Sneeuw

 

Schwanenlied

 

Wenn die Augen brechen,

Wenn die Lippen nicht mehr sprechen,

Wenn das pochende Herz sich stillet

Und der warme Blutstrom nicht mehr quillet:

O dann sinkt der Traum zum Spiegel nieder,

Und ich hör’ der Engel Lieder wieder,

Die das Leben mir vorüber trugen,

Die so selig mit den Flügeln schlugen

Ans Geläut der keuschen Maiesglocken,

Daß sie all die Vöglein in den Tempel locken,

Die so süße wildentbrannte Psalmen sangen:

Daß die Liebe und die Lust so brünstig rangen,

Bis das Leben war gefangen und empfangen;

Bis die Blumen blühten;

Bis die Früchte glühten,

Und gereift zum Schoß der Erde fielen,

Rund und bunt zum Spielen;

Bis die goldnen Blätter an der Erde rauschten,

Und die Wintersterne sinnend lauschten,

Wo der stürmende Sämann hin sie säet,

Daß ein neuer Frühling schön erstehet.

Stille wird’s, es glänzt der Schnee am Hügel

Und ich kühl’ im Silberreif den schwülen Flügel,

Möcht’ ihn hin nach neuem Frühling zücken,

Da erstarret mich ein kalt Entzücken –

Es erfriert mein Herz, ein See voll Wonne

Auf ihm gleitet still der Mond und sanft die Sonne

Unter den sinnenden, denkenden, klugen Sternen

Schau’ ich mein Sternbild an in Himmelsfernen;

Alle Leiden sind Freuden, alle Schmerzen scherzen

Und das ganze Leben singt aus meinem Herzen:

Süßer Tod, süßer Tod

Zwischen dem Morgen- und Abendrot.

[Brentano: Schwanenlied. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 284

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Hüllt der Frost den Kreis der Erden

In ein Kleid, das Silber-weiß,

Wenn recht als begraben werden

Feld und Land in Schnee und Eis;

Sucht der Mond, mit blassen Strahlen,

Auch die Schatten weiß zu malen,

Und sein kühler Silber-Schein

Scheint dem Winter gleich zu seyn.

[Brockes: Die Sonne. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 338

 

Kirsch-Blühte bey der Nacht

 

Ich sahe mit betrachtendem Gemüte

Jüngst einen Kirsch-Baum, welcher blüh’te,

In küler Nacht beym Monden-Schein;

Ich glaubt’, es könne nichts von gröss’rer Weisse seyn.

Es schien, ob wär’ ein Schnee gefallen.

Ein jeder, auch der klein’ste Ast

Trug gleichsam eine rechte Last

Von zierlich-weissen runden Ballen.

Es ist kein Schwan so weiß, da nemlich jedes Blat,

Indem daselbst des Mondes sanftes Licht

Selbst durch die zarten Blätter bricht,

So gar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat.

Unmöglich, dacht’ ich, kann auf Erden

Was weissers ausgefunden werden.

Indem ich nun bald hin bald her

Im Schatten dieses Baumes gehe:

Sah’ ich von ungefehr

Durch alle Bluhmen in die Höhe

Und ward noch einen weissern Schein,

Der tausend mal so weiß, der tausend mal so klar,

Fast halb darob erstaunt, gewahr.

Der Blühte Schnee schien schwarz zu seyn

Bey diesem weissen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht

Von einem hellen Stern ein weisses Licht,

Das mir recht in die Sele stral’te.

Wie sehr ich mich an GOtt im Irdischen ergetze,

Dacht’ ich, hat Er dennoch weit grös’re Schätze.

Die gröste Schönheit dieser Erden

Kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.

[Brockes: Kirsch-Blühte bey der Nacht. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 358

 

Herbstmorgen

 

Die Wolken ziehn, wie Trauergäste,

Den Mond still – abwärts zu geleiten;

Der Wind durchfegt die starren Äste,

Und sucht ein Blatt aus beßren Zeiten.

 

Schon flattern in der Luft die Raben,

Des Winters unheilvolle Boten;

Bald wird er tief in Schnee begraben

Die Erde, seinen großen Toten.

 

Ein Bach läuft hastig mir zur Seite,

Es bangt ihn vor des Eises Ketten;

Drum stürzt er fort und sucht das Weite,

Als könnt’ ihm Flucht das Leben retten.

