Thelen, Albert Vigoleis, Meine Heimat bin Ich selbst. Briefe 1929-1953, Köln 2010 (Dumont)
18] An: Edgar du Perron,
Amsterdam
Palma de Mallorca, 23.7.1933
Palma, 23 Juli 1933.
Zeer geachte Heer du Perron1,
haben Sie Dank für Ihren Eilbrief – auf Grund mehrjähriger Erfahrung bin ich dazu gekommen, Briefe holländischer Expedienten, die sich streng an den Fahrplan des Weltpostvereins halten, Eilbriefe zu nennen – und die Bereitwilligkeit, mit der Sie sich meines Wunsches angenommen haben und fernerhin annehmen wollen. Doch zunächst zu Ihrer Frage bezüglich Mallorcas: gerne will ich Ihnen Auskunft geben über Lebensweise und Lebensstandard hier auf der Insel, die man die Goldene nennt. Ich werde schreiben, wie es mir in die Maschine gerät und wie Ihnen ein Reisebureau vielleicht nicht schreiben würde – doch wie immer der Bädeker2 ausfallen mag: gleich hier will ich die rühmliche Gastfreundschaft loben, die mir die Insel seit langem gewährt.
Als solcher ist der »Betrieb« reichlich international, wobei das englisch-amerikanische Element stark überwiegt. Neuerdings macht sich der Zuzug aus Deutschland stärker bemerkbar. – Wenn Sie nun Lust verspüren, sich wie ein Eremit in aller Abgeschiedenheit Ihren Cahiers zu widmen, die Insel bietet vielfältige Möglichkeiten in dieser Richtung. Und auf der anderen Seite, wenn Sie Betrieb brauchen, mit dem üblichen Stich ins Halbweltliche, auch dafür ist gesorgt: Bars und Pinten schiessen wacker ins Unkraut, die »feudale« Fremdenkolonie trifft sich dort comme il faut, an Hohlheit und degenerierter Tünche nur noch vom Kringetje’ in Amsterdam übertroffen. Im grossen und ganzen aber ist die Insel harmloses Neuland von Cooks Gnaden, if you take things as they are4. Und schliesslich wollen wir doch nicht gleich die Dinge so übers Knie brechen, wie es einer meiner eingeborenen Bekannten tut, wenn er Mallorca un sanatorio para locos5 nennt. Wenn es Ihnen um meine Attitude zu tun ist: man lebt hier verdammt unbehelligt y con toda la tranquilidad6 , wenn man dem Milieu nur das Quentchen Wert beilegt, das ihm normalerweise zukommt. Verstehen Sie recht: Mallorca ist nicht besser und nicht schlechter als andere Plätze der Welt, es kommt eben nur darauf an, mit welcher Blende man der Kiste auf den Leib rückt. Ob meine die richtige ist, müssen Sie in eigener Dunkelkammer ermitteln; die alleinseligmachende will sie keineswegs sein. Und noch eins – Nacktkultur auf offener Straße wird auch hier nicht geduldet. Warum ich das sage? Nun, weil es immer wieder vorkommt, dass die Polizei einer allzu fortschrittlichen Lady ins Hemd helfen muss.
Wirtschaftlich liegen die Dinge so: mit einem Minimum von drei Pesetas pro Tag können Sie schon leben. Dann haben Sie eine Pritsche zum Schlafen und eine Comida7, bei der Sie nicht fett und nicht mager werden. Politische Flüchtlinge, denen die Zeit fehlte, die Korruptionsgroschen einzupacken, entschliessen sich meist für diese Preislage. Was unter dieser Grenze liegt, kommt eigentlich nur für Abenteurer in Frage, für handfeste Kerle, die wissen wo vorne und hinten ist und auch auf den ersten Blick eine mujer fatal8 von einer anderen fatalen Frau unterscheiden können. Da ich Sie persönlich nicht kenne, weiss ich nicht, ob dieses Ambiente für Sie von Interesse ist, falls ja: Sonderprospekt gerne zu Diensten! Immerhin: einem Dr. Dumay wäre der Zutritt erst nach vorheriger Schutzimpfung mit Putaïn9 anzuempfehlen! Aber lassen wir diesen miesen Limes, für den Sie, der berühmte jonge heer met een casteel10, nur novellistisches Interesse haben können.
