Gedichten rond de dood 15

So einsam ist der Mensch
sucht gen Osten
wo die Melancholia im Dämmerungsgesicht erscheint
rot ist der Osten vom Hähnekrähen
O höre mich
In der Löwensucht
und im peitschenden Blitz des Äquators
zu vergehn
O höre mich –
Mit den Kindergesichtern der Cherubim zu verwelken
am Abend
O höre mich –
Im blauen Norden der Windrose
wachend zur Nacht
schon eine Knospe Tod auf den Lidern
so weiter zur Quelle –

Nelly Sachs


Hoor de muziek maar de woorden niet,
dansbeweging, maar met niemand erbij.
Gedicht, maar zonder een lezer.
Tijd, maar zonder de cijfers.

Hoeveel raadsels kun je verdragen?
De vriend die stierf maar niet meer kon praten,
de andere vriend die in zijn laatste bed
een cirkel tekende met zijn handen,

en daarmee reizen bedoelde. Dat was
een afscheid, en ik begreep het, ik moest
nog reizen en verder, cirkels over de wereld

tot ik weer bij hem zou zijn,

of hij bij mij, een vergeefse belofte.

Cees Nooteboom 


Mörder

Ich singe euch zu,
Sanft wie ein Mensch zu einem toten Kinde spricht,
Hart, wie ein Mann in Handschellen,
In denen er sich nicht rühren kann.

Unter der Sonne sind sechzehn Millionen Menschen
Ausgewählt für ihre glänzenden Zähne,
Scharfen Augen, starken Schenkeln
Und warmem, jungem Blut in den Adern.

Und roter Saft rinnt über Gras,
Und roten Saft trinkt die dunkle Erde,
Und die sechzehn Millionen morden … und morden … und morden.

Ich vergesse sie weder am Tag noch zur Nacht.
sie hämmern Erinnerung an meine die Stirn;
sie drücken mein Herz, und ich schreie ihnen zu,
Ihren Heimen und Frauen, Träumen und Spielen.
Nachtwachend, riech ich die Schützengräben,
Hör das leise Geräusch der Linienschläfer –
Sechzehn Millionen Schläfer und Wacher im Dunkel,
Einige unter ihnen Schläfer auf immer.

Andere stürzen in den morgigen Todesschlaf.
Gekettet an den Rechen dieser herzbrechenden Welt,
Essend und und trinkend, sich abmühend …
An der Akkordarbeit des Mords.

Sechzehn Millionen.

Carl August Sandburg

Vertaling Claire Goll


Als je geen regen bent, mijn liefste
één en al vruchtbaarheid…
Wees een boom
En als je geen boom bent, mijn liefste
wees dan een steen
doortrokken van dauw… Wees een steen
En als je geen steen bent, mijn liefste
wees dan een maan
in de dromen van je geliefde… Wees een maan
[Zo sprak een vrouw
tegen haar zoon op zijn begrafenis]

Mahmoud Darwish (1942-2008)


Die Mörder sitzen in der Oper

Der Zug entgleist. Zwanzig Kinder krepieren.
Die Fliegerbomben töten Menschen und Tier.
Darüber ist kein Wort zu verlieren.
Die Mörder sitzen im «Rosenkavalier».

Die Soldaten verachtet durch die Straßen ziehen.
Generale prangen im Ordensstern,
Deserteure, die vor dem Angriff fliehen,
Erschießt man im Namen des obersten Herrn.

Auf, Dirigent, von deinem Orchesterstuhle!
Du hast Menschen getötet. Wie war dir zumut?
Waren es viel? Die Mörder machen Schule.
Was dachtest du beim ersten spritzenden Blut?

Der Mensch ist billig und das Brot wird teuer.
Die Offiziere schreiten auf und ab.
Zwei große Städte sind verkohlt im Feuer.
Ich werde langsam wach im Massengrab …

Ein gelber Leutnant brüllt an meiner Seite:
«Sei still, du Schwein!» Ich gehe stramm vorbei,
Im Schein der ungeheuren Todesweite
Vor Kälte grau in alter Leichen Brei.

Das Feld der Ehre hat mich ausgespien;
Ich trete in die Königsloge ein.
Schreiende Schwäne nackter Vögel ziehen
Durch goldene Tore ins Foyer hinein.

Sie halten blutige Därme in den Krallen,
Entrissen einem armen Grenadier.
Zweitausend sind in dieser Nacht gefallen!
Die Mörder sitzen im «Rosenkavalier».

Verlauste Krüppel sehen aus den Fenstern.
Der Mob schreit: «Sieg!» Die Betten sind verwaist.
Stabsärzte halten Musterung bei Gespenstern;
Der dicke König ist zur Front gereist.

«Hier, Majestät, fand statt das große Ringen!»
Es naht der Feldmarschall mit Eichenlaub.
Die Tafel klirrt, Champagnergläser klingen.
Ein silbernes Tablett ist Kirchenraub.

Noch strafen Kriegsgerichte das Verbrechen
Und hängen den Gerechten in der Welt.
Geh hin, mein Freund, du kannst dich an mir rächen!
Ich bin der Feind. Wer mich verrät, kriegt Geld.

Der Unteroffizier mit Herrscherfratze
Steigt aus geschundenem Fleisch ins Morgenrot.
Noch immer ruft Karl Liebknecht auf dem Platze:
«Nieder der Krieg!» Sie hungern ihn zu Tod.

Wir alle hungern hinter Zuchthaussteinen,
Indes die Oper tönt im Kriegsgewinn.
Mißhandelte Gefangene stehn und weinen
Am Gittertor der ewigen Knechtschaft hin.

Die Länder sind verteilt. Die Knochen bleichen.
Der Geist spinnt Hanf und leistet Zwangsarbeit.
Ein Denkmal steht im Meilenfeld der Leichen
Und macht Reklame für die Ewigkeit.

Man rührt die Trommel. Sie zerspringt im Klange.
Brot wird Ersatz und Blut wird Bier.
Mein Vaterland, mir ist nicht bange!
Die Mörder sitzen im «Rosenkavalier».

Walter Hasenclever


Gestorben – für wen?

Wenn heute an meine vier Neffen ich denk,
von meinen drei Schwestern die Söhne,
Und wenn ich ins Los mich der Meinen versenk,
So frag ich mich, sind es die drei, sind’s die vier,
Für die ich ein größeres Mitleid verspür!
Um wen fließt mir heißer die Träne?
Der deine gefallen bei Krasnik! Fortab
Hast Ruhe dem Schmerz du geboten.
Der Junge der zweiten ist nahe dem Grab,
Er siecht an den Wunden des Kriegs im Spital.
Die dritte, die sucht ihre beiden voll Qual
Schon lang in den Listen der Toten.

Die Armen! Ich sehe sie spielen im Sand …
Wie rasch sie der Kindheit entgleiten!
Wie blühn die Gesichter, so sonnenverbrannt!
Wie jauchzen zum Hause sie hin von den Höhn!
Und vor meinem geistigen Auge erstehn
Die Bilder vergangener Zeiten.

Ich seh im Getümmel des Krieges sie jetzt,
Im feuerumbrandeten Raume!
Sie stehen, krümmen sich, fallen zuletzt,
Die Schauer des Todes verziehn ihr Gesicht,
Doch glänzt auf den bleichenden Wangen ein Licht,
Wie manchmal dem Schläfer im Traume.

Ich fühle kein Leid mehr um sie. Mein Gemüt
Ist ruhig, gestillt ist das Bluten.
Und wie seine Lieben im Traume man sieht,
So stehn sie vor mir, und mich schmerzt nicht ihr Los.
Mir ist es, als trüge im Schlaf mich ein Floß
Dahin über spiegelnde Fluten.

Mag sein, daß die Toten Gespräche geführt
Und daß sie geraunt mir die Kunde;
Mag sein, daß ein Zweifel den Geist mir berührt:
Rumänen seh ich! … Ein gespenstiges Heer!
Sie greifen, und haben doch Hände nicht mehr,
Sie schrein mit zerschmettertem Munde!

Sie fallen! Ich schaudre! Auf wessen Gebot?
Wer fordert von ihnen das Leben?
Für uns ist ja traurig und sinnlos ihr Tod!
Ich stell mir mit Schrecken die Frage: Für wen?
Ich suche und forsche und kann’s nicht verstehn,
Und keiner kann Antwort mir geben!

George Coşbuc

Vertaling Rudolf Lichtendorf


Stimmen

Als die Männer zurückkehrten aus dem Krieg,
dessen Schlachtfelder brüllende Leerheit
gewesen waren, da fanden sie daheim genau
dasselbe, kanonengleich brüllend die Leere
der Technik, und wie auf den Schlachtfeldern
hatte das Menschenleid sich in die Winkel der
Vakuumräume zu verkriechen, umwittert von
deren Schreckensheiserkeit, mitleidlos umwitter
rohen Nichts.
Da war es den Männern, als hätten sie nicht
zu sterben aufgehört,
und sie fragten, was alle Sterbenden
fragen: wohin, ach, wohin haben wir
unser Leben vertan? Was hat uns in
solche Leerheit hineingestellt und
dem Nichts anheimgegeben? Ist das
wirklich des Menschen Bestimmung und
sein Los? Soll unser Leben wirklich
keinen anderen Sinn als diesen Nicht-Sinn
gehabt haben?
Indes, die Antworten auf die Fragen waren
selbsterteilte, und demzufolge waren sie
wieder nur leere Meinungen, wieder nur das
leere Nichts,
eingebettet im Nichts, geformt vom Nichts
und daher vorbestimmt, wiederum abzugleiten
zur Wirrnis der Überzeugungen, die den
Menschen zwingen, aufs neue sich aufzuopfern,
aufs neue wie im Kriege,
aufs neue in unheilig-hohler Heldischkeit,
aufs neue in einem Tod ohne Märtyrertum,
aufs neue im leeren Opfer, das nimmermehr
über sich hinauswächst.
Wehe über eine Zeit der hohlen Überzeugungen
und hohlen Opfer!

Hermann Broch


Drei Minuten Gehör!

Drei Minuten Gehör will ich von euch, die ihr arbeitet!
Von euch, die ihr den Hammer schwingt,
von euch, die ihr auf Krücken hinkt,
von euch, die ihr die Feder führt,
von euch, die ihr die Kessel schürt,
von euch, die mit den treuen Händen
dem Manne ihre Liebe spenden –
von euch, den Jungen und den Alten:
Ihr sollt drei Minuten innehalten.
Wir sind ja nicht unter Kriegsgewinnern.
Wir wollen uns einmal erinnern.

Die erste Minute gehöre dem Mann.
Wer trat vor Jahren in Feldgrau an?
Zu Hause die Kinder – zu Hause weint Mutter …
Ihr: feldgraues Kanonenfutter!
Ihr zogt in den lehmigen Ackergraben.
Da saht ihr keinen Fürstenknaben:
der soff sich einen in der Etappe.
und ging mit den Damen in die Klappe.
Ihr wurdet geschliffen. Ihr wurdet gedrillt.
Wart ihr noch Gottes Ebenbild?

In der Kaserne – im Schilderhaus
wart ihr niedriger als die schmutzigste Laus.
Der Offizier war eine Perle,
aber ihr wart nur «Kerle»!
Ein elender Schieß- und Grüßautomat.
«Sie Schwein! Hände an die Hosennaht!»
Verwundete mochten sich krümmen und biegen:
kam ein Prinz, dann hattet ihr strammzuliegen.
Und noch im Massengrab wart ihr Schweine:
Die Offiziere lagen alleine!
Ihr wart des Todes billige Ware …
So ging das vier lange blutige Jahre.
Erinnert ihr euch?

Die zweite Minute gehöre der Frau.
Wem wurden zu Haus die Haare grau?
Wer schreckte, wenn der Tag vorbei,
in den Nächten auf mit einem Schrei?
Wer ist es vier Jahre hindurch gewesen,
der anstand in langen Polonäsen,
indessen Prinzessinnen und ihre Gatten
alles, alles, alles hatten?
Wem schrieben sie einen kurzen Brief,
daß wieder einer in Flandern schlief?
Dazu ein Formular mit zwei Zetteln …
wer mußte hier um die Renten betteln?
Tränen und Krämpfe und wildes Schrein.
Er hatte Ruhe. Ihr wart allein.
Oder sie schickten ihn, hinkend am Knüppel,
euch in die Arme zurück als Krüppel.
So sah sie aus, die wunderbare
große Zeit – vier lange Jahre …
Erinnert ihr euch?

Die dritte Minute gehört den Jungen!
Euch haben sie nicht in die Jacken gezwungen!
Ihr wart noch frei! Ihr seid heute frei!
Sorgt dafür, daß es immer so sei!
An euch hängt die Hoffnung. An euch das Vertraun
von Millionen deutschen Männern und Fraun.
Ihr sollt nicht strammstehn. Ihr sollt nicht dienen!
Ihr sollt frei sein! Zeigt es ihnen!
Und wenn sie euch kommen und drohn mit Pistolen:
Geht nicht! Sie sollen euch erst mal holen!
Keine Wehrpflicht! Keine Soldaten!
Keine Monokel-Potentaten!
Keine Orden! Keine Spaliere!
eine Reserveoffiziere!
ihr seid die Zukunft!
Euer das Land!
schüttelt es ab, das Knechtschaftsband!
wenn ihr nur wollt, seid ihr alle frei!
Euer Wille geschehe! Seid nicht mehr dabei!
Wenn ihr nur wollt: bei euch steht der Sieg!
Nie wieder Krieg!

Kurt Tucholsky


Ballade des Vergessens

In den Lüften schreien die Geier schon,
Ach Lüstern nneuem Aase.
Es hebt so mancher die Leier schon
Eim freibiergefüllten Glase,
Zu schlagen siegreich den alt bösen Feind,
Tät er den Humpen pressen …
Habt ihr die Tränen, die ihr geweint,
Vergessen, vergessen, vergessen?

Habt ihr vergessen, was man euch tat,
Des Mordens Dengeln und Mähen?
Es lässt sich bei Gott der Geschichte Rad
Beim Teufel nicht rückwärts drehen.
Der Feldherr, der Krieg und Nerven verlor,
Er trägt noch immer die Tressen.
Seine Niederlage erstrahlt in Glor
Und ?Glanz: ihr habt sie vergessen.

Vergaßt ihr die gute alte Zeit,
Die schlechteste je im Lande?
Euer Herrscher hieß Narr, seine Tochter Leid,
Die Hofherren Feigheit und Schande.
Er führte euch in den Untergang
Mit heiteren Mienen, mit kessen,
Längst habt ihr’s bei Wein, Weib und Gesang
Vergessen, vergessen, vergessen.

Wir haben Gott und Vaterland
Mit geifernden Mäulern geschändet.
Wir haben mit unsrer dreckigen Hand
Hemd und Meinung gewendet.
Es galt kein Wort mehr ehrlich und klar,
Nur Lügen unermessen …
Wir hatten die Wahrheit so ganz und gar
Vergessen, vergessen, vergessen.

Millionen krepierten in diesem Krieg,
Den nur ein paar Dutzend gewannen.
Sie schlichen nach ihrem teuflischen Sieg
Mit vollen Säcken von dannen.
Im Hauptquartier bei Wein und Sekt
Tat mancher sein Liebchen pressen.
An der Front lag der Kerl, verlaust und verdreckt
Und vergessen, vergessen, vergessen.