 

Da mocht’ ich länger nicht inmitten

So todesnaher Öde weilen;

Es trieb mich fort, mit hast’gen Schritten

Dem flücht’gen Bache nachzueilen.

[Fontane: Herbstmorgen. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 708

Polarszene

 

Auf blinkenden Gefilden

Ringsum nur Eis und Schnee,

Verstummt der Trieb zu bilden.

Kein Sänger in der Höh.

Kein Strauch, der Labung böte,

Kein Sonnenstrahl, der frei,

Und nur des Nordlichts Röte

Zeigt wüst die Wüstenei.

 

So siehts in einem Innern,

So stehts in einer Brust,

Erstorben die Gefühle,

Des Grünens frische Lust.

Nur schimmernde Ideen,

Im Kalten angefacht,

Erheben sich, entstehen

Und schwinden in die Nacht.

[Grillparzer: Tristia ex Ponto. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 1137

 

Schneeglöckchen

 

Schneeglöckchen, ei, du bist schon da?

Ist denn der Frühling schon so nah?

Wer lockte dich hervor ans Licht?

Trau’ doch dem Sonnenscheine nicht!

Wohl gut er’s eben heute meint,

Wer weiß, ob er dir morgen scheint?

 

»Ich warte nicht, bis Alles grün;

Wenn meine Zeit ist, muß ich blüh’n.

Der mich erschuf für diese Welt,

Heißt blüh’n mich, wann es ihm gefällt;

Er denkt bei Schnee und Kälte mein,

Wird stets mein lieber Vater sein.«

[Hoffmann von Fallersleben: Schneeglöckchen. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 1712

 

Erster Schnee

 

Wie nun alles stirbt und endet

Und das letzte Rosenblatt

Müd sich an die Erde wendet,

In die warme Ruhestatt:

So auch unser Tun und Lassen,

Was uns heiß und wild erregt,

Unser Lieben, unser Hassen

Sei ins welke Laub gelegt!

 

Reiner, weißer Schnee, o schneie,

Schneie beide Gräber zu,

Daß die Seele uns gedeihe

Still und kühl in Winterruh!

Bald kommt jene Frühlingswende,

Die allein die Liebe weckt,

Wo der Haß umsonst die Hände

Träumend aus dem Grabe streckt!

[Keller: Erster Schnee. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 2172

 

Winternacht

 

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,

Still und blendend lag der weiße Schnee,

Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,

Keine Welle schlug im starren See.

 

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,

Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;

An den Ästen klomm die Nix herauf,

Schaute durch das grüne Eis empor.

 

Auf dem dünnen Glase stand ich da,

Das die schwarze Tiefe von mir schied;

Dicht ich unter meinen Füßen sah

Ihre weiße Schönheit Glied für Glied.

 

Mit ersticktem Jammer tastet’ sie

An der harten Decke her und hin.

Ich vergeß das dunkle Antlitz nie,

Immer, immer liegt es mir im Sinn!

[Keller: Winternacht. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 2212

 

 

Lied eines Lappländers

 

Komm Zama, komm! Laß deinen Unmuth fahren,

O du der Preis

Der Schönen! komm! In den zerstörten Haaren

Hängt mir schon Eis.

 

Du zürnst umsonst. Mir giebt die Liebe Flügel,

Nichts hält mich auf.

Kein tiefer Schnee, kein Sumpf, kein Thal, kein Hügel

Hemmt meinen Lauf.

 

Ich will im Wald auf hohe Bäume klimmen

Dich auszuspähn,

Und durch die Fluth der tiefsten Ströhme schwimmen,

Um dich zu sehn.

 

Das dürre Laub will ich vom Strauche pflücken,

Der dich verdeckt,

Und auf der Wies’ ein iedes Rohr zerknicken,

Das dich versteckt.

 

Und solltest du, weit übers Meer, in Wüsten

Verborgen seyn;

So will ich bald an Grönlands weißen Küsten,

Nach Zama schreyn.

Die lange Nacht kommt schon. Still mein Verlangen

Und eil zurück!

Du kommst, mein Licht! du kommst, mich zu umfangen;

O, welch ein Glück!

[Kleist: Lied eines Lappländers. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 2290

 

Soldatenabschied

 

Heute scheid’ ich, heute wandr’ ich,

Keine Seele weint um mich.