Sieben Pesetas: kleines Hôtelchen oder Privatpension, in letzterem Falle natürlich ohne Familienanschluss. Das Mein und Dein ist hier gerecht verteilt, der Gast kommt sich nicht als vom Schicksal benachteiligt vor, noch hat er gross Gelegenheit, den Klassenhass zu fördern. (Nur die »Ritter von den traurigen drei Peseten« rollen in der Ferne marxistisch die Augen; aber dagegen ist ja kein Kraut gewachsen.) Die Speisekarte erlaubt sich keinen Luxus, aber es wird auch nicht am Nötigsten geknausert. Vielleicht war man in der Arche Noah so aufgehoben wie in diesen Häusern: von allem das gerechte Mass, das vor den Augen des Herrn bestehen kann. Und die Tauben, die der Manager damals fliegen liess, ja, die werden auch in diesen modernen Archen den Gästen keineswegs serviert. Der Vergleich mit dem Ölzweig lässt sich schon weniger hinkend anführen, zumal hier, wo die ganze Küche mit Öl gemacht wird, wie in einem Reiseführer zu lesen steht. – Diese Preislage kenne ich übrigens persönlich und ich kann sie mit reichlich gutem Gewissen empfehlen. Natürlich, hie und da habe ich mir das Stückchen Fleisch ein wenig fleischlicher, den Kaffee ein wenig schwärzer, die Magd ein wenig sauberer gewünscht. (Fleischlicher nicht, denn sie wog schon fast zwei Zentner!) Ich habe da also »ganz nett« gelebt, und da ich just vorher ein halsbrecherisches Abenteuer hinter mich gebracht hatte, war dieses deftige Milieu ein guter Ausgleich. Später geriet ich dann weit weit unter die 3 PS-Lage, und Sie können sich denken, wie da der Wert der Siebener erst geschätzt wurde. – Die Zimmer: Bauhausstil, da, wo man gerne was hätte, ist nichts, und umgekehrt. Die Patrona rechnet zudem damit, dass die Gäste Kisten und Koffer haben – wer ohne kommt, ist a priori verdächtig – denn Kleiderschränke sind in dieser Kategorie ein Luxus, und dann besteht ja die Gefahr, dass die männliche Kundschaft die Criada oder die filia hospitalis11 zwecks nächtlichen Missbrauchs darin aufspeichert. Aber abgesehen davon, dass Dessert nicht in den Preis einbegriffen ist, liegt es doch klar auf der Hand, dass wir es hier mit Pensionen zu tun haben, die der Unmoral nicht Tür und Tor öffnen. Für sieben Peseten? das wäre gelacht! Cree Vd. que yo soy una cualquiera? No, Señor!12
Zehn Pesetas: lesen Sie bitte nach, was Marx über den Unterschied sagt zwischen einem Proletarier ohne Kragen und dem Kollegen mit, und tragen Sie die gefundenen Werte in die obige Formel ein. Dann bekommen Sie: Zum Frühstück ein wenig Butter zum Brot, Mittagessen wie oben, die Komposition jedoch schon eine Stunde vorher auf einer Speisekarte einzusehen, letzteres, damit man u. U. entsprechend präpariert zum Essenfassen antreten kann. Die Propagandawissenschaft nennt das »Dienst am Kunden«. Das Abendessen, die Cena, unterscheidet sich von der Comida im wesentlichen nur dadurch, dass sie abends eingenommen wird. Die Magd (Haustochter): die ojos fulgurantes13 verraten leichte Vertraulichkeit, die zu nichts verpflichtet; wirkliche Intimität gehört nicht zum Programm, die ungeschriebene Losung lautet auch hier: Finger weg! – Übrigens ist es in dieser Preishöhe um die »intime Körperpflege« der Frau noch schlecht bestellt, und auch ohne die sittliche Wallburg ist eine Gleichschaltung zwischen Gast und weiblichem Mobiliar nicht anzuraten. Denn die T-Kurve bewegt sich hier auf beträchtlicher Höhe. (Apropos T-Kurve: vergleichen Sie die einschlägigen Arbeiten von Magnus Hirschfeld14 und Gregorio Marañón 15.) Hausbücherei: keine. Menschenwürdiger Lokus: Ansätze eines solchen. Tischgespräche: im Vordergrund: das Wetter – im Zentrum: das ESSEN – im Hintergrund: wo kaufe ich schlecht und billig? Barometer: unveränderlich. Trinkgeld: man drückt sich.