Es blühte noch nach dem Kriege der Mord,
Es war eine Lust, zu knallen.
Es zeigte in diesem traurigen Sport
Sich Deutschland über allen.
Ein jeder Schurke hielt Gericht,
Die Erde mit Blut zu nässen.
Deutschland, du sollst die Ermordeten nicht
Und nicht die Mörder vergessen!

O Mutter, du opferst deinen Sohn
Armeebefehlen und Ordern.
Er wird dich einst an Gottes Thron
Stürmisch zur Rechenschaft fordern.
Dein Sohn, der im Graben, im Grabe schrie
Nach dir, von Würmern zerfressen …
Mutter, Mutter, du solltest es nie
Vergessen, vergessen, vergessen!

Ihr heult von Kriegs- und Friedensschluß – hei:
Der andern – ihr wollt euch rächen:
Habt ihr den frechen Mut, euch frei
Von Schuld und Sühne zu sprechen?
Sieh deine Fratze im Spiegel hier
von Haß und Raffgier besessen:
Du hast, war je eine Seele in dir,
Sie vergessen, vergessen, vergessen.

Einst war der Krieg noch ritterlich,
Als Friedrich die Seinen führte,
In der Faust die Fahne – nach Schweden nicht schlich
Und nicht nach Holland ‘chappierte.
Einst galt noch im Kampfe Kopf gegen Kopf
Und Mann gegen Mann – indessen
Heut drückt der Chemiker auf den Knopf,
Und der Held ist vergessen, vergessen.

Der neue Krieg kommt anders daher,
Als ihr ihn euch geträumt noch.
Er kommt nicht mit Säbel und Gewehr,
Zu heldischer Geste gebäumt noch:
Er kommt mit Gift und Gasen geballt,
Gebraut in des Teufels Essen.
Ihr werdet, ihr werdet ihn nicht so bald
Vergessen, vergessen, vergessen.

Ihr Trommler, trommelt, Trompeter blast:
Keine Parteien gibt’s mehr, nur noch Leichen!
Berlin, Paris und München vergast,
Darüber die Geier streichen.
Und wer die Lanze zum Himmel streckt,
Sich mit wehenden Winden zu messen –
Der ist in einer Stunde verreckt
Und vergessen, vergessen, vergessen.

Es fiel kein Schuß. Steif sitzen und tot
Kanoniere auf der Lafette.
Es liegen die Weiber im Morgenrot,
Die Kinder krepiert im Bette.
Am Potsdamer Platz Gesang und Applaus:
Freiwillige Bayern und Hessen …
Ein gelber Wind – das Lied ist aus
Und auf ewige Zeiten vergessen.

Ihr kämpft mit Dämonen, die keiner sieht,
Vor Bazillen gelten nicht Helden,
Es wird kein Nibelungenlied
Von eurem Untergang melden.
Zu spät ist’s dann, von der Erde zu fliehn
Mit etwa himmlischen Pässen.
Gott hat euch aus seinem Munde gespien
Und vergessen, vergessen, vergessen.

Ihr hetzt zum Krieg, zum frischfröhlichen Krieg.
Und treibt die Toren zu Paaren.
Ihr werdet nur einen einzigen Sieg:
Den Sieg des Todes gewahren.
Die euch gerufen zur Vernunft,
Sie schmachten in den Verlässen:
Christ wird sie bei seiner Wiederkunft
Nicht vergessen, vergessen, vergessen.

Klabund


Vogesenballade

Ein Sommer führte uns durch die Vogesen.
Dort war der letzte Krieg noch nicht begraben.
Um einen Wald verkohlter Rutenbesen
zog sich ein Zaun aus Kreuzen toter Knaben.

Oft sahn wir Mütter, die die Erde küßten,
sie streichelten, ihr schmeichelnd Namen gaben,
als ob die Gräber, die die Toten haben,
besänftigt werden und sich öffnen müßten.

Der mit mir ging, der blieb vor jeder stehn
und fragte sie: Wie ließest du’s geschehn?
Und als sie schwiegen, fragte er: Für wen? …
Mit Hungerschrei nach Beute auszuspähn,
krächzten vom Hartmannsweilerkopf die Raben …
Für wen? Für wen?

Louis Fürnberg • 1909-1957 • DDR


Romanze von der spanischen Guardia Civil

Schwarze Pferde. Schwarze Eisen.
Auf den Capas glänzen Flecken,
die von Tinte sind und Wachs.
Ihre Schädel sind aus Blei,
Darum weinen sie auch niemals.
Ihre Seelen sind aus Lack –
damit kommen auf der Straße
über Land sie hergeritten.
Bucklig sind sie, nächt’ge Mahre,
ordnen, wo sie auch erscheinen,
Schweigen an aus dunklem Gummi
Ängste ganz aus feinem Sand.
Ziehn vorüber, wenn sie wollen,
und verbergen tief im Kopf
eine vage Sternenkunde
unersichtlicher Pistolen.

Stadt, o Stadt du der Zigeuner!
Fahnen an den Straßenecken.
Mond am Himmel, Kalabasse
mit den eingemachten Kirschen.
Stadt, o Stadt du der Zigeuner!
Schmerzgetränkte, moschusvolle
Stadt mit deinen zimtnen Türmen.

Pfeile schmiedeten und Sonnen
die Zigeuner in den Schmieden,
als die Nacht sich niedersenkte,
diese Nacht, die Nacht der Nächte.
Und ein Pferd, zu Tod verwundet,
klopfte laut an alle Türen.
Ob Jerez de la Frontera
krähten Hähne, die aus Glas.
Um der Überraschung Ecke
huscht der nackte Wind herum
In der Nacht, der Silbernacht,
In der Nacht, der Nacht der Nächte.

Heilge Jungfrau und Sankt Josef
haben ihre Kastagnetten
in des Zugs Gedräng verloren
Und sie gehn zu den Zigeunern
Um zu sehn, ob sie sich finden.
Einer Bürgermeistrin Festkleid
-Schokoladeglanzpapier –
trägt die Jungfrau; und am Hals
hängen Kettchen ihr aus Mandeln.
San José bewegt die Arme
unter einer seidnen Capa.
Mit drei Perserfürsten geht
hinterher Pedro Domecq.
Und von einer Storchekstase
träumte es dem halben Mond.
Flattrnde Standarten, Lämpchen
überfluten die Altane.
In den hohen Spiegeln schluchzen
Tänzerinnen ohne Hüften.
Wasser, schatten, Schatten, Wasser
Durch Jerez de la Frontera.

•Stadt, o Stadt der Zigeuner!
Fahnen an den Strassenecken.
Lösche deine grünen Lichter,
denn die Guardia civil kommt.
Stadt, o Stadt du der Zigeuner!
Wer wohl deine nicht gedächte,
der dich je gesehen hat.
Laßt weit fort sie nur vom Meer,
kämmt nicht ihr gescheitelt Haar.

Nacheinander und zu zweit
rücken sie zur Feststadt vor.
Die Patronentaschen füllt
ein Geraun von Immortellen.
Und sie rücken vor zu zweit.
Zweifaches Gespinstnotturno.
Himmel ist für sie nur eine
Schauvitrine voller Sporen.

Doch die Stadt war ohne Furcht
und vervielfacht ihre Tore.
Vierzig Guardias Civiles
dringen durch sie ein und plündern.
Stehen blieben da die Uhren,
und, um nicht Verdacht zu wecken,
hat der Cognac in den Flaschen
rasch maskiert sich als November.
Hufe stampfen Brisen nieder,
die durchschnitten sind von Säbeln.
Durch der Straßen halbes Dunkel
fliehen die Zigeunerinnen,
die ganz alten, mit den Pferden
-müd und schläfrig – und mit ihren
Einmachtöpfen voller Münzen.
Durch die steilen, engen Straßen
flattern auf die Unheilcapas;
hinter ihrem Rücken lassen
flücht’ge Wirbel sie von Scheren.

Unterm Tor von Bethlehem
sammeln sich nun die Zigeuner.
San José, bedeckt mit Wunden,
hüllt sein totes Mägdlein ein.
Störrische Gewehre gellen
hart die ganze Nacht hindurch.
Und mit feinem Sternenspeichel
heilt die Heil’ge Jungfrau Kinder.
Aber die Gardisten rücken
vor und säen Scheiterhaufen,
drauf die Imagination,
jung und nackend, bald verbrannt wird.
Rosa, die von den Camborios,
hockt in ihrer Tür und ächzt –
beide Brüste, abgeschnitten,
hingelegt auf eine Schale.
Andre Mädchen wieder rannten
-und verfolgt von ihren Zöpfen –
hin in eine Luft, wo Rosen
auf aus schwarzem Pulver bersten.
Als dann aller Häuser Dächer
Furchen in der Erde waren,
wiegt’ das Morgengraun in langem
steinernem Profil die Schultern.

Stadt, o Stadt du der Zigeuner!
Die Zivilgardisten reiten
Fort durch einen Schweigetunnel,
während Flammen dich umzüngeln.

Stadt, o Stadt du der Zigeuner!
Wer wohl deiner nicht gedächte,
Der dich je gesehen hat?
Suchet sie auf meiner Stirn.
Spiel des Mondes und des Sands.

Federico García Lorca

Vertaling Enrique Beck


An die Jugend

1936

Umringt von Feinden, geh
hinein in deine Zeit!
Unter blutigem Sturm –
stell dich zum Streit!

Fragst du voll Angst
wehrlos und offen:
Womit soll ich kämpfen,
welche Waffe läßt hoffen?

Hier ist die Waffe gegen Gewalt,
hier ist dein Schwert:
Glaub an das Leben,
an des Menschen Wert.

für all unsre Zukunft
bergt es und hört es,
sterbt, wenn es sein muß – doch:
stärkt es und mehrt es!

Still geht der Granaten
gleitendes Band.
wehrt ihrem Todeszug,
wehrt mit Verstand!

Krieg achtet kein Leben.
Friede nur schafft.
Der Tod muß verlieren:
deine Kraft!

Allem grossen, das war,
gib Liebe und Traumhort!
Geh Neuhem entgegen,
entreisst ihm die Antwort.

Schaffe das Kraftwerk,
schöpfe Gestirne,
erschaff sie Verschonter,
kühn mit dem Hirne!

Die Erde ist reich,
der Mensch ist gut!
Not herrscht nur und Hunger,
weil Trug noch nicht ruht.

Brich ihn! Fürs Leben
muß Unrecht hier fallen.
Sonnenschein, Brot und Geist
gehören uns allen.

Dann sinken die Waffen
machtlos hienieden!
Schaffen wir Menschenwert,
schaffen wir Frieden.

Wer eine Bürde trägt
in seinen Händen,
unwiederbringlich,
kann mordend nicht enden.

Stimmt Bruder zu Bruder
zum Schwure mit ein:
Der Erde der Menschen
laßt gut uns stets sein.

Wir wollen bewahren
was schön ist; so warm,
als trügen ein Kind wir
behutsam im Arm!

Nordahl Grieg

Vertaling Horst Bien und Helmut Stelzig


Mein Gedicht für die im spanischen Krieg ermordeten Kinder

Als ob alle Sterne verfault abfallen würden,
als ob abscheuliche Insekten alle Blumen entblätterten,
als ob zottige Hände die Kehlen aller Vögel erwürgten,
als ob alle Ameisen zermalmt wären
und die Augen allen Puppen herausgerissen.

Als ob alle Bienen ohne Flügel blieben,
als ob alle Fische vertilgt wären,
als ob alle Schnecken in Stücke zertreten,
als ob wilde Holzfäller alle Bäume niederschlügen
und alle Lieder verlöschten
und die Welt bliebe stumm.

Als ob in absurden Almanachen die Weihnachtsfeste ausradiert waren,
als ob man alle Weihnachtsbäumchen verbrennen sollte
und Sankt Nikolaus verlorenginge
und alle Kinderschuhchen allein blieben,
jammervoll allein unter leeren Wiegen.

Oh, zwischen Erdklumpen und Aschen und stinkendem Rauch,
da liegen sie!
ohne Milchflaschen, ohne Honig, ohne Zuckerwerk.
Kein Bilderbuch, kein Würfelspiel, weder Bälle noch blaue Ballons,
kein unzusammenhängendes Wörtchen – wie sie dennoch
zusammenhingen!
ohne Geigen zum Weinen und Lachen:
aber zwischen Pferdchen mit zerrissenen Bäuchen,
verstümmelten Puppen und verzweifelten Müttern,
die ihren Schmerzensschrei dem erschrockenen Winde ausschütten.
Ein Stück Nacht soll in unseren Augen gerinnen,
schwere Vorhänge unseren Blick verhüllen,
bleierne Riesentüren hinter uns zuschlagen,
Watte des Todes unser Gehör verstopfen,
um nicht zu sehen, nicht zu hören dieses Zerbrechen
unerhörter Flügel,
diesen Fall von Engeln
unter bestürzten Himmeln und schmerzgekrümmten
entsetzten Monden.

Nein, mein Gott! Laß uns nicht die Gesichter schaun,
von Skorpionen und Fledermäusen gezeichnet,
Gesichter der Knochenzermalmer,
die mit krummen, wilden Nägeln
die dürre Erde aufreißen, die in ihre blutunterlaufenen
Augen springt,
die mit verzweifelten Kinnbacken knirschen
und mit vollen Backen Eiseskälte über die Erde blasen.

O nein, mein Gott! Laß uns weit, weit von ihnen bleiben
mit diesem eisigen Wind auf der Brust
und diesem Stein in unserer Kehle,
um zu weinen über die verlorene Milde der Sprachen,
zu weinen über die ausgerissenen Veilchen,
zu weinen über so viele zerrissene Saiten,
um zu weinen über alles Zerbrochene, unwiderbringlich Zerbrochene!
Laß uns in der Tiefe bleiben der Pinienwälder,
um ihnen unsere Hymnen zu sagen
unter bescheidenen Sternen.