Sind’s nicht diese, sind’s doch andre,

Die da trauern, wenn ich wandre:

Holder Schatz, ich denk’ an dich.

 

Auf dem Bachstrom hängen Weiden,

In den Tälern liegt der Schnee –

Trautes Kind, daß ich muß scheiden,

Muß nun unsre Heimat meiden,

Tief im Herzen tut mir’s weh.

 

Hunderttausend Kugeln pfeifen

Über meinem Haupte hin –

Wo ich fall’, scharrt man mich nieder,

Ohne Klang und ohne Lieder,

Niemand fraget, wer ich bin.

 

Du allein wirst um mich weinen,

Siehst du meinen Totenschein.

Trautes Kind, sollt’ er erscheinen,

Tu’ im Stillen um mich weinen,

Und gedenk’ auch immer mein.

[Müller: Soldatenabschied. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 2856

 

Ein Winterabend

 

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,

Lang die Abendglocke läutet,

Vielen ist der Tisch bereitet

Und das Haus ist wohlbestellt.

 

Mancher auf der Wanderschaft

Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.

Golden blüht der Baum der Gnaden

Aus der Erde kühlem Saft.

 

Wanderer tritt still herein;

Schmerz versteinerte die Schwelle.

Da erglänzt in reiner Helle

Auf dem Tische Brot und Wein.

[Trakl: Ein Winterabend. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 3875

 

Das ist das Haus am schwarzen Moor

 

Das ist das Haus am schwarzen Moor!

Wer dort im letzten Winter fror,

Der friert dort nicht in diesem Jahr –

Er sank schon längst auf die Totenbahr.

 

Das ist das Haus am schwarzen Moor,

Das Haus, wo der alte Jan erfror.

Zur Tür gewandt das weiße Gesicht,

Starb er und wußt es selber nicht.

 

Er starb. – Da kam, wie ein scheues Reh,

Der Tag und hüpfte über den Schnee.

»Guten Morgen, Jan! Guten Morgen, Jan!« –

Der Jan keine Antwort geben kann.

 

Da erhuben die Glocken ihr hell Geläut,

Sie sangen und klangen und riefen so weit:

»Guten Morgen, Jan! Guten Morgen, Jan!« –

Der Jan keine Antwort geben kann.

 

Da kamen die Kinder aus der Stadt:

»Wir wissen, wie lieb er uns alle hat;

Guten Morgen, Jan! Guten Morgen, Jan!« –

Der Jan keine Antwort geben kann.

Tag, Glocken und Kinder er nicht verstund.

Da nahte die sonnige Mittagsstund,

Da nahte ein armes Weib: »Mein Jan,

Willst essen und trinken nicht, alter Mann?

 

Sieh, was ich brachte dir aus der Stadt;

Sollst froh nun werden und warm und satt!« –

Die Alte sah lange auf ihren Jan,

Da fing sie bitter zu weinen an.

 

Da weinte sie an dem schwarzen Moor,

Am Moor, wo der alte Jan erfror;

Da weinte sie ihr brennend Weh

Hinunter in den kalten Schnee.

[Weerth: Lieder aus Lancashire. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 4067

 

Zigeunerlied

 

Im Nebelgeriesel, im tiefen Schnee,

Im wilden Wald, in der Winternacht,

Ich hörte der Wölfe Hungergeheul,

Ich’ hörte der Eulen Geschrei:

Wille wau wau wau!

Wille wo wo wo!

Wito hu!

 

Ich schoß einmal eine Katz am Zaun,

Der Anne, der Hex, ihre schwarze, liebe Katz;

Da kamen des Nachts sieben Werwölf zu mir,

Waren sieben, sieben Weiber vom Dorf.

Wille wau wau wau!

Wille wo wo wo!

Wito hu!

 

Ich kannte sie all, ich kannte sie wohl,

Die Anne, die Ursel, die Käth,

Die Liese, die Barbe, die Ev, die Beth;

Sie heulten im Kreise mich an.

Wille wau wau wau!

Wille wo wo wo!

Wito hu!

[Goethe: Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827). Goethe: Werke, S. 263

 

 

Klaggesang

von der edlen Frauen des Asan Aga

 

Aus dem Morlackischen

 

Was ist Weißes dort am grünen Walde?

