moed tot burgerlijkheid – door O. Marquard

 

Mut zur Bürgerlichkeit

Vernünftig ist, wer den Ausnahmezustand vermeidet

In seinem Essay »Philosophie und Engagement. Plädoyer für die Repolitisierung einer Disziplin aus dem Geist des Existentialismus«(FrankfurterRundschauvom16.5.1995) hat Paolo Flores d’Arcais eine politisch engagierte Philosophie gefordert, die für das Individuum und die Endlichkeit Partei ergreift.

Ich selber habe — skeptisch – zum »Abschied vom Prinzipiellen« geraten: schon daraus ist erkennbar, daß ich viel übrig habe für eine Philosophie, die sich politisch für das endliche Individuum engagiert. Seit dem Konkurs jener finalisierungstrunkenen Revolutionsphilosophien, die – Fiat utopia, pereat mundes – die Individuen hinweg finalisieren wollten, ist eine Endlichkeitsphilosophie fällig; und wo die finalisierenden Revolutionsphilosophien sich ihrem Konkurs widersetzen, ist sie es erst recht. Darum ist es gut, wenn eine Philosophie dagegen angeht, daß das Individuum als endliches »Du« übersprungen wird, weil die Menschen ins Prinzipielle und in ein prinzipielles Kollektiv – in ein »Wir«, das repressiv als Über-Wir agiert – auskneifen durch – wie ich zu sagen pflege – Flucht aus dem Gewissenhaben in das Gewissensein.

Freilich: Paolo Flores d’Arcais sucht diese Philosophie des endlichen Individuums durch Erneuerung des Existentialismus; und da habe ich Vorbehalte. Bei seinen Ausführungen denkt man – denke wenigstens ich – zunächst an Heidegger und Sartre. Heideggers existentiale Temporalphänomenologie der »Jemeinigkeit« des »Seins zum Tode« ist sicher wichtig; aber schon wenige Jahre nach Sein und Zeit tendierte Heidegger politisch zum Totalitarismus: zum Nationalsozialismus; die Kritik dieser Liebe zur Weisheit, die so zur Torheit wurde, füllt inzwischen

Bibliotheken. Ebenso ist Sartres Existenzphilosophie des Wesens-Mängelwesens Mensch – der erst existiert und sich dann erfindet – bedeutsam und anregend; aber schonwenige Jahre nach Letre et le neant tendierte Sartre politisch zum Totalitarismus: zum Kommunismus; was dagegen zu sagen war, hat sehr früh und sehr überzeugend Maurice Merleau-Ponty in Les aventures de la dialectique formuliert. Beide Existentialismen der von Heidegger und der von Sartre – fordern vom Menschen, nicht bürgerlich, sondern »eigentlich« zu leben; beide sind – im Namen des Ausnahmezustands der Eigentlichkeit – Verweigerungen der Bürgerlichkeit, die enden, wie eben Bürgerlichkeitsverweigerungen politisch enden: totalitär.

Unter den Philosophien, die vom Existentialismus herkommen, hat das vor allem die Philosophie von Hannah Arendt kritisiert Darum scheint es mir – aber auch da bin ich kaum anderer Meinung als gerade Paolo Flores d’Arcais, der sich durch sein Buch Libertärer Existentialismus. Zur Aktualität der Theorie Hannah Arendts (dt. 1993) um die Rezeption und Interpretation von Hannah Arendt besonders verdient gemacht hat – unverzichtbar, die Einsichten von Hannah Arendt in die philosophische Verteidigung des endlichen Individuums mit hinein zu nehmen, wobei man streiten kann, ob und wie sehr man Hannah Arendt noch dem Existentialismus zurechnen darf, oder ob und wie weit sie – die gegen die »Verlassenheit« der Ausgebürgerten die Bürger als die Menschen mit »dem Recht, Rechte zu haben« besonders präzis zu beschreiben vermöchte – weitergegangen ist zum Rückgriff auf die große europäische Tradition der politischen Philosophie seit der Antike.