Auf den Eingangsvergleich zurückkommend und um der Wahrheit die Ehre zu geben: der Kragen jenes marxschen Proletariers ist nur ein Gummikragen, der aber jeden Morgen sauber gewaschen wird.
Zwölf bis fünfzehn Pesetas: statt Gummi hier vierfach Leinen, fein Bielefeld16, Nachahmungen weise man entschieden zurück. (Ich übergehe die Papierkragen mit Leinenbezug, denn ich nehme kaum an, dass Sie Lust verspüren, täglich zu wechseln.) Man ist gut aufgehoben, hat den einen und anderen Komfort, fliessendes warmes und kaltes Wasser in allen Zimmern, bei Tisch erlauben sich nur wenige in Hemdärmeln zu erscheinen, man ist so richtig sattvergnügt, nimmt den Sonntagsanzug schon aus einem Kleiderschrank, bei besonderen Wünschen bitte zu klingeln. Es kommt dann zwar niemand, aber immerhin, es könnte mal jemand kommen. In letzterem Falle, und wenn es zudem die Magd sein sollte: wir wollen nicht allzu pessimistisch, aber auch nicht allzu anspruchsvoll sein. Die T-Kurve hebt sich hier immer noch deutlich über den Nullwert – aber bei einiger Vorsicht … Die Speisekarte führt auf der Rückseite einige Weine auf, ist zudem schon ausser in der Landessprache in einer Fremdsprache geschrieben. Bratkartoffeln heissen pommes frites, Spiegeleier Eier auf Königinnen Art, wenn der Laden monarchistisch, à la Azaña17, wenn er republikanisch verrannt ist; der Küchenjunge wird kaum noch im Beisein der Gäste angeranzt. Schüchterne Ansätze einer Hausbücherei, in der Blasco Ibañez18 die Führung übernommen hat. Vielleicht treffen Sie auch auf die dicke Emilia Pardo Bazán19; Unamuno20 und Azorin21 suchen Sie vergeblich. Vom Caballero Audaz finden Sie ein abgegriffenes Exemplar, das der Dueño23 geeigneten Opfern mit friseurhafter Vertraulichkeit aufhalst. Das Vorhandensein dieser wenn auch sehr rudimentären Bibliothek bringt es mit sich, dass das W. C. nicht mehr zur Lesehalle degradiert wird. Die Ultima Hora24 ist aus ihm verschwunden, den Dienst am Kunden versieht hier neutrales Einwickelpapier, das dem Gast auf Mass serviert wird. Zuweilen aber auch in dieser Preislage schon Papier am laufenden Band. – Die Tischgespräche sind ein wenig höher, obwohl sie immer noch nicht an die Gespräche Goethes mit Eckermann heranreichen. Das »Gnä’ Frau« mit dem Aquivalent der diversen Sprachen herrscht vor. Man weiss sich zu benehmen, verdammt noch mal! Und man will auch nicht leben wie ein Hund
Ob ich Ihnen das empfehlen sollte, Mijnheer? Ja, da überfragen Sie mich. Die Tatsache, dass Sie ein Schloss haben, macht mich ein wenig stutzig. Sind Sie an einen Butler gewöhnt, oder können Sie sich noch alleine die Hose ausziehen? Pflegen Sie Holz- oder Polsterklasse zu reisen, oder gar Erster Luxus? In letzterem Falle bin ich noch lange nicht bei Ihrer Höhe angelangt, da kommt noch mancherlei Gewächs dazwischen. Sonst aber, also sagen wir mal ohne Butler, jedoch Polsterklasse: 12-15 PS pro Tag bietet Ihnen ein gutes Daheim, Sie rauchen dann gleichsam eine mittelschwere Habana, und nicht einmal die durch Thomas Mann berühmt gewordene aus der obersten Lage des Kistchens, die leicht gedrückt ist, nein, eine sehr gangbare Sorte mit stabilem Deckblatt; und, wenn Sie zu rauchen verstehen, haftet die feste weisse Asche fast