Ist es Schnee wohl, oder sind es Schwäne?

Wär es Schnee, er wäre weggeschmolzen;

Wären’s Schwäne, wären weggeflogen.

Ist kein Schnee nicht, es sind keine Schwäne,

’s ist der Glanz der Zelten Asan Aga.

Nieder liegt er drin an seiner Wunde.

Ihn besucht die Mutter und die Schwester;

Schamhaft säumt sein Weib, zu ihm zu kommen.

 

Als nun seine Wunde linder wurde,

Ließ er seinem treuen Weibe sagen:

»Harre mein nicht mehr an meinem Hofe,

Nicht am Hofe und nicht bei den Meinen.«

 

Als die Frau dies harte Wort vernommen,

Stand die Treue starr und voller Schmerzen,

Hört der Pferde Stampfen vor der Türe,

Und es deucht ihr, Asan käm, ihr Gatte,

Springt zum Turme, sich herabzustürzen.

Ängstlich folgen ihr zwei liebe Töchter,

Rufen nach ihr, weinend bittre Tränen:

»Sind nicht unsers Vaters Asan Rosse,

Ist dein Bruder Pintorowich kommen!«

 

Und es kehret die Gemahlin Asans,

Schlingt die Arme jammernd um den Bruder:

»Sieh die Schmach, o Bruder, deiner Schwester!

Mich verstoßen, Mutter dieser fünfe!«

 

Schweigt der Bruder, ziehet aus der Tasche,

Eingehüllet in hochrote Seide,

Ausgefertiget den Brief der Scheidung,

Daß sie kehre zu der Mutter Wohnung,

Frei, sich einem andern zu ergeben.

 

Als die Frau den Trauerscheidbrief sahe,

Küßte sie der beiden Knaben Stirne,

Küßt’ die Wangen ihrer beiden Mädchen.

Aber ach! vom Säugling in der Wiege

Kann sie sich im bittern Schmerz nicht reißen!

 

Reißt sie los der ungestüme Bruder,

Hebt sie auf das muntre Roß behende,

Und so eilt er mit der bangen Frauen

Grad nach seines Vaters hoher Wohnung.

 

Kurze Zeit war’s, noch nicht sieben Tage;

Kurze Zeit gnug; von viel großen Herren

Unsre Frau in ihrer Witwentrauer,

Unsre Frau zum Weib begehret wurde.

 

Und der größte war Imoskis Kadi;

Und die Frau bat weinend ihren Bruder:

»Ich beschwöre dich bei deinem Leben,

Gib mich keinem andern mehr zur Frauen,

Daß das Wiedersehen meiner lieben

Armen Kinder mir das Herz nicht breche!«

 

Ihre Reden achtet nicht der Bruder,

Fest, Imoskis Kadi sie zu trauen.

Doch die Gute bittet ihn unendlich:

»Schicke wenigstens ein Blatt, o Bruder,

Mit den Worten zu Imoskis Kadi:

Dich begrüßt die junge Wittib freundlich

Und läßt durch dies Blatt dich höchlich bitten,

Daß, wenn dich die Suaten herbegleiten,

Du mir einen langen Schleier bringest,

Daß ich mich vor Asans Haus verhülle,

Meine lieben Waisen nicht erblicke.«

 

Kaum ersah der Kadi dieses Schreiben,

Als er seine Suaten alle sammelt

Und zum Wege nach der Braut sich rüstet,

Mit den Schleier, den sie heischte, tragend.

 

Glücklich kamen sie zur Fürstin Hause,

Glücklich sie mit ihr vom Hause wieder.

Aber als sie Asans Wohnung nahten,

Sahn die Kinder obenab die Mutter,

Riefen: »Komm zu deiner Halle wieder!

Iß das Abendbrot mit deinen Kindern!«

Traurig hört’ es die Gemahlin Asans,

Kehrete sich zu der Suaten Fürsten:

»Laß doch, laß die Suaten und die Pferde

Halten wenig vor der Lieben Türe,

Daß ich meine Kleinen noch beschenke.«

 

Und sie hielten vor der Lieben Türe,

Und den armen Kindern gab sie Gaben;

Gab den Knaben goldgestickte Stiefel,

Gab den Mädchen lange, reiche Kleider,

Und dem Säugling, hülflos in der Wiege,

Gab sie für die Zukunft auch ein Röckchen.