Ich ziehe daraus die Konsequenz, das politische Engagement der Philosophie für das Individuum von der Option für den Existentialismus abzukoppeln. Und man muß – meine ich – auch nicht alle Anknüpfungsverbote akzeptieren, die d’Arrais uns im Namen des Antidogmatismus ziemlich dogmatisch auferlegen will. Entscheidend ist, daß – und dies hat (soweit ich in der Unordnung meines Arbeitszimmers die in der Frankfurter Rundschau abgedruckten Repliken auf den Essay von d’Arcais habe wiederfinden können) vor allem Günter Figal (Frankfurter Rundschau vom 3D. 5.1995) geltend gemacht – das Individuum philosophisch und politisch als Bürger begaffen wird: denn das Individuum ist in mancherlei Form möglich, aber nur als Bürger wirklich. Für mich liegt es nahe, hier an Überlegungen Joachim Ritters aus den 50er Jahren anzuknüpfen, die 1969 in. seinem Buch Metaphysik undPolitik. Studien zu Aristoteles und Hegel gesammelt sind, und zwei Thesen zu vertreten, deren erste direkt an Ritter – an seinen Aufsatz »Das bürgerliche Leben« (1956) im genannten Buch – anknüpft, während ich die zweite überwiegend auf meine eigene Kappe zu nehmen habe, nämlich: 1. zur philosophischen Verteidigung des Individuums gehört die Positivierung der Bürgerlichkeit; 2. zur philosophischen Verteidigung des Individuums gehört die Fundamentalisierung der Gewaltenteilung.

 

1.Zur Philosophie, die sich für das Individuum engagiert, gehört die Positivierung der Bürgerlichkeit. Wer das Individuum verteidigen will, muß die bürgerliche Welt verteidigen. Die politische Konsequenz ist: mehr Mut zur Bürgerlichkeit.

Dabei verwende ich einen weiten Begriff des Bürgerlichen. Erstens: der Bürger – als freies und gleiches Mitglied der Bürgerwelt der »polis« – ist der individuelle Mensch, der selbstbestimmt für sich und seine Mitbürger einsteht. Zweitens: ich vernachlässige absichtlich die Unterscheidung zwischen »citoyen« und »bourgeois«; denn der »bourgeois« erwirtschaftet jene Subsistenzmittel, ohne die der mündige »citoyen« nicht selbstbestimmt leben kann. Drittens: zur bürgerlichen Welt gehört nicht nur die Emanzipation des »dritten Standes«, sondern auch der Vorgang, daß der »vierte Stand« – das Proletariat – sich in den »dritten Stand« auflöst; das ist – im Gegensatz zu jener Ausbürgerung des Proletariats, die die Verelendungs-theorie prognostizierte – die »Einbürgerung des Proletairs«, die Franz von Baader 1835 voraussah und die die reformistische Arbeiterbewegung entscheidend mit bewirkt hat, die darum eine prägende Kraft der bürgerlichen Welt ist: vor allem auch der Bundesrepublik. Die Bundesrepublik ist keine mißlungene Revolution, sondern eine gelungene Demokratie, und zwar weil sie eine bürgerliche Republik ist. Man muß ihre Bürgerlichkeit verteidigen: gerade wegen des Individuums. Denn es steht nicht deswegen schlimm in der Welt, weil es zu viel, sondern des-wegen, weil es zu wenig bürgerliche Gesellschaft in ihr gibt.