José Ramon Heredia

Vertaling Erich Arendt


Lied von Frankreich

Frühling 1940

Nie wieder gehn wir in den Wald
Der Lorbeer und die Brücken schon
Die Regenbögen: abgetrennt
Sogar der Pont von Avignon

Jeanne d’Arc sterbliche Statue
Aus Bronze etwas blutbeschmiert
In diesem stummen Frankreich hat
Dein Herz zu singen aufgehört

Und Jeanne in ihrer Kutte sitzt
Unter den Himbeersträuchern hier
Bereitet Konfitüre sich
Aus Blut von einem Kürassier

Das schwarze Huhn der Wolken legt
Vom Tod verfaulte Eier Dann
Kündet vom Wind des Nordens mir
Vom Dorfe ein gerupfter Hahn

Mit Blei im Flügel kommt der Tag
Die Sonne als Schrapnell zersprengt
die Zitadellen und versengt
Die Veilchen auf den Böschungen

Der Himmel Frankreichs ist geschwärzt
Von Adlern Krähen und Lemurn
Nicht wissend daß sie Helden sind
Im Roggen die Soldaten ruhn

In Chartres Brügge und Rouen
Reicht nicht der Türme Engel Zahl
Die Sintflut zu bekämpfen und
Der Geier ungeheure Schar

Verjagt von seinem Weideplatz
Aus seiner Väter Ruh verliert
Vor all dem Purpurrot der Schmach
Sein Blut am hellen Tag der Stier

Wie aus Fontänen springt sein Blut
Aus seinen Venen er verliert
Durch Aisne und Oise sein Blut
Aus seinen Nüstern Wasser sprüht

Und ihrer Flüsse Schwestern zwölf
Sie lösen mit gekrümmtem Arm
Die Schlingen ihrer Fesseln sich
Zu werfen in den Ozean

Trinkt trinkt betrunkene Soldaten
Mit angstgegornem Wein das Wohl
Verwandelt hat sich Burgunds Blut
In bittren Elendsalkohol

Das bettelarme Bier der Maas
Der platinfarbne Wein des Rheins
Die heilgen Quellen von Chartreuse
Und die Absinthe allen Leids

Die Tränen die aus jeder Tür
Sich übers Land ergießen weit
Das Wasser Leben spendend Tod
Des bleichen Weines Trunkenheit

wieder gehn wir in den Wald
Der Lorbeer und die Brücken schon
Die Regenbögen: abgetrennt
Sogar der Pont von Avignon

Iwan Goll

Vertaling Heinz Czechowski


Frage

Warum bin ich? Ich bin geblieben.
Es war ein anderer, der fiel.
Und den sie an die Mauer trieben,
als spielten sie ein Kinderspiel.

Es wurden zwanzig aus dem Keller
getragen. Ich lag nebenan.
Für mich blieb stets ein Rest im Teller
von irgendeinem Nebenmann.

Ein Träumer war ich an Kanonen.
Dem Trauermantel sah ich nach,
dem Schmetterling, der Todeszonen
mit einem Flügelschlag durchbrach.

Ich dachte ich und weiter keinen.
Und irgendwo sah einer still
auf seiner Henkersreise einen
Zitronenfalter im April.

Gefallen. Umgebracht. Erfroren.
Geschlagen wie ein Räudetier.
Wann bin ich eigentlich geboren?
Ich lebe noch. Ich bin noch hier.

Gottfried Unterdörfer


Altstadt

Ik nam de trein naar Altstadt om een vrouw te zien.
Ik zag de vrouw. En toen zag ik dat kind daarbij.
Had ik gehoopt dat schoonheid mij beroeren kon,

de vrouw zag mij. Met in haar blik het heilig water
van verdriet en dan die spijkerzwarte mist van angst.
Had ik gehoopt dat goedheid mij vervoeren kon,

het kind zag mij. Twee ogen als een schreeuw, zo broos,
bevangen door de toon van krijtend hout in brand.
Nog voor ik goed die wonderzieke wolken zag,

zag mij die zwarte rook — een visioen van hoop
met in zijn blik de dood. Hel klinken de cimbalen.
Ik wankelde en nam de trein naar Babylon.

Anton Minne (1987)


Bericht des Pfarrers vom Untergang seiner Gemeinde

Da Christus brennend sank vom Kreuz – o Todesgrauen!
Es schrien die erzenen Trompeten
Der Engel, fliegend im Feuersturm.
Ziegel wie rote Blätter wehten.
Und heulend riß im wankenden Turm
Und Quadern schleudernd das Gemäuer,
Als berste des Erdballs Eisenkern.
O Stadt in Feuer!
O heller Mittag, in Schreie eingeschlossen –
Wie glimmendes Heu stob Haar der Frauen.
Und wo sie im Tiefflug auf Fliehende schossen,
Nackt und blutig lag die Erde wie der Leib des Herrn.
Nicht war es der Hölle Sturz:
Knochen und Schädel wie gesteinigt
In großer Wut, da Staub noch schmolz
Und mit dem erschrockenen Licht vereinigt
Brach Christi Haupt vom Holz.
Es schwenkten donnernd die Geschwader.
Durch roten Himmel flogen sie ab,
Als schnitten sie des Mittags Ader.
Ich sah es schwelen, fressen, brennen –
Und aufgewühlt war noch das Grab.
Hier war kein Gesetz! Mein Tag war zu kurz,
Um Gott zu erkennen.
Aus kalten Himmeln feurige Schlacke.
Hier war kein Gesetz. Denn immer wieder warf die Nacht
Und Volk und Vieh auf enger Schneise.
Und Wind und Qualm. Und Dörfer wie Meiler angefacht.
Und morgens die Toten der Typhusbaracke,
Die ich begrub, von Grauen erfaßt –
Hier war kein Gesetz. Es schrieb das Leid
Mit aschiger Schrift: Wer kann bestehn?
Denn nahe war die Zeit.
O öde Stadt, wie war es spät,
Es gingen die Kinder, die Greise
Auf staubigen Füßen durch mein Gebet.
Die löchrigen Straßen sah ich sie gehn.
Und wenn sie schwankten unter der Last
Und stürzten mit gefrorener Träne,
Nie kam im Nebel der langen Winterchausseen
Ein Simon von Kyrene.

Peter Huchel


Der Nibelunge Not

Zu Blöcken, schwarzen und roten,
geschichtet, und Schnee darauf:
Verfallend, verfaulend, die Toten,
hier liegen sie zuhauf,
ein ungeheures Verwesen,
von Krähen überschrien;
die ihr Fleisch wähnten auserlesen,
mit dem Schnee nun schmelzen sie hin.

Wo liegen ihre Lande?
Ihre Lande sind fern.
Was war es, das sie sandte?
Sie folgten ihrem Herrn,
dem Fürsten, der führte, verschworen
ward ihnen Lehn und Lohn:
Zu Worms am Rheine geboren
und verwest am Don.

Hinter ihnen: Die Brücken zerschlagen,
getilgt das Grün aus der Flur,
Galgen und Kreuze, die ragen,
zeichnen ihre Spur,
verweht im Wind sind die Worte
von Ehre, Treue, Ruhm.
Was blieb? Um den Hort ihre Morde,
ihr Heldentum.

Ach Worte, Worte, geheuchelt,
alle Lager der Lüge erschöpft;
doch die Taten: Den Freund gemeuchel
des Gastgebers Kindlein geköpft,
denen, die mit ihnen wachten,
in den Rücken gehauen den Stahl -:
So begannen sie ihr Schlachten
im Namen von Kreuz und Walhall.

Wie ein Brand in das Land eingedrun
nun, in Nässen, zergehen sie,
die Täter, die Nibelungen,
die Töterdynastie
der Helden lobebaeren:
Getilgt und ausgebucht!
Aus den Mythen, aus den Mären,
die Mörder seien verflucht.

Die versehrte Flur grünt wieder,
was zerklafft war, schließt sich san
die Ufer hoch duftet Flieder,
das Blut ist weggedampft.
Die Völker atmen und bleiben,
die Mörder löscht der Tod.
Nur als Fluch durch die Zeiten zu
Das ist der Nibelunge Not.

Franz Fühmann


Der fliegende Tod

Hörst du die Luft dumpf zittern
Wie von fernen Gewittern?
Die Diele bebt, und es wankt der Schlot.
Das sind keine Wogen,
Die da rollen und jagen,
Das ist der fliegende Tod.

Er reitet auf eisernen Rossen,
Er wirft dich mit glühenden Geschossen,
Haucht dich an mit zersprengendem Hauch.
Er verbrennt dich mit Feuer,
Begräbt dich im Gemäuer,
Erstickt dich mit giftigem Rauch.

Hörst du’s pfeifen und zischen?
Ein Schrei gellt dazwischen,
Dann ein Krach, als zerberste die Welt.
Du kannst ihm nicht entrinnen,
Er ist draußen, er ist drinnen,
Unter Bäumen, auf der Wiese, im Feld.

Er sieht dich ohne Augen,
Kein Gewölbe mag taugen
Zum Schutz vor des Mörders Begier.
Er greift dich um die Hüfte,
Er wirft dich in die Lüfte
Wie im Traume der wütende Stier.

Er zerreißt dich in Fetzen,
Schon spürst du mit Entsetzen
Am Hals seine würgende Hand.
Da löst sich die Klammer,
Und mit pochendem Hammer
Jagt er weiter ins schaudernde Land.

Ricarda Huch


Die letzte Epiphanie

Ic h hatte dies Land in mein Herz genommen.
Ich habe ihm Boten um Boten gesandt.
In vielen Gestalten bin ich gekommen.
Ihr aber habt mich in keiner erkannt.

Ich klopfte bei Nacht, ein bleicher Hebräer,
ein Flüchtling, gejagt, mit zerrissenen Schuhn.
Ihr riefet dem Schergen, ihr winktet dem Späher
und meintet noch Gott einen Dienst zu tun.

Ich kam als zitternde geistgeschwächte
Greisin mit stummem Angstgeschrei.
Ihr aber spracht vom Zukunftsgeschlechte,
und nur meine Asche gabt ihr frei.

Verwaister Knabe auf östlichen Flächen,
ich fiel euch zu Füßen und flehte um Brot.
Ihr aber scheutet ein künftiges Rächen,
ihr zucktet die Achseln und gabt mir den Tod.

Ich kam als Gefangner, als Tagelöhner,
verschleppt und verkauft, von der Peitsche zerfetzt.
Ihr wandtet den Blick von dem struppigen Fröner.
Nun komm ich als Richter. Erkennt ihr mich jetzt?

Werner Bergengruen


I

WHAT god will choose me from this labouring nation
To worship him afar, with inward gladness,
At sunset and at sunrise, in some Persian
Garden of roses;

Or under the full moon, in rapturous silence,
Charmed by the trickling fountain, and the moaning
Of the death-hallowed cypress, and the myrtle
Hallowed by Venus?

O for a chamber in an eastern tower,
Spacious and empty, roofed in odorous cedar,
A silken soft divan, a woven car pet
Rich, many-coloured;

A jug that, poised on her firm head, a negress
Fetched from the well a window to the ocean,
Lest of the stormy world too deep seclusion
Make me forgetful!

Thence I might watch the vessel-bearing waters
Beat the slow pulses of the life eternal,
Bringing of nature’s universal travail
Infinite echoes

And there at even I might stand and listen
To thrum of distant lutes and dying voices
Chanting the ditty an Arabian captive
Sang to Darius.

So would I dream awhile, and ease a little
The soul long stifled and the straitened spirit,
Tasting new pleasures in a far-off country
Sacred to beauty.

Georg Santyana


Zwei Heere

Tief in die Winterlandschaft graben
Zwei Heere Kriegsgerät, sich zu vernichten.
Sie leiden Frost und Hunger. Urlaubssperre
An beiden Fronten. Tote nur und Kranke,
Die haben Urlaub; frische Truppen harren
Indes, den Frieden durch Gewalt zu bringen.

Sie alle sind nervös und kalt geworden,
Daß jeder die Sache und ferne Worte haßt,
Die ihn herführten, haßt sie mehr als Kugeln.
Einst summte ein Junge ein altes Marschlied,
Einst hob sich die Hand eines Neulings zum Gruß;
Die Stimme erstickte, die erhobene Hand fiel,
Durchs Gelenk geschossen von den eigenen Kameraden.

Sie würden ihre starre Ernte fliehen,
Wenn eisern eingedrillte Zucht sie nicht
Fest vor die Mündung des Revolvers hielte.
Doch wenn sie schlafen, reiten Heimatbilder
Der Sehnsucht flüchtige Rosse, die
In stummem Massengedicht die Ebne erfüllen.

Zuletzt hassen sie nicht mehr: wenn auch der Haß
Vom Himmel birst und die Erde mit Hagel peitscht,
Oder sie zu grotesken Fontänen emportreibt,
Wenn auch Hunderte fallen, wer sieht noch eine Beziehung
Vom unerschöpflichen Zorn der Geschütze
Zu der stummen Geduld jener gequälten Tiere?

Nachts fällt reine Stille, wenn nur ein Steinwurf
Die schlafenden Heere trennt, ein jedes
In Leintuch gemummt, das ferne Hände gewebt.
Sind die Maschinen gestillt, weißt die gemeinsame
Qual mit Atem die Luft, beide verschmelzend,
Als lägen die Feinde sich, schlafend, einander im Arm.

Nur der helle Freund der Bombenschützen,
Der glänzende Pilot Mond, starrt nieder
Auf dieses Land und malt einen leuchtenden Knochen,
Gekreuzt vom Schatten vieler tausend Knochen.
Wo Bernsteinwolken im Niemandsland sich breiten,
Betrachtet er, wie Tod und Zeit mit wildem
Gerede und mit Eisen Vernichtung schleudern.

Stephen Spender

Vertaling Herbert Schönherr


Die Hand, die unterschrieb

Die Hand, die unterschrieb, hat eine Stadt gefällt:
fünf königliche Finger brachten den Atem in Not,
halbierten ein Land, machten doppelt die Toten der Welt;
diese fünf Könige gaben einem König den Tod.

Von fallenden Schultern kommen so mächtige Hände
und ihre Fingergelenke sind knotig von Gicht.
Ein Gänsekiel machte dem Morden ein Ende,
das hatte dem Gespräch ein Ende gemacht.

Die Hand, die unterschrieb, brachte ein Fieber,
und Hunger wuchs, Heuschrecken kamen.
Groß ist die Hand, die Herrschaft ausübt über
Menschen durch einen hingeklecksten Namen.

Die fünf Könige zählen die Toten, doch ohne die Stirnen
zu streicheln, ohne die krustigen Wunden zu schließen.
Eine Hand gebietet dem Mitleid wie eine Hand den Sternen.
Hände haben keine Tränen zu vergießen.

Dylan Thomas

Vertaling Erich Fried


Die jungen toten Soldaten

Die jungen toten Soldaten sprechen nicht.
Aber man hört sie in stillen Häusern:
wer hat sie nicht gehört?
Sie haben ein Schweigen, das spricht für sie,
nachts, wenn die Uhr schlägt.
Sie sagen: Wir waren jung. Wir sind gestorben.
Denkt an uns.
Sie sagen: Wir haben getan, was wir konnten,
Aber bevor es vorbei ist, ist es nicht getan.
Sie sagen: Wir haben unser Leben gegeben, aber bevor es vorbei ist,
Kann keiner wissen, was unsere Leben gaben.
Sie sagen: unser Tod ist nicht unser. Er ist teuer;
Es wird bedeuten, was ihr daraus macht.
Sie sagen: unser Leben und Tod für Frieden war,
Und für neue Hoffnung, oder für nichts,
Können wir nicht sagen, denn ihr müßt es sagen.
Sie sagen: wir lassen euch unsere Tode.
Gebt ihnen Sinn.
wir waren jung, sagen sie. Wir sind gestorben.
Denkt an uns

Archibald MacLeish

Vertaling Erich Fried


Hier spricht der Krieg

Intermezzo aus der Tragödie «Numancia» von Cervantes

Ein Abendrot, als wäre nichts geschehen.
Im Äther geistert heitere Musik.
Erheb dich, laufe! Halt! Zu spät! Bleib stehen!

Ich bin schon vor dem Stadttor, ich, der Krieg!
Ich bin als Legationsrat und Spion,
als Chiffre-Wort im Zeitungsfeuilleton
herangeschlurft auf samtgedämpften Tatzen,
um unter euch geräuschvoll zu zerplatzen.

