frühling 1940

Nie wieder gehn wir in den Wald
Der Lorbeer und die Brücken schon
Die Regenbögen: abgetrennt
Sogar der Pont von Avignon

Jeanne d’Arc sterbliche Statue
Aus Bronze etwas blutbeschmiert
In diesem stummen Frankreich hat
Dein Herz zu singen aufgehört

Und Jeanne in ihrer Kutte sitzt
Unter den Himbeersträuchern hier
Bereitet Konfitüre sich
Aus Blut von einem Kürassier

Das schwarze Huhn der Wolken legt
Vom Tod verfaulte Eier Dann
Kündet vom Wind des Nordens mir
Vom Dorfe ein gerupfter Hahn

Mit Blei im Flügel kommt der Tag
Die Sonne als Schrapnell zersprengt
die Zitadellen und versengt
Die Veilchen auf den Böschungen

Der Himmel Frankreichs ist geschwärzt
Von Adlern Krähen und Lemurn
Nicht wissend daß sie Helden sind
Im Roggen die Soldaten ruhn

In Chartres Brügge und Rouen
Reicht nicht der Türme Engel Zahl
Die Sintflut zu bekämpfen und
Der Geier ungeheure Schar

Verjagt von seinem Weideplatz
Aus seiner Väter Ruh verliert
Vor all dem Purpurrot der Schmach
Sein Blut am hellen Tag der Stier

Wie aus Fontänen springt sein Blut
Aus seinen Venen er verliert
Durch Aisne und Oise sein Blut
Aus seinen Nüstern Wasser sprüht

Und ihrer Flüsse Schwestern zwölf
Sie lösen mit gekrümmtem Arm
Die Schlingen ihrer Fesseln sich
Zu werfen in den Ozean

Trinkt trinkt betrunkene Soldaten
Mit angstgegornem Wein das Wohl
Verwandelt hat sich Burgunds Blut
In bittren Elendsalkohol

Das bettelarme Bier der Maas
Der platinfarbne Wein des Rheins
Die heilgen Quellen von Chartreuse
Und die Absinthe allen Leids

Die Tränen die aus jeder Tür
Sich übers Land ergießen weit
Das Wasser Leben spendend Tod
Des bleichen Weines Trunkenheit

wieder gehn wir in den Wald
Der Lorbeer und die Brücken schon
Die Regenbögen: abgetrennt
Sogar der Pont von Avignon

Iwan Goll • 1891-1950 • Deutschland

Vertaling Heinz Czechowski


Tapisserie der großen Furcht

Die Landschaft Kind des modernen Terrors
Hat fliegende Fische Sirenen Sägefische
Was schreibt er weiß auf blau an den Himmel dieser
Hydravogel der an die Hydra von Lerna erinnert
Pirat der Erde Steinvogel der die Luft
In die Häuser preßt schriller Vogel Kometenvogel
und die Riesenwespe – Akrobatin Streichholz –
die an flammende Mauern Kuckucksblumen steckt
oder sind es Flamingoschwärme die alles röten
O flämisches Karussell des antiken Sabbats
Auf einem Besenstiel stürzt sich die ME zur Erde
Das ist bei hellem Tag die Nacht der neuen Walpurgis
apocalyptische Zeit Raum wo die Angst vorbeigeht
Mit ihrer großen Fracht von Blässe und Tränen
erkennst du die Felder die Stadt die gefräßigen Vögel
den Turm der nie mehr die Stunden läutet
Die Wagen bunt von Kissen und Decken
Ein Bär Ein Schal Ein Toter wie ein verlorener Schuh
Die Hände im Bauch verkrampft Eine Standuhr
Das entlaufene Vieh die Kadaver die Schreie
Bronzefiguren am Boden Wo schlaft ihr heut nacht
Und Kinder hocken auf Schultern von Unbekannten
Menschen die gehen man weiß nicht wohin das Gold der Scheunen
Im haar Die Gräben in denen der Schrecken nistet
Der Sterbende den man fortträgt und der einen Tee
Erfleht und der sich beklagt weil er schwitzt
Ihr Balkleid über den Arm eine bucklige Frau
der Zeisigkäfig der die Flammen durchquerte
Eine Nähmaschine Ein Greis Es ist zu schwer
Noch ein Schritt Ich muß sterben geh fort Marie
Die Schönheit der Abende fällt und ihr Flügel vermählt
Mit diesem Breughel der Hölle einen Breughel von Samt

Louis Aragon • 1897-1982 • Frankreich

Vertaling Herbert Schönherr


Ein Weg die einzige Sonne

Die Messer stehen
Der Atem fehlt uns
Die Raben sind aufgeteilt
Die Abreise – annulliert
Das Jahr des Krieges ist über uns gekommen

Ich habe so viel Rauch vorbeiziehn sehn
Wieviele Frühlinge sind unterbrochen
Die Nebelkette überm Hüttendach
zerbrach
Und wieviel Freiheit – die verlorenging

Ich gehe auf dem Moos mit taubem Ohr
Zu mir kam eine Nacht
Sie war kastanienrund
im Schweigen da

Sie sprach von einem Menschen
Mimte seinen Traum
Warf Sonne
über arme Leute, die wir sind
und macht uns reicher als den Berg

Ich bin dem Stern gefolgt
Die Freude habe ich geahnt
Die Worte mit dem Herz von Minze
Was ist das für ein Raum
der in mir strahlt

Tristan Tzara

Vertaling Lionel Richard / Heinz Kahlau


Dieses Herz, das den Krieg gehaßt

Dieses Herz, das den Krieg gehaßt, seht, es schlägt für
den Kampf und die Schlacht!
Dieses Herz, das beim Rhythmus von Ebbe und Flut nur, beim
Rhythmus der Jahreszeiten, der Tages- und Nachtstunden schlug,
Seht, es dehnt sich und schickt in die Adern ein Blut,
heiß von Haß und Salpeter,
Es verursacht ein Dröhnen im Hirn, daß die Ohren mir klingen,
Einen Lärm, den nichts hindern kann, sich in der Stadt, auf
dem Land auszubreiten,
Wie der Klang einer Glocke, die aufruft zu Aufruhr und Kampf.
Hört, er kommt mir als Echo zurück, ich vernehm’ es.
Aber nein, andrer Herzen Lärm ist es, millionenfach schlagen
wie meines sie Frankreich entgegen.
Sie schlagen im gleichen Takt, schlagen aus gleicher Pflicht
all diese Herzen,
Ihr Lärm ist des Meeres Lärm, wenn an die Küsten es stürmt,
Und all dieses Blut trägt den einen Befehl in Millionen von Hirne:
Bringt Hitler zu Fall und Tod seinen schändlichen Schergen!
Ach, es haßte dies Herz einst den Krieg, schlug im Rhythmus
der wechselnden Zeiten,
Doch ein Wort nur, ein einziges: Freiheit, genügte, den
schlafenden Zorn neu zu wecken,
Und Millionen Franzosen bereiten im Dunkeln sich vor auf
den Auftrag, vom nahenden Morgen verkündet.
Denn es schlugen diese Herzen, die den Krieg so gehaßt,
für die Freiheit im Rhythmus von Ebbe und Flut, im Rhythmus
der Jahreszeiten, des Tags und der Nacht.

Robert Desnos • 1900-1945 • Frankreich

Vertaling Klaus Möckel


Wie oft, mein Vaterland …

Wie oft, mein Vaterland, wenn ich im Frühling von Süden
Der Schwalbe gleich, nordwärts zog, fand ich dein Antlitz verwandelt,
Wie oft erkannt ich nur an der Stimme des eigenen Herzens
Deine geliebte Flur, darüber die Wolken
Der wechselnden Schicksale jagten.

Ich sah noch des Friedens lieblichen Stern zu Häupten
Deiner Dome und Wälder,
Ich sah seinen Sturz in der Nacht –
Ich sah die großen Gewitter jahrelang über dir schweifen,
Und viele Sommer lang baut ich mein Nest am wankenden Giebel –
Viele Sommer lang wurde mein Tag in dem deinen
Bleich wie erfrornes Gefild.

Doch immer bliebst du die Heimat:
Immer bliebst du
Das eine geliebte Land, vor dem es kein Grauen und Zittern
Gibt, und kein Vergessen in allen Weiten der Erde!
Freudig zog meine Schwinge über dein wogendes Meer,
Und ruhiger denn auf Felsen
Atmete meine Brust auf deiner bebenden Erde,
Und wenn um deine Gebirge die Blitze zuckten,
Dann schmiegt ich mich tiefer nur
Ins Ungewisse deines Schicksals hinab
Und ruhte getröstet darinnen.

Nur manchmal in lautloser Nacht, wenn von den Ufern der Träume
Die Augen der Toten schimmern,
Dann such ich am Wasser einer unendlichen Flut
Den goldenen Schatten
Deines versunkenen Sterns – o holder Stern des Friedens
In unseren Tränen versenkt: wann steigst du wieder
Zum Haupt des Vaterlandes empor –
Wann leuchtest du wieder dem Kind einer seligen Heimat?

Gertrud von Le Fort • 1876-1971 • BRD


Lied vom Frieden

Wer trug die schwarze Rose an der Schläfe?
Vom Sinai die Tafeln sind zerschellt.
Wo ist der Mutter Hand, die ich gehalten,
Wo ist ein wenig Frieden in der Welt?

Und wo ist all der Schnee vom nächsten Jahre?
Wo ist der Samen, der im Sommer fällt,
Wo wachsen meines Kindes Wimperhaare,
Wo ist ein wenig Frieden in der Welt?

Wo sind die Spaten, die am Grab uns blinken,
Die Schlangen, wo, die in den Spaten beißen?
Wo ist die Milch, die einst die Kinder trinken,
Die Traube, die sie von der Rebe reißen?

Im Dornbusch stehn wir still wie viele Blinde,
Auf die der graue Tau der Schwermut fällt,
Und flüstern eine Frage in vier Winde:
Wo ist ein wenig Frieden in der Welt?

Günther Weisenborn • 1902-1969 • BRD


Friedenshoffnung

Bis die unendliche Langeweile
Und der Schmutz des endlosen Krieges
Alle Seelen durchdringen -:
Bis dahin ist wenig Hoffnung.

Bis die Zeitungen weislich zögern,
Kriegsneuigkeiten zu drucken,
Weil keiner sie mehr lesen will -:
Bis dahin ist wenig Hoffnung.

Bis der Folterknecht mit erhobener Stahlrute
Zum Zeitlupenbild erstarrt,
Weil niemand mehr prügeln will -:
Bis dahin ist wenig Hoffnung.

Bis die Einnahme von Kontinenten
Mit ihren Friedhöfen, Kloaken und Trümmerhaufen
Lächerlich wird, und keiner mehr erobern will -:
Bis dahin ist wenig Hoffnung.

So lange muß also wohl dieser Krieg geführt werden!

Berthold Viertel 1885-1953 • Österreich


Aus dem Brief eines siegreichen Feldmarschalls

Den Sonnentempel
haben die Adlerträger der Dritten Legion
siegreich besetzt und geplündert.
Verjagt sind die Heuchelmönche
und ihre scheinheiligen Bücher
zu Asche verbrannt.
Erwürgt sind Kinder und Greise,
Die Offiziere ergötzte
das junge Weiberfleisch;
den Soldaten verblieben die Vetteln.
Die Überlebenden werden Vernunft und Gehorsam lernen.

Michael Guttenbrunner • geb. 1919 • Österreich


Genfer Abrüstungsrede

Messieurs! Die Welt hört ab Montag bereits
Außer dem faden Schlachtengetümmel
Lieblich aus der französischen Schweiz
Unserer Friedensglocken Gebimmel.

Verehrte Herren! In heißem Dank
Wird die Menschheit auf uns schauen:
Wir werden der Welt, die vom Rüsten so krank,
Endlich das richtige Pulver brauen!

Wir sitzen bei trautem Kanonengebrumm,
Und in den Lüften (Sie werden’s kaum glauben)
Flattern Bombenflugzeuge herum
Und gurren wie richtige Friedenstauben!

Die Friedenspalmen schütteln sich leis …
Prosit, meine Herren, Sie sollen leben!
(Der Toast gilt zwar nicht den Toten Schanghais,
Doch würde auch sie dieser Anblick erheben.)

Ein Halleluja dem Völkerbund!
Die Kommission wirkt energisch im Osten,
Sie macht bei Gefallnen den Leichenbefund
Und berechnet bei Bombardements die Kosten!

Schluß mit den langen Kriegen ab heut!
Ich höre die Englein Schalmeien blasen …
Bald ist der menschliche Fortschritt so weit,
Daß wir, meine Herren, mit Sicherheit
Die Menschheit in sechzig Minuten vergasen …

Jura Soyfer • 1912-1939 • Österreich


Der junge Soldat

Als er vom Begräbnis seiner sieben Kameraden
zur Front zurückging
In die Blumen ihrer Haare
rieselte die list’ge Erde.
Auf die Särge ihrer Brust
klopften unsre stummen Würfe.
Sieben gelbe, warme Gräber
trocken in der Julisonne.

Wiesenweg durch heißen Mohn.
Wälderweg durch kalte Tannen.
Weg, der blind im Sumpf ertrinkt.
Ungewisser Minenweg –
Dann vorbei an hellen Hütten.
Vorhangfalten, Fensterglas.

Beerentrauben in den Gärten.
Rosen, Gladiolengarbe.
Brunnen, dran der Eimer schwappt.
Vor den Zäunen steife Mädchen.
In die Löcher der Pupillen
Hass, vom Schreck hineingebohrt.

Trauer durch den Sommer tragen,
Schultergurt und rauhes Tuch.
Handgranate, Spaten, Helm,
das Gewehr und die Geschosse.
Messer, eingekerbt die Rille
für das Blut der stumpfe Rücken.

Sieben fette Krähen wehen
aus den Ästen roter Föhren.
Sieben schwarze Federn fallen
in die Raupenspur des Tanks.

Hans Bender • geb. 1919 • BRD


Nänie

Stimmen, der Wind
über die Bucht
kommt, Rohrwerke, Helsingör
hat so getönt: über dem Sund
die Küste, gestreckt
gegen den Himmel, dort
auf dem Absturz steht,
der mich gerufen hat,
Helios, breiten Mundes,

unter dem Augenbogen
dunkel – die Feuer um ihn
um Schulter und Haar, die rasselnden
Züge, erbrausend: Planeten,
der mörderische concentus der Welt.

Über der Bucht,
weit,
über dem Regen
farbenstrahlend aus Nebeln
der Bogen – Frieden
ist uns versprochen.

Johannes Bobrowski • 1917-1965 • DDR


Soldatenmutter

Soldatenmutter,
du gequälte Frau!
Zu deinem Hohne
hat dich der General
mit Drahtverhau gekrönt.
Welch eine Krone! –
In deinem Sohne,
der ihm gehorsam ist
und auf sein Wort zerreißt
und beißt und bellt –
höhnt er die Menschlichkeit,
die Mutterschaft der Welt.

Kuba • 1914-1967 • DDR


Letzte Post

Er muß den Brief von seiner Mutter kriegen …
kriegen …
Unmündig lief er meinem Herzen fort,
reif nur zum Sterben, unreif zu besiegen
die Lebensfurcht …
Er muß den Brief von seiner Mutter kriegen …
kriegen …
Verfluchtes Wort, höhnt im Akkord
kriegen … kriegen …

Wieso ist Grab denn ein Bestimmungsort?

Jo Schulz • geb. 1920 • DDR


Kleczew 1943

Abends schwirrte die Fledermaus
über den Schulhof, schattenhaft,
lautlos. Um das steinerne Haus.

Und der Himmel nahm unsre Kraft,
kalter roter Himmel in Polen.
Riesig hatt’ er sich aufgerafft,

alle die Kinder heimzuholen,
denen man die Schule geraubt.
Haben uns leise ins Haus gestohlen

und die Schuhe abgestaubt.

Uwe Berger • geb. 1928 • DDR


Frage

Warum bin ich? Ich bin geblieben.
Es war ein anderer, der fiel.
Und den sie an die Mauer trieben,
als spielten sie ein Kinderspiel.

Es wurden zwanzig aus dem Keller
getragen. Ich lag nebenan.
Für mich blieb stets ein Rest im Teller
von irgendeinem Nebenmann.

Ein Träumer war ich an Kanonen.
Dem Trauermantel sah ich nach,
dem Schmetterling, der Todeszonen
mit einem Flügelschlag durchbrach.

Ich dachte ich und weiter keinen.
Und irgendwo sah einer still
auf seiner Henkersreise einen
Zitronenfalter im April.

Gefallen. Umgebracht. Erfroren.
Geschlagen wie ein Räudetier.
Wann bin ich eigentlich geboren?
Ich lebe noch. Ich bin noch hier.

Gottfried Unterdörfer • geb. 1921 • DDR


Gelöbnis

Nachtwache, Fleckfieberlazarett, Frühling 1943
Welchem Ziel wir sterben?
Nicht dem Vaterland.
Nicht, daß die Enkel und Erben
Von neuem Länder erwerben,
Mit des Hasses grüngiftigen Schwaden
Von neuem die Seele beladen,
Von neuem die Seele beladen
Mit patriotischem Tand.

Welchem Glauben wir leben?
Uns ward dies Land zu klein.
Die in Panzern verbrannt und in Gräben
Verschüttet, die uns umschweben,
Die Toten, hüben und drüben,
Was woll’n sie, als daß wir begrüben
Den bewaffneten Wahn und endlich,
Endlich Brüder sei’n.

Albrecht Goes • geb.1908 • BRD


Dann aber gruben wir Tote aus …

Ich habe als Kind einen Handschuh gefunden,
aus feinem Leder gestichelt.
Ich zog ihn an und hab für die Kücken
Brennesseln abgesichelt.

Die Nesseln waren frisch und feucht
vom Funkeltau der Nacht.
Er hat meinen Handschuh aufgeweicht
und ihn klatschnaß gemacht.

Ich habe den Handschuh trocknen wolln,
daheim auf dem warmen Herd.
Das hätt ich lieber nicht tun solln.
Der Handschuh war nichts mehr wert.

Er war am Morgen klein und starr
und wie ein Baumblatt verdorrt.
Mutter sagte zu mir: Du Narr! –
und warf meinen Handschuh fort…

Es brannte die alte Stadt am Strom,
nur die Kaserne nicht.
Es schwelte der Magdeburger Dom
im trüben Januarlicht.

Wir Lebenden gruben Tote aus,
tage- und nächtelang.
Dann schachteten wir zum Waisenhaus
einen schmalen Gang.

Ich war weit vorn, der erste am Ort,
und kroch durch die bröckelnde Wand.
Da lagen die Kinder, klein und verdorrt.
Sie hielten sich bei der Hand.

Die starren Händchen stießen mich an.
Wie mein Handschuh sahen sie aus.
Daß der Mensch wie ein Handschuh verdorren kann! …
Ich floh vor dem Krieg nach Haus.

Zu Hause nahm man sich meiner nicht an,
aus Angst vor dem braunen Blick …
Daß der Mensch wie ein Handschuh verdorren kann! …
Ich hatte genug vom Krieg.

Bernhard Seeger • geb. 1927 • DDR


Silvestersegen

Des Jahren würdig war der letzte Schluß:
In unseren Zellen rattenhaft verwahrt,
Erfahren wir in ganz besondrer Art
den Prall der Bomben wie den Flakbeschuß.

Kein grosser Angriff. Ein Silvestersegen,
Den Trümmerstätten von Berlin geweiht,
An eines Jahres Gabe nur gereiht
Wie späte Glut an einem Flammenregen.

Was in Jahrhunderten gewachsen war,
vernichtet nun in Stunden jäh die Kraft
gewissenlos mißbrauchter Wissenschaft.

Das alte China kannte die Gefahr.
Es bannte schon das Pulver, weil darin
Versuchung lag zu groß für Menschensinn.

Albrecht Haushofer : 1903-1945 • Deutschland


Bericht des Pfarrers vom Untergang seiner Gemeinde

Da Christus brennend sank vom Kreuz – o Todesgrauen!
Es schrien die erzenen Trompeten
Der Engel, fliegend im Feuersturm.
Ziegel wie rote Blätter wehten.
Und heulend riß im wankenden Turm
Und Quadern schleudernd das Gemäuer,
Als berste des Erdballs Eisenkern.
O Stadt in Feuer!
O heller Mittag, in Schreie eingeschlossen –
Wie glimmendes Heu stob Haar der Frauen.
Und wo sie im Tiefflug auf Fliehende schossen,
Nackt und blutig lag die Erde wie der Leib des Herrn.
Nicht war es der Hölle Sturz:
Knochen und Schädel wie gesteinigt
In großer Wut, da Staub noch schmolz
Und mit dem erschrockenen Licht vereinigt
Brach Christi Haupt vom Holz.
Es schwenkten donnernd die Geschwader.
Durch roten Himmel flogen sie ab,
Als schnitten sie des Mittags Ader.
Ich sah es schwelen, fressen, brennen –
Und aufgewühlt war noch das Grab.
Hier war kein Gesetz! Mein Tag war zu kurz,
Um Gott zu erkennen.
Aus kalten Himmeln feurige Schlacke.
Hier war kein Gesetz. Denn immer wieder warf die Nacht
Und Volk und Vieh auf enger Schneise.
Und Wind und Qualm. Und Dörfer wie Meiler angefacht.
Und morgens die Toten der Typhusbaracke,
Die ich begrub, von Grauen erfaßt –
Hier war kein Gesetz. Es schrieb das Leid
Mit aschiger Schrift: Wer kann bestehn?
Denn nahe war die Zeit.
O öde Stadt, wie war es spät,
Es gingen die Kinder, die Greise
Auf staubigen Füßen durch mein Gebet.
Die löchrigen Straßen sah ich sie gehn.
Und wenn sie schwankten unter der Last
Und stürzten mit gefrorener Träne,
Nie kam im Nebel der langen Winterchausseen
Ein Simon von Kyrene.

Peter Huchel • 1903-1981 • DDR / lebte zuletzt in der BRD


Im Artilleriefeuer

Ein Blitz, ein Donnerschlag,
ein mächtig Rauschen.
Ein Ungeheuer bahnt
sich seinen Weg.
Die Berge zittern und
die Wälder lauschen,
die Sonne selbst lugt
hinter Wolken schräg.
Der Urwelt Drache, jählings
auferstanden,
sucht mit Geheul uns alle zu
verschlingen.
Erwache, Menschheit! Schlag
das Tier in Banden!
Bevor es dich verschlingt,
mußt du’s bezwingen.
Ist der Menschenwille stärker noch
als Eisen?
Ein Krieg macht hart. Macht Krieg
die Männer groß?
Oh, daß wir Männer sind,
wir sollten es beweisen.
Die Geister, die sie riefen,
würden sie nicht los.
Ja, Krieg dem Kriege und
den Kriegsverbrechern!
Die nach dem Schwerte griffen,
sollen durch
das Schwert auch fallen.
Kein Erdenwinkel birgt
sie vor den Rächern,
doch nicht das Schwert –
der Strick
winkt ihnen allen.
Die dieses Grauen,
diese Not verschuldet,
ersticken an dem Blut,
das sie vergossen.
Die Völker aber, die
das Leid erduldet,
stehn wieder auf,
vom Sonnenglanz umflossen.
Dämmernder Tag!
Die Hölle wird verschwinden,
verklingen auch
die Stimme des Gerichts.
Die freien Menschen werden sich
dann finden,
zum Fest der Liebe und
zum Fest des Lichts.

Wilhelm Tkaczyk • 1907-1983 • DDR


An die deutschen Soldaten im Osten
1941

1
Brüder, wenn ich bei euch wäre,
Auf den östlichen Schneefeldern einer von euch wäre,
Einer von euch Tausenden zwischen den Eisenkärren,
Würde ich sagen, wie ihr sagt: Sicher
Muß da ein Weg nach Haus sein.

Aber, Brüder, liebe Brüder,
Unter dem Stahlhelm, unter der Hirnschale
Würde ich wissen, was ihr wißt: Da
Ist kein Weg nach Hause mehr.

Auf der Landkarte im Schulatlas
Ist der Weg nach Smolensk nicht größer
Als der kleine Finger des Führers, aber
Auf den Schneefeldern ist er weiter,
Sehr weit, zu weit.

Der Schnee hält nicht ewig, nur bis zum Frühjahr.
Aber auch der Mensch hält nicht ewig. Bis zum Frühjahr
Hält er nicht.

Also muß ich sterben, das weiß ich.
Im Rock des Räubers muß ich sterben,
Sterben im Hemd des Mordbrenners.

Als einer der vielen, als einer der Tausende,
Gejagt als Räuber, erschlagen als Mordbrenner.

2
Brüder, wenn ich bei euch wäre,
Mit euch trottete über die Eiswüsten,
Würde ich fragen, wie ihr fragt: Warum
Bin ich hierhergekommen, von wo
Kein Weg mehr nach Haus führt?

Warum habe ich den Rock des Räubers angezogen?
Warum habe ich das Hemd des Mordbrenners angezogen?
Das war doch nicht aus Hunger,
Das war doch aus Mordlust nicht.

Nur weil ich ein Knecht war
Und es mir geheißen wurd,
Bin ich ausgezogen zu morden und zu brennen.
Und muß jetzt gejagt werden,
Und muß jetzt erschlagen werden.

3
Weil ich eingebrochen bin
In das friedliche Land der Bauern und Arbeiter,
Der großen Ordnung, des unaufhörlichen Aufbaus,
Niedertrampelnd und niederfahrend Saat und Gehöfte,
Auszurauben die Werkstätten, die Mühlen und Dammbauten,
Abzubrechen den Unterricht der tausend Schulen,
Aufzustören die Sitzungen der unermüdlichen Räte:

Darum muß ich jetzt sterben wie eine Ratte,
Die der Bauer ertappt hat.

4
Dass von mir gereinigt werde
Das Gesicht der Erde,
Von mir Aussatz! Daß ein Exempel statuiert werde
An mir für alle Zeiten, wie verfahren werden soll
Mit Räubern und Mordbrennern
Und den Knechten von Räubern und Mordbrennern.

5
Dass die Mütter sagen, sie haben keine Kinder.
dass die Kinder sagen, sie haben keine Väter.
Dass da Erdhügel sind, die keine Auskünfte geben.