Die Apologie der Bürgerlichkeit verteidigt die Mitte, auch und gerade die politische Mitte. Denn die liberale Bürgerwelt bevorzugt – gut aristotelisch – das Mittlere gegenüber den Extremen, die kleinen Verbesserungen gegen-über der großen Infragestellung, das Alltägliche gegenüber dem »Moratorium des Alltags« (Manes Sperber), das Ge-regelte gegenüber dem Erhabenen, die Ironie gegenüber dem Radikalismus, die Geschäftsordnung gegenüber dem Charisma, das Normale gegenüber dem Enormen, das Individuum gegenüber der finalen säkularen Heilsgemein-schaft, kurzum: die Bürgerlichkeit gegenüber ihrer Verweigerung. So ist die bürgerliche Welt – auch weil die Lebensvorteile, die sie bringt, als selbstverständlich gelten – nicht sehr aufregend, ein wenig langweilig und reichlich allzu menschlich. Darum gibt es die, denen die ganze bürgerliche Richtung nicht paßt, weil sie den Außerordentlichkeitsbedarf der radikalen Weltverbesserer nichtdeckt. Aber deren Appetit auf Außerordentlichkeitslagen, auf den Ausnahmezustand ist unvernünftig: vernünftig ist, wer den Ausnahmezustand vermeidet. Die Schwärmerei für antibürgerliche Revolutionen und Diktaturen – rechteund linke – ist verderblich. Vor allem ist sie kein Engagement für das Individuum. Man muß diese Radikalitäts-schwärmerei politisch überflüssig machen durch politische Stärkung der politischen Mitte, bei der man dann streiten kann, ob sie besser eine reformistische oder eine konservative Mitte ist: die parlamentarische Demokratie verfügt ja über gute Verfahren, dies – jeweils auf Zeit – mal so, mal so zu lösen. Von dieser politischen Verteidigung dieser bürgerlichen Mitte lebt das Individuum, also nicht von der Verweigerung der Bürgerlichkeit, sondern vom Mut zur Bürgerlichkeit.

2.Das Engagement für das Individuum braucht die Philosophie der Gewaltenteilung. Das Individuum ist in der bürgerlichen Welt geschützter als in nicht bürgerlichen Verhältnissen, weil zur bürgerlichen Welt – durch ihre .Rechtsverhältnisse – die Gewaltenteilung gehört. Montesquieu hat im berühmten Abschnitt über die englische Verfassung in De l’esprit des lois die politische Freiheitswirkung der politischen Gewaltenteilung – der Gewaltenteilung von Legislative, Exekutive und Jurisdiktion – betont. Aber die Freiheitswirkung der Gewaltenteilung reicht weit über diesen wichtigen politischen Spezialfall hinaus durch die allgemeine Buntheit und Pluralität der Wirklichkeit. Individuelle Freiheit gibt es für Menschen nur dort, wo sie nicht dem Alleinzugriff einer einzigen Allein-macht unterworfen sind, sondern wo mehrere – voneinander unabhängige – Wirklichkeitsmächte existieren, die -beim Zugriff auf den Einzelnen – durch Zugriffsgedrängel einander wechselseitig beim Zugreifen behindern und einschränken. Einzig dadurch, daß jede dieser Vielzahl von Wirklichkeitspotenzen – politische Formationen, Wirtschaftskräfte,  Sakralgewalten, Geschichten, Überzeugungen, Üblichkeiten und Traditionen, Kulturen – den Zugriff jeder anderen einschränkt und mildert, gewinnen die Menschen ihre Distanz und individuelle Freiheit gegenüber dem: Alleinzugriff einer jeden. So lebt das Individuum von der Gewaltenteilung: sola divisione individuum.

Mir scheint: diese pluralistische Philosophie ist – notabene: diesseits von »Kommutarismus« und »Liberalismus« – nötig und zuträglich, wenn man sich philosophisch und politisch für das Individuum engagieren will. Diese Philosophie des Individuums durch Gewaltenteilung muß Skepsis sein oder enthalten: denn Skepsis ist der Sinn für Gewaltenteilung bis hin zur Teilung auch noch jener Gewalten, die die Überzeugungen sind. Wer eine Philosophie sucht, die politisches Engagement für das Individuum intendiert, sollte darum – meine ich – weniger an den Existentialismus denken als vielmehr an die Skepsis, die auf Gewaltenteilung setzt und der Verweigerung der Bürgerlichkeit entgegentritt: durch Mut zur Bürgerlichkeit.