 

Das beiseit sah Vater Asan Aga,

Rief gar traurig seinen lieben Kindern:

»Kehrt zu mir, ihr lieben armen Kleinen;

Eurer Mutter Brust ist Eisen worden,

Fest verschlossen, kann nicht Mitleid fühlen.«

 

Wie das hörte die Gemahlin Asans,

Stürzt’ sie bleich, den Boden schütternd, nieder,

Und die Seel entfloh dem bangen Busen,

Als sie ihre Kinder vor sich fliehn sah.

 

[Goethe: Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827). Goethe: Werke, S. 615

März

 

Es ist ein Schnee gefallen,

Denn es ist noch nicht Zeit,

Daß von den Blümlein allen,

Daß von den Blümlein allen

Wir werden hoch erfreut.

 

Der Sonnenblick betrüget

Mit mildem, falschem Schein,

Die Schwalbe selber lüget,

Die Schwalbe selber lüget,

Warum? Sie kommt allein!

 

Sollt ich mich einzeln freuen,

Wenn auch der Frühling nah?

Doch kommen wir zu zweien,

Doch kommen wir zu zweien,

Gleich ist der Sommer da.

[Goethe: Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827). Goethe: Werke, S. 951

 

Ein Fichtenbaum steht einsam

Im Norden auf kahler Höh’.

Ihn schläfert; mit weißer Decke

Umhüllen ihn Eis und Schnee.

 

Er träumt von einer Palme,

Die, fern im Morgenland,

Einsam und schweigend trauert

Auf brennender Felsenwand.

[Heine: Buch der Lieder. Heine: Werke, S. 1225

 

 

Unterm weißen Baume sitzend,

Hörst du fern die Winde schrillen,

Siehst, wie oben stumme Wolken

Sich in Nebeldecken hüllen;

 

Siehst, wie unten ausgestorben

Wald und Flur, wie kahl geschoren; –

Um dich Winter, in dir Winter,

Und dein Herz ist eingefroren.

 

Plötzlich fallen auf dich nieder

Weiße Flocken, und verdrossen

Meinst du schon, mit Schneegestöber

Hab der Baum dich übergossen.

 

Doch es ist kein Schneegestöber,

Merkst es bald mit freud’gem Schrecken;

Duft’ge Frühlingsblüten sind es,

Die dich necken und bedecken.

 

Welch ein schauersüßer Zauber!

Winter wandelt sich in Maie,

Schnee verwandelt sich in Blüten,

Und dein Herz, es liebt aufs neue.

[Heine: Neue Gedichte. Heine: Werke, S. 1466

 

 

Caput XVI

 

Schaust du diese Bergesgipfel

Aus der Fern’, so strahlen sie,

Wie geschmückt mit Gold und Purpur,

Fürstlich stolz im Sonnenglanze.

 

Aber in der Nähe schwindet

Diese Pracht, und wie bei andern

Irdischen Erhabenheiten

Täuschten dich die Lichteffekte.

 

Was dir Gold und Purpur dünkte,

Ach, das ist nur eitel Schnee,

Eitel Schnee, der blöd und kläglich

In der Einsamkeit sich langweilt.

 

Oben in der Nähe hört ich,

Wie der arme Schnee geknistert,

Und den fühllos kalten Winden

All sein weißes Elend klagte.

 

»Oh, wie langsam« – seufzt’ er – »schleichen

In der Öde hier die Stunden!

Diese Stunden ohne Ende,

Wie gefrorne Ewigkeiten!

 

Oh, ich armer Schnee! Oh, wär ich,

Statt auf diese Bergeshöhen,

Wär ich doch ins Tal gefallen,

In das Tal, wo Blumen blühen!

 

Hingeschmolzen wär ich dann

Als ein Bächlein, und des Dorfes

Schönstes Mädchen wüsche lächelnd

Ihr Gesicht mit meiner Welle.

 

Ja, ich wär vielleicht geschwommen

Bis ins Meer, wo ich zur Perle

Werden konnte, um am Ende

Eine Königskron’ zu zieren!«

 

Als ich diese Reden hörte,

Sprach ich: »Liebster Schnee, ich zweifle,

Daß im Tale solch ein glänzend

Schicksal dich erwartet hätte.