bis zum Schluss – ich sage fast, denn gegen kleine Stösse sind Sie auch hier nicht gefeit. Diese Marke wird viel gefragt, würde Ihnen das Fomento de Turismo25 sagen. Doch für den Fall, dass Sie kein rechtes Verhältnis zu Zigarren haben, will ich Ihnen die Marke 12-15 anders skizzieren: man hängt sehr am Alten und, ohne der Neuen Sachlichkeit direkt feindlich gegenüberzustehen (in der Diele sogar leichte Konzessionen à la Nirosta) fühlt man sich wohl unter den Attributen des Jugendstils: Sofa mit Umbau, künstliche Blumen, Madonnen aus Gips, San Sebastian in scheusslichstem Öldruck. Ins Literarische übersetzt und auf Sie persönlich zugeschnitten wäre das der geeignetste Stimmungshintergrund, Uren met Ina Boudier-Bakker26 zu schreiben. (Welche Entspannung nach der Costerlijken Fehde27!)
Zwanzig Pesetas: Privatpension wie Hôtel: noch lange kein Ritz, nicht einmal ein Grand-Hotel, aber doch schon ein ganz achtbarer Sprung in jene Sphäre, wo man glaubt, nicht ohne die Vollkommene Ehe28 leben zu können. Die Damen bevorzugen Hautana und Cotex, keine befremdet ihre Umgebung durch die Spuren unzweckmässiger Körperpflege, während bei den Herren der eine oder andere schon mit Titusperlen29 versehen ist. Die. Tischgespräche sind höher, Vicki Baum, Pedro Mata30 und Pitigrilli müssen herhalten, wenn Bildung gemimt wird, das ominöse Papier restlos am laufenden Band, die T-Kurve spaltet sich und verläuft von jetzt ab in zwei scharf zu trennenden Diagrammen: die Kurve der Mägde und Haustöchter sinkt, da man Sagrotan anzuwenden versteht und auch sonst nicht auf den Kopf gefallen ist. Auf der anderen Seite aber haben wir den nicht unwesentlichen Faktor der Nebenkurve, deren Auf und Ab fast restlos von den Gästen beeinflusst wird. Wenn sie schon merklich haussiert, ist das zurückzuführen auf den subcutanen Meinungsaustausch der Gäste untereinander. Dieser Austausch aber noch nicht ungezügelt, ganz mit Mass and to one’s likings31, unter der Hand noch, aber doch schon vorhanden: Vicki Baum, Pedro Mata, Pitigrilli. – Bei einigem Draufgängertum könnten Ihnen hier ganz nett Uren met Jo van Ammers-Küller gelingen. Diese Uren übrigens immer fein säuberlich auf oudhollandsch Bütten, denn wir wollen doch nicht geschmacklos werden! – Speisekarte: wie auf der Quarta des humanistischen Gymnasiums ist hier die zweite Fremdsprache hinzgekommen. Verschiedenes: man nimmt jeden Morgen sein Bad
Ich unterschlage es nun, Ihnen die weiteren Stufungen um je 5 PS zu schildern. Denn im grossen und ganzen finden Sie diese Unterschiede nicht mehr wieder. So ein Duro mehr, was hat das zu sagen. Er wandert nicht in den Kochtopf, macht auch den Wein nicht älter und die Magd nicht gefügiger. Im Höchstfalle wird die Fratze des Kellners ein wenig glatter, der Knigge ein wenig steifer. Aber sonst … es ist deshalb wohl tunlich, gleich einen kühnen Sprung zu machen bis hinauf zu