Ihr kennt mich nicht, wißt nicht, was ich euch vorsang.
Ich tarnte mich als Moorbrand im Gesträuch,
schürt’ selbst mein Feuer, hielt den schweren Vorhang
des mörderischen Rauches über euch,
damit ihr Furcht verspürt und mich begreift,
sobald mein Feuer eure Stirnen streift.

Seht: wie geschmeidig ist mein roter Strahl!
Wie wunderbar des Todes Arsenal!

Wie stolz der Bombenflieger erdwärts blickt,
bevor er auf den Knopf des Grauens drückt!

Die Hand im weißen Handschuh zittert nicht,
wenn er das Werk, das ihr erbaut, zerbricht.

Es bäumt sich tief im Schlaf der Metropole
die Hölle auf. Sie brüllt, speit Glut und Kohle.
Ihr taucht empor aus diesem Meer von Flammen
und stoßt mit Panzern vor, den Feind zu rammen,
nachdem ihr sie mit schweren Giften füllt
und euch von Kopf bis Fuß in Nebel hüllt.

Es splittern unter Panzern die Gerippe
gastrunkner Lacher von der Friedhofssippe.
Wie herrlich ihre Todeslegion!
Man röchelt in den letzten Zügen schon
und lacht und lacht. Die beste der Ideen
ist, in des Lachens Feuer zu vergehen.

Wie wundert sich das sachliche Gemüt
des Kochs, der einen Flammenwerfer sieht!
Sein Fach ist, fetter Gänse Fleisch zu braten,
hier brät man aber Bürger und Soldaten!

Sirenenläufe schlagen Doppelhaken –
man nennt das treffend «psychische Attacken».
Dem eingeschüchterten Phantasten scheint,
er sei umringt vom durchgebrochnen Feind.
Mit glasigen Blicken rennt das Volk umher,
indes die Angst der Opfer Zahl vermehrt.

Und wenn das Grün- und Gelbkreuz spukt, erlahmen
die grellsten Wirkungen der Bühnendramen.
Dann sieht man Menschen, die sich plötzlich röten,
mit Pocken sich bedecken, dick wie Kröten,
Gespenster, die der Starkstrom heiß durchdringt,
verkohlter Leichen Wald, der niedersinkt,
Blindäugige, die bitter weinend irrn.
Der Schmerz verläßt das Herz und steigt zum Hirn.

Sobald die flüssige Luft der ersten Minen
zu dröhnen anhebt, stürzen in Lawinen
von Kalk und Farbe, Staub und Ziegelstein
wie Kartenhäuser eure Heime ein.
Und wenn der Staub sich legt, dann hat man Muße,
geköpfte Leichen, lahme Omnibusse,
die die Geschosse jäh zur Strecke brachten,
im schwelenden Gerümpel zu betrachten.
Die Bombenlast durchrast die halbe Welt,
dem Kind zu zeigen, wie der Vater fällt.

Im heißen Zweikampf mit dem Phosphorbrand
ist machtlos selbst des stärksten Menschen Hand.
Die Straßen lodern wie Ameisenhaufen,
der Rauch wird rot wie Steinwurz kurz vorm Schnee,
und Menschen, die verstört im Kreise laufen,
beschießen Himmelsreiter mit MG.
Vergeßt nicht, ihr, auf deren Ruf ich eile:
Ich bin nicht einfach Glut und Feuersäule,
die eurem Wunsch, wenn ihr nach Schätzen schürft,
sich einseitig und willig unterwirft.
O nein, des Krieges finsteres Gebot
gibt jedermann das Recht auf Schmerz und Tod:
Wer Gas gebraucht, bekommt es selbst zu schlucken,
wer Bomben wirft, hört einmal auch zu Haus
die fremden Flieger sich zu Häupten spuken.
Des Todes Schritt, die Angst vor dem Garaus
wird auch sein Haar in einer Nacht entfärben,
und er erblickt der fremden Panzer Spur
auf heimatlichen Fluren, auf den Scherben
und Trümmern seiner eigenen Kultur,
und kommt vor seines Volkes Schiedsgericht,
wenn er im Amoklauf zusammenbricht.

Nikolai Tichonow

Vertaling Alfred E.Thoß


TO W. P.

I

CALM was the sea to which your course you kept,
Oh, how much calmer than all southern seas!
Many your nameless mates, whom the keen breeze
Wafted from mothers that of old have wept.
All souls of children taken as they slept
Are your companions, partners of your ease,
And the green souls of all these autumn trees
Are with you through the silent spaces swept.
Your virgin body gave its gentle breath
Untainted to the gods. Why should we grieve,
But that we merit not your holy death?
We shall not loiter long, your friends and I;
Living you made it goodlier to live,
Dead you will make it easier to die.

II

WITH you a part of me hath passed away;
For in the peopled forest of my mind
A tree made leafless by this wintry wind
Shall never don again its green array.
Chapel and fireside, country road and bay,
Have something of their friendliness resigned;
Another, if I would, I could not find,
And I am grown much older in a day.
But yet I treasure in my memory
Your gift of charity, and young heart’s ease,
And the dear honour of your amity;
For these once mine, my life is rich with these.
And I scarce know which part may greater be, —
What I keep of you, or you rob from me.

III

YOUR ship lies anchored in the peaceful bight
Until a kinder wind unfurl her sail;
Your docile spirit, winged by this gale,
Hath at the dawning fled in to the light.
And I half know why heaven deemed it right
Your youth, and this my joy in youth, should fail;
God hath them still, for ever they avail,
Eternity hath borrowed that delight.
For long ago I taught my thoughts to run
Where all the great things live that lived of yore,
And in eternal quiet float and soar;
There all my loves are gathered in to one,
Where change is not, nor parting any more,
Nor revolution of the moon and sun.

IV

IN my deep heart these chimes would still have rung
To toll your passing, had you not been dead;
For time as adder mask than death may spread
Over the face that ever should be young.
The bough that falls with all its trophies hung
Fall’s not too soon, but lays its flower-crowned head
Most royal in the dust, with no leaf shed
Unhallowed or unchiselled or unsung.
And though the after world will never hear
The happy name of one so gently true,
Nor chronicles write large this fatal year,
Yet we who loved you, though we be but few,
Keep you in whatsoe’er is good, and rear
In our weak virtues monuments to you.

Georg Santayana


Schreckliches Märchen

Es wird sich alles ändern rings,
neu wird die Hauptstadt blühen.
Die Kinderangst, vom Schlaf noch blind,
jedoch wird nie verziehen.

Vergessen nie des Schreckens Mal,
das tief sich eingegraben.
Die Feinde werden hundertmal
dafür zu büßen haben.

Vergessen die Beschießung nie,
die grause Zeit des Todes,
als er im Lande hauste wie
zu Bethlehem Herodes.

Die neue, beßre Zeit beginnt.
Wenn auch die Zeugen schwinden –
die Qualen jedes Krüppelkinds
wird keiner je verwinden.

Boris Pasternak

vertaling Günther Deicke


Wart auf mich

Wart auf mich, ich komm zurück,
aber warte sehr.
Warte, wenn der Regen fällt,
grau und trüb und schwer.
Warte, wenn der Schneesturm tobt,
wenn der Sommer glüht.
Warte, wenn die andern längst,
längst des Wartens müd.
Warte, wenn vom fernen Ort
dich kein Brief erreicht.
Warte – bis auf Erden nichts
deinem Warten gleicht.

Wart auf mich, ich komm zurück.
Stolz und kalt hör zu,
wenn der Besserwisser lehrt:
«Zwecklos wartest du!»
Wenn die Freunde, Wartens müd,
mich betrauern schon,
trauernd sich ans Fenster setzt
Mutter, Bruder, Sohn.
Wenn sie, mein gedenkend, dann
trinken herben Wein.
Du nur trink nicht – warte noch
mutig – stark – allein.

Wart auf mich, ich komm’ zurück,
ja, zum Trotz dem Tod,
der mich hundert-, tausendfach
Tag und Nacht bedroht.
Für die Freiheit meines Lands,
rings umdröhnt, umblitzt,
kämpfend, fühl ich, wie im Kampf
mich dein Warten schützt.
Was am Leben mich erhält,
weißt nur du und ich:
Daß du, so wie niemand sonst,
warten kannst auf mich.

Konstantin Simonow

Vertaling Clara Blum


Darum sind wir die Weinenden

Immer noch weinen wir: in der unendlichen Frage
Verbunden mit der das Ganze bestimmenden Antwort
Und wissen nicht ein und nicht aus
Und sind da und sind einsam.

Warum wurden Kinder ermordet, lachende, fröhlich vertrauende,
Warum unsere Brüder – das Gute im Herzen
Und die Hoffnung auf eine menschlich gerichtete Zukunft –
Unsere Brüder, die sich um Wahrheit bemühten
Und Gerechtigkeit, Freiheit erkennend umgrenzten,
Und Frauen – Mütter kommender Menschen –
Warum sind sie alle ermordet?
Gefoltert, vergast, verbrannt, gehenkt und erschossen
Von einer frechen versteinerten Bande,
Die heute noch da ist und Geld hat
Und brüllend sich rühmt, daß sie da ist? –
Warum sind sie alle ermordet?
Sag an, du Mensch, der du da bist: Weißt du die Antwort?
Auch wir sind noch da: Klagende, Fragende,
Hin- und Hergetriebene – treibendes Treibholz –
Da und dort noch Vorhandene, unwissend Wissende,
Flüchtlinge: immer noch fliehend
Vor einem lauernden, schwelenden Mord-Wahn,
Auch wir sind noch da!
Wenn wir uns einsam bestimmen zu diesem uns prägenden Tode,
Der in uns umgeht und wandert
Wie ein vergessener Traum, den wir eben noch wußten,
Der an der Grenze zerfließend die Welt überschwemmt und vergiftet,
So sind wir die immer noch Weinenden, treu unserer Sendung:
Einmal die Antwort zu heben aus fressender Finsternis,
Einmal die Antwort zu wissen, die wir eben noch wußten,
Die Antwort, deutlich bestimmende, richtige, richtende Antwort
Auf die unendlich blutende Wunde, –

Darum sind wir die Weinenden,
Darum sind wir noch da und sind einsam.

David Luschnat


Herbst der toten Soldaten

Die Blätter fallen,
und auch wir sind gefallen in jenem Herbst
unter die schwarzen Blätter der Geschichte.
Für den Ruhm des einen oder anderen Vaterlands
legten wir uns ohne Zögern todwund hin.

Wanderer, bleibe nicht stehen. Hier ruhen
die erfüllten Pflichten ohne Namen,
die gelösten Leben ohne Treueschwüre.
Wanderer, nein, kein Gedenken und auch kein Lösegeld
für unseren Tod, doch rühre niemals
in letzter Verzweiflung an unserem Staub:
Über uns, sieh,

Wachsen die Gräser,
aus uns sprießt kein Samen
für eine Wurzel mehr,
und wenn irgendwo ein Vaterland ist,
wir können nicht mehr dafür sterben.

Kajetan Kovič

Vertaling Manfred Jähnichen


An die Herren der Kriege

Kommt her, ihr Herren der Kriege
Ihr Kanonenfabrikanten
Ihr Flugzeugfabrikanten
Ihr Bombenfabrikanten
Hinter den dicken Mauern
Hinter den großen Schreibtischen
Ich kenn euch, ihr Herren
Ich reiß euch die Maske runter!

Natürlich, ihr seid’s nie gewesen
Ihr habt nie etwas getan
Ihr baut nur auf, um zu zerstören
Ihr spielt mit meiner Welt
Als wär’s ein Spielzeug, das nur euch gehört
Ihr zwingt mich, das Gewehr zu nehmen
Und haut dann schneller ab
Als jede Kugel fliegen kann.

Wie Judas damals
Lügt und betrügt ihr
Wollt mir weismachen
Der nächste Krieg sei zu gewinnen
In euern Augen aber steht Verrat
Und ich durchschaue, was ihr denkt
Wie ich durchs faule Wasser blicken kann
Eh ich es wegkipp.

Ihr baut Auslöser
Bereitet sie vor
Andere drücken sie ab
Dann macht ihr’s euch bequem
Währenddessen steigen Börsenkurs und Todesrate
Ihr sitzt in euren Villen
Während die Jungs verheizt werden
Und ihr Blut sich mischt mit Dreck und Schlamm.

Ihr habt die schlimmste Angst gebracht
Die jemals jemand hat erdacht
Die Angst, in diese Welt
Noch Kinder auszusetzen
Und ihr bedroht bereits mein Kind
Das namenlos und ungeboren
Ihr seid nicht wert, daß Blut
Durch eure Adern fließt.

Weiß ich genug, damit ich
Reden kann vom Ändern?
Ihr sagt, ich bin zu jung
Und hätte keine Ahnung
Eins aber weiß ich ganz genau:
Jesus Christus, allen alles vergebend
Euch vergibt Mister Jesus Christus nicht.

Ich frage euch:
Ist der Dollar euer Gott?
Glaubt ihr, ihr könntet Mister Jesus Christus mit Schmiergeld bestechen?
Ich aber sage euch:
Wenn ihr in die Grube fahren müßt
Nehmt eine andere Währung!

Bob Dylan

Vertaling Ulf Miehe


Brief an Joliot-Curie

Joliot, ich weiß: meine Verse
sind ungeschickt, stammelnd …
Mein Lied zieht dahin, grob beschuht,
benagelt gegen die Steine
des Wegs, den es zieht, unaufhörlich, entgegen
dem Tod für die Freiheit, den Frieden.

Hier sind wir, Joliot, mit anderen Brüdern,
im gleichen Elend trafen wir sie,
einen Bissen Brot kauend, vor dem zerstörten Haus.
Im Rucksack ihr Kind und Patronen,
kämpfend für den Frieden
und in der Asche des Brandes suchend
das Schloß ihrer Tür und die Spur ihres Lebens.
Drum schämt sich auch nicht mein Lied,
mit plumpem Schuh in Euern Reihen zu ziehen,
Euch kindlich mein Herz zu bringen
wie ein helles Lamm, das der Bauer
der Freiheit und dem Frieden in die Schürze legt.

Hast Du, Joliot, von Großmutter Vajitsa gehört,
als man sie mitnahm, um sie zu töten?
Sie wusch sich, zog sich das Schönste an,
sie putzte auch ihre Schuhe.
Quer übers Faltengesicht ging ihr ein Lächeln breit
der Sonne ähnlich, die hinter den Dorfzypressen entschwindet.
Aus dem Mieder zog sie den schwarzen Schal,
und sie tanzte im Hof des Gefängnisses.
Sahst Du sie nie, Joliot, Großmutter Vajitsa?
Du mußt sie gesehen haben, ganz gewiß …
Hand in Hand tanzend mit der Freiheit, dem Frieden.
Schön ist die Welt, Joliot,
wenn Großmutter Vajitsa ihren schwarzen Schal flattern läßt,
dem Tod vor der Nase.
So schön ist die Welt,
daß wir sterben können,
den schwarzen Schal Großmutter Vajitsas haltend,
im Tanz mit ihr
für die Freiheit und den Frieden.