6
Und ich werd nicht mehr sehen
Das Land aus dem ich gekommen bin,
Nicht die bayrischen Wälder, noch das Gebirge im Süden,
Nicht das Meer, nicht die märkische Heide, die Föhre nicht,
Noch die Weinhügel am Fluß im Frankenland.
Nicht in den grauen Frühe, nicht am Mittag,
Und nicht, wenn der Abend herabsteigt.

Noch die Städten, und die Stadt, wo ich geboren bin.
Nicht die Werkbänke, und auch die Stube nicht mehr,
Und den Stuhl nicht

All das werde ich nie mehr sehen.
Und keiner, der mit mir ging,
Wird das Alls noch einmal sehen,
Und ich nicht und du nicht
Werden die Stimme der Frauen und Mütter hören,
Oder den Wind über dem Schornstein der Heimat,
Oder den fröhlichen Lärm der Stadt, oder den bitteren.

7
Sondern ich werde sterben in der Mitte der Jahre,
Ungeliebt, unvermißt,
Eines Kriegsgeräts törichter Fahrer.

Unbelehrt, außer durch die letzte Stunde,
Unerprobt, außer beim Morden.
Nicht vermißt, außer von den Schlächtern.

Und ich werde unter der Erde liegen,
Die ich zerstört habe,
Ein Schädling, um den es nicht schad ist.
Ein Aufatmen wird an meiner Grube sein.

Denn was wird da eingescharrt?
Ein Zentner Fleisch in einem Tank, das bald faul wurde.
Was kommt da weg?
Ein dürrer Strauch, der erfroren ist,
Ein Dreck, der weggeschaufelt wurde,
Ein Gestank, den der Wind wegwehte.

8
Brüder, wenn ich jetzt bei euch wäre
Auf dem Weg zurück nach Smolensk,
Von Smolensk zurück nach nirgendwohin,

Würde ich fühlen, was ihr fühlt: immer schon
Habe ich es gewußt unter dem Stahlhelm, unter der Hirnschale,
Daß schlecht nicht gut ist,
Daß zwei mal zwei vier ist,
Und daß sterben wird, wer mit ihm ging,
Dem blutigen Brüllenden,
Dem blutigen Dummkopf

Der nicht wußte, daß der Weg nach Moskau lang ist,
Sehr lang, zu lang.
Daß der Wind in den östlichen Ländern kalt ist,
Sehr kalt, zu kalt.
Daß die Bauern und Arbeiter des neuen Staates
Ihre Erde und ihre Städte verteidigen würden,
So daß wir alle vertilgt werden.

9
Vor den Wäldern, hinter den Kanonen,
In den Straßen und in den Häusern,
Unter den Tanks, am Straßenrand,
Durch die Männer durch die Weiber durch die Kinder,
In der Kälte in der Nacht im Hunger.

Daß wir alle vertilgt werden
Heute oder morgen oder am nächsten Tag,
Ich und du und der General, alles,
Was hier gekommen ist, zu verwüsten,
Was von Menschenhand errichtet wurde.

10
Weil es eine solche Mühe ist, die Erde zu bebauen.
Weil es soviel Schweiß kostet, ein Haus aufzustellen,
Die Balken zu fällen, den Plan zu zeichnen,
Die Mauer aufzuschichten, das Dach zu decken.
Weil es so müde machte, weil die Hoffnung so groß war.

11
Tausend Jahre war da nur ein Gelächter,
Wenn die Werke von Menschenhand angetastet wurden.
Aber jetzt wird es sich herumsprechen auf allen Kontinenten:
Der Fuß, der die Felder der neuen Traktorenfahrer zertrat,
Ist verdorrt.
Die Hand, die sich gegen die Werke der neuen Städtebauer erhob,
Ist abgehauen.

Berthold Brecht


Der Nibelunge Not

Zu Blöcken, schwarzen und roten,
geschichtet, und Schnee darauf:
Verfallend, verfaulend, die Toten,
hier liegen sie zuhauf,
ein ungeheures Verwesen,
von Krähen überschrien;
die ihr Fleisch wähnten auserlesen,
mit dem Schnee nun schmelzen sie hin.

Wo liegen ihre Lande?
Ihre Lande sind fern.
Was war es, das sie sandte?
Sie folgten ihrem Herrn,
dem Fürsten, der führte, verschworen
ward ihnen Lehn und Lohn:
Zu Worms am Rheine geboren
und verwest am Don.

Hinter ihnen: Die Brücken zerschlagen,
getilgt das Grün aus der Flur,
Galgen und Kreuze, die ragen,
zeichnen ihre Spur,
verweht im Wind sind die Worte
von Ehre, Treue, Ruhm.
Was blieb? Um den Hort ihre Morde,
ihr Heldentum.

Ach Worte, Worte, geheuchelt,
alle Lager der Lüge erschöpft;
doch die Taten: Den Freund gemeuchel
des Gastgebers Kindlein geköpft,
denen, die mit ihnen wachten,
in den Rücken gehauen den Stahl -:
So begannen sie ihr Schlachten
im Namen von Kreuz und Walhall.

Wie ein Brand in das Land eingedrun
nun, in Nässen, zergehen sie,
die Täter, die Nibelungen,
die Töterdynastie
der Helden lobebaeren:
Getilgt und ausgebucht!
Aus den Mythen, aus den Mären,
die Mörder seien verflucht.

Die versehrte Flur grünt wieder,
was zerklafft war, schließt sich san
die Ufer hoch duftet Flieder,
das Blut ist weggedampft.
Die Völker atmen und bleiben,
die Mörder löscht der Tod.
Nur als Fluch durch die Zeiten zu
Das ist der Nibelunge Not.

Franz Fühmann • 1922-1984 • DDR


Am Narew 1944

Die Fluten, träges Ziehen überm Grunde,
von Lehm gefärbt, verdickt vom Uferschlamm,
die Katen rauchig -, ungewisse Stunde
in Schützenlöchern vor dem Knüppeldamm.

Der Stute Schweiß am Rock, in Bart und Haaren,
und morgens die Geschütze kühl betaut
was du an östlicher Geduld erfahren
ist dir aus ungelebter Zeit vertraut

O Heere aus Polen, Pilger ohne genade,
in dessen Staub der Kirchen Glanz erlischt!
Es stürzen Vögel schwarz von der Fassade,
Wenn in dein Blut Ikonenrot sich mischt.

Heinz Piontek • geb. 1925 • BRD


Der fliegende Tod

Hörst du die Luft dumpf zittern
Wie von fernen Gewittern?
Die Diele bebt, und es wankt der Schlot.
Das sind keine Wogen,
Die da rollen und jagen,
Das ist der fliegende Tod.

Er reitet auf eisernen Rossen,
Er wirft dich mit glühenden Geschossen,
Haucht dich an mit zersprengendem Hauch.
Er verbrennt dich mit Feuer,
Begräbt dich im Gemäuer,
Erstickt dich mit giftigem Rauch.

Hörst du’s pfeifen und zischen?
Ein Schrei gellt dazwischen,
Dann ein Krach, als zerberste die Welt.
Du kannst ihm nicht entrinnen,
Er ist draußen, er ist drinnen,
Unter Bäumen, auf der Wiese, im Feld.

Er sieht dich ohne Augen,
Kein Gewölbe mag taugen
Zum Schutz vor des Mörders Begier.
Er greift dich um die Hüfte,
Er wirft dich in die Lüfte
Wie im Traume der wütende Stier.

Er zerreißt dich in Fetzen,
Schon spürst du mit Entsetzen
Am Hals seine würgende Hand.
Da löst sich die Klammer,
Und mit pochendem Hammer
Jagt er weiter ins schaudernde Land.

Ricarda Huch • 1864-1947 • Deutschland


Die letzte Epiphanie

Ic h hatte dies Land in mein Herz genommen.
Ich habe ihm Boten um Boten gesandt.
In vielen Gestalten bin ich gekommen.
Ihr aber habt mich in keiner erkannt.

Ich klopfte bei Nacht, ein bleicher Hebräer,
ein Flüchtling, gejagt, mit zerrissenen Schuhn.
Ihr riefet dem Schergen, ihr winktet dem Späher
und meintet noch Gott einen Dienst zu tun.

Ich kam als zitternde geistgeschwächte
Greisin mit stummem Angstgeschrei.
Ihr aber spracht vom Zukunftsgeschlechte,
und nur meine Asche gabt ihr frei.

Verwaister Knabe auf östlichen Flächen,
ich fiel euch zu Füßen und flehte um Brot.
Ihr aber scheutet ein künftiges Rächen,
ihr zucktet die Achseln und gabt mir den Tod.

Ich kam als Gefangner, als Tagelöhner,
verschleppt und verkauft, von der Peitsche zerfetzt.
Ihr wandtet den Blick von dem struppigen Fröner.
Nun komm ich als Richter. Erkennt ihr mich jetzt?

Werner Bergengruen • 1892-1964 • BRD


Zwei Heere

Tief in die Winterlandschaft graben
Zwei Heere Kriegsgerät, sich zu vernichten.
Sie leiden Frost und Hunger. Urlaubssperre
An beiden Fronten. Tote nur und Kranke,
Die haben Urlaub; frische Truppen harren
Indes, den Frieden durch Gewalt zu bringen.

Sie alle sind nervös und kalt geworden,
Daß jeder die Sache und ferne Worte haßt,
Die ihn herführten, haßt sie mehr als Kugeln.
Einst summte ein Junge ein altes Marschlied,
Einst hob sich die Hand eines Neulings zum Gruß;
Die Stimme erstickte, die erhobene Hand fiel,
Durchs Gelenk geschossen von den eigenen Kameraden.

Sie würden ihre starre Ernte fliehen,
Wenn eisern eingedrillte Zucht sie nicht
Fest vor die Mündung des Revolvers hielte.
Doch wenn sie schlafen, reiten Heimatbilder
Der Sehnsucht flüchtige Rosse, die
In stummem Massengedicht die Ebne erfüllen.

Zuletzt hassen sie nicht mehr: wenn auch der Haß
Vom Himmel birst und die Erde mit Hagel peitscht,
Oder sie zu grotesken Fontänen emportreibt,
Wenn auch Hunderte fallen, wer sieht noch eine Beziehung
Vom unerschöpflichen Zorn der Geschütze
Zu der stummen Geduld jener gequälten Tiere?

Nachts fällt reine Stille, wenn nur ein Steinwurf
Die schlafenden Heere trennt, ein jedes
In Leintuch gemummt, das ferne Hände gewebt.
Sind die Maschinen gestillt, weißt die gemeinsame
Qual mit Atem die Luft, beide verschmelzend,
Als lägen die Feinde sich, schlafend, einander im Arm.

Nur der helle Freund der Bombenschützen,
Der glänzende Pilot Mond, starrt nieder
Auf dieses Land und malt einen leuchtenden Knochen,
Gekreuzt vom Schatten vieler tausend Knochen.
Wo Bernsteinwolken im Niemandsland sich breiten,
Betrachtet er, wie Tod und Zeit mit wildem
Gerede und mit Eisen Vernichtung schleudern.

Stephen Spender • geb. 1909 • England

Vertaling Herbert Schönherr


Die Hand, die unterschrieb

Die Hand, die unterschrieb, hat eine Stadt gefällt:
fünf königliche Finger brachten den Atem in Not,
halbierten ein Land, machten doppelt die Toten der Welt;
diese fünf Könige gaben einem König den Tod.

Von fallenden Schultern kommen so mächtige Hände
und ihre Fingergelenke sind knotig von Gicht.
Ein Gänsekiel machte dem Morden ein Ende,
das hatte dem Gespräch ein Ende gemacht.

Die Hand, die unterschrieb, brachte ein Fieber,
und Hunger wuchs, Heuschrecken kamen.
Groß ist die Hand, die Herrschaft ausübt über
Menschen durch einen hingeklecksten Namen.

Die fünf Könige zählen die Toten, doch ohne die Stirnen
zu streicheln, ohne die krustigen Wunden zu schließen.
Eine Hand gebietet dem Mitleid wie eine Hand den Sternen.
Hände haben keine Tränen zu vergießen.

Dylan Thomas • 1914-1953 • England

Vertaling Erich Fried


Die jungen toten Soldaten

Die jungen toten Soldaten sprechen nicht.
Aber man hört sie in stillen Häusern:
wer hat sie nicht gehört?
Sie haben ein Schweigen, das spricht für sie,
nachts, wenn die Uhr schlägt.
Sie sagen: Wir waren jung. Wir sind gestorben.
Denkt an uns.
Sie sagen: Wir haben getan, was wir konnten,
Aber bevor es vorbei ist, ist es nicht getan.
Sie sagen: Wir haben unser Leben gegeben, aber bevor es vorbei ist,
Kann keiner wissen, was unsere Leben gaben.
Sie sagen: unser Tod ist nicht unser. Er ist teuer;
Es wird bedeuten, was ihr daraus macht.
Sie sagen: unser Leben und Tod für Frieden war,
Und für neue Hoffnung, oder für nichts,
Können wir nicht sagen, denn ihr müßt es sagen.
Sie sagen: wir lassen euch unsere Tode.
Gebt ihnen Sinn.
wir waren jung, sagen sie. Wir sind gestorben.
Denkt an uns

Archibald MacLeish • 1892-1982 • USA

Vertaling Erich Fried


Gedicht für heute

1943

Was können wir sagen, die erschöpften der Worte Sinn,
die leer geweint wir die Herzen von eines Jahrhunderts Tränen?
Was können wir Neues sagen in das Antlitz des Leides,
mit ungenügenden Tränen zu begegnen den Zeiten?
Was können wir sagen, wenn sie kommen um Antwort?

Schließt die Bücher fort mit all ihrer plumpen Belehrung,
werft die Rosen des Gestern beiseit, daß das Leid sich verliert;
dreht den Schlüssel aller Erinnerung, riegelt ab
den Geist vor dem Sturm des Grams, der streicht wie Wahnsinn.

Was können wir sagen, die wir alles schon sagten?
Die wir sahen die Jahre sinken
wie Blätter, wie Tränen über Millionen Särgen,
stumpf heimwärts fallend in den gesegneten Schoß;
was können wir sagen, hier, bei verlöschendem Feuer;
da die Uhr Geschichte tickt, und die Blumen tropfen Blut?

Roy McFadden • geb. 1921 • Irland

Vertaling Hans Feist


Im Krieg

Sie sind und leiden; das ist, was sie tun;
Verbände bergen Stellen, wo sie leben,
ihr Wissen von der Welt beschränkt sich nun
auf das, was ihnen Instrumente geben.

Fremd wie Epochen, die sich nie versöhnen,
halten sie aus, und wahr ist nur ihr Leid;
Gespräche gibt es nicht, sie sind und stöhnen,
entrückt wie Pflanzen; wir sind sternenweit.

Denn wer wird je ein Fuß, wenn er gesund?
Geheilt vergessen wir den kleinsten Riß,
sind wieder ungestüm und sind gewiß

der Alltagswelt der Unverletzten, und
die Einsamkeit scheint uns ein fernes Reich.
Glück, Zorn und Liebe nur sind allen gleich.

Wystan Hugh Auden • 1907-1973 • England

Vertaling Astrid Claes und Edgar Lohner


Elegie für einen toten Soldaten

I
Ein weißes Tuch am Heck des LKW
Wird zum Altar; zwei kleine Leuchter stehen
Und sprühen beiderseits dem Kruzifix,
Umlegt von Blumen heller als das Blut,
Apokalyptisch rot ist dieses Rot.
Hibiscus, wie man auf dem Marsch ihn pflückt,
Um ihn an Knarre oder Helm zu stecken,
Und große blaue Winden gleichwie Lippen,
Die nie mehr schmecken, küssen, fluchen werden.
Der Wind beginnt sanft das Magnificat,
Der Pfarrer schwatzt, die Palmen schütteln sich,
Im Schlamm vereint sich der Kolonnen Marsch.

II
Auch wir sind Asche, indem unser Ohr
Den Psalm aufnimmt, den Schmerz, das schlichte Lob
Von einem, der sich schönere Tage hoffte,
Genau wie wir, und der nun ganz kaputt ist.
Die Taten seiner Jugend sind gelöscht,
Sein Traum, im Schuß zerstoben, schwindet nun.
Nur Staunen fühlen wir vor dem Verlust,
Der auf nichts weist als auf den Zweifel hin
Und Zuversicht im Graben landen läßt.
Der du bei diesem Graben Paulus liest:
Sollen wir den Augen glauben oder schöner Mär
Von Glanz und Auferstehung nach dem Nichts?
Denn der Kamrad ist tot, er fiel im Krieg,
Einer von vielen, die noch leben sollten,
Einer, von allem abgeschnitten, was der Krieg

III
Auch schenkt: von Selbstbefreiung, friedlich freiem Wandern.
Wer trauert hier in dieser kühlen Menge,
Wer hat den Schlag nicht schon gefühlt, bevor
Die Kugel traf? Dies wackre Fleisch,
Dies Kind in einem Sarge ausgelegt –
Wer hat sich nicht schon in dies Tuch gehüllt,
Der Erde Fall gehört, noch frisch die Wunden,
Die Augen zugefühlt, und dann den Knall
Der letzten Menschheitssalve fern gehört?

IV
Zufällig sah ich, wie er starb, am Boden,
Den Arm gehoben, um Konservenblut
Von einem andern einzuführen. Ich stand
Bei seinem letzten Phantasieren, das
Für einen Augenblick noch Einsicht hält,
Und dann Erwürgen, dann der letzte Ton.
Der Schluß kam plötzlich, wie ein dummes Stück,
Absurd die Katastrophe, halb begründet,
Und das Entscheidende unausgesagt.
So gingen wir, grimmig und ungewandelt,
Und übel war uns von dem stummen Tadel.

V
Statistiken von Toten nützen nichts,
Denn nichts Politisches vermindert
Hier diesen Toten oder all die andern,
Vermißte und Genesene, Verschlagne,
Gezählt sind Hunderttausend, fast Millionen.
Mehr als ein Zufall, weniger als gewollt
Ist jeder Fall, und dieser wie der Rest.
Wie auch die andern sich den Preis errechnen,
Die Abschlußsumme ist für uns nur eine,
Mit einem Namen, himmelwärts versetzt;
Wenn auch ein andrer seine Waffe aufnimmt,
Wir können einfach beide nicht addieren.

VI
Ich spräche nicht für den, der schweigen muß,
Wär meine Angst nicht wahr: man tat ihm Recht,
Er kannte die Entscheidung, die ihm eigen,
Doch ließ sie selber wählen, an Instinkt
Gereift, nicht Opfer war er und nicht freien Willens,
So folgte er, und seine Führer konnten
Nichts jenseits der Geführten suchen. Vieles
Davon hat er gewußt. Die Reise war
Ein Umweg, der zum Lincoln Highway führte
Von einem Land, das hemmungslos gepflegt,
Erregt und neu war – eben was er wünschte.
Er wollte ja verdienen, weiterkommen.
Er und die Welt hatten sich zugenickt …

VII
Geschichte trog ihn nicht, denn wenig wußt er
Von Zeiten und von Heeren, die nicht sein;
Er ahnte nicht, daß Frieden nur geliehn ist,
Und stellte niemals den Gewinn in Frage.
Jenseits der Überschriften sah er manchmal,
Wie sich die Macht bei wenigen versammelt,
Doch ohne sie zu kennen. Seine Stimme
Gab er mißtrauisch ab, er traute nur dem Recht.
Den Sozialismus fand er komisch; on mourrait
pour les industriels? Er gab sein Hemd,
Nicht brüderlich, doch für die Löhnung hin.

VIII
Das Salbungsvolle ekelt’ ihn am meisten,
Schlagworte und Reklame. Nicht dem Parlament
Zuliebe zahlt’ er seine Rechnung
Bei Bunker Hill. Nur wenig Ideale
Kannt’ er, und keine bloß zum schwatzen.
Obwohl ein Glied der Kirche, sprach er nie
Von Gott. Die Taufe hielt er ein, den Christbaum,
Das Osterei, und ließ den Pfarrer auf der Kanzel gelten,
Und kannte kein «gesetzt daß» oder «sintemal».
Weichheit hatt’ er und Stunden und auch Nächte
Zum Denken, Anziehn, Tanzen nach dem Jazz.
Echt war sein Lachen, home made sein Verhalten.

IX
Am wenigsten von allen Menschen war er arm;
Der Armen, Abgerißnen schämt’ er sich,
Mißachtet Bettler wie den bösen Zweifel,
Und sah die Arbeitslosen an als vage Masse
Zu Hunger oder Aufstand gleich unfähig.
Die andern Rassen – südlich, östlich – haßt’ er,
Verdrängte sie zum Rande seines Denkens.
Ans Faustrecht konnte er sich wohl erinnern,
An Bandenkrieg sich wie an Spiel erfreun.
Fern irgendwo verblieben seine Ahnen,
Vererbten nichts ihm als den Eigennamen.
Bei offnen Türen kannt’ er keine Klassen.

X
WeIch Erbe hätten seine Kinder einst gehabt,
Recht oder unrecht, allen Glanz der Welt,
Des Wissens und der Künste volles Maß
Im Füllhorn, und aus diesem ausgeschüttet,
Ein Volk in Honig badend, hier Paris,
Und Wien mit höchstem Lohne herversetzt,
Die ganze Welt in Phoenix, Jacksonville
Zu haben. Kapitol der Welt, ein neu
Byzanz. Des Menschen Reich – wer weiß? Ob hohl,
Ob fest, kein Mensch kann prophezein eh’ nicht
Aus unserm Tod ein unentdeckter Keimd
Von DuIdsamkeit und Frieden rein entspringt.

XI
Die kurze Trauerzeit ziemt dem Soldaten recht,
Wir tun die Fahne fort und falten sie,
Entblösst der Sarg mit dem geschriebnen Schild,
Machieren ab. Dahinter warten vier,
Den Sarg zu heben, schwerste aller Lasten.
Der dumpfe Nachmittag betäubt, bedrängt
Die Sinne uns und unterdrückt Gespräch.
Wir wissen dass auf andren Tageswegen
Noch andre fallen werden, ich, der Nebenmann,
Bedroht sind alle, die die Welt begehn:
Und könnten wir das Grab des Toten schmücken,
So schrieben wir zu Nam’ und Datum dies:

Epitaph

Hier unter diesem Holzkreuz liegt ein Christ,
Er fiel im Kampf. Du, der du dieses liest,
Bedenke wohl, der Fremdling starb voll Pein;
Und gehst du fort, und ist der Glaube dein,
Der Menschen Glaube an den Frieden,
So wisse: diesem Tod war Sinn beschieden.

Karl Shapiro • geb.1913 • USA

Vertaling Herta Elisabeth und Walther Killy


Bedrängnis

Nicht mehr Träume
Den Träumenden,
Nicht mehr Lieder
Den Singenden,
Nichts mehr verfügbar!

Es gibt heut Länder,
in denen herrscht einzig
dunkle Nacht,
kalter Stahl –
Aber glaub nur, der Traum
kommt zurück,
Aber glaub nur, das Lied
bricht die Fesseln!

James Langston Hughes • 1902-1967 • USA


Nacht mit Verlaine

In der Februarnacht ohne Ende
peitschendes Schrilln der Sirenen.
In Kellern zu Haufen vergraben
das leere Schneckengemach.
Der Atem der Städte zerbrach.
Finsternistinster.

In meinem Luftschutzgepäck
einige Verse Verlaine.
Wartend aufs Löschen erloschenen Lichts.
Derart dicht war die Stille nach diesem Heulen,
daß der schneeweiße Mond eines Gedichts
flammend zwischen den Seiten erschien –
ein schneeweißer Mond,
der Mondinnen Bruder.

Mit kalter Helle trocknete er meine Stirn,
durchschritt die Wand wie dichtesten Nebel,
stieg die verödeten Treppen hinauf,
bis das Beben belaubten Haines
das entvölkerte Haus überzog.

Da schälte sich aus den Falten der Dächer:
der schneeweiße Mond.
Und auf der Stelle
ergoß sich in Wälder,
in uns eine Helle.

Entferntes Dröhnen. Während die Häuser
Staub wurden so viele Male,
stieg und wölbte die Kuppel
der Nachtigallkathedrale
Verlaines schneeweißer Mond,
hoch, frei und still –

in Ewigkeit Frieden.

František Hrubin • 1910-1971 • Tschechoslowakei

Vertaling: Jürgen Rennert


Wenn einst man wieder liest Gedichte

Wenn einst man wieder liest Gedichte,
den Mensch im Menschen wiedersieht,
Schmelzwasser macht den Schnee zunichte,
und Nacht und Frost entflieht,

wie war doch, man wird’s erfahren,
der Waffen und der Klagen Zeit,
da Dichter nicht vonnöten waren,
der Mensch dem Menschen tief entzweit.

Láco Novomeský • 1904-1976 • Tschechoslowakei

Vertaling Annemarie Bostroem


Den Märtyrern von der Piazza Loreto

Es dämmerte; alles blieb starr,
Stadt, Himmel, Atem des Tages.
Die Henker nur blieben lebend,
allein vor den Toten.
Der Schrei des Morgens, er war das Schweigen.
Der blutende Himmel, Schweigen.
Mailand war ein unendliches Schweigen von Häusern.
Und die Mörder, eine Beute der Furcht, waren da,
befleckt von der Sonne, beschmutzt vom Licht,
voll Abscheu voreinander.
Es dämmerte, hier auf dem freudezitternden Platz,
über den morgens und abends
die Arbeiter fluten mitten im Licht,
hier wo das Kreischen der Tram auf den Schienen freudig grü
und die frohen Gesichter der Lebenden, hier wollten sie,
daß sich das Blutbad vollende.
Auf daß Mailand an seinen Toren
hätte vermischt im gleichen Blut
seine lieben Kinder und sein altes Herz,
das starke, hart wie eine Faust.
Ich hielt mein Herz in der Hand und eures auch,
das meiner Mutter und das meiner Kinder,
das Herz aller Lebendigen, die ein Augenblick fällte,
für diese den ganzen Tag ausgestellten Toten
im Lichte des Sommers, in einem Sturm
sengender Wolken. Ich wartete auf das Böse
wie auf ein plötzliches Feuer oder eine
grollende siegreiche Woge, der Donner war es
eines Volkes, das aufsteht aus seinem Grab.
Ich sah im neuen Tag in Loreto die rote Barrikade,
die die Toten als erste stürmen, noch im Arbeitskleid,
mit nackter Brust, immer noch
voller Glut und Inbrunst. Und jeder Tag,
jede Stunde brennt ewig von diesem Feuer.
Und jeder Morgenröte blutet das Herz von dem Blei,
das an die Mauer spießte diese Schuldlosen all.