Vierzig Pesetas: – Herr, der Du Sodom und Gomorra vernichtet hast, verleihe auch mir Deinen Beistand. Spende mir ein Monokel und einen Smoking, ein goldgetriebenes Döschen für meine Titusperlen und ein Bidet aus rotem Marmor. Pudere die rosigen Brüste der Frau von Soundso und lass mich das feuchte Geheimnis ihrer Achselhöhlen schaudernd erfassen. Lass die Fratze des Liftboys zu Stein erstarren (soy como una tumba32), wenn ich in der Morgenfrühe schwankenden Knies aus Zimmer No. 65 in meine Gemächer stelze, und schütze Magnus Hirschfeld vor der Wut seiner feinde. Denn was wären wir ohne ihn? Wir, die wir uns hier für 40 PS pro Tag aufspielen können wie in einem richtigen Ritz. (Hier rollt eine Träne der Freude über die Wange des Allerhöchsten: so blasiert schon und doch noch so sein Gleichnis!) Herr, der Du für ganze 40 PS aus einer Hure eine Dame von Welt machen kannst und aus einer Dame von Welt eine Hure, Herr, verlasse mich nicht. Wie soll ich mich ohne deinen Beistand bewegen können in dieser Sphäre von Dünkel, Halbbildung und Anstellerei? Wie soll ich mitreden können bei Tisch, wo ich nicht einmal Keyserling33 gelesen habe? Und Freud – und Marañón – und die Binnengedachten von Kloos34! Mein Leithammel war Marden35 und ich schwärme für Wagners Trompeten. Herr, lass mich nicht untergehen in dieser hochmögenden Lage, 40 Pesetas setz’ ich aufs Spiel, erbarme Dich meiner um dieser 40 Peseten willen, Du, der Du weisst, dass ich mit der Hälfte schon verdammt gut leben könnte – aber wer möchte nicht auch einmal zur »Gesellschaft« gehören?
Und als der Allmächtige die Stimme dieses verzweifelten Erdenbürgers vernahm, sprach er also zu seinem Zeremonienmeister: – Dieser Trottel, dieses dumme Schwein! Da ist schon so viel über Nietzsche, Freud & Co. gefaselt worden und immer noch gibt es Missgeburten, die den Geist der Ismen nicht erfassen können. Senke Dich nieder auf die Kraft deiner Flügel, Zeremonienmeister, und zeige diesem jungen Schwächling, wie man sich in der Preislage – 40 bewegt. Nur keine falsche Scham, nur keine Sentimentalität, wo es so einfach ist, statt essen speisen zu sagen und statt Bier Cocktails zu saugen. – Als aber der Zeremonienmeister wenig später in der Fonda del Amor vor Anker ging, musste er zu seinem Erstaunen sehen, dass sich der Jüngling schon geläutert hatte. Keiner merkte ihm an, dass seine Mutter Waschfrau war und der Vater ein kleiner Prolet. Die Atmosphäre wirkt Wunder: jeder sein eigener Lautverstärker.
Die Zigarre im Vergleich: Habana Fehlfarben Auslese, mit Banderole, Präsentkistchen.
Die Brüste der Frau von Soundso: … und in Erwartung der nächtlichen Gleichschaltung mit dem Herrn von Zimmer 25 (Einzelzimmer mit Bad, gran lujo36) spannten sich die köstlichen Brüste der jungen Frau – bald würde sie wieder ganz Weibchen sein, ganz Liebende, ganz grosse Kokotte von Welt … Emil, Emil …
Trinkgeld: man gibt reichlich, denn Klappern gehört zum Handwerk. Das Vokabularium in allen Weltsprachen, incl. Volapük. Auszug aus der amerikanischen Liste: … O yes, Madam, I see, you like Nietzsche too, don’t you? You surely have read his Zarathustra, haven’t you? – Oh yes indeed, I know all his short stories, they are so marvellous ... Auszug aus der spanischen Liste: … nada de Unamuno, ca hombre. Pero ha visto Vd. esta mujer? Que pecho, que ojos, que mujer mas fatals37! Auszug aus der Volapükliste:
Hier, meneer du Perron, gibt es kein Zurück. Wenn Sie sich nicht selbst in den Rücken fallen wollen, haben Sie nur einen Weg: Uren met Valle-Inclan38. Billiger kommen Sie nicht fort.