Mut zur Bürgerlichkeit

Vernünftig ist, wer den Ausnahmezustand vermeidet

In seinem Essay »Philosophie und Engagement. Plädoyer für die Repolitisierung einer Disziplin aus dem Geist des Existentialismus«(FrankfurterRundschauvom16.5.1995) hat Paolo Flores d’Arcais eine politisch engagierte Philosophie gefordert, die für das Individuum und die Endlichkeit Partei ergreift.

Ich selber habe — skeptisch – zum »Abschied vom Prinzipiellen« geraten: schon daraus ist erkennbar, daß ich viel übrig habe für eine Philosophie, die sich politisch für das endliche Individuum engagiert. Seit dem Konkurs jener finalisierungstrunkenen Revolutionsphilosophien, die – Fiat utopia, pereat mundes – die Individuen hinweg finalisieren wollten, ist eine Endlichkeitsphilosophie fällig; und wo die finalisierenden Revolutionsphilosophien sich ihrem Konkurs widersetzen, ist sie es erst recht. Darum ist es gut, wenn eine Philosophie dagegen angeht, daß das Individuum als endliches »Du« übersprungen wird, weil die Menschen ins Prinzipielle und in ein prinzipielles Kollektiv – in ein »Wir«, das repressiv als Über-Wir agiert – auskneifen durch – wie ich zu sagen pflege – Flucht aus dem Gewissenhaben in das Gewissensein.

Freilich: Paolo Flores d’Arcais sucht diese Philosophie des endlichen Individuums durch Erneuerung des Existentialismus; und da habe ich Vorbehalte. Bei seinen Ausführungen denkt man – denke wenigstens ich – zunächst an Heidegger und Sartre. Heideggers existentiale Temporalphänomenologie der »Jemeinigkeit« des »Seins zum Tode« ist sicher wichtig; aber schon wenige Jahre nach Sein und Zeit tendierte Heidegger politisch zum Totalitarismus: zum Nationalsozialismus; die Kritik dieser Liebe zur Weisheit, die so zur Torheit wurde, füllt inzwischen

Bibliotheken. Ebenso ist Sartres Existenzphilosophie des Wesens-Mängelwesens Mensch – der erst existiert und sich dann erfindet – bedeutsam und anregend; aber schonwenige Jahre nach Letre et le neant tendierte Sartre politisch zum Totalitarismus: zum Kommunismus; was dagegen zu sagen war, hat sehr früh und sehr überzeugend Maurice Merleau-Ponty in Les aventures de la dialectique formuliert. Beide Existentialismen der von Heidegger und der von Sartre – fordern vom Menschen, nicht bürgerlich, sondern »eigentlich« zu leben; beide sind – im Namen des Ausnahmezustands der Eigentlichkeit – Verweigerungen der Bürgerlichkeit, die enden, wie eben Bürgerlichkeitsverweigerungen politisch enden: totalitär.

Unter den Philosophien, die vom Existentialismus herkommen, hat das vor allem die Philosophie von Hannah Arendt kritisiert Darum scheint es mir – aber auch da bin ich kaum anderer Meinung als gerade Paolo Flores d’Arcais, der sich durch sein Buch Libertärer Existentialismus. Zur Aktualität der Theorie Hannah Arendts (dt. 1993) um die Rezeption und Interpretation von Hannah Arendt besonders verdient gemacht hat – unverzichtbar, die Einsichten von Hannah Arendt in die philosophische Verteidigung des endlichen Individuums mit hinein zu nehmen, wobei man streiten kann, ob und wie sehr man Hannah Arendt noch dem Existentialismus zurechnen darf, oder ob und wie weit sie – die gegen die »Verlassenheit« der Ausgebürgerten die Bürger als die Menschen mit »dem Recht, Rechte zu haben« besonders präzis zu beschreiben vermöchte – weitergegangen ist zum Rückgriff auf die große europäische Tradition der politischen Philosophie seit der Antike.