Alfonso Gatto • geb. 1909 • Italien

Vertaling WaIter Talmon-Gros


Die Wasserträgerin am Calvinplatz-Brunnen

Der Winter hat sie mir fortgenommen…
O Stunde, Stunde des Unheils!
Eisen, feuer und Blut sind vom Himmel herniedergekommen,
und der Schnee lag von Stiefeln zerstampft,
rauchend und rot,
und wie ein geschändetes Mädchen, besudelt mit Kot.
O Stunde, Stunde des Unheils!
Das Wasser im Keller ging aus, die Tränen sind uns versiegt,
wie auch der Duft der Kokosmilch langsam verfliegt.
Dazwischen pfiff und sauste der Wind.
O Stunde, Stunde des Unheils!
Noch seh ich die Wasserträgerin, ihre Ärmel
zurückgeschoben am Kleid,
ich sehe den Platz und den Brunnen – der Weg zu ihm
war nur zwanzig Schritte weit.
O Stunde, Stunde des Unheils!

An ihren Armen schimmerte hauchzarter Flaum.
Kurz war ihr Rock, und die Knie schauten zierlich hervor,
knapp unter dem Saum.
Kaum graute der Morgen.
O Stunde, Stunde des Unheils!
Die andern lagen noch tief im Schlaf an den Kellerwänden,
sie aber lief zum Brunnen,
die Eimer schwankten an ihren Händen.
Und es geschah –
Zwei Eimer voll Wasser, und sie lag dazwischen,
meine liebliche Blume Mandragora –
Eisen, Feuer und Blut sind vom Himmel herniedergekommen.
Der Winter hat sie mir fortgenommen.
O Stunde, Stunde des Unheils!

József Ráth • geb. 1933 • Ungarn

Vertaling Rainer Brambach


Liebe 1944

Wehrlos nackt
Lippe auf Lippe
mit weit
geöffneten Augen

lauschend

schwammen wir
durch das Meer
aus Blut und Tränen

Tadeusz Różewicz • geb. 1921 • Polen

Vertaling Karl Dedecius


Das Herz der Granate

Anno neununddreißig hat sich’s gefügt,
daß dich Mauersplitter getroffen haben.
Im Herzen der Stadt, wo dein Gäßchen liegt
-dort wo du fielst, hat dich jemand begraben.

Im Frühling keimt aus verflogenem Samen
Gras unterm Schutt deines Hauses hervor.
Grab ohne Heimat, Staub ohne Namen
-und rings ragt Warschau in Trümmern empor.

Ich komme zu dir auf kürzesten Wegen;
im Eilmarsch stürm ich dem Gäßchen zu,
wo an Steine geschmiegt deine Grabstatt gelegen,
schamhafter Staub eines Menschen du!

Auf daß du liegest gekannt und umhegt
in lebender Stadt und im eigenen Staate;
denn dafür ist es, daß dreimal schlägt
im Wurf nach Westen das Herz der Granate.

Adam Ważyk • 1905-1982 • Polen

Vertaling Helene Lahr


Ein Kindergebet

Vater unser …
Wärst Du wirklich unser Vater,
müßtest Du, wenn auch noch tiefre Wunden
Dir die harten Eisennägel rissen,
jetzt vom Kreuz zu uns herniedersteigen,
um verwaisten Kindern, die gleich Hunden
heimatlos durch Nacht und Fremde irren,
Deine Liebe jetzt zu zeigen.
Vater unser ..•

Vater unser ..•
Wo ist er geblieben, unser Vater?
An der Weichsel oder an der Drina …
Ach, wir können es nicht wissen;
eines aber ahnen wir: durchschossen
ist sein Herz, und bleizerrissen
bluten seine Hände, im Verlangen
uns, die Kinder, schützend zu umfangen.
Ja, wir spüren über alle Weiten
seine Liebe und sein Armebreiten …
Vater unser …

Oton Zupančič • 1878-1949 • Jugoslawien

Vertaling Herbert Gottschalk


Frühling

Frühling, du mein weißer Frühling,
der noch nicht erlebte, nicht gefeierte,
der sich mir im Traum allein entschleierte,
der im Tiefflug streift den Pappelwald –
du hast Kraft und Schwung, du machst nicht halt.

Frühling, du mein weißer Frühling,
Sturm und Regen wirst du einmal bringen,
Wirbelflammen über uns zu schwingen,
tausend Hoffnungen uns zu erfüllen,
unsrer blutigen Wunden Schmerz zu stillen.

Über jungen Saaten werden Lieder
froh erklingen, frohe Vögel schwimmen,
fröhlich wird das Werk die Menschen stimmen,
die sich lieben werden, eins wie Brüder.

Frühling, du mein weißer Frühling,
der das Leben läßt in Wüsten blühen –
zeige deinen ersten Schwung uns allen!
Seh ich deine Sonne vor mir glühen,
will ich gern auf deinen Barrikaden fallen.

Nikola Jonkoff Wapzaroff • 1909-1942 • Bulgarien

Vertaling A. E.Thoß und Stefan Stantscheff


Sie nahmen

Die Tschechen traten auf die Deutschen zu und spuckten…
Märzzeitungen 1939
Sie nahmen schnell und mit Großmannsmut:
Sie nahmen den Berg und was unter ihm ruht,
Sie nahmen die Kohle, sie nahmen den Stahl,
Sie nahmen das Blei, und sie nahmen Kristall.

Sie nahmen den Zucker, sie nahmen den Klee,
Sie nahmen die Ferne, sie nahmen die Näh,
Sie nahmen den Westen, sie nahmen den Nord,
Sie nahmen den Süden und Osten fort.

Sie nahmen den Honig, sie nahmen das Bad,
Sie nahmen das Heu, und sie nahmen den Grat,
Sie nahmen das irdische Eden, jedoch:
Sie nahmen kampflos den Kampf uns noch!

Sie nahmen Geschütz, und sie nahmen Geschoß,
Sie nahmen uns Erze und Freund und Genoss’ –
Wir haben noch Spucke, und die ist für sie:
Uns ganz zu entwaffnen, das schaffen sie nie.

Paris, 9. Mai 1939

Marina Zwetajewa • 1892-1941 • UdSSR

Vertaling Karl Mickel


Hier spricht der Krieg

Intermezzo aus der Tragödie «Numancia» von Cervantes

Ein Abendrot, als wäre nichts geschehen.
Im Äther geistert heitere Musik.
Erheb dich, laufe! Halt! Zu spät! Bleib stehen!

Ich bin schon vor dem Stadttor, ich, der Krieg!
Ich bin als Legationsrat und Spion,
als Chiffre-Wort im Zeitungsfeuilleton
herangeschlurft auf samtgedämpften Tatzen,
um unter euch geräuschvoll zu zerplatzen.

Ihr kennt mich nicht, wißt nicht, was ich euch vorsang.
Ich tarnte mich als Moorbrand im Gesträuch,
schürt’ selbst mein Feuer, hielt den schweren Vorhang
des mörderischen Rauches über euch,
damit ihr Furcht verspürt und mich begreift,
sobald mein Feuer eure Stirnen streift.

Seht: wie geschmeidig ist mein roter Strahl!
Wie wunderbar des Todes Arsenal!

Wie stolz der Bombenflieger erdwärts blickt,
bevor er auf den Knopf des Grauens drückt!

Die Hand im weißen Handschuh zittert nicht,
wenn er das Werk, das ihr erbaut, zerbricht.

Es bäumt sich tief im Schlaf der Metropole
die Hölle auf. Sie brüllt, speit Glut und Kohle.
Ihr taucht empor aus diesem Meer von Flammen
und stoßt mit Panzern vor, den Feind zu rammen,
nachdem ihr sie mit schweren Giften füllt
und euch von Kopf bis Fuß in Nebel hüllt.

Es splittern unter Panzern die Gerippe
gastrunkner Lacher von der Friedhofssippe.
Wie herrlich ihre Todeslegion!
Man röchelt in den letzten Zügen schon
und lacht und lacht. Die beste der Ideen
ist, in des Lachens Feuer zu vergehen.

Wie wundert sich das sachliche Gemüt
des Kochs, der einen Flammenwerfer sieht!
Sein Fach ist, fetter Gänse Fleisch zu braten,
hier brät man aber Bürger und Soldaten!

Sirenenläufe schlagen Doppelhaken –
man nennt das treffend «psychische Attacken».
Dem eingeschüchterten Phantasten scheint,
er sei umringt vom durchgebrochnen Feind.
Mit glasigen Blicken rennt das Volk umher,
indes die Angst der Opfer Zahl vermehrt.

Und wenn das Grün- und Gelbkreuz spukt, erlahmen
die grellsten Wirkungen der Bühnendramen.
Dann sieht man Menschen, die sich plötzlich röten,
mit Pocken sich bedecken, dick wie Kröten,
Gespenster, die der Starkstrom heiß durchdringt,
verkohlter Leichen Wald, der niedersinkt,
Blindäugige, die bitter weinend irrn.
Der Schmerz verläßt das Herz und steigt zum Hirn.

Sobald die flüssige Luft der ersten Minen
zu dröhnen anhebt, stürzen in Lawinen
von Kalk und Farbe, Staub und Ziegelstein
wie Kartenhäuser eure Heime ein.
Und wenn der Staub sich legt, dann hat man Muße,
geköpfte Leichen, lahme Omnibusse,
die die Geschosse jäh zur Strecke brachten,
im schwelenden Gerümpel zu betrachten.
Die Bombenlast durchrast die halbe Welt,
dem Kind zu zeigen, wie der Vater fällt.

Im heißen Zweikampf mit dem Phosphorbrand
ist machtlos selbst des stärksten Menschen Hand.
Die Straßen lodern wie Ameisenhaufen,
der Rauch wird rot wie Steinwurz kurz vorm Schnee,
und Menschen, die verstört im Kreise laufen,
beschießen Himmelsreiter mit MG.
Vergeßt nicht, ihr, auf deren Ruf ich eile:
Ich bin nicht einfach Glut und Feuersäule,
die eurem Wunsch, wenn ihr nach Schätzen schürft,
sich einseitig und willig unterwirft.
O nein, des Krieges finsteres Gebot
gibt jedermann das Recht auf Schmerz und Tod:
Wer Gas gebraucht, bekommt es selbst zu schlucken,
wer Bomben wirft, hört einmal auch zu Haus
die fremden Flieger sich zu Häupten spuken.
Des Todes Schritt, die Angst vor dem Garaus
wird auch sein Haar in einer Nacht entfärben,
und er erblickt der fremden Panzer Spur
auf heimatlichen Fluren, auf den Scherben
und Trümmern seiner eigenen Kultur,
und kommt vor seines Volkes Schiedsgericht,
wenn er im Amoklauf zusammenbricht.

Nikolai Tichonow – 1896-1979 • UdSSR

Vertaling Alfred E.Thoß


Schreckliches Märchen

Es wird sich alles ändern rings,
neu wird die Hauptstadt blühen.
Die Kinderangst, vom Schlaf noch blind,
jedoch wird nie verziehen.

Vergessen nie des Schreckens Mal,
das tief sich eingegraben.
Die Feinde werden hundertmal
dafür zu büßen haben.

Vergessen die Beschießung nie,
die grause Zeit des Todes,
als er im Lande hauste wie
zu Bethlehem Herodes.

Die neue, beßre Zeit beginnt.
Wenn auch die Zeugen schwinden –
die Qualen jedes Krüppelkinds
wird keiner je verwinden.

Boris Pasternak • 1890-1960 • UdSSR

vertaling Günther Deicke


Wart auf mich

Wart auf mich, ich komm zurück,
aber warte sehr.
Warte, wenn der Regen fällt,
grau und trüb und schwer.
Warte, wenn der Schneesturm tobt,
wenn der Sommer glüht.
Warte, wenn die andern längst,
längst des Wartens müd.
Warte, wenn vom fernen Ort
dich kein Brief erreicht.
Warte – bis auf Erden nichts
deinem Warten gleicht.

Wart auf mich, ich komm zurück.
Stolz und kalt hör zu,
wenn der Besserwisser lehrt:
«Zwecklos wartest du!»
Wenn die Freunde, Wartens müd,
mich betrauern schon,
trauernd sich ans Fenster setzt
Mutter, Bruder, Sohn.
Wenn sie, mein gedenkend, dann
trinken herben Wein.
Du nur trink nicht – warte noch
mutig – stark – allein.

Wart auf mich, ich komm’ zurück,
ja, zum Trotz dem Tod,
der mich hundert-, tausendfach
Tag und Nacht bedroht.
Für die Freiheit meines Lands,
rings umdröhnt, umblitzt,
kämpfend, fühl ich, wie im Kampf
mich dein Warten schützt.
Was am Leben mich erhält,
weißt nur du und ich:
Daß du, so wie niemand sonst,
warten kannst auf mich.

Konstantin Simonow • 1915-1979 • UdSSR

Vertaling Clara Blum


Ahnung des Frühlings

1942

Ach, Freunde, ich sehe, es ist unser Los,
hier taumelnd von Krieg zu Krieg zu leben.
Drüben im Wald springt ein Bächlein durchs Moos,
Schwalbennester am Stallgebälk kleben.

Im Mittag die Kiefern stehn strahlend, gekrönt
von der klingenden Sonne – wie weit ist das Land,
und aus den Wäldern rings dröhnt und dröhnt
das Schrei’n der Geschütze unverwandt.

Wer hieße sie schweigen? Was kümmert sie
des keimenden Saatkorns freudiger Schmerz?
Wie könnten die Hälmchen sie hören, die
sehnsüchtig sich strecken maienwärts?

Mag die Stille auch sterben! Wir leiden es nicht,
in den Sielen hinsiechende Sklaven zu sein.
Wir wollen Frühling und Freude und Licht,
drum zwingen wir heute das Eisen zu schrein.

Unsre Tage sind hart. Halte aus. Verlier
da Picht die Zeit, die weit
Für unsere Kinder schmelye
aus dem Eisengesch

Alexej Surkow • 1899-1983 • UdSSR

Vertaling Franz Fühmann


Neunzehnhundertfünfundvierzig

Gefährten des Zufalls!
Wieder
trafen wir uns auf der Straße des Kriegs.
Wieder müssen wir, ans Elternhaus denkend,
die störrischen Fahrer ausfragen und
auf zufäll’gen Wagen die Welt durchziehn,
die ungarische Pußta verfluchend –
dort ist nur Wind, Eisgarben,
vergeßne Kürbisse wie Geschosse,
und Denkmäler stolzer Könige
mit kurzen Eisenschwertern
auf Pferden satt und faul.

Rast jetzt.
Wir schlafen auf Heuböden
und in Schlössern auf Samt.
Auf jetzt! Vorwärts, Schofför!
Wie lang schon befahren wir den Kolumbusweg,
entdeckt sind neue Staaten,
doch weiter geht’s in neues Land.
Wieder Attacken,
Bomben, Flak, Sani
und nachts die Patrouillen der Aufklärer.
Eine große Stadt nehmen wir Haus für Haus,
ja Wohnung für Wohnung:
Auf dem Geländer
hängt ein fremder toter Soldat,
seine MPi raucht auf dem Boden.
Es wiederholt sich alles.
Auf der Straße bei Wien
erstarrten im Blut die Pferde
wie rote Hügel groß.
Im Parlament – Mäntel und Fahnen
einer deutschen Abteilung.
Und die Gefangnen, noch im Fieber des Kampfes,
schimpfen, schwitzen, zittern.
Nicht als Touristen gehn wir durch Wien,
uns steht nach Museen der Sinn nicht,
nach Exkursionen.
Wir sind kein Musikkorps,
sind Infanteristen.
Beethoven aber
ehrten wir mit einem Kranz.
Gefährten des Zufalls! Wieder
trafen wir uns auf der Straße des Kriegs.
Wieder müssen wir, ans Elternhaus denkend,
die störrischen Fahrer ausfragen und
auf zufälligen Wagen die Welt durchziehn,
heimkehrend aus großen Schlachten.

Gefährten des Zufalls!
Soldaten
der vordersten Linien, der ersten Züge.
Der zweite Weltkrieg ist zu Ende.
Zu Hause erwartet man uns.
Los, vorwärts, Schofför!

Semjon Gudsenko • 1922-1953 • UdSSR

Vertaling Franz Fühmann


Glaub es nicht!

Sagt man dir, Liebste: «Dshalil war müd,
man hat ihn kampflos niedergeschlagen.»
Glaub es nicht, Liebste! Glaube kein Wort!
Kein Freund wird dir so etwas sagen.

Mit Blut habe ich auf die Fahne geschrieben
den Schwur, immer vorwärts zu gehn.
Ich habe kein Recht, zu straucheln, zu stürzen,
ermüdet gar stillezustehn.

Sagt man dir, Liebste: «Dshalil verriet
die Heimat. Hat Not nicht ertragen.»
Glaub es nicht, Liebste! Glaube kein Wort!
Kein Freund wird dir so etwas sagen.

Als die MPi auf den Rücken ich nahm,
schwor ich, die Heimat zu schützen.
Hätte ich dich und die Heimat verraten,
was könnt mir mein Leben noch nützen?

Sagt man dir, Liebste: «Dshalil ist tot,
du mußt deinen Toten beklagen!»
Glaub es nicht, Liebste! Glaube kein Wort!
Kein Freund wird dir so etwas sagen.

Die Erde begräbt meinen Körper – mein Herz,
Das flammenende, singt und singt.
Kann der denn sterben, der seinen Feind
Immer aufs neue bezwingt?

Mussa Dshalil • 1906-1944 • UdSSR

Vertaling Helmut Preissler


Er kam nicht zurück aus der Schlacht

Wie kommt das: alles ist anders geworden
Doch der Himmel ist blau wie von Sommer
der Wald ist der gleiche, die Luft und der See …
Nur er ist aus der Schlacht nicht gekommen

Ich weiß nicht mehr, wer hatte recht von uns beiden
in dem Streit, der kein Ende genommen
Er fehlt mir deshalb, und nicht erst, seit ich weiß:
Auch er ist aus der Schlacht nicht gekommen

Er sang nie im Takte, und dann plötzlich schwieg er
doch sprach er, sind selbst Steine geschwommen…
Stieß mich aus dem Schlaf, stand vorm Morgengraun auf
und er ist aus der Schlacht nicht gekommen

Ich beiß mir die Zunge und heul nicht: ach, er fehlt!
Doch ich weiß und spüre beklommen:
Wir zwei waren eins, und wie ein Feuer erstickt
so ist er aus der Schlacht nicht gekommen

Jetzt bricht das Frühjahr los, wie aus Gefangenschaft
ich sag wie immer: Gib ein Stück
Papier her und Machorka! Und das Schweigen sagt:
Aus dieser Schlacht kam er nicht mehr zurück

Die Toten lassen uns nicht mit dem Schmerz allein
Gefallne stehn als Wächter und sehn drauf
daß jeder Wald uns immer wie ein Himmel scheint
die Äste wie Standarten, alt und blau

Der Platz im Schützengraben, das war unsre Welt
und nun der Tag, der sie uns nahm …
Was um uns war, für einen blieb’s. Mir aber scheint:
Ich bin’s, der nicht mehr aus der Schlacht kam

Wladimir Wyssozki • 1938-1980 • UdSSR

Vertaling Klaus-Peter Schwarz


1812- 1918 – 1941
Moskau 1941, Flugblatt

Vor meinen Augen schwebt ein altes Bild,
Das ich als Kind in einem Buch gefunden:
Gestalten ziehn im Schnee, zerfetzt, zerschunden;
Die Öde ist von Schneewehn fast verhüllt.

Das war einmal die Garde des Diktators!
Vor Moskau brüllte sie Viktoria.
zwei Monat erst! Der Traum des Imperators
versank im Nebel der Beresina.

Wo sind die bunt und blitzenden Kolonnen?
Russland zerschlug sie vor dem letzten Ziel.
Nichts war gewonnen, alles war zerronnen;
Und Bonapartes Götzenbild zerfiel.

Nun kommt ein andres Bild mir in den Sinn:
Ich seh der Ukraine Partisanen
herstürmen mit zerschossnen roten Fahnen
Und treiben deutsche Söldner vor sich hin.

Die brachen hier ins Land mit Siegermiene
und haben es mit Raub und Mord geplagt,
Bis side das freie Volk der Ukraine
Mit Schimpf und Schande aus dem Land gejagt.

Was denkt der kreischende Diktator?
Wie er Euripa auf die Knie zwang;
Könnt er nach Moskau ziehn als Usurpator?
Er rennt in seinen eignen Untergang.

Heut sind es nicht Kutusows Bataillone,
Nicht arme Bauern mit dem Jagdgewehr.
Heute stehen vor ihm die ehernen Millionen
Der Söhne des Sowetslands Riesenheer.

Wie ein Gewitter wird es niederfahren.
Dann gibt’s nur eins: Verderben oder fliehn!
Ich seh sie schon als aufgelöste Scharen
Durch Finnland, Polen und Rumänien ziehn.

Noch prahlen sie: Sie wären nicht zu schlagen,
Und fühlen sich als Herrn in aller Welt.
Doch warn ich euch! Es wird ein großes Klagen,
Wenn einst der Schlag zurück auf Deutschland fällt.

Erich Weinert • 1890-1953 • DDR


Hymnus auf den Frieden

Du feenhaftes Licht! Flüchtige Hoffnung,
hinrasender Dezennien seltene Zier!
Mit Worten hell und immer mehr begeistert
sprach ich, leichtfüßiger Friede, stets von dir!

Ich pries auch jetzt dich – doch wohin entschwandest
du diesen Winter, der dich schmeichelnd äfft,
indes er Stahl schleift gegen Menschenherzen!
Ach, wie der Wein tief in der Beere schläft,

so ruhst in unsrer Seele du verborgen.
Brich auf denn! Ein uraltes Lied stimmt an
dem Ruhm der Sel’gen mit dem Sangesmunde,
doch sag, wer heutzutag noch singen kann.

Komm, eil doch schon herbei, luftiger März!
Jetzt brennt die Frühe noch mit strengen Frösten,
komm, Wintersonne, Mütterchen, den eisig
verharschten Wald mit mildem Hauch zu trösten,

und harr auch über uns aus: Wir erfrieren
in diesem Winter, der von Kriegen brennt,
da die zum Widerstand zu schwache Seele
schon lernt der rohen Fäuste Argument.

Von Sommern träumen wir und daß die Wälder
ergrünen und ihr Moos den Schritt erquickt,
und unser Aug’ im farbensatten Garten
die reife, fallbereite Nuß erblickt

und daß sich jauchzend unter goldnen Sonnen
Kinderreihn reihum rund im Reigen drehn
und sich um Bälle balgen, daß im Grün die
Mähnen der Pferde hell wie Fahnen wehn,

wenn sie dem Abendrot entgegenstürmen,
und zwitschernd Schwälblein in die Nester schwirren,
die sich am Dach schwarz an der Traufe reihn!
Kann dies je sein? Ja, einst wird Frieden sein.

O Herz halt aus! Wehr dich, o Seele mein!

Miklós Radnóti • 1909-1944 • Ungarn

Vertaling Franz Fühmann


Herbst 1945

Im Herbstnebel auf der Weide
die Pferde wie Schemen stehn.
«Es dunkelt schon in der Heide,
nach Hause laßt uns gehn.»

Nach Hause, bald kommt der Winter.
Wir haben des Brots nicht gedacht.
Da singen die fremden Kinder
das Lied in die frühe Nacht.

Was hilft nun das Trauern und Bitten,
was ist nun dein Träumen wert?
«Wir haben das Korn geschnitten
mit unserm scharfen Schwert!»

Noch des Lieds unsterbliche Zeugen
aus den Jahrhunderten her.
Nun stehen wir da und schweigen.
Nun wird das Herz uns schwer.

Nun blicken wir zur Seite
und wollen die Not nicht sehn.
«Es dunkelt schon in der Heide,
nach Hause laßt uns gehn.»

Trost ist das Land und sein Friede,
Trost auch ein Mensch dann und wann.
Und eine Strophe im Liede,
die uns nicht trösten kann.

Und haben wir gelitten,
wir waren des Leids nicht wert.
«Wir haben das Korn geschnitten
mit unserm scharfen Schwert.»

Günther Deicke • geb. 1922 • DDR


Friede auf Erden

Und der alte Mann vom Huronensee,
dem war der Enkel gefallen,
und es tat ihm drum das Herz so weh,
daß er zog mit den andern allen.

Und die andern alle, die zogen zum Meer,
und schifften sich ein, und sie fuhren,
und sie kamen alle nach Deutschland her,
denn in Deutschland waren die Spuren.

Die Spuren vom Blut, die Spuren vom Schrei,
hier waren vom Kriege die Gründe,
und sie fragten, ob hier der Friede sei,
denn die Unschuld liebe die Sünde.

Und es kamen vom Osten der Samojed,
der hatte den Vater verloren,
vom Süden die Mutter aus Nazareth,
es kamen Franzosen und Mohren.

Und aus Posen, da kam der Vater an,
dem war die Tochter geschändet,
und aus Lüttich, da kam ein junger Mann,
dem war die Liebste verendet.

Und sie gingen alle nach Deutschland hinein,
und die Füße waren geschunden,
und als sie waren in Frankfurt am Main,
da waren die Herzen voll Wunden.

Und sie wollten wieder nach Hause ziehn,
denn der Friede, der lag in den Särgen,
da trafen sie einen Mann aus Berlin,
es war in dem Harz, in den Bergen.

Und sie fragten den Mann, und er war sehr jung,
ob er wisse, wo Friede wäre,
und er sagte, der Friede, der ist im Dung,
der Friede, der ist in der Ahre,

der Friede ist, wo die Unschuld ist.
Da fragten sie ihn nach dem Namen.
Ich heiße Joseph, und ich war vermißt,
er rief’s, und sie riefen: Amen!