Joliot, sag unsern Brüdern,
sag Ehrenburg, Aragon, Neruda,
sag Eluard und Picasso und all den anderen,
sag ihnen, daß wir hier dreitausend sind,
die nichts weiter begangen haben,
als die Freiheit, den Frieden zu lieben, wie Ihr.
Sag ihnen, daß auch wir unsere Unterschriften
für die Freiheit, für den Frieden schicken,
damit es keine Deportierten mehr gebe
und kein Lager von Makronissos,
keine Nacht mehr an der Seite des Todes,
keine niedergebrannten Häuser,
daß man endlich auf der Welt ein schönes, mit Kalk
geweißtes Haus für uns aufrichte.
Mit Betten, die ganz weiß bezogen sind
und die man jeden Morgen aufschüttelt
für unsre Mutter Freiheit und ihre Tochter Frieden.

Konzentrationslager Ais Stratis,
im November 1950

Jannis Ritsos

Vertaling Stephan Hermlin


ON THE DEATH OF A METAPHYSICIAN

UNHAPPY dreamer, who outwinged in flight
The pleasant region of the things I love,
And soared beyond the sunshine, and above
The golden cornfields and the dear and bright
Warmth of the hearth,
—blasphemer of delight,
Was your proud bosom not at peace with Jove,
That you sought, thankless for his guarded grove,
The empty horror of abysmal night?
Ah, the thin air is cold above the moon!
I stood and saw you fall, befooled in death,
As, in your numbèd Spirit’s fatal swoon,
You cried you were a god, or were to be
I heard with feeble moan your boastful breath
Bubble from depths of the Icarian sea.

Georg Santayana


Befriedigung

Unmenschen vergessen schnell
Sie sind gekommen, das Gift in der Hand
Den Tod unter dem Arm
Den unwirklichen Schlaf
Sie haben uns gegen die Mauern gestoßen
Sie haben uns mit Feuer geblendet
Sie haben uns unter dem Eisen zerbrochen
Sie haben überall Tränen verbreitet
Sie haben das Leichentuch der Ebene mit Blut befleckt
Sie haben unsere Wohnungen geplündert
Sie haben an die Unwissenheit geglaubt
Sie waren überzeugt von ihrem Unsinn

Henri Krea

Vertaling Werner Plum


Ansprache an einen toten Soldaten des Marschalls Tschiang Kai-Schek

Der Marsch in die vier Windrichtungen
Ist für dich zu Ende. Jetzt liegst du
Zwischen vier Fichtenbrettern.

Durch die sehr große Großmut deines Korporals
Trägst du noch immer
Deine sehr dünne Uniform.

Der Korporal nahm einen langen Spaten.
Der Feldwebel griff nach der Waffe.
Vier Kameraden hoben dich auf.

Ihre Gesichter sind mürrisch
Obwohl du doch leicht bist:
Haut und Knochen.

Wenn der Zug vor der Stadt ist
Ladet der Feldwebel sein Gewehr
Und der Korporal reicht den Trägern den Spaten.

Und der Korporal, er setzt sich an den Abhang.
Ans Verhökern ihrer Reisrationen denkt er.
Das wird Fleisch und Branntwein für ihn geben.
Und der Feldwebel, überm Abhang
Sein Gewehr hält er im Anschlag.

Doch die Viere graben schwitzend
Ein Erdloch so lang wie du groß bist.
Und sie loben sich den vom siebten Zug
Den man kurzerhand in den Fluß warf
Daß er von alleine wegtrieb, ohne Hilfe.

Und so liegst du, rechts und links die Kameraden
Kameraden unter dir und Kameraden
Bald auch über dir. Und in paar Wochen

Graben Wind und Regen eure Knochen aus, und die ihr
Auf die Freiheit wartetet ein kurzes Leben
Die ihr hier nicht liegen wolltet, liebe Freunde
Kommen werden dann die wilden Hunde, welche
Weg von hier euch tragen werden.

Kuan Chao

Vertaling Bertolt Brecht


Requiem für die unbekannten Toten

Gedenken sollt ihr, ewiglich gedenken
der unbekannten Toten von Hiroshima:
des gramgebeugten Fischers, der ein neues Netz
sich knüpfte, ganz aus Sonnenlicht die Maschen,
durch die
des Ozeans Blütenwasser schimmerten
wie Veilchen voller Duft;
des Manns in Sielen, der vor seinem Hause hinsank,
als er noch eben lächelnd seine Kinder
ein Tier – ein seltsames – bestaunen ließ,
407
ein altes Fahrrad, das er sich erworben,
und sagte: «Das fahr ich noch hundert Jahre»;
gedenkt der Mütter, an den Wiegen hingemordet,
und derer, die’s am Arbeitsplatze traf;
des Mädchens, das nur eine Viertelstunde später
den Bräutigam gesehen hätte, der vier Jahre
schon an der Front war und verwundet heimkam;
gedenkt der Unglücklichen, die in Tempeln,
kühl schattend wie ein Quellgrund, beteten;
gedenkt der Kinder auch, die von der Schule
nicht mehr nach Hause kamen; ihre Schürzchen,
verwaist im Winde flatternd, sind
ein Anblick, trauriger als selbst der Tod …

Gedenken sollt ihr, ewiglich gedenken
der unbekannten Toten von Hiroshima …

Und nie vergessen sollt ihr ihre Mörder.

Eugen Jebeleanu

Vertaling Georg Maurer


ATHLETIC ODE

I HEAR a rumour and a shout,
A louder heart-throb pulses in the air.
Fling, Muse, thy lattice open, and beware
To keep the morning out.
Beckon into the chamber of thy care
The bird of healing wing
That trilleth there,
Blithe happy passion of the strong and fair.
Their wild heart singeth. Do thou also sing.
How vain, how vain
The feeble croaking of a reasoning tongue
That heals no pain
And prompts no bright deed worthy to be sung!
Too soon cold earth
Refuses flowers. Oh, greet their lovely birth!
Too soon dull death
Quiets the heaving of our doubtful breath.
Deem not its worth
Too high for honouring mirth;
Sing while the lyre is strung,
And let the heart beat, while the heart is young.
The early cover, didst mod never pass
Some balmy noon from field to sunny field
And press thy feet against the tufted grass?
So hadst thou seen
A spring palaestra on the tender green.
Here a tall stripling, with a woman’s face,
Draws the spiked sandal on his upturned heel,
Sure-footed for the race;
An other hurls the quoit of heavy steel
And glories to be strong;
While yet another, lightest of the throng,
Crouching on tiptoe for the sudden bound,
Flies o’er the level race-course, like the hound,
And soon is lost afar;
Another jumps the bar,
For some god taught him easily to spring,
The legs drawn under, as a bird takes wing,
Till, tempting fortune farther than is meet,
At las the fails, and fails, and vainly tries,
And blushing, and ashamed to lift his eyes,
Shakes the light earth from his feet.
Him friendly plaudits greet
And pleasing to the unaccustomed ear.
Come then afield, come with the sporting year
And watch the youth at play,
For gentle is the strengthening sun, and sweet
The soul of boyhood and the breath of May.

Of the deeming sun, when sky and shore,
In purple drest and misty silver-grey,
Hang curtains round the day,
Come list the beating of the plashing oar,
For grief in rhythmic labour glides away.
The glancing blades make circles where they dip,—
Now flash and drip
Cool wind-blown drops into the glassy river,
Now sink and cleave,
While the lithe rowers heave
And feel the boat beneath them leap and quiver.
The supple oars in time,
Shattering the mirror of the rippled water,
Fly, fly as poets climb,
Borne by the pliant promise of their rhyme,
Or as bewitched by Nereus’ loveliest daughter
The painted dolphins, following along,
Leap to the measure of her liquid song.

But the blasts of late October,
Tempering summer’s paling grief
With a russet glow and sober,
Bring of these sports the latest and the chief.
Then bursts the flame from many a smouldering ember,
And many an ardent boy
Woos harsher pleasures sweeter to remember,
Hugged with a sterner and a tenser joy.
Look where the rivals come:
Strains for the sudden shock, and an around
The multitude is dumb.
Come, watch the stubborn fight
And doubtful, in the sight
Of wide-eyed beauty and unstinted love,
Ay, the wise gods above,
Attentive to this hot and generous fray,
Smile on its fortunes and its end prepare,
For play is also life, and far from care
Their own glad life is play.

Ye nymphs and fauns, to Bacchus dear,
That woke Cithæron with your midnight rout,
Arise, arise and shout!
Your day returns, your haunt is here.
Shake off dull sleep and long despair;
There is intoxication in this air,
And frenzy in this yelping cheer.
How oft of old the enraptured Muses sung
Olympian victors’ praise.
Lo! even in these days
The world is young.
Life like a torrent flung
For ever down
For ever wears a rainbow for a crown.
O idle sigh for loveliness outworn,
When the red flush of each unfailing morn
Floods every field and grove,
O wasted tear,
A new soul wakes with each awakened year.
Beneath these rags, these blood-clots on the face,
The valiant soul is still the same, the same
The strength, the art, the inevitable grace,
The thirst unquenched for fame
Quenching base passion, the high will severe,
The long obedience, and the knightly flame
Of loyalty to honour and a name.

Give o’er, ye chords, your music ere ye tire,
Be sweetly mute, O lyre.
Words soon are cold, and life is warm for ever.
One half of honour is the strong endeavour,
Success the other, but when both conspire
Youth has her perfect crown, and age her old desire.

Georg Santayana


A TOAST

SEE this bowl of purple wine,
Life-blood of the lusty vine!
All the warmth of summer suns
In the vintage liquid runs,
All the glow of winter nights
Plays about its jewel lights,
Thoughts of time when love was young
Lurk its ruby drops among,
And its deepest depths are dyed
With delight of friendship tried.
Worthy offering, I ween,
For a god or for a queen,
Is the draught I pour to thee,—
Comfort of all misery,
Single friend of the forlorn,
Haven of all beings born,
Hope when trouble wakes at night,
And when naught delights, delight.
Holy Death, I drink to thee
Do not part my friends and me.
Take this gift, which for a night
Puts dull leaden care to flight,
Thou who takest grief away
For a night and for a day.

Georg Santyana


Hiroshima

Der den Tod auf Hiroshima warf
Ging ins Kloster, läutet dort die Glocken.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Sprang vom Stuhl in die Schlinge, erwürgte sich.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Fiel in Wahnsinn, wehrt Gespenster ab
Hunderttausend, die ihn angehn nächtlich
Auferstandene aus Staub für ihn.
Nichts von alledem ist wahr.
Erst vor kurzem sah ich ihn
Im Garten seines Hauses vor der Stadt.
Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich.
Das wächst nicht so schnell, daß sich einer verbergen könnte
Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war
Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau
Die neben ihm stand im Blumenkleid
Das kleine Mädchen an ihrer Hand
Der Knabe, der auf seinem Rücken saß
Und über seinem Kopf die Peitsche schwang.
Sehr gut erkennbar war er selbst
Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht
Verzerrt von Lachen, weil der Photograph
Hinter der Hecke stand, das Auge der Welt.

Marie Luise Kaschnitz


Vietnam

Von Rom aus ertönt mein Ruf:
Hinaus, hinaus!
Hinaus mit den Gewehren und Kanonen,
hinaus mit den Raketen, mit den Fluggeräten;
hinaus diese Fahnen des Todes!

Hinaus mit dem, der den Frieden benutzt,
um Unrecht zu tun;
hinaus mit dem, der zur Verteidigung des Friedens
andre Länder überfällt
und vorgibt, seine Fahne für den Frieden zu hissen,
um das Schicksal der Welt zu bestimmen!

Trauriger Friede, der du hin- und
hergezerrt wirst;
traurige Taube, die du erdolcht wurdest,
denn auch Tauben können sterben!

Ich fordere den einzig möglichen Frieden,
den echten Frieden,
den Frieden mit dem einen Gesicht.
Ehe der Friede stirbt,
ertönt aus Rom mein Ruf:
Ich will Frieden!

Rafael Alberti


Aus der Tiefe meiner afrikanischen Wälder

Aus der Tiefe meiner afrikanischen Wälder rief ich,
erlöst mich!
Von den weißen Zauberern, den Menschenverschlingern,
erlöst mich!
Von eurer Zivilisation des Feuers, des Eisens und des Blutes
erlöst mich!
Von eurer Gerechtigkeit, die mich verschlingt,
erlöst mich!
Von eurem Frieden, der nur das Gewehr kennt,
erlöst mich!
Von eurer Brüderlichkeit, die Manigolo heißt,
erlöst mich!
Von eurer Gleichheit, die meinen Schweiß verzehrt,
erlöst mich!
Von eurem Gott, der nur Unterwürfigkeit kennt,
erlöst mich!
Von eurer Religion, die den Toten dient,
erlöst mich!
Von euren Priestern, die Demut predigen,
erlöst mich!
Von eurer Knechtschaft, die den Menschen entwürdigt,
erlöst mich!
Daß endlich alle Menschen schlechten Willens
verschwinden
und Frieden auf Erden für alle wird,
die guten Willens sind.
Aus der Tiefe meiner afrikanischen Wälder
verkünde ich meine Gewißheit:
alle Menschen guten Willens
werden sich erheben, vereint!
Und wahrer Frieden wird den Tod besiegen,
Brüderlichkeit wird den Haß ausroden!
Erst dann
wird es nur Menschen geben,
einige Menschen
im Chor der glücklichen Völker,
im Tanz der Verbrüderung!
Nur Menschen wird es geben,
nur Brüder,
die ihre Hautfarbe vergessen,
begeistert in einem Wollen,
im Chor der vereinten Völker,
im Chor der jubelnden Völker,
trunken in Glück, in Friede und Liebe!

Louis Akin

Vertaling Paul Schlicht


L

THOUGH utter death should swallow up my hope
And Choke with dust the mouth of my desire,
Though no dawn burst, and no aurorean choir
Sing GLORIA DEO when the heavens ope,
Yet have I light of love, nor need to grope
Lost, wholly lost, without an inward fire;
The flame that quickeneth the world entire
Leaps in my breast, with cruel death to cope.
Hath not the night- environed earth her flowers?
Hath not my grief the blessed joy of thee?
Is not the comfort of these singing hours,
Full of thy perfectness, enough for me?
They are not evil, then, those hidden powers
One love sufficeth an eternity.

Georg Santayana


OSTERN I

1.
(1943. Den Haag)
Glühende Sonne und Meerwind
strahlende Frauen in hellen Kleidern
und singende Kinder.
Man vergisst bei des Himmels Anblick
und mit den tiefen Atemzügen
Feindschaft und Fremdheit unter den Menschen.
Aber zwischen den Weißgekleideten
auf den heißen Strassen sehen wir plötzlich
Männer mit schwarzen Kleidern und Totenköpfen.
Auf die friedlichen Familienväter
stürzen sie sich und schlagen diese nieder
und nehmen sie mit.

Am Tage, da sie seit frühem Morgen
im Glück der Auferstehung gedachten,
schluchzten nun die Kinder,
klammerten sich an verlassenen Weiber
mit leeren Händen, ihre Mütter.
Schaudernd angelehnt an eine Hauswand,
hörte ich aus dem Munde derer,
die da mordend kamen
mit dem blechernen Totenkopf an der Stirn
meine Sprache, die ich so liebte,
in der ich schon in frühen Tagen
von Frühling und Liebe und Freiheit sang.