Hundert Pesetas: Sie wollen es mir nicht verübeln, wenn ich mich an dieser Grenze zurückziehe. 40 PS ist viel, aber 100, das ist schon Stratosphäre, da bedarf es des neuen Infrarot-Verfahrens, um befriedigende Aufzeichnungen zu gewinnen. Mir ist das alles zu hoch, mir schwindelt schon jetzt, wenn ich an die entfesselten Schwingungen der T-Kurve denke. Nein nein, ich will die bösen Geister nicht rufen, man wird sie nie mehr los, und zudem wäre es ein Verbrechen op letterkundig gebied39, wollte ich Sie dieser Preislage ausliefern: Holland expects every man to do his duty40. Ich aber will meine Hände in Unschuld waschen können.
Nun aber Schluss – hätte ich mit dem Parker geschrieben, die Tinte wäre längst ausgegangen. Und wenn Sie Spezialofferten wünschen, Sie kennen nun mein Reisebureau und die Art seiner Auskünfte! Noch eins: sollten Sie nach dieser Lesung die Lust verspüren hierherzukommen, gerne will ich dann den Führer spielen und Ihnen zeigen, was nicht im Baedeker steht.
Mit freundlichem Dankgruss immer der Ihre,
A. VIGOLEIS THELEN

Noten:
1 Edgar (Eddy) du Perron (1899-1940), niederl. Schriftsteller. Er stammte aus einem alten Geschlecht, seine Eltern wurden in Niederländisch-Indien sehr reich. Sie erwarben ein Schloss in Gistoux (Belgien), das Thelen im Verlauf des Briefes anspricht. Du Perron war 1931 Mitbegründer der Zeitschrift Forum, in der Thelens Brief erschien. Er starb am selben Tag, an dem sich sein Freund Menno ter Braak umbrachte (14.5. 1940). Thelens Brief liegt nur in gedruckter Form vor. Veröffentlicht wurde er in Forum Amsterdam. Jg. II, 1933, Heft 11 (S. 822-828) unter dem Titel »Portret van Mallorca«. Zahlreiche Druckfehler, hier stillschweigend korrigiert, gehen höchstwahrscheinlich auf das Konto des niederl. Setzers.
2 Den Baedeker wird Thelen noch in der Insel ebenso verkehrt schreiben, worauf sich Baedeker 1954 vehement bei Verleger Diederichs beschwert.
3 Vgl. Brief 16 vom 9.10.1931.
4 Engl.: wenn man die Dinge nimmt, wie sie sind.
5 Span.: ein Irrenhaus.
6 Span.: in aller Ruhe.
7 Span.: Mahlzeit.
8 Span.: femme fatale.
9 Dr. Dumay ist eine Romanfigur Menno ter Braaks und Putain ein Wortspiel mit span. puta: Hure, also ein Mittelchen gegen Huren.
10 Altes Niederl.: junger Herr mit Burg.
11 Dienstmädchen und Gastwirtstochter.
12 Span.: Glauben Sie denn, ich bin irgendeine X-beliebige? Nein, mein Herr!
13 Span.: die strahlenden Augen.
14 Magnus Hirschfeld (1868-1935), deutscher Arzt und Sexualforscher.
15 Gregorio Marañón y Posadillo (1887-1960), span. Mediziner, Schriftsteller und Philosoph.
16 Bielefelder Leinen war spätestens im 19. Jh. ein Textilprodukt von Weltruf. Die Leinenproduktion geht bis auf die zweite Halfte des 17. Jh. zurück.
17 Nach Manuel Azaña (1880-1940), span. Politiker. Als der Brief geschrieben wurde, stand er der Regierung (gerade noch – bis September 1933) als Premierminister vor, ein Amt, das er von Februar bis Mai 1936 noch einmal ausübte.
18 Vicente Blasco Ibáñez (1867-1928), span. Schriftsteller und Politiker. So wie es Thelen formuliert, denkt man an einen Trivialschreiber, in der Literaturgeschichte zählt er im 19. Jh. zu den letzten großen Autoren des Realismus.