Ach was, fuhr er fort, ich war Soldat,
die bösen Jahre, die langen,
jetzt gehe ich heim, in meine Stadt,
und will mein Mädchen umfangen.

Die hat ein Kind, dem schaut ins Gesicht,
dann habt ihr den Frieden auf Erden.
Und sie sahen das Kind, und da war ein Licht,
und sie meinten, es könnte was werden,

daß die Wandrung vom fernen Huronensee,
vom Süden und Osten und Norden,
zerschmelze den Krieg und zerstäube das Weh,
und daß sie glücklich geworden.

Und sie drehten sich um, und sie gingen heim,
und sie lachten, der Spanier, der Neger,
sie wußten, der Friede im Honigseim,
sie wußten’s, Malaien, Norweger,

der Friede der Lerche, der Friede des Taus,
der Friede ist bei den Gerechten,
der Friede ist bei den Guten zu Haus,
der Friede meidet die Schlechten.

Und sie waren zu Haus, und sie sahen all das,
was sie in der Ferne gefunden,
sie sahen’s wachsen im eigenen Gras,
und sahen’s in Rindern und Hunden,

im eigenen Kind, in der eigenen Frau,
und sie faßten die Äxte, zu schlagen,
und tranken selig vom eigenen Tau,
und träumten von künftigen Tagen.

Da war die Erde das Paradies,
und Gott, der war ihresgleichen –
ach, Mensch, ich bitte dich, lese dies,
und wittre die ersten Zeichen.

Wolfgang Weyrauch • 1904-1980 • BRD


Der Dornenwald

Es zieht ein Dornenwald sich eben
Vor Olyka zerklüftet hin;
Noch rosten Saum an Saum die Gräben,
Die sich beschossen über ihn.
Woe die granaten hoch sie streckten,
Stehn noch die Wurzelstrünke da;
Grün ranken sich die Brombeerhecken
Im Dornenwald vor Olyka.

Die Äste stehn zu Lehm gebacken;
Die Rutten treiben frisch und kraus;
Sie kommen aus dem Dorf und hacken
Die Knochen samt den Knöpfen aus.
Die Kinder sammeln sie in Säcken,
Des Messings Glanz geht ihnen nah;
Grün raken sich die Brombeerhecken
Im Dornenwald vor Olyka.

Im Sand verbiegen sich die Spaten,
noch gehn die blinden Zünder los;
wir träumen, Kamerad, und waten
bis zu den Knöcheln tief in Moos.
Der Rasen nicht, die Lüfte decken
für uns mit Taubheit, was geschah;
grün ranken sich die Brombeerhecken
im Dornenwald vor Olyka.

Theodor Kramer • 1897-1958 . Österreich


Neunzehnhundertfünfundvierzig

Die Hälfte des Lebens lachten die Pfauen zu Scherben
in den Mittagsgärten Schönbrunns,
wo wir den eklen Kadaver
unserer Schuld aus den Trümmern scharrten
und mit dem Auswurf des Kriegs
die klaffende Erde zu neuen Wegen beglichen.

Noch stockten vor unserer Schande die heitern Fontänen
und duckten sich tiefer hinab
aus unserm verfluchten Sommer.
Aber die unbegreiflichen Linden
waren voll Honig und Gnade
und zwangen mit Duft uns ins Knie.

Golgatha war im Zoo,
wo an unseren Sünden
hungernd die Tiere vergingen
und vom Brote der kranken Antilope
der fremde Soldat uns barmherzig ein Stück brach
wie vom Leibe des Herrn.

So wurden wir aufgenommen
als Schächer in die Verheißung
und von Scham und Milde gezeichnet,
jäher verwandelt als vom Richtschwert.

Christine Busta • 1915-1987 • Österreich


Schibboleth

Mitsamt meinen Steinen,
den großgeweinten,
hinter den Gittern,

schleiften sie mich
in die Mitte des Marktes,
dorthin,
wo die Fahne sich aufrollt, der ich
keinerlei Eid schwor.

Flöte,
Doppelflöte der Nacht:
denke der dunklen
Zwillingsröte
in Wien und Madrid.

Setz deine Fahne auf Halbmast,
Erinnrung.
Auf Halbmast
für heute und immer.

Herz:
gib dich auch hier zu erkennen,
hier, in der Mitte des Marktes.
Ruf’s, das Schibboleth, hinaus
in die Fremde der Heimat:
Februar. No pasaran.

Einhorn:
du weißt um die Steine,
du weißt um die Wasser,
komm,
ich führ dich hinweg
zu den Stimmen
von Estremadura.

Paul Celan • 1920-1970 • BRD


Frühling 1946

Holde Anemone,
Bist du wieder da
Und erscheinst mit heller Krone
Mir Geschundenem zum Lohne
Wie Nausikaa?

Windbewegtes Bücken,
Woge, Schaum und Licht!
Ach, welch sphärisches Entzücken
Nahm dem staubgebeugten Rücken
Endlich sein Gewicht?

Aus dem Reich der Kröte
Steige ich empor,
Unterm Lid noch Plutons Röte
Und des Totenführers Flöte
Gräßlich noch im Ohr.

Sah in Gorgos Auge
Eisenharten Glanz,
Ausgesprühte Lügenlauge
Hört ich flüstern, daß sie tauge,
Mich zu töten ganz.

Anemone, küssen
Laß mich dein Gesicht:
Ungespiegelt von den Flüssen
Styx und Lethe, ohne Wissen
Um das Nein und Nicht.

Ohne zu verführen,
Lebst und bist du da,
Still mein Herz zu rühren,
Ohne es zu schüren –
Kind Nausikaa!

Elisabeth Langgässer • 1899-1950 • BRD


Chor der Waisen

Wir Waisen
Wir klagen der Welt:
Herabgehauen hat man unseren Ast
Und ins Feuer geworfen –
Brennholz hat man aus unseren Beschützern gemacht –
Wir Waisen liegen auf den Feldern der Einsamkeit.
Wir Waisen
Wir klagen der Welt:
In der Nacht spielen unsere Eltern Verstecken mit uns –
Hinter den schwarzen Falten der Nacht
Schauen uns ihre Gesichter an,
Sprechen ihre Münder:
Dürrholz waren wir in eines Holzhauers Hand –
Aber unsere Augen sind Engelaugen geworden
Und sehen euch an,
Durch die schwarzen Falten der Nacht
Blicken sie hindurch –
Wir Waisen
Wir klagen der Welt:
Steine sind unser Spielzeug geworden,
Steine haben Gesichter, Vater- und Muttergesichter
Sie verwelken nicht wie Blumen, sie beißen nicht wie Tiere –
Und sie brennen nicht wie Dürrholz, wenn man sie in den Ofen wirft –
Welt warum hast du uns die weichen Mütter genommen
Und die Väter, die sagen: Mein Kind du gleichst mir!
Wir Waisen gleichen niemand mehr auf der Welt!
O Welt
Wir klagen dich an!

Nelly Sachs • 1891-1970 • Deutschland


Darum sind wir die Weinenden

Immer noch weinen wir: in der unendlichen Frage
Verbunden mit der das Ganze bestimmenden Antwort
Und wissen nicht ein und nicht aus
Und sind da und sind einsam.

Warum wurden Kinder ermordet, lachende, fröhlich vertrauende,
Warum unsere Brüder – das Gute im Herzen
Und die Hoffnung auf eine menschlich gerichtete Zukunft –
Unsere Brüder, die sich um Wahrheit bemühten
Und Gerechtigkeit, Freiheit erkennend umgrenzten,
Und Frauen – Mütter kommender Menschen –
Warum sind sie alle ermordet?
Gefoltert, vergast, verbrannt, gehenkt und erschossen
Von einer frechen versteinerten Bande,
Die heute noch da ist und Geld hat
Und brüllend sich rühmt, daß sie da ist? –
Warum sind sie alle ermordet?
Sag an, du Mensch, der du da bist: Weißt du die Antwort?
Auch wir sind noch da: Klagende, Fragende,
Hin- und Hergetriebene – treibendes Treibholz –
Da und dort noch Vorhandene, unwissend Wissende,
Flüchtlinge: immer noch fliehend
Vor einem lauernden, schwelenden Mord-Wahn,
Auch wir sind noch da!
Wenn wir uns einsam bestimmen zu diesem uns prägenden Tode,
Der in uns umgeht und wandert
Wie ein vergessener Traum, den wir eben noch wußten,
Der an der Grenze zerfließend die Welt überschwemmt und vergiftet,
So sind wir die immer noch Weinenden, treu unserer Sendung:
Einmal die Antwort zu heben aus fressender Finsternis,
Einmal die Antwort zu wissen, die wir eben noch wußten,
Die Antwort, deutlich bestimmende, richtige, richtende Antwort
Auf die unendlich blutende Wunde, –

Darum sind wir die Weinenden,
Darum sind wir noch da und sind einsam.

David Luschnat • geb. 1895 • Deutschland


Warum ich den Frieden will

Mein Bruder war mit dem Hitlerheer
in Polen.

Am ersten Tag klopfte er noch an,
bevor er in ein Haus trat.
Da lachten sie ihn aus.
Am zweiten Tag trat er die Türen ein
und stahl den Bauern das Vieh.
Da wurde er gefeiert.
Am dritten Tag
zündete er das Dorf an.
Da nannten sie ihn einen Helden.

Wie war mein Bruder vor dem Krieg?

Leute, die ihn gut kannten, meinten,
daß er kein Bösewicht,
eher ein Schwächling war.

In friedlichen Zeiten

  • sagten sie –
    wäre er kein Mörder
    geworden.

Walter Niedermayer • geb. 1924 • Österreich


Wieder daheim

Krieg … fremdes Stroh … Frost, Sonne, Regen …
Vier Jahre – eine lange Frist!
Verzeih, daß auf den staubigen Wegen
mein Heim mir fremd geworden ist!

Daß ich die dicke Zigarette
im Mund behalte, wenn mit dir
ich spreche, knapp und grob, als hätte
ich jene Orte noch vor mir;

Daß ich so stumpf noch bin; daß immer
im Schlaf ich kommandier, verwirrt;
daß mir’s im stillen lieben Zimmer
oft eng und ungemütlich wird;

Daß ich herumgeh wie benommen.
Daß meine Schläfenhaare grau;
daß ich die Sachen, kaum genommen,
im Rucksack wieder gleich verstau!

Lang war der Weg. Ich bin zu Hause,
und bin doch immer noch dabei;
Alarm! … wie still … ist’s eine Pause?
Verzeihe mir, mein Lieb, verzeih!

Glaub mir, ich werd schon noch der alte
und komme endlich ganz nach Haus!
Wenn zärtlich ich im Arm dich halte,
zieht auch bei dir der Kummer aus.

Sieh: draußen wäscht die staub’gen Aste
ein starker, frischer Regen rein
und hüllt die Erde wie zum Feste
in duftige Nebelschleier ein.

Nikolai Sidorenko • geb. 1921 • UdSSR

Vertaling Alfred Kurella


Kinder sprechen
In Gärten loht zum erstenmal der Mohn,
die Stadt ist sommerfroh und atmet frei
den frischen, salzig-würzgen Küstenwind.
Flußabwärts gleiten bunte Boote hin;
die sachten Schatten junger Lindenbäumchen,
der trauten Fremdlinge auf trocknem Asphalt,
sind wie ein glühend Lächeln …

Da dringen herbe Klänge in die Stadt,
Chorstimmen sind’s – aus einem Waisenchor -,
und keine höhern, reinern Töne gibt’s,
nicht laut, doch hörbar auf der ganzen Welt.
Im Schalltrichter hallt heute diese Stimme,
wie eine Flöte schrill,
wogt unter den
Kastanien der schwülen Stadt Paris,
aus öd gewordnen Städten längs des Rheins
und aus dem alten Rom.
Und prägt sich ein
wie einer Lerche Morgenlied und ist
jedwedem nah und ganz und gar verständlich …
Oh, der dies heutzutage spricht, ist der,
der über seiner Wiege Augen sah,
wahnsinnsverzerrte und entstellte Augen,
die früher ihn allzeit so angeschaut,
als wären sie zwei Sterne –
der fragte:
es ist der,
«Wann hat man Papa ermordet?»
Niemand wagt, ihm zu widersprechen, ihn
zu unterbrechen und ihn totzuschwatzen …
Er, hellhäutig und blauäugig, er ist
der Sohn, der Enkel aller.
Schwören wir,
ihn für das Glück des Friedens zu behüten!

Anna Achmatowa • 1889-1966 • UdSSR

Vertaling Franz Leschnitzer


Requiem

Seid gedenk!
Mögen unzählige Jahre
vergehn –
seid gedenk!
Ihrer,
die nie mehr, nie mehr
wir sehn,
seid gedenk!
Weinet nicht.
Das Stöhnen
hinunterwürgen,
das bittere Stöhnen!
Seid
des Gedenkens
der Gefallenen
würdig!
Immerdar
würdig!
Mit Brot und Gesang,
mit Träumen und Oden,
mit Leben
groß wie die Erd’.
Mit jeder
Sekunde,
mit jedem
Hauch Odem,
seid
ihrer wert!

Menschen!
Solang’ eure Herzen
pochen,
seid gedenk,
um welch
hohen Preis
das Glück erfochten –
oh, seid doch
gedenk!

Wenn euer Lied
seinen Höhenflug nimmt,
seid gedenk!
Dessen,
der nie mehr
ein Lied anstimmt,
seid gedenk!
Euern Kindern
erzählet von ihnen,
auf daß sie
gedenk sind!
Den
Kindeskindern
erzählet von ihnen,
daß auch diese
gedenk sind!

Für alle Zeit
der unsterblichen Erd’
seid gedenk!
Sooft zu Gestirnen
ein Weltraumschiff fährt,
seid der Toten
gedenk!
Den Frühling, den scheuen,
freudig empfangt,
Mensch der Erd’!
Den Krieg
erschlaget,
den Krieg
verdammt,
Menschen der Erd’!
Dem Traum,
und mögen Jahre vergehen,
sei Leben
geschenkt!…

Doch ihrer,
die nie mehr, nie mehr
wir sehn,
bleibt – ich beschwör euch –
gedenk!

Robert Roshdestwenski • geb. 1932 • UdSSR

Vertaling Franz Leschnitzer


Der Krieg

Der Krieg – wie grausam dieses Wort klingt.
Der Krieg – wie traurig dieses Wort klingt.
Der Krieg – wie heilig dieses Wort klingt
in dieser Jahre Ruhm und Leid.
Zu einem Wort, das leicht sich losringt,
ist unser Mund noch nicht bereit.

Alexander Twardowski • 1910-1971 • UdSSR

Vertaling Ellen Zunk


Utopische Verse

Ich bitte alle, die leben
in vielerlei Ländern und Sprachen,
einen Tag bekanntzugeben,
den wir weltweit zum Festtag machen:
EIN TAG, AN DEM KEIN SCHUSS FÄLLT.

Und ist solch ein Tag uns gelungen,
könnten wir uns verbünden,
zur Freude der Alten und Jungen
weltenweit zu verkünden:
EIN JAHR, IN DEM KEIN SCHUSS FÄLLT.

Und ist solch ein Jahr uns geraten
voller Ruh, ohne jegliches Schießen,
vergessen wir Krieg und Soldaten
im Erdenrund, und wir beschließen:
EIN JAHRHUNDERT, IN DEM KEIN SCHUSS FÄLLT.

Und die Erde blüht auf bis zu Sternen,
wenn die Wunde der Menschheit sich schließt,
und wir Menschen werden verlernen,
wie ein Mensch einen Menschen erschießt.
LEUTE, DAS WÄR EINE WELT!

Michail Dudin • geb. 1916 • UdSSR

Vertaling Helmut Preißler


Meine Genossen

In Panzern sind meine Genossen verbrannt,
verbrannt zu Asche, zu Asche, die fliegt.
Aus ihnen wuchs grünes, staubiges Gras,
Gras, das die halbe Erde bezieht.
Hoch flogen
meine Genossen,
zerrissen,
zerfetzt
von Minen,
und viele entfernte, friedliche Sterne
sind angezündet
von ihnen.
Wir sehn sie in Filmen, mutig und stark,
wir reden von ihnen, wie man von Helden spricht,
und die, die einmal neben uns saßen
sprechen leise mit uns, wie ein Gedicht.

Boris Sluzki • geb. 1919 • UdSSR

Vertaling Axel Schulze


Meinst du, die Russen wollen Krieg?

Meinst du, die Russen wollen Krieg?
Frag, wo es schweigt, frag, wo es schwieg
im weiten Feld, im Pappelhain,
und frag die Birken rings am Rain.

Den russischen Soldaten frag,
bis dir sein Sohn die Antwort sagt
dort, wo im Grab der Vater liegt -:
Meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen wollen Krieg?

Nicht nur fürs eigne Vaterland
fiel der Soldat im Weltenbrand;
nein, daß auf Erden jedermann
in Ruhe schlafen gehen kann.

Und jenen Kämpfer – frag ihn flink,
der an der Elbe uns umfing,
was tief in unsern Herzen blieb:
Meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen wollen Krieg?

Fern raschelt, rauscht, raunt das und dies:
Du schläfst, New York, du schläfst, Paris,
in tiefen Traum gewiegt, geschmiegt, –
meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen wollen Krieg?

Der Kampf hat uns nicht schwach gesehn,
doch nie mehr möge es geschehn,
daß Menschenblut, so rot und heiß,
der bittren Erde werd zum Preis.

Frag Mütter, die seit damals grau,
und frag doch bitte meine Frau!
Die Antwort in der Frage liegt:
Meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen wollen Krieg?

Der Fischer weiß, der Schauermann,
der Arbeiter, der Bauersmann,
daß nur ein Narr sich so verstieg’
zu meinen, Russen woll’n,
zu meinen, Russen woll’n,
zu meinen, Russen wollen Krieg!

Jewgeni Jewtuschenko • geb. 1933 • UdSSR

Vertaling Sigrid Siemund und Franz Leschnitzer


Statistik

Auch dich vermerken Statistiken karg
in der Zahl der Vermißten,
-Vor mir Diagramme, Ziffern und Listen.
Ich seh einen Sarg.

In Millionen von Kindern, des Lebens beraubt,
auch du einbezogen.
-Und nachts mein Schatten, schwarz und verbogen,
mit hängendem Haupt.

Gezählt auch du in der Summe der Qualen
durch Krieg und Brand.
-Ein fahriger Schatten steh ich gebannt,
vereist über Zahlen.

Nur Rauch der Verbrannten blieb schlängelnd zurück
und schwärzt die Kolonnen.
Darin ein Strähn deines Blondhaars versponnen –
dein blauer Blick.

Stanistaw Wygodzki geb.1907 • Polen

Vertaling Victor Mika


Friede

O klarer Morgen der Welt!
Wolken wandern und wechseln,
doch ihr Schatten trifft niemals
dein Herz, hell von Sonne.
Was deine Hoffnung noch trüben mag,
wie wenig wiegt es – du kannst
es dem Vogel verschenken, der fortfliegt.
Vor dem Licht ist die nacht ohne Waffen,
und die Freude kommt uns ins Haus,
noch eh wir ihr öffnen.

Leopold Staff 1878-1957 • Polen

Vertaling Paul Wiens


Dithyrambos auf den Frieden

Du läßt meiner Leier die Sonne scheinen,
nun ist ihr die Sonne entstiegen.
Dank dir schlafen unsere Kleinen
ruhig in den Wiegen.

Dein Licht läßt die Erdenjahre
fruchtbar verlaufen.
Dank dafür, daß die jungen Paare
Möbel sich kaufen.

Dir verdankt die Jugend in Seminaren,
daß die Schätze des Wissens sich häufen.
Dank dir rauchen die Kutscher im Fahren
auf dem Kutschbock die Pfeifen.

Dank dafür, daß auf den müden Knien
der Großmutter Kätzchen sich rekeln,
du Schöpferin heitrer Gedanken, die blühen,
du Betreuerin der Bibliotheken.

Sei ohne Furcht, die Mörderhände
schänden Ölzweige nimmer.
Denn dein ist alles: Arbeit, Talente –
für immer.

Unsere Augen sind Wachen,
unsere Herzen – Schmiede.
Ich sing deinen gewaltigen Namen:
Friede.

Konstanty Ildefons Gatczyński • 1905-1953 • Polen

Vertaling Erwin Burkhard


Epitaph für einen Soldaten der fiel, als des Waffenstilstand unterschrieben wurde

Die Nachricht flog schneller als der Vogel,
Schneller als der Wind,
Schneller als der Blitz,
Sie girrte vor Glück im Äther
Und kam doch zu spät.

Für jene, die gefallen sind, ist es immer zu spät.

Und wäre sie nur eine halbe Stunde früher gekommen,
er lebte noch.

Er reichte den Freunden die Hand und lachte.
Wäre sie nur einen Tag früher gekommen,
es lebten noch viele von ihnen.
Wäre sie viel, viel früher gekommen,
es lebten noch viele, viele von ihnen.
Viel, viel früher hätte die Nachricht geschickt werden sollen,
Noch ehe die ersten Toten fielen.

Grigor Vitez

Vertaling Manfred Jähnichen


Herbst der toten Soldaten

Die Blätter fallen,
und auch wir sind gefallen in jenem Herbst
unter die schwarzen Blätter der Geschichte.
Für den Ruhm des einen oder anderen Vaterlands
legten wir uns ohne Zögern todwund hin.

Wanderer, bleibe nicht stehen. Hier ruhen
die erfüllten Pflichten ohne Namen,
die gelösten Leben ohne Treueschwüre.
Wanderer, nein, kein Gedenken und auch kein Lösegeld
für unseren Tod, doch rühre niemals
in letzter Verzweiflung an unserem Staub:
Über uns, sieh,

Wachsen die Gräser,
aus uns sprießt kein Samen
für eine Wurzel mehr,
und wenn irgendwo ein Vaterland ist,
wir können nicht mehr dafür sterben.

Kajetan Kovič • geb. 1931 • Jugoslawien

Vertaling Manfred Jähnichen


Die Signale

Die Invaliden gehen niemals leise.
Die Krücken klopfen, wenn sie hinkend eilen,
auf Asphalt, Treppenholz und Eisengleise,
in Bahnhofshallen und in Zugabteilen.

Sie pochen laut, die schweren Krücken, schlagen
hartnäckig die Vernunft wach, und sie sagen:
Wir waren Tannen einst im Wald, wir hatten
für alle Kinder grüne Ruh und Schatten.

Die aus den Gräben wund davongekommen,
haben uns dann zu kleinem Trost genommen;
damit die Erde, ständig aufgestört,
des Krieges dumpfe Warnsignale hört.

Pawel Matew • geb.1924 • Bulgarien

Vertaling Paul Wiens


Vorspiel zur Französischen Reveille

Der Mensch wo ist der Mensch Der Mensch
Zerfleischt zerschossen und zerrieben
Des Heimat nur der Hohn geblieben
Gebrandmarkt wie ein Vieh und wie
Ein Vieh zum Schlachthaus fortgetrieben

Wo ist die Liebe denn Die Liebe
Getrennt gebrochen und versehrt
Sie hat sich wie es ging gewehrt
Mit letzter Kraft daß sie vertriebe
Verderbte Hand die sie entehrt

Schon lassen sich die Geier nieder
Nach ihrem eklen Mahle satt
Verräter grüßen tief und glatt
Platz da Dem blutigen Gefieder
Mußt überlassen du die Statt

Märtyrer blühen Flammenzeugen
Der Ärgste zeigt die Besten an
KZ und Folter Schmerzgespann
Nichts fühlen und sich feige beugen
Bis wann Franzosen Sagt bis wann

Im Osten Sieg Dort fing der Schatten
Im weißen Netz der Klarheit sich
O Freiheitsmorgen Freue dich
Das Rot Auroras rot bestattet
Dort einen Sieger der schon blich

Und Waffen Woher Waffen nehmen
Beim Feinde müßt ihr nehmen sie
Genug des Wartens auf den Sieg
Genug genagt am Brot der Tränen
Kann sein jetzt jeder Tag Valmy

Louis Aragon • 1897-1982 • Frankreich

Vertaling Paul Wiens


Beruf des Menschen

Beruf des Menschen: entgegenhandelnd zu siegen.
Man unterdrückt ihn: er erfindet das Recht.
Man blendet ihn mit Mystik:
er erforscht die Welt und ihre Gesetze.
Man raubt ihm seine Felder, sein Haus, sein Brot:
da macht er die Güter zum Eigentum aller.

Man vergiftet ihn mit kriegerischen Parolen.
Man verbrennt ihn, man zermahlt ihn. Mit Napalm, mit Atombomben.
Er ruft nach Frieden, er ruft nach Frieden, er ruft nach Frieden.
Bis er ihn hat. Und für immer.

Jedesmal, wenn man ihn als Tier behandelt,
antwortet er als Mensch.

André Bonnard • 1888-1959 • Frankreich

Vertaling Stephan Hermlin


Familienbild

Die Mutter macht Strickarbeit
Der Sohn macht Krieg
Sie findet das ganz in Ordnung die Mutter
Und der Vater was macht der Vater?
Er macht Geschälte
Seine Frau macht Strickarbeit
sein Sohn Krieg
er Geschäfte
Er findet das ganz in Ordnung der Vater
Und der Sohn und der Sohn
Was findet der Sohn?
Er findet nichts absolut nichts der Sohn
Seine Mutter macht Strickarbeit sein Vater Geschäfte er Krieg.

Wenn der Krieg zu Ende ist
wird er Geschäfte machen wie sein Vater
Der Krieg geht weiter die Mutter macht weiter sie macht Strickarbeit
Der Vater macht weiter er macht Geschäfte
Der Sohn fällt und macht nicht weiter
Der Vater und die Mutter gehen zum Friedhof
Sie finden das ganz in der Ordnung der Vater und die Mutter
Das Leben geht weiter das Leben samt Strickarbeit und Geschäften
Geschäften Krieg Strickarbeit Krieg
Geschäften Geschäften Geschäftigkeit
das Leben samt Friedhof

Jacques Prévert • 1900-1977 • Frankreich

Vertaling Kurt Kusenberg


Habt, Mütter, ihr dafür in Schmerzen geboren?