2.
(1944. Soldat)
Die Brücke, von der ich im Winter das Spiel
der roten Füchse auf den verschneiten Wiesen gesehen,
lag im Glück der Sonne und ich lehnte
an den goldig gefärbten Eisenträgern.
Da nahm mich ein Kind mit in seiner Eltern Holzhaus,
welches duftete von den großen Blechen mit Kuchen,
weiß von Weizen und mit richtigem Zimt bestreut.
Bunte Eier und Narzissen! O irdische Erinnerung
an jenen ferne Auferstehung des Menschenfreundes!
Das Kind wiegte sich auf den Knien
des fremden Soldaten, begeistert
von den silbernen Köpfen. Die aber
machten ihn kenntlich als Henkersknecht.

3.
(1945. Dem Ende nah)
Nun ist wieder Ostern.
Das große Sterben geht seinem Ende zu.
Bang fragen die Wissenden,
ob es diesem Volk gelingt, aufzuerstehen?
Ob es den Tag im Herzen trägt,
an dem über Leichen und Steinen
freie Völker einem freien Volk
die Hände schütteln wollen?

4.
(1946. Was wird?)
Vor den Läden
stehen die Frauen wartend.
Immer noch
suchen die Kinder nicht Eier zwischen den Sträuchern.
Holzstücke sammeln sie.
Die Öfen sind kalt.

5.
(1948. An Kleists Grab)
Die Repetierpistole lag nicht mehr da,
aber das ganze graue Elend der Welt
war um diesen eckigen Stein,
den kein Schmetterling umspielte.
Auch das Eisgewächs war noch blütenlos.

Penthesileas Blutströme sprudeln
nicht mehr über die Ufer des kleinen Wannsees.
Der schäumende Geist, den Leidenschaft
und Pflicht zerriss, ist nicht mehr gegenwärtig
im Ruderclub zu seines Grabes Füssen.

Eine Minute stand ich gebeugt, Kleist,
an der Stätte, da du verwest.
Im Wind lagen viele Schicksale,
alle grauenvoll grau.
Sprengten die Geburt tieferer Träume.

Alles Heutige wächst über uns hin,
aber wer deinen vergangenen Kampf noch spürt
in der furchtbaren Frucht unserer Tage,
weiß Wege: langsam zu heilen
das tobende Weh der Kinder der Zeit.

6.
(1949. Erwartend)
Wenn sie an Ostern denken,
denken die Mütter bang voraus,
ob die Kuchen werden sollen
und ob ein Ei die Kinderhände füllen wird.

Aber keine schwarzen Totenköpfe
wandeln mehr in den Strassen
und frei ist das Gedenken an die,
die dem Schrecken Widerstand leisteten:
neue Auferstehung vorzubereiten.

Wir können sie feiern, unsere heiß geliebte Klasse,
Die proletarische!
Und die Tische werden gedeckt sein,
wenn sie auferstanden ist,
von den schaffenden Armen.

Robert Wolfgang Schnell


XLVIII

OF Helen’s brothers, one was born to die
And one immortal, who, the fable saith,
Gave to the other that was nigh to death
One half his widowed immortality.
They would have lived and died alternately,
Breathing each other’s warm transmuted breath,
Had not high Zeus, who justly ordereth,
Made them twin stars to shine eternally.
My heart was dying when thy flame of youth
Flooded its chambers through my gazing eyes.
My life is now thy beauty and thy truth.
Thou wouldst come down, forsaking paradise
To be my comfort, but by Heaven’s ruth
I go to burn beside thee in the skies.

Georg Santayana


TRAUM I

Zahnlose Mäuler
mahlen jammernd die Lügen,
die sich balgen und stechen,
denen nackte Kiefer genügen.

Aus dem Absud
steigen vielbeinige Käfer,
fressen Lider und Haare
der schnarchenden Schläfer.

Die stehen und trinken,
die Hände brechen ab,
die Knie brechen,
sie sitzen im Grab.

Ja, sagt der Wurm,
das schmeckt mir nicht.
Und auch die Geier
hacken das nicht.

Sie sitzen da:
Ahasvers der Leichen.
Die letzten Tropfen Blut
wollen nicht weichen.

Das ist auch der liebe Gott
in Glanz und Gloria!
Sie baten um Brot,
er hatte nichts da.

Da wurden sie wieder
lebendig und schwach,
schlugen in den Büchern
der Traumdeuter nach.

Fanden da nichts
mit Sinn und Verstand.
Pfiffen aus Prophet und Gott,
gaben sich einfach die Hand.

Robert Wolfgang Schnell


TRAUM III

Aus den Wolken
beugt sich ein Krug,
gießt Wasser
und gleißenden Trug.

Mein zahnloses Maul
mahlt jammernd die Lügen,
die sich balgen und stechen,
denen nackte Kiefer genügen.

Aus dem Absud
steigen vielbeinige Käfer,
fressen Lider und Haare
der schnarchenden Schläfer.

Ich stehe und trinke,
aber die Hand bricht ab,
die Knie brechen,
ich sitze im Grab.

Ja sagt der Wurm,
du schmeckst mir nicht.
und auch die Geier
hacken mich nicht.

Ich saß da:
Ahasver der Leichen.
Die letzten Tropfen Blut
wollten nicht weichen.

Robert Wolfgang Schnell


XXXVIII

OH, not for me, for thee, dear God, her head
Shines with this perfect golden aureole,
For thee this sweetness doth possess her soul,
And to thy chambers are her footsteps led.
The light will live that on my path she shed,
While any pilgrim yet hath any goal,
And heavenly musicians from their scroll
Will sing all her sweet words, when I am dead.
In her unspotted heart is steadfast faith
Fed on high thoughts, and in her beauteous face
The fountain of the love that conquers death;
And as I see her in her kneeling-place,
A Gabriel comes, and with inaudible breath
Whispers within me Hail, thou full of grace.

Georg Santayana


UNGLÜCK ÜBER UNGLÜCK

Über die Brücke wird ein Sarg getragen.
Ein schwarzes Weib liegt in der Flut.
Die noch ein bisschen von dem Leben wagen,
bedecken ihren Kopf mit dem Zylinderhut.

Sie beugen sich hinab, die Toten zu begrüßen.
Was nützt es? Es hält beim Menschenfang
der eine noch den andern auf den Füßen.
Es muss gestorben sein. Dem Angler wird kein Warten lang.

Robert Wolfgang Schnell


VERBINDUNG

Es kann ein Toter sein,
der uns am Abend grüßt,
ein längst verblichner Knecht,
dessen Erdenleben Liebe einst gesüßt.

Er kann uns heute grüßen
wie ein alter Freund von gestern.
Was Traum ihm und Gedanke war,
umknickst ihn nun wie heilige Schwestern.

In jedem aller Leben,
dieselbe Quelle uns zu Brüdern schlägt.
Von Kind zu Kindern weben
Fäden die Brücke, die uns sicher trägt.

Robert Wolfgang Schnell


XXXII

LET not thy bosom, to my foes allied,
Insult my sorrow with this coat of mail,
When for thy strong defence, if love as sail,
Thou hast the world, thy Virtue, and my pride.
But if thine own dear eyes I see beside
Sharpened against me, then my strength will fail,
Abandoning sail and rudder to the gale
For thy sweet sake alone so long defied.
If I am poor, in death how rich and brave
Will seem my spirit with the love it gave;
If I am sad, I shall seem happy then.
Be mine, be mine in God and in the grave,
Since naught but chance and the insensate wave
Divides us, and the wagging tongue of men.

Georg Santayana


Schwarzer Mann, Lasttier jahrhundertelang

Schwarzer Mann: Lasttier jahrhundertelang
deine Asche gestreut in alle vier Winde
während in riesigen Grabmälern, die du erbautest
deine Mörder den letzten Schlaf schlafen. Du wurdest
gejagt, gestellt, aus deiner Hütte vertrieben
mit brutaler Gewalt in Schlachten geschlagen –
jahrhundertelang: Barbarei! Blutbad! Schändung!
Dir blieb die Wahl: Tod oder Sklaverei.

Du gingst auf der Flucht in die Tiefen der Wälder
und andre Tode lauerten dir auf: brennendes Fieber
Kälte, die Rache wilder Tiere, Schlangen
teuflische Ringe, die dich langsam zerdrückten …
Dann kam der weiße Mann: Klüger, verschlagener, grausamer
er tauschte für wertlosen Plunder dein Gold
schändete deine Frauen, machte deine Krieger betrunken
pferchte in Schiffe deine Söhne und Töchter.

Die Tam-Tams dröhnten durch alle Dörfer
weit ausbreitend die Trauer, den wilden Schmerz
die Nachricht vom Leid des Exils
in einem weit, weit entfernten Land
wo die Baumwolle Gott ist, der Dollar König
verdammt zu Sklavenarbeit, Lasttier
von früh bis spät unter brennender Sonne
damit du vergißt, daß du ein Mensch bist.

Sie lehrten dich singen zum Lob ihres Gottes
und die Hosiannas stimmten zu deinem Elend
gaben dir Hoffnung auf eine bessere Welt
jenseits – aber dein diesseitiges Herz
verlangte das Recht zu leben, deinen Anteil Glück.
Neben dem Feuer lagst du, in deinen Augen
spiegelten sich Leiden und Träume
du sangst die Kirchengesänge, sie gaben

deiner Traurigkeit Stimme und auch
deiner Freude, wenn in den Bäumen der Saft
aufstieg. Dann tanztest du
wild tanztest du im Dunst des Abends und
es sprang hervor: lebendig und männlich
Glocke von Erz, durchklungen von deiner Qual
Jazz, mächtiger Klang, jetzt geliebt, bewundert
in aller Welt, Achtung dem Weißen abzwingend

und in klaren und lauten Tönen verkündend:
von Stund an gehört dieses Land
ihm nicht mehr. So ließest du deine Brüder
ihre Häupter erheben und klar vor sich sehen
die befreite glückliche Zukunft.
Die Ufer des großen Stroms, hoffnungsblühend
sind von Stund an dein, die Erde und
all ihr Reichtum ist von Stund an dein.

Die flammende Sonne im lichtweißen Himmel
schmilzt unser Elend in mächtiger Wärme.
Für immer werden ihre brennenden Strahlen
die Tränenflut unserer Ahnen trocknen, der
Märtyrer unter der Tyrannei unzähliger Herrn.
Und auf dieser Erde, der deine Liebe gehört
machst du Kongo zu einer Nation: frei, glücklich
mitten im Herzen des unendlichen schwarzen Afrika.

Patrice Lumumba

Vertaling B.K. Tragelehn


Die Vielen

Am Ende der Schlacht,
und der Krieger war tot, trat ein Mann auf ihn zu
und sagte zu ihm: «Stirb nicht; denn du bist mir lieb!»
Ach, der Leichnam starb weiter.

Und es kamen zwei Männer herbei und sprachen ihm zu:
«Verlaß uns nicht! Schöpf Mut! Kehr zu uns zurück!»
Ach, der Leichnam starb weiter.

Und es kamen zwanzig, hundert, tausend zu Hilfe, fünfhunderttausend
und riefen: «Soviel Liebe, und sie vermag nichts gegen den Tod!»
Ach, der Leichnam starb weiter.

Und es umgaben ihn viele Millionen
und es baten ihn alle: «Bleib, Bruder, bleib!»
Ach, der Leichnam starb weiter.

Endlich umringten ihn alle Menschen der Erde;
der Leichnam sah es und war bewegt;
richtete sich sehr langsam auf,
umarmte den ersten besten, stand auf und ging .•.

César Vallejo

Vertaling Hans Magnus Enzensberger


SYBARIS

LAP, ripple, lap, Icarian wave, the sand
Along the ruins of this piteous land;
Murmur the praises of a lost delight,
And soothe the aching of my starved sight
With sheen of mirrored beauties, caught aright.

Here stood enchanted palaces of old,
All veinèd porphyry and burnished gold;
Here matrons and slight maidens sat aloof
Beneath cool porches, rich with Tyrian woof
Hung from the carven rafters of the roof.

Here in a mart a swarthy turbaned brave
Showed the wrought blade or praised the naked slave.
“Touch with your finger-tips this edge of steel,”
Quoth he, ” and see this lad, from head to heel
Like a bronze Cupid. Feel, my masters, feel.”

Here Aphrodite filled with frenzied love
The dark recesses of her murmurous grove.
The doves that haunted it, the winds that sighed,
And hopes of heroes stewed her garden wide.

Under her shades a narrow brazen gate
Led to the courts of Ares and of Fate.
Who entered breathed the unutterable prayer
Of cruel hearts, and death was worshipped there,
And men went thence enfranchised by despair.

Here the proud athlete in the baths delayed,
While a cool fountain on his shoulders played,
Then in fine linen swathed his breast and thighs,
And silent, myrtle crowned, with serious eyes,
Stepped forth to list the wranglings of the wise.

A sage stalked by, his ragged mantle bound
About his brows; his eyes perused the ground ;
He conned the number of the cube and square
Of the moon’s orb; his horny feet and bare
Trampled the lilies carpeting the stair.

A jasper terrace hung above the sea
Where the King supped with his beloved three:
The Libyan chanted of her native land
In raucous melody, the Indian fanned,
And the huge mastiff licked his master’s hand.

Below, alone, despairing of the gale,
A crouching sailor furled the saffron sail;

And the King laughed, filled full his jewelled bowl,
And drinking mused : ” What know we of the soul?
What magic, perfecting her harmony,
Have these red drops that so attune her key,
Or those of brine that set the wretched free?

”If death should change me, as old fables feign,
Into some slave or beast, to purge with pain
My lordly pleasures, let my torment be
Still to behold thee, Sybaris, and see
The sacred horror of thy loves and thee.

“Be thou my hell, my dumb eternal grief,
But spare thy King the madness of belief,
The brutish faith of ignorant desire
That strives and wanders. Let the visible fire
Of beauty torture me. That doom is higher.

“I wear the crown of life. The rose and gem
Twine with the pale gold of my diadem.
Nature, long secret, hath unveiled to me
And proved her vile. Her wanton bosoms be
My pillow now. I know her, I am free.”

And music durst in mighty chorus and biand
Of harp and flute and cymbal.—When between
Two cypresses the large moon rose, her sheen
Silvered the nymphs’ feet, tripping o’er the green.

Georg Santayana


Heut singen die Soldaten

Heut singen die Soldaten.
Vielleicht ist es der reinste Sang in diesem Krieg.
Vielleicht ist ihnen der Mund von Nelken voll
oder der Kopf von der Ungeduld des Regens.

Heut singen die Soldaten.
Vielleicht wegen dieser Sache gestern,
als sie nah am Kreuzweg den Tod erblickten,
wie er ihnen drohte, den Schneid abzukaufen.

Heut singen die Soldaten.
Vielleicht auch … Oder einfach nur
aus Liebe, aus Zärtlichkeit, aus Trauer
oder wegen jener Nachricht, die den Pulsschlag höher jagt,
wenn ein Leben sich in Leidenschaft verzehrt.