 

Tröste dich. Nur wen’ge unten

Werden Perlen, und du fielest

Dort vielleicht in eine Pfütze,

Und ein Dreck wärst du geworden!«

 

Während ich in solcher Weise

Mit dem Schnee Gespräche führte,

Fiel ein Schuß, und aus den Lüften

Stürzt’ herab ein brauner Geier.

 

Späßchen war’s von dem Laskaro,

Jägerspäßchen. Doch sein Antlitz

Blieb wie immer starr und ernsthaft.

Nur der Lauf der Flinte rauchte.

 

Eine Feder riß er schweigend

Aus dem Steiß des Vogels, steckte

Sie auf seinen spitzen Filzhut,

Und er schritt des Weges weiter.

 

Schier unheimlich war der Anblick,

Wie sein Schatten mit der Feder

Auf dem weißen Schnee der Koppen,

Schwarz und lang, sich hinbewegte.

 

[Heine: Atta Troll. Heine: Werke, S. 2235

 

SEEFAHRT

 

Ich fuhr mit den freunden über den see

Der abend neigte sich

In dicken flocken flog der schnee

Und langsam unser nachen

Die dunkle flut durchstrich.

 

Die nebel verhüllten rings das land

Kein schein vom himmel schaut

Und von dörfern am strand

Erklingen die ave-glocken

Mit traurig gedämpftem laut.

 

Die küste beendet unsren lauf

Wir landen und steigen aus

Wir gehen zum kleinen ort hinauf ..

Kein mensch lässt sich erblicken

Und stumm steht jedes haus.

 

Wir kommen an der kirche vorbei

Die türe verschloss nicht ganz –

Es tönte darinnen wie litanei ..

Wir treten ein in der frommen kreise

Die mütter beten den rosenkranz.

Die freunde lachen – wir eilen fort.

Die zeit ist um! das dunkel droht!

Doch mich verlezt ihr spottend wort

Bin ich auch nicht viel besser selber –

Ich steige sinnend in das boot.

[Stefan George: Die Fibel. Auswahl Erster Verse. Stefan George: Gesamtausgabe der Werke, S. 77

 

AUFSCHWUNG

 

Hoch oberhalb der weiher und der ähren

Der wälder und der berge und der see ·

Jenseits von wolken und von ewigem schnee ·

Jenseits der grenzen der gestirnten sfären ·

 

Dort regst du dich in freiheit · meine brust!

Und wie sich schwimmer in den wellen breiten

So ziehst du durch die unermesslichkeiten

Mit männlicher unsagbar grosser lust.

 

Flieh weit aus dieser kranken dünste giften ·

In einem höhern luftraum werde rein

Und trink wie einen himmlisch echten wein

Das klare feuer in den lichten triften!

 

Los von dem kummer von der grossen qual

– Des nebeldüstern daseins lästge zügel –

Wie ist der glücklich der mit starkem flügel

Entschweben kann ins stille heitre tal!

 

Der dess gedanken auf der lerche schwinge

Emporgetragen werden in der früh …

Er fasst die welt und deutet ohne müh

Der blumen sprache und der stummen dinge.

 

[Stefan George: Baudelaire. Die Blumen des Bösen. Stefan George: Gesamtausgabe der Werke, S. 1427

 

TRÜBER HIMMEL

 

Dein auge erscheint wie umschleiert von dunstigem tau

Geheimnisvoll (ist es blau oder grün oder grau?)

Das wechselnd grausam · träumerisch oder verliebt

Die gleichmut und blässe des himmels wiedergibt.

 

Du bist wie die tage weiss und lau und verhüllt

Wo sich das bezauberte herz mit tränen erfüllt

Wenn von dem wehe das unbekannt in ihnen kreist

Zu wache nerven verspotten den schläfrigen geist.

 

Zuweilen bist du den schönen wolken verwandt

Wenn sie die sonne der nebligen zeiten entbrannt ..

Wie wirfst du dann deinen schimmer – gefeuchtete welt

Von eines getrübten himmels strahlen erhellt!

 

O werd ich – gefährliche frau und verführende luft –

So lieben euren schnee und nebligen duft

Und nehme ich aus dem himmel trostlos und kahl

Vergnügen die stechender sind als eis oder stahl?

 

[Stefan George: Baudelaire. Die Blumen des Bösen. Stefan George: Gesamtausgabe der Werke, S. 1484