Die Stadt besaß noch ihre Septemberbäume,
Allein die Gazetten verloren dramatische Blätter
Und jede Minute umschloß im sich wandelnden Wetter
Ein Ende der Welt und der sanften antiken Träume.

Es trieben, mit Stille gesegnet, des Abends Kähne,
Und tot war die Stadt und das Fenster voll Nacht …
Nur eine Bettlerin, unsichtbar, hustete sacht
Im stummen Tempelschatten der Madeleine.

Und siehe, es regte erschreckend die Geographie
Die wirren zerstreuten Glieder, im Schlafe verloren,
Und in mir, unzähligen Abschieds gedenkend, schrie
Ein Mund: Habt, Mütter, ihr dafür in Schmerzen geboren?

Schlafen? Ich seh wie dies düstere Gänsespiel
Zum Totenkopf rückwärts uns zwingt, weil der Würfel es wollte,
So wie den Rekruten von einst, wenn das Los auf ihn fiel,
Ein Fetzen Papier mit Raubvogelschwingen umrollte.

Beginnt er schon morgen, der Tag der Apokalypse?
Noch schlafen die jungen Märtyrer tief mit roten
Wangen. Der Engel bewacht mit Flügeln aus Glas und Gips,
Verratene Eltern, eure geliebten Toten.

Jean Cocteau • 1889-1963 • Frankreich

Vertaling Friedrich Hagen


Glaubt ihnen nicht

Glaubt ihnen nicht
wenn sie euch freundschaftlich auf die Schultern klopfen
und sagen die Unterschiede wären nicht mehr der Rede wert
und es bestände kein Anlaß mehr
zu Streitigkeiten
denn dann sind sie ganz auf der Höhe
in ihren neuen Burgen aus Marmor und Stahl
von denen aus sie die Welt ausräubern
unter der Devise
sie verbreiteten Kultur
Paßt auf
denn sobald es ihnen gefällt
schicken sie euch
daß ihr ihre Haufen verteidigt
in Kriege
deren Waffen in der rapiden Entwicklung
der gekauften Wissenschaft
immer schlagkräftiger werden
und euch in großen Mengen zerreißen

Peter Weiss • 1916-1982 • Deutschland


Die Bäume

In langen Reihen schwärmen die Baumpflanzer aus,
verteilen sich, eine Schützenlinie des Friedens,
blau gegen rote, nackte Bergeshöhn.
Sie arbeiten, der Erde Feuersbrunst zu löschen,
sie hacken Löcher, gelbrot wie aufgeschlagne Eier,
und setzen Pflanzen ein mit schlammigem Wurzelbund.

Flimmernd steht um sie das Sonnenlicht,
an ihren Hüten zerrt der Wind.
Ihre Arbeit ist die Liebe, die Wälder schafft,
sie neigen sich behutsam, als setzten Menschenpflanzen sie.
Schwarze Augenspalten schaun in eine Zukunft,
mit Bäumen angefüllt, grünschattig, blättersäuselnd.
Ja, sie wandern schon in Wäldern,
die Wetter hemmen sollen, Häuser werden in den Dörfern,
Schiffe auf den Flüssen, Tische für das Mahl
und Stöcke, in die Bilder eingeschnitten werden,
schön aus Holz.

Artur Lundkvist • geb. 1906 . Schweden

Vertaling A.O.Schwede


Der Ruf des Menschen

Nicht träum ich von der Stätte
unter den Unsterblichen meines Volkes.
Meine Zeit spannt sich vom Gestern zum Heute,
und morgen bin ich nicht mehr.
Als Frau bin ich geboren, mit dem Herzen der Mütter
wird mein Herz von den Fäusten des aufsteigenden Sturmes
hin und her geworfen, es klingt wie die Glockenboje.
Auf den strömenden Wassern, auf den Papierfetzen im Winde,
auf den Schwingen der Vögel
und in den Herzen der Menschen
schreibe ich mein Wort für die, die heute leben:

Noch ist es Zeit, mein Volk,
Dämme zu bauen gegen die Flut,
noch ist es Zeit, die Feuer zu entflammen
gegen die Dunkelheit,
noch ist es Zeit,
den Freund vom Feinde zu scheiden,
noch ist es Zeit zu sprechen
auf daß nicht die Waffen sprechen mögen,
noch ist es Zeit, mit der Stimme des Menschen zu rufen: NEIN!
Dies ist der Ruf des Menschen,
und nichts anderes ist heute wichtig.
Die Ströme führen ihn mit sich,
die Vögel tragen ihn auf ihren Schwingen,
der Wind glüht die Buchstaben, und die Menschenherzen klingen
wie die Glockenbojen im Sturm von Ufer zu Ufer der Welt.

Elvi Sinervo • geb. 1912 • Finnland

Vertaling Friedrich Ege


Hört das Wiegenlied am Himmel im Winde

Sie sprechen von Grenzen
unter dem grenzenlosen Himmel,
sprechen von Osten und Westen,
während der Wind vom Osten den Westen,
der vom Westen den Osten findet.
Sie sprechen von Krieg, von Haß,
doch hört das Wiegenlied
am Himmel im Winde:
Schlafe, Kind, sang es
mit dem Mund der schwarzen Frau.
Schlafe, wachse, sang es wie
die Frau des Chinesen.
Wachse zum Herrscher des Friedens heran,
mit dem Mund der Frauen des Westens
sang der Wind sein Lied,
daß die Menschheit es höre.

Sie sprechen von Grenzen
unter dem grenzenlosen Himmel,
sprechen von Haß, von Krieg,
doch hört das Wiegenlied
am Himmel im Winde.

Arvo Turtiainen • geb. 1904 • Finnland

Vertaling Friedrich Ege


Sag mir, wo die Blumen sind

Sag mir, wo die Blumen sind.
Wo sind sie geblieben?
Sag mir, wo die Blumen sind.
Was ist geschehn?
Sag mir, wo die Blumen sind.
Mädchen pflückten sie geschwind.
Wann wird man je verstehn?
Ach, wird man je verstehn?

Sag mir, wo die Mädchen sind.
Wo sind sie geblieben?
Sag mir, wo die Mädchen sind.
Was ist geschehn?
Sag mir, wo die Mädchen sind.
Männer nahmen sie geschwind.
Wann wird man je verstehn?
Ach, wird man je verstehn?

Sag mir, wo die Männer sind.
Wo sind sie geblieben?
Sag mir, wo die Männer sind.
Was ist geschehn?

Sag mir, wo die Männer sind.
Zogen fort, der Krieg beginnt.
Wann wird man je verstehn?
Ach, wird man je verstehn?
Sag, wo die Soldaten sind.
Wo sind sie geblieben?
Sag, wo die Soldaten sind.
Was ist geschehn?

Sag, wo die Soldaten sind.
Über Gräbern weht der Wind.
Wann wird man je verstehn?
Ach, wird man je verstehn?
Sag mir, wo die Gräber sind.
Wo sind sie geblieben?
Sag mir, wo die Gräber sind.
Was ist geschehn?

Sag mir, wo die Gräber sind.
Blumen blühn im Sommerwind.
Wann wird man je verstehn.
Ach, wird man je verstehn?

Pete Seeger • geb. 1919 • USA

Vertaling Max Colpet


Ich marschier nicht mehr

Und ich schlug in der Schlacht von Neu-Orleans
Die englischen Heerscharen in die Bins
Und die Saat fing an in die Blüte zu schießen
Unser Blut fing an in den Adern zu fließen.

Und jetzt marschier ich nicht mehr

Und ich machte meinen blutigen Schnitt
Im steinigen Little-Big-Horn-Gebiet
Und ich hört eine Handvoll ums Leben flehen
Und über ihnen kreisten die Krähen

Und jetzt marschier ich nicht mehr

Und die Oberen schicken uns in den Krieg
Aber wenn wir siegen, ist’s unser Sieg?
Was wir mit Bombern und Flinten erobern
Erobern wir fallend für unsere Obern

Und drum marschier ich nicht mehr

Und Mexikos Bauern stahl ich das Land
Erschlug meine Brüder unter General Grant
Und meine Brüder erschlagend, schlug ich
Zum schlechten Ende doch immer mich

Und drum marschier ich nicht mehr

Und es schickten uns unsre Obern
Nach Europa, Deutschland zu erobern
Ich erschlug eine Million, maybe, zum letzten
Mal? Aber wenn unsre Obern sich verschätzten?

Und drum marschier ich nicht mehr

Ich hab Hiroshima zu Asch verbrannt
Hiroshima hat keiner mehr erkannt
Als Japans Metropolen in Rauch aufgingen
Fing an ich, meine Zweifel zu besingen

Ob ich wieder marschieren sollt

Schreit anders, Labor-Lords, wenn sich die Tore schließen
Dahinter eure Mandanten Kanonenrohre gießen
Schreit nicht wie die United Fruit schreit
Wenn sie von Castro empfängt den Enteignungsbescheid

Nennt es Verzicht oder Begehr
Ich marschier nicht mehr

Phil Ochs • geb. 1942 • USA

Vertaling Horst Tomayer


An die Herren der Kriege

Kommt her, ihr Herren der Kriege
Ihr Kanonenfabrikanten
Ihr Flugzeugfabrikanten
Ihr Bombenfabrikanten
Hinter den dicken Mauern
Hinter den großen Schreibtischen
Ich kenn euch, ihr Herren
Ich reiß euch die Maske runter!

Natürlich, ihr seid’s nie gewesen
Ihr habt nie etwas getan
Ihr baut nur auf, um zu zerstören
Ihr spielt mit meiner Welt
Als wär’s ein Spielzeug, das nur euch gehört
Ihr zwingt mich, das Gewehr zu nehmen
Und haut dann schneller ab
Als jede Kugel fliegen kann.

Wie Judas damals
Lügt und betrügt ihr
Wollt mir weismachen
Der nächste Krieg sei zu gewinnen
In euern Augen aber steht Verrat
Und ich durchschaue, was ihr denkt
Wie ich durchs faule Wasser blicken kann
Eh ich es wegkipp.

Ihr baut Auslöser
Bereitet sie vor
Andere drücken sie ab
Dann macht ihr’s euch bequem
Währenddessen steigen Börsenkurs und Todesrate
Ihr sitzt in euren Villen
Während die Jungs verheizt werden
Und ihr Blut sich mischt mit Dreck und Schlamm.

Ihr habt die schlimmste Angst gebracht
Die jemals jemand hat erdacht
Die Angst, in diese Welt
Noch Kinder auszusetzen
Und ihr bedroht bereits mein Kind
Das namenlos und ungeboren
Ihr seid nicht wert, daß Blut
Durch eure Adern fließt.

Weiß ich genug, damit ich
Reden kann vom Ändern?
Ihr sagt, ich bin zu jung
Und hätte keine Ahnung
Eins aber weiß ich ganz genau:
Jesus Christus, allen alles vergebend
Euch vergibt Mister Jesus Christus nicht.

Ich frage euch:
Ist der Dollar euer Gott?
Glaubt ihr, ihr könntet Mister Jesus Christus mit Schmiergeld bestechen?
Ich aber sage euch:
Wenn ihr in die Grube fahren müßt
Nehmt eine andere Währung!

Bob Dylan • geb. 1941 • USA

Vertaling Ulf Miehe


Der große Friede

Aus dem Indianischen
Was ist schöner
als das Land, das kein Grab hat,
weil da keine Furcht ist,
wo der Mut nicht mehr blutet,
weil da kein Feind ist,

wo die Krieger der Hundert-und-Eins Nationen
entwurzeln die mächtigste Tanne
und in die Grube, die bleibt,
all ihre Geschosse werfen,

tief in die Tiefe des Erdreichs
fallen lassen die Waffen
und den Baum wieder pflanzen. Dann,
wenn der Große Friede errungen ist,

werden wir finden das Land,
wo die Wahrheit keinen Namen hat,
weil da keine Lüge ist,
wo die Wohltätigkeit kein Haus hat,
weil da kein Hunger ist,
wo keiner ein Unbekannter
Soldat mehr sein muß
und keiner mehr ein Prophet –
weil da das Licht der Weisheit
scheint überall.

Walter Lowenfels • 1897-1976 • USA

Vertaling Paul Wiens


Warum ist die Welt nicht mein Vaterland?

Wenn das Licht des Fjordes meine Lungen mit Balsam durchflutet
und bei der Negermusik meine Füße verjüngen;
wenn ich manchmal ohne Brotsack durch die Sahara wandere
und manchmal auf einer Eisscholle nordwärts segle;
wenn ich den Rheintöchtern meine schönste Begeisterung schuldig bleibe
und mir die Weine der französischen Landschaft gemundet haben,
warum ist die Welt nicht mein Vaterland?
Wenn ich den russischen Allbeseelten begleite
und mit Gandhi um indisches Salz zu gewinnen gehe;
wenn mich die Inselfelder des Pazifik entzücken
und ich auf Skiern über die Alpen dahingleite,
warum darf dann die Welt nicht mein Vaterland sein?
Wenn das würzig gefüllte Weinglas mein Abendgebet darstellt
und das zähflüssige Bier meine liebste Nahrung;
wenn mich Roms fröhliches Volksleben erheitert
und Hollywoods verspielte, scheinsüchtige Filmwelt;
wenn ich Oxfords Regatten bejuble
und die schwankende Rikscha mich plötzlich an einen Rolls-Royce erinnert;
wenn ich die große alte Angst und das erregende neue Lebensgefühl kenne;
wenn ich im argentinischen Tango untertauche
und beim andalusischen Tanz meine Glieder löse;
wenn ich in den Schwimmsälen der Tschechoslowakei
neuartige griechische Sirenen entdeckt habe
und wechselweise türkischen Tabak mit Virginia rauche;
sagt mir, teure Freunde auf der weiten Erde,
Männer der Kokoswälder, Frauen der Orangenhaine,
Altmeister der Mikroskope und Hirten von Rentierherden,
Jungdamen in blauem Kimono und Parteisekretäre Moskaus,
Doktoren aus der Schule der vollendeten Weisheit,
Väter expressionistischer Malereien,
Erfinder von allen möglichen Geräten,
warum kann die Erde nicht einig sein?

José Moreno Villa • 1887-1955 • Spanien

Vertaling Karl Jering


Durango

Die Worte wünschten den Kriegern Ausdruck zu geben,
Schöne gefühllose Krieger,
Mit dem grauen Morgen im Arm, wie einen Geliebten,
Ohne sie abziehen zu lassen den Wellen zu.

Durch das offene Fenster
Weist das Schicksal sein Schweigen;
Einzig Wolken mit Wolken, immerdar Wolken
Jenseits anderer ähnlicher Wolken,
Ohne Worte, ohne Stimmen,
Ohne zu sprechen, ohne zu wissen;
Letzte Einsamkeiten, die kein Morgen erwarten.

Durango ist leer
Am Fuße von so viel unüberbrückbarer Angst;
Es weint für sich ganz allein die blutige Jugend
Der Krieger, schön wie Licht, wie Wogenschaum.
Überraschend lassen die Mauern
Zuweilen eine Hand wieder auffliegen;
Ihre halbgeöffneten Finger
Sagen niemandem Lebwohl,
Sie wissen womöglich etwas, das in Durango nicht gewußt.

Im ermatteten Durango,
Voll Hunger, Angst, Kälte,
Denn seine schönen Krieger, sie brachten nur,
Sterile Rasse in Blüte, Betrübnis, Tränen hervor.

Luis Cernuda • 1902-1963 • Spanien

Vertaling Erich Arendt


Brüder, in diesem Frühjahr

Brüder, in diesem Frühjahr singen die Vögel nicht,
es singen die Waffen, die Gewehre sprechen.
In den Bergen ertönt das Lied der Partisanen!
Sie ziehn in den Kampf, doch nicht wie die mutigen Riesen der Sage
waffenstrotzend und mit goldenen Panzern behangen,
denn sie sind arm geboren, die Helden unserer Tage,
Arbeiter und Studenten und Hirten und Bauern …
Aber ihr Herz ist aus Stahl, ihre Hände sind eiserne Zangen,
Schweißperlen schmücken wie Kränze die Stirnen,
das Feuer der Jugend trägt sie, wenn den Feind sie vernichten,
des Sieges Gewißheit, weil sie Tyrannen richten.
Ihr seid unsre Hoffnung, unser 1821,
Söhne des griechischen Volkes, haltet stand,
stürmt die Berge, stürmt in die Ebenen hinein
und tragt die alles erneuernde Freiheit ins Land.
Dann kehrt auch der Frühling, dann kehren die Schwalben zurück,
dann werden wir Ostern feiern, und Frieden wird sein.

Vassilis Rotas • geb. 188g • Griechenland

Vertaling Klaus-Dieter Sommer


Hier enden die Werke

Hier enden die Werke des Meeres die Werke der Liebe.
Jene die einmal leben hier wo wir enden
wenn es geschieht daß Blut in ihrer Erinnerung dunkelt und überfließt
mögen sie unser gedenken, der kraftlosen Schatten unter den Asphodelen,
mögen sie dem Totenreich zu den Kopf ihres Opfertiers wenden:
Wir die wir nichts besaßen werden sie lehren den Frieden.

Giorgos Seferis • 1900-1971 • Griechenland

Vertaling Christian Enzensberger


Nichts hab ich zu sagen

Nichts als dies hab ich zu sagen.
Der Wind war wütig geworden.
Er stieß seine Krallen in unser lauwarmes Blut.
Er dörrte die Tränen auf unseren Augen.
Fort stürzten die Pferde, die Mähne nach vorn,
wie der Rauch eines Schiffes,
das hindampft mit Rückwind.

Dies hatt ich zu sagen und dies noch:
Hinter den Pferden, hinter den Fahnen von Rauch,
hinter all dem, was die Erde hat,
hinter dem Rücken des Lebens selbst
war da eine Wolke, die ihren Blitz trug,
ihn hintrug und hinhing zu Häupten unsrer Gelassenheit,
zu Häupten unsres unschuldigen Schlafs
und unsrer Liebe zu Häupten,
ja gerade zu Häupten unserer Liebe.

Nichts als dies hab ich zu sagen:
Menschen, fürchtend das Weiß des Lichts,
Menschen, erbleichend vor allem Weiß,
sie legten an auf ein Schwalbennest,
grad als die Kleinen sangen.
Und der Himmel zerflatterte blutig gefiedert.

Nichts hab ich zu sagen und ich verstumme.
Was zu sagen war – alles haben die Gräber gesagt.
Alles haben die Tränen gesagt, die Gewehre gesagt und die Kreuze.
Alles haben die schwarzen Mantillen gesagt, schwarz,
und weiß – die weißen Gebeine.
Nichts als dies hatt ich zu sagen.
Nichts anderes hab ich zu sagen.
Und ich verstumme.

Menelaos Ludemis • geb. 1915 • Griechenland

Vertaling Paul Wiens


Brief an Joliot-Curie

Joliot, ich weiß: meine Verse
sind ungeschickt, stammelnd …
Mein Lied zieht dahin, grob beschuht,
benagelt gegen die Steine
des Wegs, den es zieht, unaufhörlich, entgegen
dem Tod für die Freiheit, den Frieden.

Hier sind wir, Joliot, mit anderen Brüdern,
im gleichen Elend trafen wir sie,
einen Bissen Brot kauend, vor dem zerstörten Haus.
Im Rucksack ihr Kind und Patronen,
kämpfend für den Frieden
und in der Asche des Brandes suchend
das Schloß ihrer Tür und die Spur ihres Lebens.
Drum schämt sich auch nicht mein Lied,
mit plumpem Schuh in Euern Reihen zu ziehen,
Euch kindlich mein Herz zu bringen
wie ein helles Lamm, das der Bauer
der Freiheit und dem Frieden in die Schürze legt.

Hast Du, Joliot, von Großmutter Vajitsa gehört,
als man sie mitnahm, um sie zu töten?
Sie wusch sich, zog sich das Schönste an,
sie putzte auch ihre Schuhe.
Quer übers Faltengesicht ging ihr ein Lächeln breit
der Sonne ähnlich, die hinter den Dorfzypressen entschwindet.
Aus dem Mieder zog sie den schwarzen Schal,
und sie tanzte im Hof des Gefängnisses.
Sahst Du sie nie, Joliot, Großmutter Vajitsa?
Du mußt sie gesehen haben, ganz gewiß …
Hand in Hand tanzend mit der Freiheit, dem Frieden.
Schön ist die Welt, Joliot,
wenn Großmutter Vajitsa ihren schwarzen Schal flattern läßt,
dem Tod vor der Nase.
So schön ist die Welt,
daß wir sterben können,
den schwarzen Schal Großmutter Vajitsas haltend,
im Tanz mit ihr
für die Freiheit und den Frieden.

Joliot, sag unsern Brüdern,
sag Ehrenburg, Aragon, Neruda,
sag Eluard und Picasso und all den anderen,
sag ihnen, daß wir hier dreitausend sind,
die nichts weiter begangen haben,
als die Freiheit, den Frieden zu lieben, wie Ihr.
Sag ihnen, daß auch wir unsere Unterschriften
für die Freiheit, für den Frieden schicken,
damit es keine Deportierten mehr gebe
und kein Lager von Makronissos,
keine Nacht mehr an der Seite des Todes,
keine niedergebrannten Häuser,
daß man endlich auf der Welt ein schönes, mit Kalk
geweißtes Haus für uns aufrichte.
Mit Betten, die ganz weiß bezogen sind
und die man jeden Morgen aufschüttelt
für unsre Mutter Freiheit und ihre Tochter Frieden.

Konzentrationslager Ais Stratis,
im November 1950

Jannis Ritsos • geb. 1909 • Griechenland

Vertaling Stephan Hermlin


Befriedigung

Unmenschen vergessen schnell
Sie sind gekommen, das Gift in der Hand
Den Tod unter dem Arm
Den unwirklichen Schlaf
Sie haben uns gegen die Mauern gestoßen
Sie haben uns mit Feuer geblendet
Sie haben uns unter dem Eisen zerbrochen
Sie haben überall Tränen verbreitet
Sie haben das Leichentuch der Ebene mit Blut befleckt
Sie haben unsere Wohnungen geplündert
Sie haben an die Unwissenheit geglaubt
Sie waren überzeugt von ihrem Unsinn

Henri Krea • geb. 1933 • Algerien

Vertaling Werner Plum


Lied der Lastträger von Kaschmir

Dir meinen Gruß ich biet, o Mensch,
Friede mit Dir! – Dieses Gebet
Mir aus dem Herzen täglich quillt für Dich
Seh ich Dich wohl im ew’gen Kampf
Mit Deinem eigenen Verstand,
Mit Deiner eigenen Verzweiflung,
So unvorstellbar tief, so unbegreiflich,
Weit über Deine Kraft, sie zu bewält’gen.
Und dennoch, Mensch,
Geb ich Dir die Beteurung,
Die Sterne, die mir einst
Ins Ohr geflüstert dies Geheimnis,
Sind meine Zeugen:
Dein wird der Sieg am Ende
Und Frieden steigt für immerdar
Zu Dir herab als eine Benedeiung …
Dir meinen Gruß ich biet, o Mensch!

Volkslied • Anfang des 20. Jahrhunderts • Indien

Vertaling Stěpánka Kompertová


Der japanische Samurai

Der Inselteufel kam durchs Meer,
verbreitend tödliches Erschrecken,
das ganze Asien wollte er
im Würgegriff zu Boden strecken.
Der Samurai, der einst das Schwert,
jetzt als Bandit das Messer führte,
war schlau und wurde doch belehrt,
und er bekam, was ihm gebührte.
Denn seine Beute war der Fluch,
sein Kriegsgewinn die weiße Fahne,
die Meerflut war sein Leichentuch,
sein Grab der Grund der Ozeane.

Zendijn Damdinsüren • geb. 1906 • Mongolei

Vertaling Waldemar Dege


Ansprache an einen toten Soldaten des Marschalls Tschiang Kai-Schek

Der Marsch in die vier Windrichtungen
Ist für dich zu Ende. Jetzt liegst du
Zwischen vier Fichtenbrettern.

Durch die sehr große Großmut deines Korporals
Trägst du noch immer
Deine sehr dünne Uniform.

Der Korporal nahm einen langen Spaten.
Der Feldwebel griff nach der Waffe.
Vier Kameraden hoben dich auf.

Ihre Gesichter sind mürrisch
Obwohl du doch leicht bist:
Haut und Knochen.

Wenn der Zug vor der Stadt ist
Ladet der Feldwebel sein Gewehr
Und der Korporal reicht den Trägern den Spaten.

Und der Korporal, er setzt sich an den Abhang.
Ans Verhökern ihrer Reisrationen denkt er.
Das wird Fleisch und Branntwein für ihn geben.
Und der Feldwebel, überm Abhang
Sein Gewehr hält er im Anschlag.

Doch die Viere graben schwitzend
Ein Erdloch so lang wie du groß bist.
Und sie loben sich den vom siebten Zug
Den man kurzerhand in den Fluß warf
Daß er von alleine wegtrieb, ohne Hilfe.

Und so liegst du, rechts und links die Kameraden
Kameraden unter dir und Kameraden
Bald auch über dir. Und in paar Wochen

Graben Wind und Regen eure Knochen aus, und die ihr
Auf die Freiheit wartetet ein kurzes Leben
Die ihr hier nicht liegen wolltet, liebe Freunde
Kommen werden dann die wilden Hunde, welche
Weg von hier euch tragen werden.

Kuan Chao

Vertaling Bertolt Brecht


Unsere Gedichte

Meine Brüder,
unsre Gedichte müssen sich spannen
vor den Karren des mageren Ochsen,
sie müssen bis zu den Knien
versinken im Schlamm der Reisfelder,
stellen müssen sie alle Fragen,
einfahren müssen sie alles Licht,
unsre Gedichte müssen die Straßen säumen
wie Kilometersteine,
sie müssen das Warnsignal sein,
wenn der Gegner naht,
sie müssen den Tamtam schlagen im Dschungel.
Und solang auf Erden ein einziges Land oder nur
ein einziger Mensch noch versklavt ist,
und solang am Himmel noch bleibt
auch nur ein atomares Gewölk,
müssen sie hergeben, was sie haben, alles,
unsre Gedichte, mit Leib und Seele – der Freiheit.