Ich ziehe daraus die Konsequenz, das politische Engagement der Philosophie für das Individuum von der Option für den Existentialismus abzukoppeln. Und man muß – meine ich – auch nicht alle Anknüpfungsverbote akzeptieren, die d’Arrais uns im Namen des Antidogmatismus ziemlich dogmatisch auferlegen will. Entscheidend ist, daß – und dies hat (soweit ich in der Unordnung meines Arbeitszimmers die in der Frankfurter Rundschau abgedruckten Repliken auf den Essay von d’Arcais habe wiederfinden können) vor allem Günter Figal (Frankfurter Rundschau vom 3D. 5.1995) geltend gemacht – das Individuum philosophisch und politisch als Bürger begaffen wird: denn das Individuum ist in mancherlei Form möglich, aber nur als Bürger wirklich. Für mich liegt es nahe, hier an Überlegungen Joachim Ritters aus den 50er Jahren anzuknüpfen, die 1969 in. seinem Buch Metaphysik undPolitik. Studien zu Aristoteles und Hegel gesammelt sind, und zwei Thesen zu vertreten, deren erste direkt an Ritter – an seinen Aufsatz »Das bürgerliche Leben« (1956) im genannten Buch – anknüpft, während ich die zweite überwiegend auf meine eigene Kappe zu nehmen habe, nämlich: 1. zur philosophischen Verteidigung des Individuums gehört die Positivierung der Bürgerlichkeit; 2. zur philosophischen Verteidigung des Individuums gehört die Fundamentalisierung der Gewaltenteilung.

1.Zur Philosophie, die sich für das Individuum engagiert, gehört die Positivierung der Bürgerlichkeit. Wer das Individuum verteidigen will, muß die bürgerliche Welt verteidigen. Die politische Konsequenz ist: mehr Mut zur Bürgerlichkeit.

Dabei verwende ich einen weiten Begriff des Bürgerlichen. Erstens: der Bürger – als freies und gleiches Mitglied der Bürgerwelt der »polis« – ist der individuelle Mensch, der selbstbestimmt für sich und seine Mitbürger einsteht. Zweitens: ich vernachlässige absichtlich die Unterscheidung zwischen »citoyen« und »bourgeois«; denn der »bourgeois« erwirtschaftet jene Subsistenzmittel, ohne die der mündige »citoyen« nicht selbstbestimmt leben kann. Drittens: zur bürgerlichen Welt gehört nicht nur die Emanzipation des »dritten Standes«, sondern auch der Vorgang, daß der »vierte Stand« – das Proletariat – sich in den »dritten Stand« auflöst; das ist – im Gegensatz zu jener Ausbürgerung des Proletariats, die die Verelendungs-theorie prognostizierte – die »Einbürgerung des Proletairs«, die Franz von Baader 1835 voraussah und die die reformistische Arbeiterbewegung entscheidend mit bewirkt hat, die darum eine prägende Kraft der bürgerlichen Welt ist: vor allem auch der Bundesrepublik. Die Bundesrepublik ist keine mißlungene Revolution, sondern eine gelungene Demokratie, und zwar weil sie eine bürgerliche Republik ist. Man muß ihre Bürgerlichkeit verteidigen: gerade wegen des Individuums. Denn es steht nicht deswegen schlimm in der Welt, weil es zu viel, sondern des-wegen, weil es zu wenig bürgerliche Gesellschaft in ihr gibt.