19 Emilia Pardo Bazán (1851-1921), span. Schriftstellerin. Erhielt 1906 als erste Frau einen Lehrstuhl für Literatur an der Madrider Universität.
20 Miguel de Unamuno (1864-1936), span. Philosoph und Schriftsteller. 1924 wurde er nach Fuerleventura verbannt und kehrte 1930 auf das spanische Festland zurück. 1931 proklamierte er die Zweite Spanische Republik. Nachdem Unamuno sich zunächst für die Republik ausgesprochen halte, überwarf er sich bald mit dem Regierungschef. Mit Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs 1936 bekundete Unamuno Sympathien für die Politik Francos. Als er aber erkannte, wie dieser den Bürgerkrieg führte, schwenkte er erneut um und versuchte, zwischen den Parteien zu vermitteln. Bald distanzierte er sich ganz von Franco. Bei einem Festakt 1936 an »seiner« Universität von Salamanca kam es in Anwesenheit Francos zum Eklat: Franco enthob ihn seines Rektorenamtes, Unamuno verbrachte den Rest seines Lebens (bis Dezember des Jahres) im freiwilligen Hausarrest. – Thelen nimmt in der Insel mehrfach Bezug auf sein Werk.
21 Azorín (1873-1967), eigtl. José Augusto Trinidad Martínez Ruiz, span. Schriftsteller.
22 José María Carretero Novillo (1888-1951), span. Journalist. Schrieb unter dem Pseudonym »El caballero audaz« erotische Romane.
23 Span.: Wirt, Eigentümer.
24 1893 gegründete Tageszeitung.
25 Reisebüro auf dem Borne in Palma de Mallorca. Wie sein Held Vigoleis die Touristen mit den aberwitzigsten Geschichten zum Besten hält, erzählt Thelen in der Insel, S. 396 ff.
26 Ina Boudier-Bakker (1875-1966), niederl. Erfolgsautorin. »Uren met …« heißt »Stunden mit …« und spielt auf den 1933 von du Perron veröffentlichten – und viel kritisierten – Essay »Uren met Dirk Coster« an.
27 Bezogen auf Dirk Coster (1887-1956), niederl. Schriftsteller und Kritiker. Du Perrons Essay »Uren met … ” griff ihn scharf an – Coster stand literarisch für alles, was du Perron verabscheute.
28 1926 erschienener Bestseller des niederl. Arztes und Gynäkologen Theodoor Hendrik van de Velde (1873-1937).
29 Potenzpillen, die es von den Zwanzigerjahren bis 1988 gab.
30 Pedro Mata Fontanet (1811-1877), span. Arzt, Journalist und Politiker.
31 Engl.: nach eigener Neigung.
32 Span.: Ich schweige wie ein Grab.
33 Nicht klar, wer gemeint ist. Entweder der Schriftsteller und Dramatiker Eduard Graf von Keyserling (1855-1918), es könnte aber auch Hermann Graf Keyserling (1880-1946), Reiseschriftsteller und philosophischer Essayist, gemeint sein, den Thelen auf Mallorca kennenlernen wird. Keyserling war nach Fehlschlagen einer akademischen Karriere Privatgelehrter. Gründete 1920 in Darmstadt die »Schule der Weisheit« (mit dem Jahrbuch Der Leuchter) – weshalb ihn Tucholsky als » Armleuchter Gottes« verspottete.
34 Vgl. Brief 3 vom 21.11. 1929.
35 Orison Swett Marden (1850-1924), amerikan. Autor, eng verbunden mit der spirituellen Bewegung New Thought Movement.
36 Span.: großer Luxus.
37 Span.: Nichts von Unamuno, Mann. Aber haben Sie diese Dame gesehen? Was für ein Busen, was für Augen, was für eine Frau!
38 Ramón María del Valle-Inclán (1866-1936), bedeutender span. Schriftsteller.
39 Niederl.: auf literarischem Gebiet.
40 Engl.: Holland erwartet von jedem Mann, seine Pflicht zu tun.
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Thelen, Albert Vigoleis, Die Insel des zweiten Gesichts. Aus denm angewandten Erinnerungen des Vigoleis, Dusseldorf 1981 (Claassen)