Nasim Hikmet • 1902-1963 • Türkei

Vertaling Paul Wiens


Sendschreiben des Friedens

Brüder, erhebt euch,
alle gemeinsam,
fordert den Frieden, das Brot,
fordert das Gute vom Leben –
friedliche lichtvolle Tage.
Dieses sagt mein Gewissen,
ihm gehorchend, sag ich es:
Blutigen Krieg bannt auf ewig,
ewig versperrt ihm den Weg.
Unter dem Banner des einen,
des einzigen, einigen Burma,
laßt uns zusammenstehen,
daß endlich die Nöte im Lande
den Schrecken verlieren.

O, ihr Brüder und Schwestern,
begreift:
Dieses Einzige
muß uns gelingen,
damit auf den friedvollen Feldern
das Korn, das friedlich gesäte,
zu schweren Ähren gedeiht.
Laßt allen Völkern der Erde
in Harmonie uns verbinden,
laßt uns die Freundschaft begründen,
begründen ein reicheres Leben
in einer reicheren Welt.

Dhakin Godor Hmaing • 1876-1964 • Burma

Vertaling Helmut Preißler


Hiroshima

Der Morgen graute.
Das Feuer erlosch.
Von den leuchtenden Strahlen der Morgensonne übergossen,
zogen wir den Berg hinunter in die Stadt.
Wo ich auch hinschaute, lagen die Toten.
Tote mit mächtig angeschwollenen Brandblasen.
Tote, denen eine ölige zähe Flüssigkeit
aus den Augen quoll.
Ich fürchtete mich sehr, mir wankten die Beine.
Ich konnte nicht weitergehen.
Viele Bekannte lagen unter den Leichen.
Die Stadt war zu Asche verbrannt.
Die Straßen lagen unter der Asche begraben.
Wir wateten durch sie hindurch.
Sie war noch heiß.
Ein ekelhafter Geruch entströmte ihr.
Wir hielten uns die Nase zu.
Über die weiße Asche hinweg kehrten wir heim.
Wo einst unser Haus gestanden hatte
erblickte ich
geschwärzte Mauern und verkohlte Balken.
Und – weiße Asche.
Bruder und Schwester fanden wir nicht –
nur Asche.
Gestern noch waren sie gesund mit uns zusammen,
jetzt sind sie diese Asche …
Ich hocke auf der Asche.
Meine Tränen fallen auf sie.
Wo sie niederfallen,
entstehen kleine schwarze Löcher,
viele, viele, viele kleine schwarze Löcher …

Schuzo Nishio Japan

Vertaling Theres Eigen-Hofmann


Hiroshima

Eines Tages plötzlich
ging die Sonne auf,
doch, oh! nicht am Horizont,
mitten in der Stadt:
sengende Glut,
doch nicht vom Firmament,
von der berstenden Erde.

Die Schatten der Menschen fielen
richtungslos
nach allen Seiten. Jene Sonne
war nicht im Osten aufgegangen, sie
regnete plötzlich
mitten hinein in die Stadt:
Das Sonnenrad der Zeit
lakoto Ueno • Es ist noch nicht zu spät
zerbrach
in alle Richtungen zerfallend.

Einer Sekunde Sonnenaufgang!
Nur einer brennenden Sekunde
gleißender Mittag.
Und dann?
Die Schatten der Menschen wurden
nicht mehr länger: denn
die Menschen waren verdampft.
Ihre Schatten stehen jetzt
gezeichnet auf versengtem Gestein,
auf dem Beton verödeter Straßen.

Diese Sonne war Menschenwerk,
den Menschen verdampfte sie zu Gas.
In Stein graviert
ein eingebrannter Schatten
ist jetzt –
des Menschen Gefährte.

S. H. Vatsyayan Agneya • geb. 1911 • Indien

Vertaling Irene Wittig


Der Schatten von Hiroshima

Eines Menschen Schatten ist der Wand
Auf der Treppe zugesellt für immer.
Der Atomkrieg hat ihn eingebrannt.
Die Erinnerung durch leere Zimmer
Bellt so unheilvoll, heult wie der Sturm
Um den schwarzen, ausgebrannten Turm.

Tot der Mensch. Der Schatten aber schreit:
«Meinen Menschen, wer hat ihn getötet?»
Trümmer schweigen, wo zur Frühlingszeit
Sich am Pflaumenbaum die Blüte rötet,
Wo der Frühling mit gebrochnen Schwingen
Aus dem Schult versucht ans Licht zu dringen.

Hiroshima: Frauenbrüste zart
Stäubten fort wie Asche, Spinneweben.
Ihren Waisen blieb kein Leid erspart.
Schreit der Schatten: «Kann es jemand geben,
Kind und Mutter fühllos läßt vergehn?»
Der in dieser Flammengluten Wehn

Hiroshima! Eines Menschen Traum
Wird als Schatten ewig in dir bleiben!
Wächst das Blatt und fällt das Blatt vom Baum:
Nur der Schatten läßt sich nicht vertreiben,
Will nicht in der namenlosen Pein
Einsam ohne seinen Menschen sein!

«Bist du nicht mein Mensch?» – hält er sie an,
Alle Menschen, die vorüberkommen.
«Nein, ich bin’s nicht!» sprechen Mann um Mann,
«Armer Schatten, dem der Mensch genommen!»
Weiter forscht er, ohne zu verzagen,
Alle Menschen muß er fragen, fragen …

Menschen gehen durch der Straßen Zeile
Mit geruhigem, mit raschem Schritt.
Nur der Schatten bleibt, er hat nicht Eile,
Niemand nimmt ihn auf die Arbeit mit.
Niemand kann man in der Sonne sehen
Ohne Schatten durch die Straßen gehen.

Steht der Schatten reglos auf der Wacht,
Hält für immer hier getreulich Wache,
Daß nicht wiederkehre jene Nacht,
Die Vernichtung sich nicht neu entfache;
Niemals einer Kernentfeßlung Flamme
Wieder unsern Menschenlenz verdamme!

Mihai Beniuc • 1907-1988 • Rumänien

Vertaling Alfred Margul-Sperber


Die Vögel und der Test

Zeitungen melden, daß unter dem Einfluß der Wasserstofibombenversuche die Zugvögel über der Südsee ihre herkömmlichen Routen änderten.

Von den Savannen übers Tropenmeer
Trieb sie des Leibes Notdurft mit den Winden,
Wie taub und blind, von weit- und altersher,
Um Nahrung und um ein Geäst zu finden.

Nicht Donner hielt sie auf, Taifun nicht, auch
Kein Netz, wenn sie was rief zu großen Flügen,
Strebend nach gleichem Ziel, ein schreiender Rauch,
Auf gleicher Bahn und stets in gleichen Zügen.

Die nicht vor Wasser zagten noch Gewittern
Sahn eines Tags im hohen Mittagslicht
Ein höhres Licht. Das schreckliche Gesicht

Zwang sie von nun an ihren Flug zu ändern.
Da suchten sie nach neuen sanfteren Ländern.
Laßt diese Änderung euer Herz erschüttern …

Stephan Hermlin • geb.1915 • DDR


Requiem für die unbekannten Toten

Gedenken sollt ihr, ewiglich gedenken
der unbekannten Toten von Hiroshima:
des gramgebeugten Fischers, der ein neues Netz
sich knüpfte, ganz aus Sonnenlicht die Maschen,
durch die
des Ozeans Blütenwasser schimmerten
wie Veilchen voller Duft;
des Manns in Sielen, der vor seinem Hause hinsank,
als er noch eben lächelnd seine Kinder
ein Tier – ein seltsames – bestaunen ließ,
407
ein altes Fahrrad, das er sich erworben,
und sagte: «Das fahr ich noch hundert Jahre»;
gedenkt der Mütter, an den Wiegen hingemordet,
und derer, die’s am Arbeitsplatze traf;
des Mädchens, das nur eine Viertelstunde später
den Bräutigam gesehen hätte, der vier Jahre
schon an der Front war und verwundet heimkam;
gedenkt der Unglücklichen, die in Tempeln,
kühl schattend wie ein Quellgrund, beteten;
gedenkt der Kinder auch, die von der Schule
nicht mehr nach Hause kamen; ihre Schürzchen,
verwaist im Winde flatternd, sind
ein Anblick, trauriger als selbst der Tod …

Gedenken sollt ihr, ewiglich gedenken
der unbekannten Toten von Hiroshima …

Und nie vergessen sollt ihr ihre Mörder.

Eugen Jebeleanu • geb. 1911 • Rumänien

Vertaling Georg Maurer


Ich habe den Thunfisch gegessen

Zeitungen berichten davon, daß mehrere japanische Fischer, die nach einem Atombombentest der USA im Pazifik Thunfische gefangen und zu sich genommen haben, an langsam tötenden radioaktiven Verseuchungen erkrankt sind.

Legt,
was in den Händen ihr haltet,
das Blatt, den Lippenstift,
das Brot vor euch nieder,
laßt den Krug unberührt,
stellt den Motor ab,
grabt nicht tiefer jetzt,
hört, was ein Fischer
euch sagt.
Mein Wort ist nicht böse,
es hat keine metallenen Flügel.
Es soll zu euch kommen
wie ein weißer Vogel.
In die Kissen soll es sich senken,
eine Handbreit zwischen die Liebenden,
in die Nester der Schlaflosigkeit.
Das Raunen soll es übertönen
und die Gebete,
das Ticken der Uhr
und den Wind.

Ich habe den Thunfisch gegessen.

Schwarz
ist die Sonne geworden,
wimperlos wie das Auge der Nacht.
Ertrunken sind die Segel
und die Muschelstirnen der Inseln.
Schwimmend, im sickernden Regen,
gleiten Konturen von Hütten dahin.
Das dunkle Tuch,
auf mein Gesicht gefallen
wie ein böser Traum,
riecht nach den Leibern toter Fische,
nach Teer und nach Sand.
Nur die Erinnerung brennt,
die riesige berstende Wolke,
flammend wie zweihundert Blitze.

Ich habe den Thunfisch gegessen.
Darum darf ich nicht zu dir kommen,
meine Taube.
Die knisternde Nähe deines Haars,
das die Schultern mir peitschte
in den blauen Nächten,
ist wie das Summen entglittener
Stunden. Der Kelch deiner Schenkel
öffnet sich, doch ich darf
nicht zu dir kommen.
Ich trüge dir die Nacht in den Schoß,
meine Taube. Schwarze Früchte
müßten von deinem Herzen fallen,
nein, ich darf nicht zu dir kommen.

Ich habe den Thunfisch gegessen.

Nach Salz schmeckt dein Haar
und nach Tränen, Gurrende.
Verzeih mir,
daß ich über deine Schultern spreche,
hinaus in den Sand, in das
schaukelnde Meer.
Doch ich habe Angst um die Liebenden.
Sie sollen mich hören.

Ich habe den Thunfisch gegessen.

Das Meer hat ihn ausgespien,
doch das Meer ist unschuldig.
Niemand darf es beschimpfen.
Blau wie ein Traum kann es sein
und schwarz wie der Zorn.
Die silbernen Haie der Lüfte
verwunden es. Es wehrt sich.

Ich habe den Thunfisch gegessen.

Haltet die silbernen Haie zurück,
sonst werden die Augen verlöschen
wie Kerzen im Wind,
Bäume zerbrechen wie Gräser
und Küsten ins Meer stürzen.

Haltet die silbernen Haie zurück.
So haltet sie doch zurück.
Nehmt,
was in den Händen ihr hieltet,
das Blatt, den Lippenstift,
das Brot wieder an euch.
Aber haltet die silbernen Haie zurück.
Hebt den Krug.

Aber haltet die silbernen Haie zurück.
Stellt den Motor an.
Aber haltet die silbernen Haie zurück.
Grabt tiefer jetzt.
So haltet sie doch zurück!

Armin Müller • geb. 1928 • DDR


Hiroshima

Der den Tod auf Hiroshima warf
Ging ins Kloster, läutet dort die Glocken.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Sprang vom Stuhl in die Schlinge, erwürgte sich.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Fiel in Wahnsinn, wehrt Gespenster ab
Hunderttausend, die ihn angehn nächtlich
Auferstandene aus Staub für ihn.
Nichts von alledem ist wahr.
Erst vor kurzem sah ich ihn
Im Garten seines Hauses vor der Stadt.
Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich.
Das wächst nicht so schnell, daß sich einer verbergen könnte
Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war
Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau
Die neben ihm stand im Blumenkleid
Das kleine Mädchen an ihrer Hand
Der Knabe, der auf seinem Rücken saß
Und über seinem Kopf die Peitsche schwang.
Sehr gut erkennbar war er selbst
Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht
Verzerrt von Lachen, weil der Photograph
Hinter der Hecke stand, das Auge der Welt.

Marie Luise Kaschnitz • 1901-1974 • BRD


Vietnam

Von Rom aus ertönt mein Ruf:
Hinaus, hinaus!
Hinaus mit den Gewehren und Kanonen,
hinaus mit den Raketen, mit den Fluggeräten;
hinaus diese Fahnen des Todes!

Hinaus mit dem, der den Frieden benutzt,
um Unrecht zu tun;
hinaus mit dem, der zur Verteidigung des Friedens
andre Länder überfällt
und vorgibt, seine Fahne für den Frieden zu hissen,
um das Schicksal der Welt zu bestimmen!

Trauriger Friede, der du hin- und
hergezerrt wirst;
traurige Taube, die du erdolcht wurdest,
denn auch Tauben können sterben!

Ich fordere den einzig möglichen Frieden,
den echten Frieden,
den Frieden mit dem einen Gesicht.
Ehe der Friede stirbt,
ertönt aus Rom mein Ruf:
Ich will Frieden!

Rafael Alberti • geb. 1902 • Spanien


In wessen Namen

He ihr Dämonen
Bande
In wessen Namen
Schickt Bomber ihr Napalm
Giftgas
Frieden zu würgen Freiheit
Schulen zu brennen Häuser der Kranken
Zu töten was lebt liebt

Das Kind überm Malbuch Felder Früchte
Die reißenden Wasser Lieder Verse

In wessen Namen
Schippt Gräber aus ihr für unsere Jugend
Statt daß sie Stahl gießt Strom macht
In wessen Namen
Schickt ihr uns in Wälder
Eisendrahtfallen Dschungelbastionen
Bebende Erde flirrender Himmel

Vietnam
Land Fremder
Ein Knabe schon Kämpfer
Kämpft Baum Busch Gras

Fluch euch Dämonen
Euch allen Verderben
Amerika
hör mich
Schmerzschrei hör Haßschrei
Es schreit dein Sohn Kind des Jahrhunderts

Tó Huu • geb. 1927 • Vietnam

Vertaling Achim Roscher


Zwischen meinen Töchtern sitzend

Zwischen meinen zwei Töchtern
laß ich mich nieder: ich bin der Baum,
sie hängen sich an mich, zwei Äste mit Früchten.
Zwischen meinen Töchtern sitzend, springt
froh mein Herz, als wär’s daheim, im Süden.

Der Himmel ist blau, seit gestern ist Frühling.
Schmeichelnder Wind streicht ums Haus. Alles duftet.
Ich lasse mich nieder im dämmrigen Zimmer.
Ins Dunkel dringen von beiden Seiten
meine zwei Töchter, zwei Sonnenstrahlen.
Willi Sitte • Hydra 65

Ihre kleinen Hände sind wie das kühle Rieseln
des Bachs, ihre Augen sind Sterne.
Mitten im Grünen laß ich mich nieder.
Meine Töchter: zwei leuchtende Blumen,
zwei Vögel, die mich umzwitschern.

Im Schoße des Friedens laß ich mich nieder.
Der kleine Schatten meiner zwei Töchter
verscheucht den großen des Krieges.
Vier Jahre – die Ältere, zwei erst die Jüngste. Und doch,
mir zum Glück, sie behüten das Leben.

Tê Hanh • geb. 1921 . Vietnam

Vertaling Paul Wiens


Frühlingsgesang

Lausche, mein Freund, wie fern und dumpf der frühreife Sturm
Grollt wie das rollende Feuer im Busch.
Und mein Blut schreit vor Angst in der Ödnis, mein Kopf ist
zu schwer und ausgeliefert elektrischen Strömen.
Da unten ist plötzlich Gewitter, entflammt sind die weißen
Küsten, es brennt der weiße Friede meines Afrika.
Und in den Nächten donnern große metallene Risse,
Lausche nur, näher bei uns, zweihundert Meilen entfernt,
Schakalgeheul ohne Mond und das Katzenmiauen von Kugeln,
Das kurze Gebrüll der Kanonen, die Schreie der Dickhäuter
dort von hundert Tonnen.
Ist das noch Afrika, die bewegliche Küste, die Front, die
lange Linie von Stahl und Feuer?
Höre doch den Orkan der fliegenden Festungen, höre die
Luftgeschwader schießen aus allen Rohren
Und die Städte zerschmettern so schnell wie der Blitz.
Die Lokomotiven springen über die Kathedralen,
Und die stolzen Städte lodern gelber und dürrer als das
Buschgras in der Trockenzeit.
Sieh wie die hohen Türme, der Stolz der Menschheit, gleich den
Giganten der Palmwälder niederstürzen im Geprassel von Gipsschutt,
Und die Gebäude aus Stahl und Beton zerschmelzen wie das
Wachs zu Füßen Gottes.
Das Blut meiner weißen Brüder kocht in den Straßen röter als der Nil,
Und das Blut meiner schwarzen Brüder, der Senegalschützen,
von welchem jeder vergossene Tropfen ein Tropfen
Feuer ist auf meinem Schoß.
Blutiger Frühling! Ist, Afrika, dies deine Botschaft?
O mein Freund, wie höre ich deine Stimme? Wie seh ich dein
schwarzes Gesicht, das meiner Wange so süß ist, meiner braunen Wange?
Wann muß ich mir den Mund und die Augen verstopfen?

Léopold Sédar Senghor • geb. 1906 • Afrika / Senegal

Vertaling Janheinz Jahn


Aus der Tiefe meiner afrikanischen Wälder

Aus der Tiefe meiner afrikanischen Wälder rief ich,
erlöst mich!
Von den weißen Zauberern, den Menschenverschlingern,
erlöst mich!
Von eurer Zivilisation des Feuers, des Eisens und des Blutes
erlöst mich!
Von eurer Gerechtigkeit, die mich verschlingt,
erlöst mich!
Von eurem Frieden, der nur das Gewehr kennt,
erlöst mich!
Von eurer Brüderlichkeit, die Manigolo heißt,
erlöst mich!
Von eurer Gleichheit, die meinen Schweiß verzehrt,
erlöst mich!
Von eurem Gott, der nur Unterwürfigkeit kennt,
erlöst mich!
Von eurer Religion, die den Toten dient,
erlöst mich!
Von euren Priestern, die Demut predigen,
erlöst mich!
Von eurer Knechtschaft, die den Menschen entwürdigt,
erlöst mich!
Daß endlich alle Menschen schlechten Willens
verschwinden
und Frieden auf Erden für alle wird,
die guten Willens sind.
Aus der Tiefe meiner afrikanischen Wälder
verkünde ich meine Gewißheit:
alle Menschen guten Willens
werden sich erheben, vereint!
Und wahrer Frieden wird den Tod besiegen,
Brüderlichkeit wird den Haß ausroden!
Erst dann
wird es nur Menschen geben,
einige Menschen
im Chor der glücklichen Völker,
im Tanz der Verbrüderung!
Nur Menschen wird es geben,
nur Brüder,
die ihre Hautfarbe vergessen,
begeistert in einem Wollen,
im Chor der vereinten Völker,
im Chor der jubelnden Völker,
trunken in Glück, in Friede und Liebe!

Louis Akin • geb. 1927 • Afrika / Elfenbeinküste

Vertaling Paul Schlicht


Schwarzer Mann, Lasttier jahrhundertelang

Schwarzer Mann: Lasttier jahrhundertelang
deine Asche gestreut in alle vier Winde
während in riesigen Grabmälern, die du erbautest
deine Mörder den letzten Schlaf schlafen. Du wurdest
gejagt, gestellt, aus deiner Hütte vertrieben
mit brutaler Gewalt in Schlachten geschlagen –
jahrhundertelang: Barbarei! Blutbad! Schändung!
Dir blieb die Wahl: Tod oder Sklaverei.

Du gingst auf der Flucht in die Tiefen der Wälder
und andre Tode lauerten dir auf: brennendes Fieber
Kälte, die Rache wilder Tiere, Schlangen
teuflische Ringe, die dich langsam zerdrückten …
Dann kam der weiße Mann: Klüger, verschlagener, grausamer
er tauschte für wertlosen Plunder dein Gold
schändete deine Frauen, machte deine Krieger betrunken
pferchte in Schiffe deine Söhne und Töchter.

Die Tam-Tams dröhnten durch alle Dörfer
weit ausbreitend die Trauer, den wilden Schmerz
die Nachricht vom Leid des Exils
in einem weit, weit entfernten Land
wo die Baumwolle Gott ist, der Dollar König
verdammt zu Sklavenarbeit, Lasttier
von früh bis spät unter brennender Sonne
damit du vergißt, daß du ein Mensch bist.

Sie lehrten dich singen zum Lob ihres Gottes
und die Hosiannas stimmten zu deinem Elend
gaben dir Hoffnung auf eine bessere Welt
jenseits – aber dein diesseitiges Herz
verlangte das Recht zu leben, deinen Anteil Glück.
Neben dem Feuer lagst du, in deinen Augen
spiegelten sich Leiden und Träume
du sangst die Kirchengesänge, sie gaben

deiner Traurigkeit Stimme und auch
deiner Freude, wenn in den Bäumen der Saft
aufstieg. Dann tanztest du
wild tanztest du im Dunst des Abends und
es sprang hervor: lebendig und männlich
Glocke von Erz, durchklungen von deiner Qual
Jazz, mächtiger Klang, jetzt geliebt, bewundert
in aller Welt, Achtung dem Weißen abzwingend

und in klaren und lauten Tönen verkündend:
von Stund an gehört dieses Land
ihm nicht mehr. So ließest du deine Brüder
ihre Häupter erheben und klar vor sich sehen
die befreite glückliche Zukunft.
Die Ufer des großen Stroms, hoffnungsblühend
sind von Stund an dein, die Erde und
all ihr Reichtum ist von Stund an dein.

Die flammende Sonne im lichtweißen Himmel
schmilzt unser Elend in mächtiger Wärme.
Für immer werden ihre brennenden Strahlen
die Tränenflut unserer Ahnen trocknen, der
Märtyrer unter der Tyrannei unzähliger Herrn.
Und auf dieser Erde, der deine Liebe gehört
machst du Kongo zu einer Nation: frei, glücklich
mitten im Herzen des unendlichen schwarzen Afrika.

Patrice Lumumba • 1925-1961 • Afrika / Kongo

Vertaling B.K. Tragelehn


Soldat, so möcht ich nicht sein

Soldat, das möcht ich nicht sein,
damit sie mir nie befehlen,
das Kind zu verwunden, den Neger,
den Unglücklichen, der nichts hat
als nur sein Hungerdasein.
So möchte Soldat ich nicht sein.

Sieh: auf zwei Beinen das Pferd
und über ihm hoch den Soldaten und
seine Augen voll Wildheit,
voll Galle den Mund,
den Säbel, der gleicherweis
die Frauen tötet und den Greis.
So möchte Soldat ich nicht sein.

Ach, die Züge voll Truppen,
wenn kalt der Morgen erwacht,
auf harten blutigen Schienen
rollt es an im rasenden Lauf,
um einen Streik zu ersticken
oder den Platz zu umzingeln,
wo Arbeiter stehen zuhauf.
So möchte Soldat ich nicht sein.

Wehe den Augen mit Binden,
da sie mit Binden nicht sehn!
Weh den gebundenen Händen
und Füßen, die kettenschleppend gehn!
Weh den Soldaten betrübt, voll Pein,
die Sklaven des Obersten sind.
So möchte Soldat ich nicht sein.

Gäbe man mir ein Gewehr,
ich würde meinen Brüdern sagen,
wozu es dient.
Meinen Brüdern Soldaten,
wozu es dient.
Aber mir gibt man es nicht,
weil ich weiß, wozu es uns dient,
darum gibt man mir es nicht.
Sie geben es weder dir oder mir,
oder dir noch mir. Doch einmal, was für Soldaten werden
wir sein auf wilden hartmäuligen Pferden!

So möchte Soldat ich sein
der nicht beschützt die Zuckerfabrik,
die nie sein eigen war,
der nicht wie ein roher Kasernentyrann
regiert, von allem Wissen bar,
noch auf dem Zuckerrohrfeld abzieht
die Haut der Sklavenschar,
wütend wie ein Sklavenhalter
und grausamer sogar.

Ein freier Soldat, ein Soldat,
nur dem Sklaven vereint, in Treue unlösbar:
So möchte Soldat ich sein.

Nicolás Guillén • geb. 1902 • Kuba

Vertaling Erich Arendt


Die Vielen

Am Ende der Schlacht,
und der Krieger war tot, trat ein Mann auf ihn zu
und sagte zu ihm: «Stirb nicht; denn du bist mir lieb!»
Ach, der Leichnam starb weiter.

Und es kamen zwei Männer herbei und sprachen ihm zu:
«Verlaß uns nicht! Schöpf Mut! Kehr zu uns zurück!»
Ach, der Leichnam starb weiter.

Und es kamen zwanzig, hundert, tausend zu Hilfe, fünfhunderttausend
und riefen: «Soviel Liebe, und sie vermag nichts gegen den Tod!»
Ach, der Leichnam starb weiter.

Und es umgaben ihn viele Millionen
und es baten ihn alle: «Bleib, Bruder, bleib!»
Ach, der Leichnam starb weiter.

Endlich umringten ihn alle Menschen der Erde;
der Leichnam sah es und war bewegt;
richtete sich sehr langsam auf,
umarmte den ersten besten, stand auf und ging .•.

César Vallejo • 1892-1938 • Peru

Vertaling Hans Magnus Enzensberger


Brandopfer

Von Menschenfackeln aufflammt,
zu Asche gebrannt Freiheit, dein Name.
Es verglüht die Orangenschale
mit dem Opfer, das sein Lächeln hinspannt.

Freiheit, zu dir, Mutter, Göttinnen gleich,
verdammt, wenn ihm du Amme bist,
der in deinem Namen zerstört und Blut vergießt
in Vietnam und Amerikas Mestizenbereich.