Die Apologie der Bürgerlichkeit verteidigt die Mitte, auch und gerade die politische Mitte. Denn die liberale Bürgerwelt bevorzugt – gut aristotelisch – das Mittlere gegenüber den Extremen, die kleinen Verbesserungen gegen-über der großen Infragestellung, das Alltägliche gegenüber dem »Moratorium des Alltags« (Manes Sperber), das Ge-regelte gegenüber dem Erhabenen, die Ironie gegenüber dem Radikalismus, die Geschäftsordnung gegenüber dem Charisma, das Normale gegenüber dem Enormen, das Individuum gegenüber der finalen säkularen Heilsgemein-schaft, kurzum: die Bürgerlichkeit gegenüber ihrer Verweigerung. So ist die bürgerliche Welt – auch weil die Lebensvorteile, die sie bringt, als selbstverständlich gelten – nicht sehr aufregend, ein wenig langweilig und reichlich allzu menschlich. Darum gibt es die, denen die ganze bürgerliche Richtung nicht paßt, weil sie den Außerordentlichkeitsbedarf der radikalen Weltverbesserer nichtdeckt. Aber deren Appetit auf Außerordentlichkeitslagen, auf den Ausnahmezustand ist unvernünftig: vernünftig ist, wer den Ausnahmezustand vermeidet. Die Schwärmerei für antibürgerliche Revolutionen und Diktaturen – rechteund linke – ist verderblich. Vor allem ist sie kein Engagement für das Individuum. Man muß diese Radikalitäts-schwärmerei politisch überflüssig machen durch politische Stärkung der politischen Mitte, bei der man dann streiten kann, ob sie besser eine reformistische oder eine konservative Mitte ist: die parlamentarische Demokratie verfügt ja über gute Verfahren, dies – jeweils auf Zeit – mal so, mal so zu lösen. Von dieser politischen Verteidigung dieser bürgerlichen Mitte lebt das Individuum, also nicht von der Verweigerung der Bürgerlichkeit, sondern vom Mut zur Bürgerlichkeit.

2.Das Engagement für das Individuum braucht die Philosophie der Gewaltenteilung. Das Individuum ist in der bürgerlichen Welt geschützter als in nicht bürgerlichen Verhältnissen, weil zur bürgerlichen Welt – durch ihre .Rechtsverhältnisse – die Gewaltenteilung gehört. Montesquieu hat im berühmten Abschnitt über die englische Verfassung in De l’esprit des lois die politische Freiheitswirkung der politischen Gewaltenteilung – der Gewaltenteilung von Legislative, Exekutive und Jurisdiktion – betont. Aber die Freiheitswirkung der Gewaltenteilung reicht weit über diesen wichtigen politischen Spezialfall hinaus durch die allgemeine Buntheit und Pluralität der Wirklichkeit. Individuelle Freiheit gibt es für Menschen nur dort, wo sie nicht dem Alleinzugriff einer einzigen Allein-macht unterworfen sind, sondern wo mehrere – voneinander unabhängige – Wirklichkeitsmächte existieren, die -beim Zugriff auf den Einzelnen – durch Zugriffsgedrängel einander wechselseitig beim Zugreifen behindern und einschränken. Einzig dadurch, daß jede dieser Vielzahl von Wirklichkeitspotenzen – politische Formationen, Wirtschaftskräfte,  Sakralgewalten, Geschichten, Überzeugungen, Üblichkeiten und Traditionen, Kulturen – den Zugriff jeder anderen einschränkt und mildert, gewinnen die Menschen ihre Distanz und individuelle Freiheit gegenüber dem: Alleinzugriff einer jeden. So lebt das Individuum von der Gewaltenteilung: sola divisione individuum.

Mir scheint: diese pluralistische Philosophie ist – notabene: diesseits von »Kommutarismus« und »Liberalismus« – nötig und zuträglich, wenn man sich philosophisch und politisch für das Individuum engagieren will. Diese Philosophie des Individuums durch Gewaltenteilung muß Skepsis sein oder enthalten: denn Skepsis ist der Sinn für Gewaltenteilung bis hin zur Teilung auch noch jener Gewalten, die die Überzeugungen sind. Wer eine Philosophie sucht, die politisches Engagement für das Individuum intendiert, sollte darum – meine ich – weniger an den Existentialismus denken als vielmehr an die Skepsis, die auf Gewaltenteilung setzt und der Verweigerung der Bürgerlichkeit entgegentritt: durch Mut zur Bürgerlichkeit.

uit O. Marquard Individuum und Gewaltenteilung – Philosophische Studien (Reclam 2004) Stuttgart p. 91-96