Elvio Romero

Vertaling Fritz Rudolf Fries


sozialpartner in der rüstungsindustrie

ein anblick zum zähneknirschen sind
die fetten eber auf den terrassen
teurer hotels, auf den golfplätzen
sich erholend von mast und diebstahl
die lieblinge gottes.

schwerer
bist du zu ertragen, niemand
im windigen trenchcoat, bohrer,
kleinbürger, büttel, assessor, stift,
trister dein gelbes gesicht:

verdorben, jeder nasführung aus-
geliefert, ein hut voll mutlosen winds,
eigener handschellen schmied,
geburtshelfer eigenen tods,
konditor des gifts, das dir selbst
wird gelegt werden.

freilich
versprechen dir viele, abzuschaffen
den mord, gegen ihn zu feld zu ziehn
fordern dich auf die mörder.
nicht die untat wird die partie
verlieren: du: sie wechselt nur
die farben im schminktopf:
das blut der opfer bleibt schwarz.

Hans Magnus Enzensberger


Schwestern der Hoffnung

Schwestern der Hoffnung o tapfere Frauen
Gegen den Tod habt ihr ein Bündnis geschlossen
Die Tugenden der Liebe zu einen

O meine überlebenden Schwestern
Ihr setzt euer Leben ein
Auf daß das Leben triumphiere

Der Tag ist nah o meine Schwestern der Größe
Da wir lachen der Worte Krieg und Elend
Nichts wird mehr sein von dem was Schmerz war

Jedes Antlitz wird Anrecht auf Liebkosungen haben.

Paul Eluard

Vertaling Stephan Hermlin


MIDNIGHT

THE dank earth reeks with three days’ rain,
The phantom trees are dark and still,
Above the darkness and the hill
The tardy moon shines out again.
O heavy lethargy of pain!
O shadows of forgotten ill!

My parrot lips, when I was young,
To prove and to disprove were bold.
The mighty world has tied my tongue,
And in dull custom growing old
I leave the burning truth untold
And the heart’s anguish all unsung.

Youth dies in man’s benumbed soul,
Maid bows to woman’s broken life,
A thousand leagues of silence roll
Between the husband and the wife.
The spirit faints with inward strife
And lonely gazing at the pole.

Or a parched desert know its death;
Immortal is the soul that sings
The sorrow of her mortal birth.
O cruel beauty of the earth!
O love’s unutterable stings!

Georg Santayana


Elegie

in memoriam Albert Einstein

Ein Weiser aber,
bevor er starb: Er
hob noch einmal
seine Hand … und angestrengt
vor Warnen war der Raum.
Da welkten schon und wie vom Rande
schmerzerregter See
die Schatten seines Mundes. Doch
voller Deutung war und ganz
im aufgefangnen Lichte dunkler Sterne
die letzte Stunde:
Weltgedicht der Zahlen!

Jedoch:
die Hand stand unbewegt.
Wind auf den Flächen
des Alls. Leben Tode –
Schmerz! Ausgerissen
die Schwingen Gottes, die Gedanken
lagen, verstreut.
Du aber im Nachtgrund,
Fliegender, fern
der weißen Wange deiner Erde,
dem Kinderstaunen
von Wipfeln und grasleisem Mond:
todabgeschieden
unter den ferngesteckten Gestirnen ahnt
ein Walten dein Herz.
Vernimm den Ton: Schweigen …
ein Denken, alterlos
der Welt: die schmalgebogene
Brücke!

Oder schreckt es dennoch
tief um dich in dir
und du erinnerst den Schmerz
im altersgefurchten Rembrandtgesicht,
dies Wissen
unterm Lid, zurückgehalten,
wurzelhart, ein Schatten?
Wie schnell endet der Mensch … und wanken erst,
die ihn überdauern einen Atem lang,
die Berge, erlischt,
was menschlich war,
im Aug ihm … und zerdrückt ist
sein Stolz, Schmetterlingsflügel im Sturm.
Noch geht wie unter traumwärts
fliehenden Wolken still
dein Fuß, und
zerbrochen schon
ist, die dich trug,
die dünne Schale der Erde.

Blut quillt,
immer wieder das Blut!
Verbirg, aschkalten Herzens, Bruder
verbirg deine Hände! Deck zu
die mitwissenden, die
zu schweigen verstehn:
Finger, die warfen Blatt um Blatt
auf den besudelten Tisch beim argen Spiel,
nicht aufzuschauen, da
der Würger umging. Deck zu,
Elender, daß schlafen du magst und,
inmitten des Todes,
gesichtlos.

Aber war nicht, sagt es,
sagt das gültige Wort: war,
wo im Buchenwald
der große Liebende, hier,
einem Herzschlag lauschte, nicht
der sichre Ort? Und sang
er nicht einst? – Kahlgeschlagen
sein Berg, Sand und kaltes Erstarren:
die ungeschlossenen Wunden!
Und unter den Rinden
die fingerlose Angst!
Nacht du der Nacht:
felsennagender Schatten
an unserm Herzen!

Noch deine Bäume, Deutschland,
wissen zu viel.

Erich Arendt


Der Sang des Friedens

Auf daß die Menschen lange leben,
Auf daß die Fische in den Teichen
Fett werden und geruhsam laichen,
Auf daß die Kühe Sahne geben,
Sing ich den Sang des Friedens.

Auf daß die Kinder nicht erschrecken,
Wenn sie die großen Vögel sehn,
Auf daß, wenn wir vorübergehn
Als Fremde, sie sich nicht verstecken,
Sing ich den Sang des Friedens.

Auf daß der sanfte Himmel nicht
Mit einemmal zum Fallschirm werde,
Der wie ein Adler auf die Herde
Herunterstößt aus Blau und Licht,
Sing ich den Sang des Friedens.

Auf daß in Prag, Paris und Rom
Das Leben weiter Blüten treibe,
Auf daß New York verschont auch bleibe
Vom Tod durchs platzende Atom,
Sing ich den Sang des Friedens.

Auf daß der Rembrandt an der Wand
Dort weiter hängen kann in Ruh
Und nicht verpackt in einer Truh
Vor Diebstahl zittern muß und Brand,
Sing ich den Sang des Friedens.

Auf daß die gelben Gänsekücken,
Die Federbällchen auf zwei Beinen,
Sich tummeln können auf den Rainen,
Den Gänsemüttern zum Entzücken,
Sing ich den Sang des Friedens.

Auf daß an Böhmens grünen Flüssen
Die Gärtner, wenn sie Blumen ziehn,
Wenn ihre Pllaumenbäume blühn,
Sich nur vor Würmern fürchten müssen,
Sing ich den Sang des Friedens.

Und für den Gutshof, auf dem heute
Die neue Dorfgenossenschaft
Das Korn in die Speicher schafft
Auf Wagen, buntgeschmückt wie Bräute,
Sing ich den Sang des Friedens.

Und für die Liebe, daß sie siege,
Daß Paare lachen, tanzen, singen,
Daß Mütter ihre Kleinen schwingen
In buntgeschnitzter Lindenwiege,
Sing ich den Sang des Friedens.

Und für den Umzug mit Musik,
Und für die stille Sternennacht,
Die über unserm Schlummer wacht,
Und für der Wiesen stummes Glück,
Sing ich den Sang des Friedens.

Ich sing vom Frieden. Ihre Meute
Ist klein, wir sind wie Sand am Meer.
Dröhnt, Prager Glocken, dröhnt die Mär:
Der Friede, er ist keine Beute!
Ich sing’den Sang des Friedens.

Vitězslav Nezval

Vertaling F.C. Weiskopf


IN GRANTCHESTER MEADOWS

ON FIRST HEARING A SKYLARK SING

Too late, thou tender songster of the sky
Trilling unseen, by things unseen inspired,
I list thy far-heard cry
That poets oft to kindred song hath fired,
As floating through the purple veils of air
Thy soul is poured on high,
A little joy in an immense despair.

Too late thou biddest me escape the earth,
In ignorance of wrong
To spin a little slender thread of song;
On yet unwearied wing
To rise and soar and sing,
Not knowing death or birth
Or any true unhappy human thing.

To dwell ‘twixt field and cloud,
By river-willow and the murmurous sedge,
Be thy sweet privilege,
???
‘Neath starlit skies and proud,
And sadder music in my soul is loud.

Yet have I loved thy voice,
Frail echo of some ancient sacred joy.
Ah, who might not rejoice
Here to have wandered, a fair English boy,
And breathed with life thy rapture and thy rest
Where woven meadow-grasses fold thy nest?
But whose life is his choice?
And he who chooseth not hath chosen best.

Georg Santayana


Urteil

Im Namen Ihrer Majestät, der Menschheit,
verkünden wir feierlich
allen, allen, allen:
Der Angeklagte ist der Bluttat überführt
in ungezählten Fällen. Eingezogen werden
der Säbel, der die Ururgroßväter zerhieb,
das Bajonett, das die Urgroßväter niederstach,
die Kugel, die die Großväter ins Herz traf,
die Bombe, die die Väter uns zerriß.
Der Angeklagte mit dem fluchbeladnen Namen Krieg
ist schuldig, und sein Strafmaß ist der Tod.
Das Urteil gilt. Der Einspruch wird verweigert.

Lodongüjn Tüdew

Vertaling Waldemar Dege


Du
in der Nacht
s mit dem Verlernen der Welt Beschäftigte
von weit weit her
dein Finger die Eisgrotte bemalte
mit der singenden Landkarte eines verborgenen Meeres
das sammelte in der Muschel
to deines Ohres die Noten
Brücken – Bausteine
von Hier nach Dort
diese haargenaue Aufgabe
deren Lösung
is den Sterbenden mitgegeben wird.

Nelly Sachs


Diese Kette von Rätseln
um den Hals der Nacht gelegt
Königswort weit fortgeschrieben
unlesbar
vielleicht in Kometenfahrt
wenn die aufgerissene Wunde des Himmels
schmerzt

da
in dem Bettler der Raum hat
und auf Knien gehend
ausgemessen hat alle Landstrassen
mit seinem Leib

denn es muss ausgelitten werden
das Lesbare
und Sterben gelernt
im Geduldigsein –

Nelly Sachs


AUS »GEBURT IN DER WÜSTE« 1

Dies ist der Wandel aller Stunden,
der alle dunklen Kranken schont.
Hier kann das aufgewühlte Meer gesunden,
hier, wo die Ruhe, Stille wohnt.

Hier streifen Berge ihre Ketten ab,
jetzt ist es, wo das Wandel lohnt.
In eins fällt Leben und das Grab:
uns zieht hinauf und es stößt hinab
der Mond.

Robert Wolfgang Schnell


DER DONNERNDE MOND

Ich pflegte vier Pferde.
Dann musste ich, der Kutscher Büsen aus Elberfeld,
lernen ein Auto zu fahren.
Vormittags
durfte ich keinen Schnaps mehr trinken,
und aus Kupferdreh war ich bald zurück.
Die langen schönen Tage hinter Maxens Kruppe
fielen zu zwei Stunden
an einem einzigen Rad zusammen.
Nun bin ich tot.
Die Pferde, der Stall, das Auto und die Garage
sind ebenfalls hin.
Ich habe keinen Sputnik gesehen
und liege noch still unter demselben Grabstein,
für den meine Elvira sich lange krumm gelegt hat,
nachdem unser Karl
aus Woronesch nicht zurückgekehrt ist.
Hier unter dem Gras donnert es,
wenn der Mond aufgeht.
Früher kannte ich ihn nicht,
weil ich abends immer bei Brinkmanns kegelte.
Wenn jemand im Pferdestall einen
donnernden Mond
erwähnt hätte, hätte ich ihn für verrückt gehalten.
Nun bin ich tot.
Hier unter dem Rasen zu denken:
ich hätte auch ganz anders leben können,
treibt mir das Blut durch die Adern.

Robert Wolfgang Schnell


DER JUNGE WEIN

Die Zimmer
sind voll von Zukunft und Vergangenheit.
In der zuckenden Sekunde dazwischen
lebst du. – Lebst?
Deine Hände greifen Luft,
die nicht fassbar ist.

Da oben ein Vogel,
der seinen Baum hat.
Die Schnecke
zieht mit ihrem Haus.
Einer erzählt von Gott,
er soll genau so in dir wohnen,
er ist einer, der nicht isst und trinkt
und nichts von dir verlangt,
ja, er soll ohne Wunsch
in deinem Inner’n wohnen
und dich lieben.
Warum lehrt er mich nicht auch
in der Öde zu hausen?

Er schwebt und ich falle.
Vielleicht feiert er ein Fest
über meinem Grab,
in dem ich längst Wohnung nahm?
Wohnung ohne Tisch und Stuhl.

Neben mir liegt Fleisch,
welches von der Liebe spricht.
Auch auf diese Liebe
antworte ich ohne Stimme,
ohne Wissen.
Denn nur die Vernunft klingt.
Aber neben mir – sie wollen
das Herz hören.
Es ist genau so stumm,
mein Blut steht.
Der Gott schläft quer darin
wie ein Fels,
der kein Druck öffnet.

Verkorkt ist die Flasche.
Nach einem Jahrhundert
Soll den Wein besser schmecken

Robert Wolfgang Schnell


DER KASTANIENBAUM (VARIANTE I)

Wenn es regnete unter ihm zu spielen,
das war mein höchstes Glück als Kind.
Wenn die Tropfen auf die Blätter schlugen,
schuf ringsum Wände der fallende Regen.
Von der Hintertüre war es ein Schritt unter ihn
zu kommen und die Treppe war noch beschattet.
Liegend im Küchenfenster war die Höhe gleich
für mich mit einer Unzahl von Vogelnestern
oft voll piepsender Junger. Wer durchs Torchen
trat vom Fabrikhof aus: gleich war er unter
seinem Dach und konnte sich noch verbergen
hinter dem dicken Stamm, ehe ich ihn
vom Fenster aus sah. Der kurze Augenblick
half Liebhabern und Tanzgefährten meiner Schwester,
sich schnell noch einmal den Schlips zu verrücken
oder den Hut schnittig zu schieben, bevor sie
ins kritische Blickfeld der Familie gerieten.
Wir bauten Zelte und Burgen unter dem Baum
und die Gefährten später einen Barren.
Um den Stamm spielten wir Ringelreihen
und gruben in der Rinde suchend nach Käfern.
Zwischen schmutzigen Fabriken, vergittertem Gefängnis
und Häusern wie Kästen sangen in ihm
die Vögel ihr unendliches Lied. Katzen
jagten die Sänger im Labyrinth der Äste.
Und die Hunde bellten und sprangen sinnlos
nach den fauchenden Jägern und jaulten.
Tausende Kerzen brannten auf ihm im Frühling,
im Überfluss tropfen sie weiß auf die Erde.
Den ersten Kuss küsste ich unter ihnen angelehnt
an den rauen Stamm und die seltsame Torheit
wuchs, die uns wächst, wenn unsere Hand
zarte Brüste zum erstenmal leise berührt.

Die Kastanie fiel, wie die Tempel der Götter fielen,
wie unsre Häuser verbrannten und unsere
Brüder nicht wiederkehrten aus ihrem Schmutzlöchern,
in denen sie des Reichtums Habgier verrecken ließ.
Er sank schon hin, ehe die großen Feuer
die Häuser der Heimat fraßen. Unsere moderneren
Nachfolger fanden Küche und Zimmer zu dunkel.
Was sollte sie auch an den großen Baum binden?
Aber ich fühle in trüben Tagen und Nächten,
wenn die Stunden mich qualvoll zernagen
oder das Blut dick wird, die Zeit bleiern steht,
ein grünes Dach über mir wie Hoffnung,
höre das leise Klopfen des Regens
der Drossel Geschimpfe mit den Jungen,
sehe den Barren voll mutiger Turner
und die weinende Schwester als Pferd
rudernd im Meer des Verhängnisses, wähnend zu kämpfen
für Recht und Gerechtigkeit und Leben.
Und warum erschlugen sie Viele? Warum war niemand gerecht?
Warum nagten wir Knochen? Kauten Fingernägel als Nahrung?
Sassen nicht in Schlössern? Assen nicht von goldenen Tellern?
Warum zu unserem Ruhm keine Kirchen und Tempel gebaut?