Die Handvoll Glut, die ein Mensch war,
im Nu in ein Luftgebilde verwandelt,
Brandopfer auf dem namenlosen Altar,

Opfer im Beisein der Bestien, golden,
mit Jungenlachen Verbrecherbande
in einem «Western» aus Irren und Trunkenbolden.

Miguel Angel Asturias • 1899-1974 • Guatemala

Vertaling Erich Arendt


Bevor die Flugzeuge kommen, die die Städte anzünden werden

Wenn diese schlafenden Kinder sterben
in der Morgenfrühe sich öffnender Lilien,
wenn diese Mauern sterben unter dem moosgrauen Mond,
sollst du, um uns nicht grausam zu verletzen, alles begraben,
schweigsamer Totengräber.

Die Nelke und die heitere Pflugschar verlangen nach Vergessen,
während die Schmetterlinge warten, um die Leichen zu küssen
auf nassen Kräutern.

Totengräber, der das Fallen der Mauern fühlen wird
und das Schreien erdrückter Kinder,
wirst du die Morgenfrühe einsargen
im Grab des Nebels?

Wenn unter diesem fernen moosgrauen Monde alles stirbt,
mußt du, um uns nicht grausam zu verletzen, alles begraben,
schweigsamer Totengräber.
Gib acht, die Kinder nicht zu vergessen,
die den Geschmack jungen Kornes haben!
Gib acht, die Mauern nicht zu vergessen,
die den Geruch der Geschichte haben!
Gib acht, die Frühe nicht zu vergessen,
die den Klageton verwundeter Flöte hat!

Otto d’Sola • geb. 1912 • Venezuela

Vertaling Erich Arendt


Heut singen die Soldaten

Heut singen die Soldaten.
Vielleicht ist es der reinste Sang in diesem Krieg.
Vielleicht ist ihnen der Mund von Nelken voll
oder der Kopf von der Ungeduld des Regens.

Heut singen die Soldaten.
Vielleicht wegen dieser Sache gestern,
als sie nah am Kreuzweg den Tod erblickten,
wie er ihnen drohte, den Schneid abzukaufen.

Heut singen die Soldaten.
Vielleicht auch … Oder einfach nur
aus Liebe, aus Zärtlichkeit, aus Trauer
oder wegen jener Nachricht, die den Pulsschlag höher jagt,
wenn ein Leben sich in Leidenschaft verzehrt.

Elvio Romero • geb. 1927 • Paraguay

Vertaling Fritz Rudolf Fries


Psalm 5

Hör meine Worte, Herr.
Hör meine Klagen, Herr.
Hör meinen Protest.
Du bist Gott
und kein Freund von Diktatoren.
Du folgst nicht ihrer Politik.
Du achtest nicht
auf ihre Propaganda.
Du hast mit
Verbrechern nichts gemein.
Sie reden vom Frieden
und steigern die Rüstungsproduktion.

Sie reden vom Frieden,
im geheimen bereiten sie Krieg vor.
Ihre Reden sind unaufrichtig
wie ihre Presseerklärungen.
Du, Herr, wirst mich
vor ihren Anschlägen retten.
Die ganze Nacht lang
streuen ihre Sender Lügen aus.
Verbrecherische Pläne füllen
die Akten ihrer Büros.
Sie sprechen mit dem
Mund der Maschinengewehre.
Ihre Zungen sind
glänzende Bajonette.
Laß scheitern ihre Politik!
Bring ihre Pläne durcheinander!
Verhindere ihre Programme.

Wenn die Sirene heult,
wirst du mir beistehn.
Meine Zuflucht bist du
am Tag der Bombe.
Wer den Parolen nicht glaubt,
den segnest du.
Wer den Kampagnen nicht traut,
den segnest du,
den umgibst du mit deiner Liebe
wie mit Panzerwagen.

Ernesto Cardenal • geb. 1925 • Nikaragua

Vertaling Stefan Baciu


Der Hoffnung Stern

Schon wieder wollen sie mein Land
durchtränken mit des Volkes Blut
mit ihrer schwarzen Mörderhand
und schrein, das tut der Freiheit gut.
Die Mutter reißen sie vom Kind
und machen Kind und Mutter blind
und richten wieder auf das Kreuz,
das Christus schon zu lange trug.

Mich schrecken all die Schrecken nicht,
mit denen unsres Elends Herrn
drohend an unsrem Wege stehn,
denn uns gehört der Hoffnung Stern,
und der wird niemals untergehn.

Ja, sie verbrämen ihre Schmach,
die seit Jahrhunderten regiert,
doch mit des Mordes Farbe bleibt
auf ewig ihr Gesicht beschmiert.
So viele tausend starben hin,
haben ihr Blut dem Volk geweiht
und haben doch mit ihrem Geist
das Brot des Sieges ausgeteilt.

Mich schrecken all die Schrecken nicht,
mit denen unsres Elends Herrn
drohend an unsrem Wege stehn,
denn uns gehört der Hoffnung Stern,
und der wird niemals untergehn.

Victor Jara • 1938-1973 • Chile

Vertaling Heinz Kahlau


Denke daran …

Denke daran, daß der Mensch des Menschen Feind ist
Und daß er sinnt auf Vernichtung.
Denke daran immer, denke daran jetzt,
Während eines Augenblicks im April,
Unter diesem verhangenen Himmel,
Während du das Wachstum als ein feines Knistern zu hören glaubst,
Die Mägde Disteln stechen
Unter dem Lerchenlied,
Auch in diesem Augenblick denke daran!

Während du den Wein schmeckst in den Kellern von Randersacker
Oder Orangen pflückst in den Gärten von Alicante,
Während du einschläfst im Hotel Miramar nahe dem Strand von Taormina
Oder am Allerseelentage eine Kerze entzündest
auf dem Friedhof in Feuchtwangen,
Während du als Fischer das Netz aufholst über der Doggerbank
Oder in Detroit eine Schraube vom Fließband nimmst,
Während du Pflanzen setzt in den Reis-Terrassen von Szetschuan,
Auf dem Maultier über die Anden reitest –
Denke daran!

Denke daran, wenn eine Hand dich zärtlich berührt,
Denke daran in der Umarmung deiner Frau,
Denke daran beim Lachen deines Kindes!

Denke daran, daß nach den großen Zerstörungen
Jedermann beweisen wird, daß er unschuldig war.

Denke daran:
Nirgendwo auf der Landkarte liegt Korea und Bikini,
Aber in deinem Herzen.
Denke daran, daß du schuld bist an allem Entsetzlichen,
Das sich fern von dir abspielt –

Günter Eich • 1907-1972 • BRD


Atomgedicht 57

Achtzehn Professoren durchbrachen
das tobende Schweigen der Schallmauer,
aufgebaut von bezahlter Journaille
um den Massenmordplan.
Aber meine Herren, was geht denn Sie das an?
Sie glauben, daß man einfach hereinreden kann?
Das ist doch Politik, wovon Sie nichts verstehn!
Sie sind gar nicht gefragt!
Keine Diskussion! Weitergehn!

Seit Generationen wuschen sie
die Hände in reiner Wissenschaft. Die Folgen
haben sie nie gewollt. Endlich
machten achtzehn den Mund auf, Männer
zeigten Herz.
Aber meine Herren, was gehen Sie die Folgen an?
Sie glauben, daß man einfach hereinreden kann?
Machen Sie Ihre Arbeit, wovon Sie was verstehn!
Haben Sie denn kein Berufsethos?
Sie sind außerdem gar nicht gefragt!
Keine Diskussion! Weitergehn!

«Ihre Kinder an sich drückend
stehen die Mütter und
durchforschen angstvoll den Himmel
nach den Erfindungen der Gelehrten.»
Aber meine Herren, was gehen Sie die Kinder an?
Sie glauben, daß man einfach hereinreden kann?
Das ist unsere Politik, wovon Sie nichts verstehn!
Überlassen Sie das den Fachleuten!
Es wird geschossen!
Keine Diskussion! Auseinandergehn!

Gerd Semmer • 1919-1967 • BRD


sozialpartner in der rüstungsindustrie

ein anblick zum zähneknirschen sind
die fetten eber auf den terrassen
teurer hotels, auf den golfplätzen
sich erholend von mast und diebstahl
die lieblinge gottes.

schwerer
bist du zu ertragen, niemand
im windigen trenchcoat, bohrer,
kleinbürger, büttel, assessor, stift,
trister dein gelbes gesicht:

verdorben, jeder nasführung aus-
geliefert, ein hut voll mutlosen winds,
eigener handschellen schmied,
geburtshelfer eigenen tods,
konditor des gifts, das dir selbst
wird gelegt werden.

freilich
versprechen dir viele, abzuschaffen
den mord, gegen ihn zu feld zu ziehn
fordern dich auf die mörder.
nicht die untat wird die partie
verlieren: du: sie wechselt nur
die farben im schminktopf:
das blut der opfer bleibt schwarz.

Hans Magnus Enzensberger


Am Ende

Männer, die mit bekanntem Ausdruck
zu Ende denken,
schon immer zu Ende gedacht haben;
land Förster • Martyrium
Männer, denen nicht Ziele – womöglich mögliche –
sondern das Endziel – die entzahnte Gesellschaft –
hinter Massengräbern den Pflock gesteckt hat;
Männer, die aus der Summe datierter Niederlagen
nur einen Schluß ziehen: den rauchverhangenen Endsieg
auf gründlich verbrannter Erde;
Männer, wie sie auf einer der täglichen Konferenzen,
nachdem sich das Gröbste als machbar erwies,
die Endlösung beschließen,
sachlich männlich beschlossen haben;
Männer mit Überblick,
denen Bedeutung nachläuft,
große verstiegene Männer,
die niemand, kein warmer Pantoffel
hat halten können,
Männer mit steiler Idee, der Tat platt folgten,
sind endlich – fragen wir uns – am Ende?

Günter Grass • geb.1927 • BRD


Gedicht

Es ist doch viel los an einem Tag wie heute
wieder schwere Verluste auf beiden Seiten
mein Kopf der träumt wird nicht abgeschlagen
das ist der Vorteil dieser Gegend
in diesem Zimmer hier nur Seitenstiche
und von draußen ungefährliche Geräusche
wenn ich aufspringe ist nichts gewesen
für jeden Atemzug von Mr. Nixon muß einer dran glauben
für jeden Schritt von Mr. Nixon muß einer dran glauben
während ich mich rasiere beseitigt er schon
seine frischen Fingerabdrücke und liest
die Kriegslyrik vom Tage
es ist eine Lust jeden Tag zu sterben
und am Morgen wieder an seinem Platz zu stehen
ich bin mit Strauß zugleich in New York gewesen
das war keine Verabredung
wie in Manhattan bringt er überall
die Wienerwald-Hennen zu fall und macht sie fett
fix und fertig für den Verzehr
so vergeht ein großes Gefühl nach dem anderen
und die Natur bleibt gleichgültig
einige Leute verschwinden nicht einfach oder
können die Schnauze nicht halten
andere Leute können nicht kommen
meine Freunde legen sich mit politischem Gesocks an
in kritischem Dialog womöglich
meine Tochter ist vier Monate alt
und wichtig für die Zukunft der Welt
sie hat erst wenig Haar und ich mag sie sehr
ich zeig ihr die Vögel am Himmel sie sieht sie nicht
es ist schön daß wir uns so ähnlich sind
die Taube auf dem Baum könnte ein Geier sein
und du und ich ganz braun
tagsüber müßten wir versteckt leben
nachts käme Nachschub an Waffen und Proviant
sie weiß nicht daß sie das Kind eines deutschen
Prospektors ist
ich hoffe sie ist einverstanden
daß in diesem Gedicht nicht geschossen wird

Nicolas Born • 1937-1979 • BRD


Eines Tages werden wir aufwachen und wissen

Eines Tages werden wir aufwachen und wissen,
Daß wir zu wenig getan haben oder das Falsche,
Wir werden uns sagen, daß wir mehr hätten tun sollen.
Aber was? werden wir fragen – und: wann hätten wir es tun sollen,
Hatten wir jemals Zeit, uns zu entscheiden?
Und dann werden wir wissen, daß über uns entschieden wurde
Von Anfang an, weil wir es so wollten.
Keine Ausrede mehr: die Zeit ist vertan. Keine Beschönigung mehr:
auf unseren Händen liegt Asche.
Bei jedem Schritt stäubt sie auf. Asche. Asche.

Wir werden uns dann eines Glanzes erinnern,
Der uns blendete vor vielen Jahren, daß wir erschauerten,
Eines Windhauches werden wir dann gedenken, der uns traf,
Uns aufriß und dann zerfloß,
Wir werden dann fragen: Wann war das? Wann der Blitz des Lichtes?
Der Windhauch: wann?
Wir werden uns erinnern, daß da etwas war voller Verheißung,
Aber kaum noch sagen können, was es war und daß es Aussichten
gab für uns,
Pfade, für uns allein gemacht –
Nur: daß da etwas war, dem wir nicht folgten –
Und hinzufügen: daß wir keine Zeit hatten, leider –
Weil wir die Zeit vergeudeten in kleiner, abgegriffener Münze.
Und von dem Aufblitzen des Lichtes und dem Windhauch blieb nichts.
Nur Asche.

Walter Bauer • 1904-1976 • Deutschland


Im Schlaf

er traf einen baum.
er baute darunter sein haus.
er schnitt aus dem baum
einen stock heraus.
der stock wurde seine lanze.
die lanze wurde sein gewehr.
das gewehr wurde seine kanone.
die kanone wurde seine bombe.
die bombe traf sein haus und riß
den baum an den wurzeln aus.
er stand dabei und staunte,
aber auf wachte er nicht.

Ernst Jandl • geb. 1925 • Österreich


Wenn ich kein Soldat wär

Wenn ich kein Soldat wär, sagte ein Soldat,
was würde ich wohl sein? Ich wäre sicher kein
und das scheint mir recht gewiß zu sein
Geldbaron oder Rüstungsschieber,
Bezirksdiktator, Unternehmensbefehler.
Vermutlich wär ein Arbeiter ich bloß,
der Sklave von ‘nem lizenzierten Stehler,
einer der Verbrecher, die ich jetzt schützen muß!

Wenn ich kein Soldat wär, sagte der Soldat,
ich würde arm sein und wahrscheinlich abgerissen
und erleiden das furchtbare Hungernmüssen
von Hunderttausenden meiner eigenen Art.
Und das würde mich zum Roten machen,
zum Rebellen, den niederknüppeln und niederschießen
solch feige Bestien – wie jetzt ich eine bin!

Hugh MacDiarmid • 1892-1978 • Schottland

Vertaling Günter Kunert


Mein Großvater träumt zweimal von Flandern

Mein Großvater träumte, er quälte sich ab zu sterben,
und keiner half:
er träumte, er ging durchs Schlachtfeld in Flandern
und sah die Kompanien toter Männer,
deren Brülln er noch immer hört. Nacht für Nacht.

Die Gegend war eine Frau, gekleidet in Rot,
er sah sie hastig umschmeichelt von einer Million
Männer mit Seitengewehr. Das Gesicht der Frau,
als sichs ihm zuwandte, wandelte seines zu Stein,
und oben die weißen Wolken wirbelten wahnwitzig.
Mein Großvater träumte, er war sechs Jahre,
und eine Frau, in Blumen oder in Blut,
führte ihn auf das Schlachtfeld in Flandern:

er sah die Gedächtnis-Mohnblüten, die vergessenen,
verstreut auf den Dielen
und die Zimmerdecke wild kippend
und schlingernd die Lampen

-und Schatten, quellend aus der Finsternis,
winkten ihm von überallher.

Er sah die Frau Blumen streuen auf ein Bett,
dann nahm sie, ihr beizuliegen, die Schatten
einen nach dem andern, und einen nach dem anderen
sah er verfliegen.

Ronald Butlin • geb. 1949 • Schottland

Vertaling Peter Gosse


Kriegsdichter

Ich bin’s, der nach dem Frieden sah und fand
Mein Auge dornbewehrt.
Ich bin’s, der nach dem Worte griff und fand
Pfeile in meinen Händen.
Ich bin der Bauherr, der ein gleitend Land
Umzog mit starken Wänden.
Werde ich krank oder irr,
Spottet nicht, schließt mich nicht an;
Lange ich nach dem Wind,
Werft mich nicht matt:
Ist mein Gesicht auch ein brandmürbes Buch
Und eine wüste Stadt.

Sidney Keyes • geb. 1922 • England

Vertaling Wolfgang G.Deppe


Nach der letzten Atombombe

Alles ist still.
Ewigkeit lauscht in den Raum hinein,
kein Sommer erwartet Briefe mit der Post.
Ruhig ist die Ruhe schweigsam das Schweigen,
der Unwissende tut keinen Fehltritt
der Gelehrte steht in seiner eigenen Spur.
Niemand leiht länger ein Trosteswort,
Leuchte oder Glauben –
Schweigen steht in der engen Straßenkreuzung
und wärmt die Hände mit der Leere.
Regen streift über öde Städte,
das Märchen verlöscht im letzten Feuer.
Stille, Stille –
Angst und Unruhe reiste mit dem Menschen fort.
Des Friedens weißes Evangelium
schweift einsam umher mit dem Mond.

Carl Emil Englund • 1903-1961 • Schweden

Vertaling Nelly Sachs


Ordentlicher Professor

Kriege ließen die klassischen Sprachen verstummen …
Der Professor hat seinen ordentlichen Lehrstuhl,
Tinte träuft ihm aus Warzen und Runzeln der Haut,
Und Dünste von Bosheit, Gemeinplatz und Lust –
Stets wenn er krächzt, muß ein Rivale verschwinden,
Seine Phonotippse hat das absolute Gedächtnis,
Die Studenten kritzeln – Natürlich, wir haben die Bomben;
Was fehlt, sind die Nerven, den andern eins aufzuspielen,
Ostdeutschland und Polen in zwei Tagen zerschmettern,
Ganz Rußland im nuklearen Taifun verbrennen,
Und Kairo, Damaskus, China in die Steinzeit bomben.
So einen Machiavell kann man jederzeit kaufen;
Er spielt seit zwanzig Jahren den starken Mann,
Stets derselbe, weil er immer denselben Kohl kaut.

Robert Lowell • 1917-1977 • USA

Vertaling Karl Heinz Berger


Ich bringe eine Botschaft

I
Und die heißt: Keine Sicherheit. Der auf Frieden
Hofft wie auf das Stillestehen der Zeit,
Ist ein Narr. Wohl: Die Waffen ruhen
Ein wenig, und die Toten der letzten Schlachten
Ruhen ein wenig, doch
Die Lebenden ruhen nicht.

II
Der im stahltapezierten Felsenzimmer
Die Raketen richtet
Auf die Brust seines Kameraden drüben, auf
Dessen Mutter und Stadt und Feld und Land, muß
Wissen, daB
Auf der anderen Seite die gleichen Ziele
Anvisiert werden: Sicherheit
Findet sich im Nirgendwo. Nicht getroffen
Von dem alles verheerenden Schuß
Werden einzig die Generationen, die vorher
Ins Nichts sich begaben.

III
Mit bleichen Gesichtern
Durchblättern am frühen Morgen die Städter
In den rollenden Zügen die Zeitungen hastig:
Wie steht der Kampf
In den brennenden Dschungeln von Laos,
Auf der anderen Seite des Erdballs?
440 Mühselig buchstabierend lesen sie die Namen
Außerst fremder Orte und Generäle, die
Sie gleichgültig ließen, ahnten sie nicht:
Ihnen
Erwächst Gefahr.

IV
Durch die noch stillen Wälder ziehen sich
Panzergräben
Auf den Landkarten erst, doch wer durch die Wälder
Geht, spüret
Schon einen Hauch.

V
Tödlichem Gas gleich
Wallt über uns die Gewohnheit: wem es nichts
Ausmacht
Mit einem Bein im Grabe zu stehen, wird bald
Mit beiden drin liegen.
VI
Auf einem Vulkan läßt sich leben, besagt
Eine Inschrift im zerstörten Pompeji.

VII
Und die Bürger der vom Meere geschluckten
Ortschaft Vineta
Bauten für ihr Geld Kirchen, deren Glocken
Noch heute mancher zu hören vermeint, statt
Einen schützenden Deich.

VIII
Der ich ähnlich vielen, wenig
Neigung verspüre
Mein Dasein fortzuführen
Als unterseeisches Geläute, als mehr oder
Weniger klassische Inschrift,
Bringe nur eine kurze Botschaft: Keine Sicherheit
Heißt sie.

IX
Solange die Zerstörung einträglicher ist
Denn Aufbauen, und
Solange
Nicht abgeschafft sind,
Derer die Einträglichkeit ist, solange
Wird vielleicht hin und wieder sein: Ein wenig
Ruhe. Sicherheit
Keine.

Günter Kunert • geb.1929 • DDR


Im Truppenübungsgelände bei Bitburg Eifel

Wir lagen beieinander,
und ich deckte dich mit den Händen zu.
Ich bedeckte deine Braue, dein Auge,
und ich bedeckte deinen Atem.

Deine Haare glänzten im Sand.
Solches Haar hab ich einmal bluten gesehn.
Solches Haar hab ich auf weißem Sand bluten gesehn.
Es war ein März vor elf Jahren.

Scharf schnitt der Wind in diesen März vor elf Jahren,
er schliff sich scharf an Bombengeschwadern und Schüssen,
ein Wind, der sichelte Haar und Kopfhaut
und die Hand, die Haar und Auge und Braue und Kopfhaut zudeckte.

Wir lagen heut beieinander,
und ich deckte dich mit bebenden Händen zu.
Am Himmel erschienen drei schnelle Schatten,
kam ein rasches, scharfes Geräusch: Drei
Sicheln sausten am Himmel.

Adolf Endler • geb. 1930 • DDR


Inschrift für Hiroshima

Was nützen uns
die toten Liebenden?
Solln wir gleich jenem Hirt
vor vielen tausend Jahren
das Menschenbild
mit einem Stück verkohltem Holz
von neuem an die feuchten
Höhlenwände malen?

Hanns Cibulka • geb.1920 • DDR


Glockenstimme

Es gibt Poeten, die sagen:
Der Sturm setzte die Glocken in Gang –
Oder:
Geister, die in den Lüften klagen,
Zerrten am Glockenstrang.
Aber
Das ist faules Gerede,
Denn der Mensch ist es, der jede
Glocke bewegt,
Der Mensch ist es, der Mensch.

Es gibt Reporter, die deuten
Mit zitternder Kehle darauf hin:
Nur einmal
Im Jahre werde diese Glocke läuten,
Nur zur Weihnacht, das sei ihr Sinn.
Aber
Vielleicht wird gerade diese Glocke sprechen,
Wenn Menschen Kerkermauern zerbrechen
In einer andern Nacht,
Weil es der Mensch ist,
Der die Glocke zum Schwingen gebracht,
Weil es der Mensch ist, der Mensch.

Es gibt Priester, die sagen:
Jene Glocke läute nur ganz zart
«Friede auf Erden!»,
Weil Maria das Kindlein getragen
Und Christus geboren ward.
Aber
Wer sagt euch, daß nicht einmal jene Frau
Den Glockenstrang wird fassen,
Damit alle Frauen auf die Straßen
Eilen, mit Hämmern und Beilen
Den gierigen Kriegsgöttern
Das Maul zu verkeilen,
Damit kein Sohn mehr am Kreuz muß leiden,
Damit keine Söldnerlanze ihm öffnet die Seiten,
Daß nicht weiter die Herren schuldlos lächeln,
Während die Verdammten am Querholz verröcheln –
Denn auch das ist Menschenstimme,
Wenn in wildem Grimme
Die zarte Glocke ihr Sturmlied gesungen,
Von einer Mutter am Strang geschwungen
Für den Sohn,
Für den Sohn,
Für des Menschen Sohn.

Friedrich Wolf • 1888-1953 • DDR


Schwestern der Hoffnung

Schwestern der Hoffnung o tapfere Frauen
Gegen den Tod habt ihr ein Bündnis geschlossen
Die Tugenden der Liebe zu einen

O meine überlebenden Schwestern
Ihr setzt euer Leben ein
Auf daß das Leben triumphiere

Der Tag ist nah o meine Schwestern der Größe
Da wir lachen der Worte Krieg und Elend
Nichts wird mehr sein von dem was Schmerz war

Jedes Antlitz wird Anrecht auf Liebkosungen haben.

Paul Eluard • 1895-1952 • Frankreich

Vertaling Stephan Hermlin


Der Sinn für den Frieden

Ein Baum, den kann man fälln –
Wie wollte er sich dagegenstelln?

Es braucht dazu eine Kleinigkeit;
Arbeit und Werkzeug, mehr oder weniger Zeit,
Je nach dem Werkzeug – und schon sieht man ihn falln …

Ein Vogel, so was läßt sich herunterholn:
Ein Schuß, ein oder zwei Steine –
Und schon regnet’s Federn …

Ein Stier oder ein Roß –
Das ist schnell umgelegt: der Schußkeil
Ist kinderleicht

Zu handhaben für Bub wie Mädel –
Kann da wer widerstehen dem Mörder?

Der Blick natürlich, aber wenn der Mörder
Nicht hinsieht oder wenn ihm alles eins ist –
Was macht es da noch, wenn man ihn ansieht?

Einen Menschen auch,
Den kann man niederlegen so wie einen Vogel –
Und aus viel geringerer Näh!

Ein Baum, ein Vogel, ein Stier, ein Roß,
Ein Kind, ein Mensch –
Sieh hin: schon geschehn!

Aber, meine Freunde, wenn wir alle da stehn:
Was wagten sie
Gegen uns alle?

Was wagten sie
Gegen die Völker, die widerstehn?

Guillevic • geb. 1907 • Frankreich

Vertaling Helmut Bartuschek


Wir müssen sorgen, daß uns Frieden bleibt

Wir müssen sorgen, daß uns Frieden bleibt,
daß dies ein Flugzeug vor die Wolken schreibt,
daß es an allen Zäunen lesbar wird,
daß es libellengleich das Ohr umschwirrt.

Wir müssen Sorge tragen für ein kleines Kind,
das leis sein neues wollnes Kleid besingt,
wir müssen sorgen, daß kein Mann sein Weib verläßt,
wir müssen sorgen für ein großes Frühlingsfest.