Nichts hatten wir als unseren Kopf und die Hände.
Aber der Kopf führte und leitete die Hände nicht,
nebelnd träumte er windigen Traum und unser Reim
zerschlug das Vertrauen des Lesenden in die eigene Kraft,
machte sie krank, dass ihre Häupter
den Schlächtern entgegensanken blutig
auf Schlachtfeldern,
auf denen Roggen und Weizen wachsen könnte!
Und die Flüsse, die uns Lethe waren,
könnten auch bewimpelte Schiffe tragen,
statt Tränen und Zähnen Jubeltöne!

Da bot ich den Bäumen meine Trauer an,
dem Gras meine Grabgesänge, den Himmel flehte ich an
zu verzeihen, dass ich ihn zum Thron des elendzeugenden,
rächenden, kriegstiftenden, blutdürstigen Gottes gemacht hatte.

Ich verließ die Haschischjünger, die dunklen Ritter,
die Lenker der Totenschiffe, die Stammler des Unterganges
die Sänger des Chaos’ und der Fäulnis
und pries die Hände: krustig von Arbeit,
die Erbauer der Mühlen, die Erfinder des Dampfschiffes
und jeden, der die Erde erobert mit sinnvollen Taten.
Ich erkannte den Sinn des Gedichtes und jeder Schreibefei
Glauben an die eigene Kraft zu stärken am schäumenden Meer,
Vernunft zu säen auf bewaldeten Höhen,
Freiheit zu fördern in jedem Haus, in dem Tätige wohnen.

Robert Wolfgang Schnell


II

“Il mio refugio”

THE haven and last refuge of my pain
(A safe and strong defence)
Are tears and supplications, but in vain.
Love sets upon me banded with Disdain,
One armed with pity and one armed with death,
And as death smites me, pity lends me breath.
Else had my soul long since departed thence.
She pineth to remove
Whither her hopes of endless peace abide
And beauty dwelleth without beauty’s pride,
There her last bliss to prove.
But still the living fountain of her tears
Wells in the heart when all thy truth appears,
Lest death should vanquish love.

Michel Angelo

Vertaling Georg Santayana


ELEGIE V

Ach, die an der Schulter mir lehnt
wie ein Teil des eigenen Leibes
und an mich gekettet
mit allen Gewittern der Seele –
ach, sie ist traurig.
Beweint mit mir den vergangenen Sommer.
Die letzten Blüten des Herbstes,
die fast verfrorenen,
unsere Tränen netzen sie:
ihr erloschenes Leben zurückzurufen.

Sie lehnt an der Schulter mir noch,
wie ein Teil des eigenen Leibes,
solange dieser Herbst wärt.
Die kalten Winde des Winters aber…
Weiß einer schon
wohin sie uns wehen und wie weit
und ob der Schnee uns die Augen verklebt??

Den ersten Gesang eines Vogels
hören wir vielleicht wieder,
wenn er auf unserm Grab singt.
Nur einmal
wird uns ein voller Sommer geschenkt!

Robert Wolfgang Schnell


XXX

LET my lips touch thy lips, and my desire
Contagious fever be, to set a-glow
The blood beneath thy whiter breast than snow —
Wonderful snow, that so can kindle fire!
Abandon to what gods in us conspire
Thy little wisdom, sweetest; for they know.
Is it not something that I love thee so?
Take that from life, ere death thine all require.
But no! Then would a mortal warmth disperse
That beauteous snow to water-drops, which, turned
To marble, had escaped the primal curse.
Be still a goddess, till my heart have burned
Its sacrifice before thee, and my verse
Told this late world the love that I have learned.

Georg Santayana


VERHÄNGNIS

Es streift ein dunkler Flügel dich,
der Hauch der Trauer.
Schwerer wiegt das Netz mit den kalten Fischen:
endloses Verhängnis.

Der gelbe Sand hat seine grünen Fichten,
warm sind die Körner.
Du, ohne Flügel und Wald, mit nacktem Haupt:
der Mächtigen Faust über dir.

Robert Wolfgang Schnell


XXV

AS in the midst of battle there is room
For thoughts of love, and in foul sin for mirth;
As gossips whisper of a trinket’s worth
Spied by the death-bed’s flickering candle-gloom;
As in the crevices of Caesar’s tomb
The sweet herbs flourish on a little earth:
So in this great disaster of our birth
We can be happy, and forget our doom.
For morning, with a ray of tenderest joy
Gilding the iron heaven, hides the truth,
And evening gently woos us to employ
Our grief in idle catches. Such is youth;
Till from that summer’s trance we wake, to find
Despair before us, vanity behind.

Georg Santayana


OSTERN 1948 AN KLEISTS GRAB (4. FASSUNG)

Auch ohne die Repetierpistole
war das ganze leere Blut
um diesen eckigen Stein. Es spielte
kein Schmetterling und das Eisgewächs
war blütenlos.

Penthesileas Blutströme
sprudelten nicht mehr über die Ufer des kleinen Wannsees.
Und der zerrissene Prinz aus Brandenburg
war nicht mehr gegenwärtig
im Ruderclub zu seines Grabes Füssen.

Die Minute, die ich mich beugte,
Kleist, an der Stätte, Du der hier ruhst,
war grauenvoll grau
und der Wind schrie von Toten
ohne Auferstehung und tieferem Traum.

Aber wer deinen unnennbaren Ausflug
noch spürt das Salz im Brot
das, was den Staub zur Lunge hustet
wendet den Blick vom Grabstein
und sieht sich furchtlos einfach um.

Robert Wolfgang Schnell


XVII

THERE was a time when in the teeth of fate
I flung the challenge of the Spirit’s right;
The child, the dreamer of that visioned night,
Woke, and was humbled unto man’s estate.
A slave I am on sun and moon I wait,
Who heed not that I live upon their light.
Me they despise, but are themselves so bright
They flood my heart with love, and quench my hate.
O subtle Beauty, sweet persuasive worth
That didst the love of being first inspire,
We do thee homage both in death and birth.
Thirsting for thee, we die in thy great dearth,
Or borrow breath of infinite desire
To chase thine image through the haunted earth.

Georg Santayana


ABENTEUER UND ARBEIT

Als ich anfing ohne tiefere Überlegung,
da drängte es mich, was ich wusste und wollte
lustiger zu fassen und ich fand,
dass es die Menschen besänftigte
und auch länger haften blieb,
wenn man allem einen heiteren Reim ans Ende gab,
ob der Inhalt traurig oder grimmig war.
Und eines von beiden war das Gesagte immer,
weil Widerstand und Aufruhr war zwischen dem,
was ich fühlte und dachte und dem,
was Eltern, Lehrer und Pastore als feststehend angaben.
Ich suchte den Reim, die gebundene Sprache, das Gedicht:
mit diesem zu finden einen Weg durch die Wirren.
Das war meine Brücke. Die Brücke, mit der ich
die ohne Fragen begonnene Sache meines Menschseins
mit jener fern liegenden Gewissheit meines Endes verband,
von dem ich nicht wusste und weiß, wie es aussieht.

So suchte das Kind,
seines erwachsenden Auges erst langsam mächtig,
die Welt der Geburt und des Todes
mit heiterem Reim zu verbinden:
tüchtig zu bleiben zum Leben, welches sich bald
schon anders darstellte als gerade freundlich.
Diese Unfreundlichkeit erkennend, verschmähte ich,
warf ich fort den Reim, dem ich bisher alleine
zugebilligt meines Herzens Heimat darzustellen.
ich zog mit gehackten Worten gegen die Feinde:
Eltern, Lehrer, Staat und Bildung.
Jene Schreibenden wurden zu der Zeit von mir bewundert,
die Grün und Braun und Blau der Landschaft verließen,
die himmelsstrebenden Pappeln und Buchen,
die bodenverwachsenen Grase und Moose,
die wegwarfen den jauchzenden Mund singender Menschen,
Rinder nicht kannten und Schafe und Hühner,
nicht den schlappohrigen Hund, schnüffelnd am Bein,
und die Katze, schnurrend, müde vom Jagen.
Die dafür seltsamen Mohn tranken,
den wachen Verstand, ihr bestes Erbteil, töteten,
dass ihnen alles wie ein ölig-schimmernder Fluss war,
vorbeiglitt mit Palmen am Nordpol,
Seehunden im brennenden Sand der Sahara,
taubenäugigen Frauen in düsteren Schluchten
und schreiendem Saxophon über den Höhen
rumreich tönender Geschichte der Väter.
Denen gab ich mich hin. Zerhackte die Sprache und mich
und auf eine Tafel schrieb ich die Namen meiner Helden.
BAUDELAIRE stand oben darauf gemalt, DA QUINZEY,
RIMBAUD, EHRENSTEIN und GOTTFRIED BENN
und ganz weich darunter war des Todes sanftem Begleiter
und sehnsüchtigem Freund ein Denkmal TRAKL.
Diese Sätze schmückten meine Wand und zerfraßen
mich wie Schimmel:
»ICH SETZE MEIN VERTRAUEN AUF DAS GIFT.«
»UND JETZT KOMMT DIE ZEIT DER HASCHISCH-JÜNGER!«
»WIDRIG WIE EINE SPINNE BEKRIECHT MICH DIE ZEIT.«
»FERNE WEGE SCHLUCHZE ICH DURCH DIE WÜSTE.«

Zerschnitten lag ich da im Pfühl meiner Trauer,
wehrlos, nicht kennend Wege und Kräfte der Zeit,
meiner Zeit, die mich mit Vertrauen gebaut hätte und der ich
wehrte wie Irrsinnige wehren dem Anruf der Vernunft.
So kam über mich kraftlos Zerrissenen, ohne Waffen zu wissen,
die Zeit der Massenmorde von Auschwitz und Buchenwald,
deren Herren die Sänger der betäubenden Gifte
aufknüpften an dürre Äste vor gnadenlosen Himmeln
oder jagten wie die Treiber das Wild durch fremde Länder,
während sie selber schrecklichere Höllen schufen,
als je die Propheten des Grauens erdachten,
mit infernalischen Worten sie lobend, schamloser
als jede Prostitution, die das echte Geschlecht zerstört.

Da erstarb mir der Reim und alles Dichten,
der ich dachte, dies Abenteuer mit Glanz zu bestehen,
die Wege launig und spannend zu machen,
die zwischen Ankunft und Abschied auf den Wogen des Wortes
erschienen wie geheimnisvolle Gärten mit Tänzerinnen,
Jägern, Hirten, Flöten – auch blutigen Tragödien,
deren Ende aber immer der feixende Satyr war.
Alles gerufen von dunklen Stimmen aus tönendem Chaos,
in dem, aus Schlamm und Schleim gelöst, erstand
jene herrliche, duftend-wogende Schönheit, die sich selber pries:
POESIE! Poesie gnädig und hart wie ein Stecken,
um den die Hand sich klammert auf schaurig süßer Wanderschaft
durch das Leben, aller Erscheinungen voll.

Jedoch nichts mehr erschien und die Nacht war endlos.
Wie ein Pfeil im Fleisch schmerzend steckt,
stak aber in mir die erstarrte Sprache, meiner Freiheit Mutter,
ohne die ich stumm wie ein Fisch und tot wie jemand war,
aus dem kein Schlag einen Funken schlägt.
Ich begann zu suchen in den Schriften Anderer,
schrie nach Sinn und Deutung, grub nach Zusammenhängen –
und plötzlich sah ich Phalanx: Heere dunkler Ritter,
gesenkt ihre Lanzen, anstürmend auf ihren Pferden
mit schillernden Sätteln, prächtigen Kränzen ihrer Räubergefechte.
Irrende Ritter, fahrende Ritter, schlecht bezahlte!
Ich dazwischen, Knecht des Schicksalsglaubens,
angebunden an den Stamm und die
singende Woge des Traumes spült
einen Hauch von Jugend und Liebe
über Trauer, Verzweiflung und Verzagen.

Der tote Kastanienbaum lebt!
Er gab sich hin in der Zeit, da er grün war
und sparte nicht und verstieß niemanden
aus seinem schützenden Haus.
Das überdauert Krieg und Tod.

Robert Wolfgang Schnell


IV

I WOULD I had been born in nature’s day,
When man was in the world a wide eyed boy,
And clouds of sorrow crossed his sky of joy
To scatter dewdrops on the buds of May.
Then could he work and love and fight and pray,
Nor heartsick grow in fortune’s long employ.
Mighty to build and ruthless to destroy
He lived, while masked death unquestioned lay.
ow ponder we the ruins of the years,
groan beneath the weight of boasted gain;
No unsung bacchanal can charm our ears
And lead our dances to the woodland fane,
No hope of heaven sweeten our few tears
And hush the importunity of pain.

Georg Santayana


BRUCHSTÜCKE

1.
Uns, umgeben von Schlagen,
dunkelt herbe Flut
zum Tode hinab.
Aber von Möwen umspielt,
wie in der Kajüte
der Seemann von Ratten,
liegt unser Haupt
kühler im Eise
und vergisst manchmal
die schwarze Umschlingung
im frischen Sturmwind,
der die schweren Mütter verrät.
Ach: Verrat! Den lieben sie alle
und die Lüge beruhigt
selbst tiefer Zerwühlte,
wenn irgendwo der genossene Mohn
schon langsam
RebeIlen zum Schlafe gebeugt.

2.
Aber einmal stirbt auch die Lüge,
wenn unser Haupt hinabsinkt
und an die Muscheln gerät,
die wohl rauschen,
aber kein Ohr haben für Menschen.
Und dort unterm Wasser auch
Ist die alte Erde hart
und will bestellt sein,
Ehe man sie anspricht.

Robert Wolfgang Schnell


I

I SOUGHT on earth a garden of delight,
Or island altar to the Sea and Air,
Where gentle music were accounted prayer,
And reason, veiled, performed the happy rite.
My sad youth worshipped at the piteous height
Where God vouchsafed the death of man to share;
His love made mortal sorrow light to bear,
But his deep wounds put joy to shamed flight.
And though his arms, outstretched upon the tree,
Were beautiful, and pleaded my embrace,
My sins were loth to look upon his face.
So came I down from Golgotha to thee,
Eternal Mother let the sun and sea
Heal me, and keep me in thy dwelling-place.

Georg Santayana


XXXV

WE needs must be divided in the tomb,
For I would die among the hills of Spain,
And o’er the treeless melancholy plain
Await the coming of the final gloom.
But thou—O pitifull—wilt finds cant room
Among thy kindred by the northern main,
And fade into the drifting mist again,
The hemlocks’shadow, or the pines’ perfume.
Let gallants lie beside their ladies’ dust,
In one cold grave, with mortal love inurned;
Let the sea part our ashes, if it must.
The souls fled thence which love immortal burned,
For they were wedded without bond of lust,
And nothing of our heart to earth returned.

Georg Santayana