Wir müssen sorgen für ein Paar, das sich verliebt
in einem dunklen Torweg Küsse gibt,
und sorgen müssen wir für Essen und Gebet
und daß kein Mensch mehr betteln geht.

Wir haben Mühe, daß die Brücke nicht zerfällt,
daß uns beim Sturm das Fenster nicht zerschellt,
daß sich ein Kranker über unsre Blumen freut
und daß der Gärtner seinen Samen streut.

Wir haben Mühe mit der nackten Not,
mit einer Wand, die umzustürzen droht,
und daß die neuen Häuser bald bewohnbar sind.
Wir müssen sorgen, daß im Park der Brunnen springt.

Wir müssen helfen, wenn ein Vater wortlos weint,
und sorgen, daß sich Milch mit Mehl zu Brot vereint
und daß im Herd das Feuer nie verlischt.
Wir müssen sorgen, daß ein Mörder nicht entwischt.

Wir müssen achten, daß ein Zug uns nicht entgleist
und daß der Fluß uns nicht die Dämme niederreißt,
wir müssen sorgen, daß uns nichts ins Unheil treibt
und daß der Schüler es schon an die Tafel schreibt:
Wir müssen sorgen, daß uns Frieden bleibt.

Arno Reinfrank • geb. 1934 • BRD / England


Elegie

in memoriam Albert Einstein

Ein Weiser aber,
bevor er starb: Er
hob noch einmal
seine Hand … und angestrengt
vor Warnen war der Raum.
Da welkten schon und wie vom Rande
schmerzerregter See
die Schatten seines Mundes. Doch
voller Deutung war und ganz
im aufgefangnen Lichte dunkler Sterne
die letzte Stunde:
Weltgedicht der Zahlen!

Jedoch:
die Hand stand unbewegt.
Wind auf den Flächen
des Alls. Leben Tode –
Schmerz! Ausgerissen
die Schwingen Gottes, die Gedanken
lagen, verstreut.
Du aber im Nachtgrund,
Fliegender, fern
der weißen Wange deiner Erde,
dem Kinderstaunen
von Wipfeln und grasleisem Mond:
todabgeschieden
unter den ferngesteckten Gestirnen ahnt
ein Walten dein Herz.
Vernimm den Ton: Schweigen …
ein Denken, alterlos
der Welt: die schmalgebogene
Brücke!

Oder schreckt es dennoch
tief um dich in dir
und du erinnerst den Schmerz
im altersgefurchten Rembrandtgesicht,
dies Wissen
unterm Lid, zurückgehalten,
wurzelhart, ein Schatten?
Wie schnell endet der Mensch … und wanken erst,
die ihn überdauern einen Atem lang,
die Berge, erlischt,
was menschlich war,
im Aug ihm … und zerdrückt ist
sein Stolz, Schmetterlingsflügel im Sturm.
Noch geht wie unter traumwärts
fliehenden Wolken still
dein Fuß, und
zerbrochen schon
ist, die dich trug,
die dünne Schale der Erde.

Blut quillt,
immer wieder das Blut!
Verbirg, aschkalten Herzens, Bruder
verbirg deine Hände! Deck zu
die mitwissenden, die
zu schweigen verstehn:
Finger, die warfen Blatt um Blatt
auf den besudelten Tisch beim argen Spiel,
nicht aufzuschauen, da
der Würger umging. Deck zu,
Elender, daß schlafen du magst und,
inmitten des Todes,
gesichtlos.

Aber war nicht, sagt es,
sagt das gültige Wort: war,
wo im Buchenwald
der große Liebende, hier,
einem Herzschlag lauschte, nicht
der sichre Ort? Und sang
er nicht einst? – Kahlgeschlagen
sein Berg, Sand und kaltes Erstarren:
die ungeschlossenen Wunden!
Und unter den Rinden
die fingerlose Angst!
Nacht du der Nacht:
felsennagender Schatten
an unserm Herzen!

Noch deine Bäume, Deutschland,
wissen zu viel.

Erich Arendt • 1903-1984 • DDR


Aber die Tafeln künden den Frieden

Wir vergessen es nicht:
Die Ströme, von Blut durchflossen,
Tödlich der Himmel, die Lüfte –

Und suchten vergebens
Im Morden den Sinn –
Heißer brannte die Sonne,
Tiefer flogen die Schatten.

Sie aber rufen ihn wieder,
Den Krieg: die Träger
Des Goldes, Satte, Barbaren,
Und schleifen den Frieden.

Ihr wächsernen Städte, darüber
Schwärzer der Himmel wogt,
Und es fallen in die Täler
Die Berge – o versteinerter Schmerz!

Du kennst die Höllen,
Und wer die Höllen schuf,
Den Abgrund, den unmeßbaren –
Aber du und ich,
Alle gemeinsam, wir treten
An für den Frieden.

Unzerreißbar das Gelöbnis,
Das tönend-klare,
Glühend die Flammschrift des Herzens.
Der Gemordeten Anruf,
Die Tränen der Mütter –
Sie begleiten uns.

Vergiß das Vergessen –
Aber nicht das Grauen, die Untat.
Es gehen deinen Schritt die Millionen.
Es rufen deinen Ruf die Millionen.
Und deine Kraft: die Millionen.

Auf den Tafeln tragen
Den Namen des Friedens,
Ein unzerstörbar Erz,
Die neue Sonne!\

Sturm weht gewaltig
Den Frieden der Völker –
Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden,
Sie bekränzen die Welt bald.

Im eigenen Feuer,
Im Abgrund,
Elend verbrennen die Brenner.

René Schwachhofer • 1904-1970 • DDR


Du, unsere Zeit

Sicher blühten die Blumen
auch vor tausend Jahren schön,
und manchmal klang sicher ein Liebeslied
in eines Herbstwindes Wehn.

Und sicher steigen die Schwalben auch
im nächsten Jahrtausend zum Licht,
und die Erde wird sicher viel freundlicher sein
und schöner das Menschengesicht.

Aber ganz sicher waren die Sterne
der Erde noch nie so nah,
und der Himmel sah sicher noch nie eine Zeit,
da solch ein Beginnen geschah.
Noch nie. Und die Liebe war nie so bedroht
und doch nie größer als heut.
Du, unser Jahrhundert: Es beginnt erst der Mensch
in dieser, unserer Zeit.

Die Liebenden werden sich abends am Fluß
auch in tausend Jahren noch küssen.
Doch nie wieder wird sein: Schon lieben zu dürfen
und doch noch hassen zu müssen.

Werner Bräunig • 1934-1976 • DDR


Heimfahrt durch Belorußland im Schnee

Westwärts wieder jagt der Zug
den Rhythmus der Schienenstöße.
Tage, zerstoben wie Funkenflug …
Bela Rus
vor mir in winterlicher Größe
winkt letzten Gruß.

Doch plötzlich – der Rhythmus verwirrt sich:
Vaterbruder, Mutterbruder,
Onkel Orge, Onkel Hans.
Winter einundvierzig –
vergaß ich ihn ganz?

Vaterbruder, Mutterbruder,
verzeiht, ich vergaß!
Denn ich war bei Freunden
und wir hatten Spaß.
Ich vergaß zu fragen,
ob ihr gut ruht,
Onkel Orge, Onkel Hans
unter Schnee und fremder Sterne Glanz,
und wie euch das tut
ohne Kreuz, ohne Kranz.

Ob ihr hier gut ruht,
denn wir waren ziemlich laut
und wir tranken gut,
tanzten belorussischen Tanz.
Onkel Orge, Onkel Hans,
und ihr hattet doch auch eine Braut.

Vaterbruder, Mutterbruder,
wir hätten heut so schön
zusammen heimfahren können,
wärt ihr damals nicht so hergefahren.
Doch wir haben ja fünfundsechzig.
Onkel Orge, Onkel Hans

unter Schnee und fremder Sterne Glanz.
Und meine Vergeßlichkeit rächt sich,
und ich muß nach so vielen Jahren
an diesem Zugfenster stehn
und eure Namen nennen
und sichtlich ohne Grund
losheulen wie ein stummer Hund –
denn draußen, schneeweiß, steht Mutter Bela Rus
und winkt mir freundlichen Gruß.

Kito Lorenc • geb. 1938 . DDR / Sorben


Der Sputnik

Es liegt der Hauch einer rührenden Treue
in diesem Namen aus uralter Zeit,
obwohl alle Welt das unerhört Neue
in ihm sieht, umjubelt oder verschreit.
Und angesichts dieses winzigen Funkens
am Himmel, frag ich mich, ob man wohl weiß,
daß da ein andrer, nicht sichtbarer Sputnik
seit vierzig Jahren die Erde umkreist?
Seit jenem Spätherbst; er stieg aus den Weiten
der Wälder Rußlands, dem traurigen Land,
in die leeren Himmelsräume durch Leiden
und Hoffnungen eines Volkes entsandt,
der seine Erdumlaufbahnen nicht kannte,
ein Sputnik, aus bittrem Elend gemacht,
den kein Astronom entdeckte, benannte,
es sahn ihn die Armen nur in der Nacht.
Er war als Sternbild der Frühe erschienen,
in unerträglicher Neuheit, er litt
die Armut der Bauern des alten China,
den Hunger der Hirten Brasiliens mit,
stand in Verhören und blieb unverraten
und wurde dennoch verurteilt, verbannt.
Er überflog einst Madrid, die Soldaten
sahn auf und haben ihn lächelnd erkannt,
und er erhellte die letzten Sekunden
der Geiseln, ist um die Erde geeilt
und sah Ravensbrück, hat eiternde Wunden
unter der indischen Sonne geheilt,
stieg auf und verlor sich in Dunkelheiten,
nicht in berechnete Bahnen gestellt.
An der Wolga, in den tödlichen Zeiten
bewahrte er uns die Zukunft der Welt.
Er war ein «Experiment, das mißglückte»,
war «der reinste russische Unverstand»,
bis man ihn durch Teleskope erblickte,
als er den Weg aus den Sternstürmen fand.
Ich weiß nicht, ob ich es deutlich erklärte …
Seit vierzig Jahren schon kreist, ohne Laut,
meiner Hoffnung, meines Zweifels Gefährte,
ein Sputnik, über mir, fern und vertraut.

Ilja Ehrenburg • 1891-1967 • UdSSR

Vertaling Waldemar Dege


ZEIT HEILT WUNDEN,
und das tut
sie bei allen.
Zeit heilt gut.
Doch es gibt
ein Menschenleid,
das heilt nie.
Trotz aller Zeit.
Wieder hat,
zum Siegestag,
nach so langen Jahren –
diese Frau
ein Stückchen Brot
zum Vatergrab getragen.

Juri Woronow • geb. 1929 • UdSSR

Vertaling Heinz Kahlau


Der Sang des Friedens

Auf daß die Menschen lange leben,
Auf daß die Fische in den Teichen
Fett werden und geruhsam laichen,
Auf daß die Kühe Sahne geben,
Sing ich den Sang des Friedens.

Auf daß die Kinder nicht erschrecken,
Wenn sie die großen Vögel sehn,
Auf daß, wenn wir vorübergehn
Als Fremde, sie sich nicht verstecken,
Sing ich den Sang des Friedens.

Auf daß der sanfte Himmel nicht
Mit einemmal zum Fallschirm werde,
Der wie ein Adler auf die Herde
Herunterstößt aus Blau und Licht,
Sing ich den Sang des Friedens.

Auf daß in Prag, Paris und Rom
Das Leben weiter Blüten treibe,
Auf daß New York verschont auch bleibe
Vom Tod durchs platzende Atom,
Sing ich den Sang des Friedens.

Auf daß der Rembrandt an der Wand
Dort weiter hängen kann in Ruh
Und nicht verpackt in einer Truh
Vor Diebstahl zittern muß und Brand,
Sing ich den Sang des Friedens.

Auf daß die gelben Gänsekücken,
Die Federbällchen auf zwei Beinen,
Sich tummeln können auf den Rainen,
Den Gänsemüttern zum Entzücken,
Sing ich den Sang des Friedens.

Auf daß an Böhmens grünen Flüssen
Die Gärtner, wenn sie Blumen ziehn,
Wenn ihre Pllaumenbäume blühn,
Sich nur vor Würmern fürchten müssen,
Sing ich den Sang des Friedens.

Und für den Gutshof, auf dem heute
Die neue Dorfgenossenschaft
Das Korn in die Speicher schafft
Auf Wagen, buntgeschmückt wie Bräute,
Sing ich den Sang des Friedens.

Und für die Liebe, daß sie siege,
Daß Paare lachen, tanzen, singen,
Daß Mütter ihre Kleinen schwingen
In buntgeschnitzter Lindenwiege,
Sing ich den Sang des Friedens.

Und für den Umzug mit Musik,
Und für die stille Sternennacht,
Die über unserm Schlummer wacht,
Und für der Wiesen stummes Glück,
Sing ich den Sang des Friedens.

Ich sing vom Frieden. Ihre Meute
Ist klein, wir sind wie Sand am Meer.
Dröhnt, Prager Glocken, dröhnt die Mär:
Der Friede, er ist keine Beute!
Ich sing’den Sang des Friedens.

Vitězslav Nezval • 1900-1958 • Tschechoslowakei

Vertaling F.C. Weiskopf


Der Friede auf Erden

Nicht einer Taube gleich wird sanft er niedersteigen,
noch kommen über uns wie eine Jahreszeit,
noch sich entflammen jählings wie ein Blitz –
der Friede auf Erden.

Noch unverhofft erblühn aus einer Garbe Blumen,
noch im Gewitterstrahl, noch in der weißen Wolke
wird sinken auf uns, regenbogenblau,
der Friede auf Erden.

Durch unsern Willen nur wird er der Welt gegeben,
aus unsern Herzen sprudelnd wie das Blut,
aus unserm Kampf geduldig sich gebärend –
der Friede auf Erden.

Entbrennen wird er, Flamme schweren Mühns,
aus offner Hand, gemeinschaftlichem Schreiten,
aus aller Menschen erdenweiten Ruf:
Daß Friede sei!

Jarostaw Iwaszkiewicz • 1894-1980 • Polen

Vertaling Paul Wiens


Atlas

Auf deinen Schultern, Atlas, liegt die Erde,
und stürztest du, so wäre sie verloren.
Doch nein, du strauchelst nicht,
trägst aufrecht dein Gewicht
und tust das Werk,
für das wir dich erkoren.

Denn unsere Kräfte haben wir seit eh und je gestrafft:
Erschaffen hat dich unser aller Kraft.

Von uns wird dein Titanenleib ernährt,
und was wir wert sind, bist du selber wert.
Dich kräftigt jeder lautere Gedanke
und jede wackre Tat
und jeder Jubellaut
und jedes Lächeln einer jungen Braut;
es kräftigt dich
ein jeder Pinselstrich
und jedes Lied nach unserm Sinn
und jeder Glockenschlag bei Schulbeginn.
Und dich erhält am Leben,
was wir dir seit Jahrtausenden gegeben,
du schöpfst die Riesenstärke aus uns allen.
Oh, laß die teure Kugel ja nicht fallen!

Bleib aufrecht stehen, wanke nicht, Titan,
und mehr denn je spann deine Muskeln an,
Jetzt gilt es zu beweisen, wer du bist!
Versagtest du, so wär’s auch dein Verderben
Die Erde ginge
wie ein Gefäß aus schwachem Glas in Scherben,
und nichts mehr wäre
als Leere.
Zugrund gegangen wär das Erdenrund, verschwunden,
mit seiner Menschenschar,
mit allem, was einst war,
mit allem, was die Zukunft ihm beschieden,
So stütz und schütz die Erde, Atlas:
Erhalte ihr den Frieden!

Jenö Kiss • geb.1912 • Rumänien


Fürchtet euch nicht!

Fürchtet euch nicht, mit mutigem Herzen
Im Hof dieser Welt streift umher.
Wißt ihr denn nicht? Die Stellvertreter
Gottes im Leben seid ihr!

Laßt schweifen den Blick wachen Sinnes
In Welten, offen und weit,
Doch vergeßt nicht das Ziel, im Wagen sitzt ihr
Einer eilenden Zeit!

Ein Stück von der Sonne ist diese Erde,
Materie also, macht gut sie und schön,
Haucht Leben ihr ein, laßt menschlich sie werden,
Aus Staub soll Bewußtsein entstehn!

Verantwortung ruht auf des Menschen Schulter,
Tragt sie mit Heiterkeit; nicht allein
Mann oder Frau, auch Tier, Baum und Vogel
Sollen auf Erden glücklich sein!

Atomzeitalter! Mit göttlicher Schnelligkeit
Wachse aus Erdenstaub wunderbar
Das Neue. Der neuen Welt Werke errichtet.
Den Erdenfrühling macht wahr!

Sumitranandan Pant • geb. 1900 • Indien

Vertaling Klaus Möckel


Weltfriedenstreffen

Für Rafael Alberti

in den letzten augenblicken
die Sinfonie
die längst schon ungültige
Letzte
zurückgenommen von Adrian Leverkühn
wenn wir widerrufen könnten diesen widerruf
wenn wir uns wiedergeben könnten
den Chor der Neunten
andernfalls
andernfalls nur noch
die Nach-Letzte
die Katastrofen-Sinfonie

György Somlyó • geb.1920 • Ungarn

Vertaling Paul Kárpáti


Position

Du hattest mich nie zum Schulkameraden.
Ich habe dich nie zum Kognak geladen …
Wir sind in eine Stellung geraten –
Dann warn wir im gleichen Schützengraben –
dort, wo zwei Welten sich bekriegen,
wo sich die neue Welt in bittrem Streit
gegen die sinkenden Götter wehrt.
Und wild wie Blut
verrinnt die Zeit.
Nah bist du mir, und das ist gut.
Ich danke dir
ohne Blicke,
ohne Worte.
Wir lernten uns nicht mal mit Namen kennen!
Und dennoch –
jetzt, beim Gebrüll der Granaten
lernen wir, uns Bruder zu nennen …
Doch sollte dieser Kampf einst enden,
werden wir ansehn einander
mit großen Augen
und werden staunend uns zur Seite wenden:
Wir sind ganz anders, als wir glaubten.
Du wirst sagen:
Ich liebe die Stille.
Und ich:
verehre King Cole.
Wir werden über unsere Namen kichern.
Und dann –
leb wohl! Und es ist nicht zu spät,
und es ist nicht zu früh,
an unbekannten Vögeln sich zu freun,
in unbekannten Winden sich zu wiegen.
Nur Tote bleiben stets
in einer Stellung liegen.

Ljubomir Lewtschew • geb. 1935 • Bulgarien

Vertaling Wolfgang Köppe


Friede wird sein

Über uns nur Himmel
unter uns Wolken
und darunter
Wolken
und darunter
Meer.
Kein Land,
nur Himmel, Luft und Licht –
entstanden ist eine Nähe
die glückselig macht.

Nach dieser Kraft,
dieser Eroberung nackter Wirklichkeit –
was ist da nicht zu schaffen
oder abzuschaffen?

Frieden wird sein.
Die Kraft ist da
die Hoffnung
die Entschlossenheit.
Männer werden heimgehn.

  1. August 1966
    Während des Fluges über den Atlantik nach dem Verlassen Südafrikas

Dennis Brutus • geb. 1924 • Südafrika

Vertaling Heinz Kahlau


Urteil

Im Namen Ihrer Majestät, der Menschheit,
verkünden wir feierlich
allen, allen, allen:
Der Angeklagte ist der Bluttat überführt
in ungezählten Fällen. Eingezogen werden
der Säbel, der die Ururgroßväter zerhieb,
das Bajonett, das die Urgroßväter niederstach,
die Kugel, die die Großväter ins Herz traf,
die Bombe, die die Väter uns zerriß.
Der Angeklagte mit dem fluchbeladnen Namen Krieg
ist schuldig, und sein Strafmaß ist der Tod.
Das Urteil gilt. Der Einspruch wird verweigert.

Lodongüjn Tüdew • geb. 1935 • Mongolei

Vertaling Waldemar Dege


Mutter und die Neutronenbombe

Mutter,
ich lese die Zeitungen von heute
durch Leningrads Kinder hindurch,
vom Hunger wie Pauspapier,
die zum Jolka-Fest gekommen sind,
zum internationalen der toten Kinder.
Piskarjowsche ausgedorrte Händchen
strecken sich den Mandarinen an der Tanne,
diesen gelb leuchtenden Laternen, entgegen,
und haben sie die Früchte dann abgerissen,
wissen sie nicht, was damit tun.
Auschwitz-Kinder
mit blau verzerrten Gesichtchen,
sich am Gas verschluckend,
erbitten von Väterchen Frost
eine Glaskugel von der Tanne,
in deren Innern enthalten ist
wenigstens ein bißchen Sauerstoff.
Die ungeborenen Säuglinge von Son My,
aus der Mütter Bauch herausgeschnitten,
krabbeln zum schluchzenden Grauen Wolf.
Rotkäppchen versucht zusammenzukleben
die Stücke der bombenzerfetzten Kinder
aus Belfast und Beirut.
Salvadors Kinder, plattgewalzt
von den Panzern der Strafexpedition,
prallen entsetzt vor einem Spielzeugpanzer zurück …
Der Reigen toter Kinder
um die internationale Tanne ist endlos,
doch wenn die Neutronenbombe explodiert,
wird es gar keine Kinder mehr geben:
Nur leere Kindergärten bleiben dann,
aufheulende Teddybären,
die sich die Plüschbrust zerreißen
mit ihren Plastkrallen
bis in die Sägemehlfüllung,
und aufblasbare Elefanten,
die verspätet Alarm trompeten …
Vielen Dank, Samuel Cohen
und euch anderen Humanisten,
für die neue amerikanische Erfindung,
das Spielzeug, nicht von Kindern benutzbar,
doch mit den Kindern spielend,
bis kein einziges mehr übrig ist …
Dank für das Verschwinden
der Schlangen im Kinderkaufhaus,
wo dann Papierwindeln nicht mehr Mangelware sind,
für Disneyland,
wo niemand mehr etwas kaputtmachen kann,
für die Puppen,
denen keiner grausam die Zöpfe abreißen will,
für die Fenster,
nicht mehr zerbrochen durch einen unhöflichen Ball,
für die Karussellpferdchen,
von jetzt an immer frei,
quietschend in der Weltenleere,
für die sorgsam auf Leinen gehängten Kinderstrumpfhosen,
die keiner mehr zerreißen wird
beim Versteckspiel im Gestrüpp,
denn ausbrechen wird statt dessen
das letzte weltumfassende Versteckspiel:
Alle Kinder verschwunden,
keine Erwachsenen mehr zu finden.
Auf den heilgebliebenen Straßen
liegen heilgebliebene Uhren
mit geschlossenen Armbändern,
noch bewahrend die Form verdampfter Handgelenke.
Von den Fingern geglittene Trauringe
gesellen sich zu türkisenen und sonstigen Ohrclips,
herabgefallen von Frauenohrläppchen,
und die heilgebliebenen leeren Handschuhe
umspannen die heilen Lenkräder heilgebliebener Autos.
Die internationale Beinschaustellung von Perugia
wird sich in Nichts auflösen,
bis auf die Schuhe, die verwaisten,
mit der Goldprägung
und dem Häufchen Asche auf den Sohlen.
Zwischen diesen Urnen aus Lack und Leder
aber wird kriechen, an den Absätzen schnuppernd,
das halbgeschmolzene Silberkettchen
vom Knöchel der verschwundenen Peruanerin.
Auch Mutter wird es nicht mehr geben,
bleiben wird nur der Kiosk,
wo der Atomwind umblättert
die nun antiquarischen, schimmelnden Hefte:
das Wochenblatt «Eishockey – Fußball»,
die Zeitschriften «Amerika» oder «Gesundheit».
Und Mutters Fleischer, zu Dampf geworden,
wird, ein Schatten, dann Mutters Schatten
aus alter Gewohnheit zurücklegen,
gefrorenen Huhnes Schatten –
Landesschwester Maupassants,
aus Frankreich, wo auf heilgebliebenen Bücherborden
Maupassant steht,
doch kein Landsmann heil blieb.
Und ein neuer Major Ferebee
drückt den Knopf dann, den Knopf Hiroshima,
und sieht Europa sich verwandeln
in ein totes Euroshima,
doch bevor er noch die Zeit hat,
darüber den Verstand zu verlieren,
ist er selber schon ein Schatten.

Mutter, die von Politik
nicht grad oft spricht, sagte neulich,
als vom Swjosdny-Boulevard
sie aus einem Laden kam,
wo man im Gedränge ihr
abgerissen ein paar Knöpfe
angeliefert wurden aus der DDR Tapeten:
«Gott, wohin führt doch die Gier nach Dingen,
zur Erfindung der Neutronenbombe gar!»
Und ich stellte mir
Millionen Läden in der Welt vor,
mit Tapen vollgestopft,
Nerzmänteln,
Stiefeln, italienischen,
Brillanten,
Büchsenbier aus Dänemark,
japanischen Plattenspielern,
Läden, wo es alles gibt,
nur eins nicht mehr – den Käufer.
Kissen werden dann aus den Museen
Neandertaler Schädel stehlen,
Hemden streifen sich Skeletten über, Statuen.
Kinderwagen schaukeln Embryos,
eingelegt in Spiritus zu Forschungszwecken.
Die Rasierklingen versuchen sich vor Einsamkeit
zu massakrieren.
An den Bäumen wird’s ein Massenstrangulieren geben
der Krawatten.
Und die Bücher, sich nach Augen, Fingern sehnend,
schrein nach Selbstverbrennung.
Möglich auch, daß sich die Dinge anpassen der Lage,
selber in Geschäfte gehn
und weltumfassendes Gedränge bilden,
sollte das Gerücht entstehn,
in einem Stadtrandladen
sei ein Mensch ganz unvermutet «angeliefert» worden.
Garantiert gibt’s Streit um Politik dann bei den Dingen,
und ein Kühlschrank, überschnappend, wird vielleicht
die Neutronenbombe umgekehrt erfinden,
Dinge tötend,
doch erhaltend unversehrt
die Menschen
Aber was soll bleiben,
wenn die Menschen nicht mehr sind?
Sterben wird durch das Atomschwert,
wer es hebt!

Jewgeni Jewtuschenko geb. 1933 UdSSR

Vertaling Aljonna und Klaus Möckel